Die Verliererhelden

Pflegepersonal Die Gesellschaft will einfach solche Helden aus ihrer Mitte, die ungewollt in einer Situation hineingeraten und durch ihr heroisches Handeln zu Ikonen aufsteigen.
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Im Zuge der neuen Lebensweise in der pandemischen Situation mit dem Coronavirus SARS-Cov-2 sind mehrere Begriffe in Erscheinung getreten. Vielleicht existierten diese früher auch in den Wörterbüchern in anderem Zusammenhang. An erster Stelle ist der Begriff "systemrelevant", der fast in jeder Diskussion erwähnt wird. Gemeint sind damit u.a. die Berufe, Institutionen oder Prozeduren, die zur Aufrechterhaltung der grundsätzlichen Infrastruktur und der Grundversorgung weiter aktiv bleiben müssen.

Viele Menschen arbeiten in den Berufen mit dem häufigsten Kontakt mit den Infizierten, also in den medizinischen Einrichtungen. Unter ihnen befindet sich auch das Pflegepersonal. Seit Jahren beklagen sich die Mitarbeiter in der Pflege über ihre Arbeitssituation, schlechter Bezahlung, Überlastung usw.. In der Corona-Krise sind diese Berufsgruppen in der öffentlichen Wahrnehmung etwas mehr im Vordergrund getreten. In den Social-Medien klatschten viele, feierten sie als Helden. Die Pflegekräfte erhielten Anerkennung. Es blieb aber nur dabei. Ihre früheren Sorgen blieben auch. Ihre frühere Situation blieb nicht, sie wurde sogar schlimmer.

Die Krankenhäuser mussten ihren Betrieb reduzieren und nur dringliche Fälle behandeln. Die Bettenkapazitäten wurden für die COVID-19-Patienten reserviert. Die meisten ärztlichen und nichtärztlichen Mitarbeiter in den Kliniken mussten nicht in Kurzarbeit gehen. Anfangs haben sie zwar unter unkoordinierten und unsicheren Bedingungen weiterarbeiten müssen. Aber schnell wurden die Schutzausrüstung und Standards zum Vorgehen mit der Situation eingeführt. Das Personal wurde zügig eingearbeitet. Es ist eine Leistung, die mentale Flexibilität des Personals und der Organisatoren voraussetzt.

Mehr als die Ärzte aber hat das Pflegepersonal einen engeren Kontakt mit den COVID-19-Patienten und ist somit vereinfacht ausgedrückt eher dem Risiko einer Infektion ausgesetzt. Im Notfallbetrieb einer Klinik, wenn einige Stationen nur in Reserve sind, wird das Personal nicht komplett benötigt. Also wurden viele im Urlaub nach Hause geschickt. Wenn der Urlaub vorbei war, mussten sie ihre alten Überstunden abarbeiten. Ihr wurde Honig ums Maul geschmiert. Das Pflegepersonal durfte weiter an vorderster Front arbeiten, sich selbst unmittelbar und ihre Familien indirekt diesem Risiko aussetzen, gleichzeitig sind ihre Überstunden alle weg, Urlaub ist aufgebraucht und die alten Bedingungen sind die gleichen. Oft wurde aber auch der Urlaub vorzeitig beendet, die Erholungsphasen zwischen dem Schichtwechsel erlebten eine neue Dimension der Unverhältnismäßigkeit.

In anderen Worten und so wie ich die Lage einschätzen kann, wird für das Pflegepersonal nach überstandener Krise keine wesentliche Besserung geben außer, dass ihre Überstunden und Urlaub für dieses Jahr wegfallen. Das halbherzige Klatschen in Deutschland ist Ironie at its best. In England klatscht die Bevölkerung konsequent wenigsten jeden Donnerstag für NHS und zeigt somit Solidarität. Deutschland aber ist nicht so sentimental und belässt es mit einem symbolischen Klatschen in den sozialen Medien. Weder wurde über die Bezahlung der Pflegekräfte diskutiert, noch wurde über deren Überlastung in normalen Zeiten gestritten, noch ist eine Prämie oder ähnliches in realer Zukunft sichtbar, keine Gefahrenzulage. Überhaupt ist für sie kein finanzieller Reiz in Frage gekommen. Es ist ja nicht so, dass sich die Mitarbeiter im Pflegebereich unbedingt nach gesellschaftlicher Anerkennung sehnen. Ihren Beruf üben sie auch ohne diese professionell genug aus. Es geht meines Erachtens nach um staatliche Akzeptanz ihrer Stimme. Ich befürchte aber, es wird weiterhin so bleiben. Der Staat wird ihren Unmut mit seiner Inaktivität aussitzen wollen.

Andererseits will die Gesellschaft vielleicht einfach solche Helden, die ungewollt in einer Situation hineingeraten und durch ihr heroisches Handeln zu Ikonen aufsteigen. Dann bedankt sich die Gesellschaft bei ihnen, errichtet Denkmäler und preist sie an. Aber mal ehrlich, in Deutschland ist nicht mal dieser Funke der Sentimentalität oder Dankbarkeit gegenüber Pflegepersonal wahrzunehmen. Oh doch, in einer großen Lebensmittelkette gibt es 5%-Gutscheine, nach dem sich jede/r online mit der Email registriert, den Ausweis und den Beschäftigungsnachweis hinterlegt hat, alle seine privaten Kontaktdaten angegeben und speichern lassen hat und dann freigeschaltet ist. Maximal aber bis 200€. Warum denn? Könnte das „reiche“ Personal etwa den Laden aufkaufen und 5% Rabatt erschleichen? Eine Fast-Food-Kette hat ihren kostenlosen Burger für die Mitarbeiter im Gesundheitswesen aber schnell ad acta gelegt.

Da ich die gute Absicht solcher Aktionen nicht in Frage stellen möchte, schweige ich nun lieber und bewundere meine Verliererhelden.

15:23 09.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

Ein Neurochirurg mit Herz • Deutschland ist meine Heimat • Abteilungsleiter • Saving lives & helping people • Deutscher Muslim • Schreibe privat •
Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

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