RE: 1998: Krieg dem Tollpatsch | 07.09.2018 | 13:09

„Mein Gott, Walther!“, bin ich versucht zu kalauern, nachdem ich mich der Lektüre des „Krieg dem Tollpatsch“-Beitrags von FREITAG-Autor Rudolf Walther ausgesetzt habe. Selten habe ich einen ebenso wirren wie uninformierten Artikel im FREITAG gelesen. Wo Kenntnisse fehlen, meint so mancher, sie durch Polemik ersetzen zu können – Herr Walther glaubt das auch. Die Gegner der von ihm gepriesenen Rechtschreibreform sind lauter fanatische (bevorzugt: „fanatisierte“) Orthographie-Dschihadisten, ohne Maß und Mitte und Wissen. Wer, so möchte man fragen, hat sie bloß fanatisiert – und warum? Wahrscheinlich Stockreaktionäre aus der Schweiz. Oft allerdings fällt polemischer Hohn auf seinen Urheber zurück, so auch hier.

Der Exkurs zu französischen Zuständen mag nicht ohne Reize sein, tut aber leider wenig bis gar nichts zur Sache. Dass der Rechtschreibrat „dem französischen Elitegremium“ in puncto demokratischer Legitimation wie linguistischer Kompetenz „haushoch überlegen“ sei (wie übrigens auch all den „fanatisierten“ deutschen Reformgegnern), wird durch nichts belegt und rührt ob der Ignoranz der Behauptung zu Tränen.

Doch wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt es noch knüppeldicker daher. Wenn’s nur der Polemik dient, vertauscht man eben umstandslos die Kategorien: Von der Orthographie lenkt man flugs auf das Feld der Semantik um und ab und „generiert“ eine Menge von Aussagen, die bestenfalls am Thema vorbeischrammen, es im Kern jedoch verfehlen: Im schulischen Erörterungsaufsatz stünde „irrelevant“ in Rot am Seitenrand. Anderes Beispiel: Unser Autor verhöhnt die Fachsprache der Juristen, um ihnen Recht und Befähigung abzusprechen, sich sachkundig zu allgemeinsprachlichen Phänomenen zu äußern. Hätten sie sich pro Reform, also in seinem Sinne, geäußert, hätte es Herrn Walther gefreut und er vermutlich die skalpellhafte Präzision ihrer Sprache bewundert. All das ist belanglos. Doch irgendwie muss die halbe Seite ja gefüllt werden, auch wenn einem substantiell nichts mehr einfällt.

Im Duktus der Kriegsberichterstattung reklamiert der Autor sodann die „Kapitulation“ der Reformgegner 2007. Nicht so ganz, Herr Walther! Denn zuerst hatten die Reformer klein beizugeben, indem sie vom hohen Ross ihrer angemaßten, staatlich abgesicherten Autorität zumindest halb herabsteigen mussten. Dass sie Murks „generiert“ hatten, wollte die mitschuldige Kultusbürokratie freilich möglichst verschleiern. So kam es zu erlaubten Doppelschreibungen (alt/neu), die das Wirrwarr noch vergrößerten, unter dem die Schulen nach wie vor leiden (z. B. „vor Kurzem / vor kurzem“ oder „kennen lernen / kennenlernen“). Für Herrn Walther sind das alles nur „Geschmacksfragen“, bei denen bekanntlich das „Niveau nach unten“ offen sei. Weit gefehlt, auch hier beweist der Autor seine eklatante Ignoranz: Es geht nicht um Beliebigkeiten des Geschmacks, es geht vielmehr um linguistisch begründete Plausibilität und Stringenz.

Last but not least: die „ss- bzw. ß-Regeln”. Über diesen Punkt gab und gibt es wenig Streit, wenngleich Herr Walther hier am liebsten radikal Remedur schaffen und das „ß“ ganz im Orkus verschwinden lassen möchte. Wenn er – wie die Reformer – jedoch hofft, die „kinderquälende“ Hürde, zwischen Doppel- und einfachem „s“ bzw. „ß“ entscheiden zu müssen, sei jetzt endlich aus dem Weg geräumt, dann irrt er ein weiteres Mal: Nach wie vor wird fast durchweg die Konjunktion „dass“ mit einfachem „s“ geschrieben (von der schieren Unmöglichkeit, ihr ein Komma voranzusetzen, schweigen wir lieber ganz

), da die grammatische Unterscheidung zwischen Konjunktion und Relativpronomen nicht (mehr) verstanden wird. Das Problem offenbart, dass nicht etwa fehlende Kenntnis von Rechtschreibregeln Fehler verursachen, sondern der Mangel an grammatischem Wissen. Letzteres wird Herrn Walther wahrscheinlich sowieso völlig schnuppe sein. Von Menschen zu erwarten, dass sie sich zumindest in den Grundregeln der Grammatik ihrer Sprache auskennen, ist vermutlich auch nur „stockreaktionär“ in seinen Augen. Am Ende ist sowieso alles egal – wie anders sollte man sonst seine Worte von der „Hanswurstiade“ der Rechtschreibreform verstehen? „Anything goes“ scheint seine Parole, die indes auch schon wieder ein wenig angerostet wirkt.

„Wärst du doch in Düsseldorf geblieben“ ist eine andere Schlagerzeile, die mir zu dem Beitrag in den Kopf kommt. Will heißen: Wenn Sie geschwiegen hätten, Herr Walther, hätte man Ihre linguistische Kompetenz nicht in Zweifel gezogen. Jetzt aber bleibt leider nur der „Tollpatsch“ hängen.