RE: Wo ist das Volk? | 28.04.2010 | 13:07

Als Leipziger gehe ich seit bald 25 Jahren in dieses Theater – ich habe es noch nie zuvor so lebendig und offen, weil auch streitbar erlebt. Meine Frau und mich, und auch unsere beiden Töchter haben die Trägheit vergangener Jahre, das Runterleiern des hehren Schauspielertheaters in seiner ästhetischen Ödnis gelangweilt. Es war lächerlich, es war leer, blasiert.
Mein Eindruck ist es tatsächlich, dass Ihre Eindrücke vor Ort lediglich rudimentäre sind, wofür auch die Boshaftigkeit und die hier von anderen beanstandete auffällige Einseitigkeit sprechen. Die Zuschauerkonferenzen als Abende der direkten Auseinandersetzung habe ich – auch, was Herrn Hartmann betrifft – vollkommen, aber wirklich vollkommen anders wahrgenommen, als sie hier in einem Kommentar dargestellt wurden.
Die Inanspruchnahme des Parameters „Wahrheit“ in journalistischer Tätigkeit halte ich für durchaus fragwürdig. Ich kenne keinen ehrenwerten Journalisten, der sich im Besitz der Wahrheit wähnen würde. In Anbetracht Ihres Artikels „Wo ist das Volk?“ kann diese Selbsteinschätzung darüber hinaus bitter aufstoßen. Ist die Suche nach „Wahrheit“ wahrlich ein Anspruch Ihres Textes, wo Sie insbesondere all jenen als Sprachrohr dienen, die im Centraltheater einen Zentralangriff auf vermeintlich pflegenswerte (weil pflegeleichte?) kulturelle Werte sehen? Seien es nun Ihre eigenen Schwüre auf Herrn Latschinian oder auch das Zitat eines anonym bleibenden Missionars des dt. Bühnenvereins, dass einem schlechten Western entstammen könnte – es wirkt doch alles sehr konstruiert und an den Haaren herbeigezogen. Hat sich denn neben einem Dezernenten für Kultur, der respektlos in eine laufende Premiere hineinruft (meine Frau und ich sind ebenso zwei Augenzeugen!), der Ich-AG Herr Latschinian und einem Gefolgsmann aus dem Bühnenverein rein gar niemand finden lassen, der etwas Gutes am Theater lassen wollte? Oder haben Sie sie nicht gefunden, weil Sie sich nicht gesucht haben? Oder haben Sie sie gefunden und ihre Meinungen zum Theater (auch diese sicher ein Teil dessen, was Sie „Wahrheit“ nennen) passten nicht in das Konzept Ihres Textes? So geben Sie also den vorausgeschickten „Streit“, der angeblich um das Theater tobe, in Ihrem Text in keiner Weise wieder, da Fürsprecher des Hauses überhaupt nicht zu Wort kommen. Gibt es wirklich nicht?
Den zwar mit allerhand Getöse von der Fraktion der Linken ins Amt gehievten, bislang jedoch blass gebliebenen Dezernenten für Kultur als einen wortmächtigen Gegner des Theaters zu titulieren, es gehört in einer betont linken Wochenzeitung wohl zur Pflichtaufgabe. Mit den Verhältnissen in Leipzig hat es indes nichts zu tun, es lässt aber schmunzeln. Wie Sie aufgrund Ihrer Recherche sicher wissen, hat Herr Faber seine Wortgewalt unlängst in einem Interview mit dem Stadtmagazin kreuzer unter Beweis gestellt. Darin ließ er sich mit dem singulären Satz zitieren: „Dieses Theater ist für Leipzig nicht zukunftsfähig“. Auf dreimaliges (!) Nachfragen des Interviewpartners, wie er das im Detail begründe und wie ein zukunftsfähiges Theater seiner Meinung nach aussehe, verweigerte Herr Faber drei Mal (!) die Antwort. Der kreuzer behalf sich in der Druckfassung des Interviews damit, hinter Herrn Fabers Namen jeweils ein „(Schweigen)“ zu notieren.
Entweder Sie haben also überhaupt nicht recherchiert – oder Sie haben schlecht recherchiert, was einseitiges Recherchieren inkludiert. Wie gut kennen Sie das Theater, über das Sie hier berichten – und richten? Was am Haus haben Sie tatsächlich gesehen? Ihre Informationen, insbesondere Augenzeugenberichte aus dem Kirschgarten, scheinen überwiegend aus zweiter Hand – und diese zweite Hand gehört verdächtiger Weise stets jemandem, der das Haus für den Vorhof der Hölle hält.
Ihre Unbekümmertheit in der Darlegung hat bei allem Unverständnis auch etwas Rührendes. So dient Ihnen als Gehstock für Ihren Verriss des Kirschgartens einzig die im Ihrem Kommentar nachgereichte Begründung, dieser sei zum Theatertreffen "eingereicht" worden und "mit Pauken und Trompeten" durchgefallen. Übersehen wir geflissentlich, dass Stücke zum Theatertreffen nicht "eingereicht" werden (schon gar nicht vom ausführenden Theater), sondern von Jurymitgliedern benannt sind (es muss also wenigstens ein Jurymitglied den Kirschgarten für des Theatertreffens würdig befunden haben!), so ist doch bemerkenswert, dass der O´Neill dank Frau Vulesicas Spiel Ihre ganze Gnade findet, obwohl er nicht einmal ins Blickfeld einer Jury des Theatertreffens gelangt ist. Ihrer (Un)Logik folgend müsste also der O´Neill für Sie erst Recht als mit "Pauken und Trompeten" durchgefallen gelten.
Ihr Urteil über ein ganzes Haus basiert auf der Nennung ganzer drei Inszenierungen (Langen Tages Reise, Kirschgarten, Grebe), von einem „System Hartmann“ ist sogar die Rede. Was aber ist mit den Inszenierungen Don Juan von Jürgen Kruse (eine der besten Inszenierungen, die ich je in Leipzig gesehen habe!), Black Rider von Frau Dröse, Signa, Medea mit einer wunderbaren Sophie Rois, Thomas Thieme, Nacht/Lichter von Sascha Hawemann oder Oscar von Herbert Fritsch? Hat diese Andeutung einer Bandbreite nicht auch einen wesentlichen Einfluss auf das Profil eines Hauses? Ihnen sind sie nicht mal eine Erwähnung wert, weil Sie allen Platz für die Vernichtung benötigen.
Jeder Leser, der das Haus öfter als Sie besucht hat (wofür, mit Verlaub, nicht viele Besuche nötig sein sollten!), dürfte Ihnen bestätigen, dass Sie das Ziel der Vernichtung verpasst haben. Ich wünsche mir von einem ausholenden Artikel wie dem Ihren mehr Ausgewogenheit und Souveränität, mehr Kenntnisse und – vor allem – mehr journalistische Basis.
Den Freitag möchte ich bitten, seine Leser nicht zu unterfordern – und die selbständige Meinungsbildung der Leser zu unterschätzen.

Mit freundlichen Grüßen
Gernfried Rohde, Leipzig