Dr. Benway

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RE: Forschen für den Krieg | 19.05.2013 | 00:32

Klingt nach "Ende der Geschichte" (zumindest innerhalb Europas).

War eher als Anfang einer neuen gewaltfreien Geschichte gemeint.

Interessant, dass Sie den ersten deutschen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg als scheinbar gelungenes Beispiel anführen.

Halten Sie diesen Militäreinsatz von hinten bis vorne für sinnlos?

Allerdings. Würde man, nur so als plakatives Beispiel, den Militärhaushalt in Krisenprävention investieren, könnte man spekulieren, ob solche Konflikte dann auch gewaltmässig ausbrechen würden. Dass es im Balkan krachen würde, war ja kein überraschendes Ereignis, sondern den playern durchaus bekannt.

Zur Krisenprävention zählt für mich auch z.B. somalische Fischer vor der Leerfischung durch die europäische Fangflotte zu bewahren. Dann spare ich mir gegebenenfalls ein paar Jahrzehnte später die Piratenjagd.

Als "schwachsinnig" gelten hinterher immer die Kriege, deren Ziele nicht erreicht wurden.

Ich werte jeden Krieg als schwachsinnig, aber da haben Sie Recht, das bestimmt wahrscheinlich jeder anders und die Geschichte schreibt meistens noch der Sieger. Allerdings würde mich interessieren, welchen Krieg Sie denn als nicht schwachsinnig = sinvoll (?) werten.

Zu Liechtenstein und der weitgehenden Kongruenz der nationalen Interessen in Europa und deren Ausdehnung auf die Welt:

Ich bin der Überzeugung, dass zumindest die Überlegung man könnte in einer global vernetzen, wirtschaftlich immer interdependenteren Welt durch militärische Interventionen mehr verlieren als zu gewinnen ist, auf dem Vormarsch ist. Und ich glaube nicht, dass es sich hier nur um Wohlstandsinseln handelt. Dass die ganze Eurokrise zu einer militärischen Auseinandersetzung führte, halte ich für genauso unwahrscheinlich, wie einen Krieg auf dem kompletten amerikanischen Kontinent.

Macht, die sich aus dem Einfluss auf die Gewehrträger (bzw. deren Befehlshaber) ergibt. So wird beispielsweise das strenge (katholisch-geprägte) Abtreibungsverbot in Irland letztlich von Menschen mit Pistolen durchgesetzt.

Das war aber nicht die Frage. Die Frage war, ob sich der Papst/ Vatikanstaat bzw. die kirchliche Institution auf eine Macht gründet, die "von Gewehrläufen" gestützt ist.

Dass Militär auch für unvernünftige und verbrecherische Zwecke eingesetzt werden kann, steht dem nicht entgegen.

Sie sagten es bereits, unsere Differenzen sind in der Hinsicht klar, als dass m.E. das Militär nahezu ausschliesschlich für unvernünftige Ziele eingesetzt wird, ergo die Forschung dazu ebenso zu verachten ist.

Trotzdem vielen Dank für Ihre interessanten Einblicke.

RE: Forschen für den Krieg | 18.05.2013 | 19:28

Ich wundere mich - ganz aufrichtig - über Ihre Forderung der Anpassung der Universitäten an der Erforschung von Vernichtungsinstrumenten, so als ob es keine Geschichte gäbe, aus der zu lernen wäre. Insofern stellt ein persönlicher Nutzen für mich einen Erklärungsansatz dar. Im übrigen haben Sie die Frage nicht beantwortet.

Allerdings weist Ihr letzter Absatz darauf hin, wo sich meine Sichtweise so grundlegend von der Ihren unterscheidet:

Für mich ist Militär eben keine sine qua non für die staatliche Existenz - wie eben auch das Beispiel Costa Ricas oder Panamas beweist. Letzteres Land schafft sein Militär sogar in einem Zeitraum ab, als sein Nachbar an der Grenze zum failed state gehandelt wird.

In der selben Logik steht für mich auch nicht "eine Universität auf einem staatlichen Fundament, das eben auch mittels Kriegswaffen abgesichert wird" - zumindest nicht in Deutschland. Nicht derzeit. Ihre Logik scheint sich noch aus Hobbescher oder Kalter- Kriegswahrnehmung zu speisen? Haben wir diese Epoche mittels eines friedlich kooperierenden europäischen Staatenbundes nicht überwunden (zumindest partiell und geografisch eingeschränkt)?

Selbst die Bundeswehr muss ihn ihrem Weissbuch ja eingestehen, dass ihr die Bedrohungen nahezu abhanden gekommen sind. Invasion einer militärischen Macht? Fehlanzeige.

So ist das Militär auch nicht Gärtner sonder Parasit, der sich auf Kosten der Allgemeinheit durchfrisst.

Zu dem von Lethe (zynisch) abgewandelten Machtbegriff fallen mir durchaus genug gegewärtige Beispiele ein, ja. Allerdings weigere ich mich Ihrer absoluten Schlussfolgerung zu folgen, dass Macht letzten Endes nur durch Gewehrläufe gesichert wir. Hatte Gandhi, hat der Papst, hat das Rote Kreuz etc. Macht? Oder um bei anderen Staaten, als den oben schon erwähnten, zu bleiben: hat Liechtenstein Macht? Und wenn ja, gründet(e) sich deren Macht auf Gewehre?

Und umgekehrt: wie erfolgreich sind die in anderen Ländern aufgedrückten militärischen Besatzungsregime? Wie erfolgreich waren die stärksten Supermächte in der Beherrschung Afghanistans (UK, UdSSR, USA)? Wieviel Macht haben die USA als militärischer Muskelprotz im Irak? Wieviel haben sie - um mal aus dem Kriegskontext rauszugehen - in Südamerika?

Ich teile durchaus Ihre Ansicht dass unter den gegenwärtigen Umständen (v.a. der vorherrschenden (neo)realistischen Sichweise) ein weltweiter Verzicht aufs Militär kontraproduktiv sein kann. Aber könnte sich Deutschland nicht tatsächlich in die Reihe der wenigen Ausnahmen einreihen? Wollen wir an einem Weltbild a la jeder ist des anderen Feind festhalten oder in eine Zukunft, wo Kriege als Durchsetzung seiner Macht als schwachsinnig gelten?

PS: die amerikanischen Truppen in Costa Rica sind meines Wissens nicht als Schutz vor Übergriffen aus den Nachbarländern abgestellt sondern aus dem Interesse der USA den Drogenschmuggel zu beeinflussen. Eine weitere Idiotie, die wie die Praxis zeigt, das Militär als komplett ungeeignet für diese Art von Drogenbekämpfung erscheinen lässt. Aber das ist ein anderes Fass, dass ich an der Stelle nicht aufmachen will.

RE: Forschen für den Krieg | 17.05.2013 | 02:46

Nein, ich arbeite bei einer außeruniversitäten Forschungseinrichtung.

Zufällig bei einer, die mit militärischer Forschung verbunden ist? Dann würde mich Ihre Einstellung nicht wundern.

Wo sind sie denn angestellt, wenn ich fragen darf (nicht, dass das irgendwie relevant wäre oder mich interessieren würde)?

Es ist nicht relevant, aber wenn's Sie nicht interessiert, wozu die Frage.

Weil der deutsche Staat ein Interesse daran hat, über Mordinstrumente hoher Qualität zu verfügen. Ein Bundesministerium sowie eine angeschlossene Behörde (Bundeswehr) mit zusammen an die 300.000 Mitarbeitern ist hauptamtlich mit der Beschaffung, Weiterentwicklung, Bereistellung und in Ausnahmefällen auch Anwendung dieser Mordinstrumente betraut.

Dazu zwei Fragen: ist es der Staat oder die Gesellschaft, die dieses Interesse haben?

Und wozu hat der Staat das Interesse? Landesverteidigung wird es wohl kaum sein. Nach Ihrer Beschreibung klingt es eher wie Arbeitsbeschaffungsmassnahme.

Schlimm genug, dass der deutsche Staat schon für den "Eigenverbrauch" wert auf diese Mordinstrumente legt, bedauerlicherweise werden aber noch andere Akteure damit "beglückt", siehe Panzer nach Saudi Arabien.

Nahezu alle Staaten dieser Welt haben ähnliche Einrichtungen. In nicht wenigen Gesellschaften geniest die jeweilige "Mördertruppe" sogar hohen Respekt bzw. gilt als nationales Maskottchen.

Und bei nahezu allen Staaten frage ich mich: wozu? Warum nicht dem Beispiel von Costa Rica folgen und die Armee abschaffen? Zumindest aus deutscher Sicht würden damit ca. 30 Mrd. Euro frei, die man in Sinnvolles stecken könnte (Pensionszahlungen für ein paar Jahrzehnte ausgenommen).

Angesichts dieser Situation kommt es mir schizophren vor, wenn die eine (halb-)staatliche Stelle (Universität) die andere (Armee bzw. Rüstungsunternehmen) offiziell als "schlechten Umgang" betrachtet.

Kommt es Ihnen tatsächlich schizophren vor, wenn man die Forschung zur Auslöschung menschlichen Lebens oder anderer Destruktion als "schlechten Umgang" betrachtet? Sieht so für Sie die Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft aus?

RE: Forschen für den Krieg | 16.05.2013 | 14:24

Arbeiten Sie bei der Bundeswehr oder beim Rüstungskonzern?

1. Die Gesellschaft kritisiert durchaus die Beiteiligung an "kriegsähnlichen" Auseinandersetzungen. Zumindest sind über zwei Drittel gegen Auslandseinsätze.

2. Gerade, dass die Unis sich aus öffentlichen Mitteln finanzieren, macht eine Zusammenarbeit mit den Kriegstreibern um so schlimmer. Warum gehen die Steuergelder in die Entwicklung von Mordinstrumenten? Wenn die Studenten sich dagegen auflehnen, spricht das für eine kritische und gesunde Haltung.

Wollen sich die Unis aus der Gesellschaft verabschieden? Dieses Land leistet sich eine Armee, mit der es hin und wieder an "kriegsähnlichen" Auseinandersetzungen teilnimmt. Grundsätzliche Kritik wird daran in der Breite der Gesellschaft nicht geäußert.

Begreifen sich maßgeblich durch öffentliche Gelder finanzierte Hochschulen nun als "etwas besseres", wo nach anderen Regeln gespielt werden soll als im Rest des Landes?