Erkenne deinen Rassismus

Antirassismus Ich habe lange überlegt, ob auch ich von einigen dieser „Kleinigkeiten“ im Vergleich zu alltäglichen Schikanen anderer nicht-weißer Mitbürger berichten soll. Ich tue es!
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Schon während meiner Haupt- und Realschulzeit habe ich meinen Lehrern stets gesagt, dass ich Arzt werden möchte. In beiden Schulen gab es einen Besuch im Berufsinformationsszentrum (BiZ in Hachenburg und Montabaur). Obwohl ich alle Fragen dieser „wunderbaren Beratung“ im Hinblick auf meinen Berufswunsch Arzt beantwortete, z.B. dass ich gerne mit Menschen arbeite, ihnen helfe usw., haben mir die Berufsberater mir aus damals unerklärlichen Gründen die Empfehlung für Schlösser und Dachdecker gegeben. Ungefähr hatten beide Recht, ich bin Neurochirurg geworden.

Während meines Studiums der Humanmedizin in Grazer Universität lehrte mich der alte weiße Mann in Gestalt von ergrauten Professoren in vielen unterschiedlichen Kursen die evolutionsbiologischen Vorteile der Europäer gegenüber anderen Ethnien und vertrat die Lehren von Haeckel. Zum Kotzen war es. Widerspruch in der streng hierarchischen Denkweise dieser eitlen Elite kam so gut wie nie von jemandem, der diese Vorteile bereits besaß und überlegen war.

Mein Interview im Sekretariat eines hohen Angestellten in der Fraport AG scheiterte, nachdem mir nur Positives gesagt wurde, letzten Endes an fehlenden Sprachkenntnissen der deutschen Sprache. Diese Nachricht wurde mir von dem Jobvermittler überreicht, der diese selbst nicht verstand. Ich erklärt es ihm damals, woran das wohl lag. Sein Erstaunen ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, die vielen anderen Jobabsagen nicht. Zur Info, meine Sprachkenntnisse waren damals fast genauso schlecht wie heute, nur das Wort Resilienz kannte ich damals nicht. Ich lebte das Wort nur aus.

Zweimal wurde ich von der Bundeswehr für eine hohe Beamtenposition abgelehnt. Einmal, weil mein Lebenslauf einige Lücken aufwies, über die man mich ruhig hätte fragen können, dies jedoch einfach sein ließ. Und beim zweiten Mal ist es bis heute ein Rätsel. Die ganze Bewerbungsprozedur ist mir ein Rätsel. Hier eine kurze Zusammenfassung:

Ich bewerbe mich und vergesse in der Zwischenzeit, dass ich mich beworben habe, da die erste Antwort nach über 2 Monaten eintrifft, dass ich als Bewerber akzeptiert wurde. Irgendwann werde ich nach mehreren Telefonaten und Emails zum Assessmentcenter nach Köln geschickt, erfolgreich absolviert, wieder zurück nach Hause und entspannen. Weitere Formalitäten abgeklärt. Monate vergehen. Werde für das Bewerbungsgespräch in der Neurochirurgie Koblenz eingeladen, bekomme aber keinen Termin, weil der Chefarzt (welche Koryphäe er auch sein mag, habe ich seinen Namen vergessen) nicht da ist, keiner weiß, wann er kommt, ob er krank ist oder im Urlaub ist, sei so nicht ganz klar. Also schreibe ich eine Email zurück an die Bundeswehrzentrale für solche glorreichen Bewerbungsprozeduren.

Eine Antwort kommt überraschenderweise prompt: Der leitende Oberarzt wird das Gespräch mit mir durchführen, was er auch tut. Ein netter Kamerad, bietet mir Kaffee an, kennt sich aber mit dem Kaffeeautomaten nicht aus. Er sagt mir mehrfach, dass er zwar das Gespräch führe, nicht aber entscheiden könne. Der „Chef“ wird entscheiden, der seine Zeit eigentlich mit mir nicht verschwenden wollte und an sich untergetaucht war. Der „Chef“ habe aber dem leitenden Arzt angerufen und gesagt, was er fragen sollte und stünde mit ihm über WhatsApp in Kontakt. Nun gut. Die Strukturen in solchen Institutionen sind traditionell jenseits des normalen Menschenverstands. Als ob mich wirklich damals gejuckt hatte, was die Herrschaften mit mir vorhaben. Ich spiele das Spiel aber mit dem größten Arbeitgeber des Landes mit, der großmäulig für seine Transparenz und gesellschaftliche Repräsentation wirbt. Die Quintessenz dieses Bewerbungsgespräches ist, dass der leitende Oberarzt mich einstellen würde, er leider aber nicht entscheiden könne. Entscheiden könne der „Chef“, der aber in geheimer Mission unterwegs war, (der mich aber bereits abgelehnt hatte).

Nach diesem Bewerbungsgespräch rufe ich selbst nach 3-Wochen-Pause an. Bekomme telefonisch eine Absage vom leitenden Oberarzt, der mich immer noch einstellen wollen würde, es aber nicht dürfte, weil der „Chef“ einen anderen ausgewählt hätte. Trotz der Absage werde ich von der Bundeswehrzentrale für solche glorreichen Bewerbungsprozeduren weiter beschäftigt. Weitere Korrespondenz, weitere Telefonate und ein Gesundheitstest werden durchgeführt mit folgendem langen Schweigen. Irgendwann nach über 8 Monaten kommt die schriftliche Absage zur Kenntnis. Nichts, absolut nichts ist hier transparent.

Dieses Beispiel zeigt, dass Rassismus während der Jobsuche überhaupt nicht nachgewiesen werden kann. Sie können es aber auch nicht widerlegen. Dieser Rassismus kann ebenfalls auf dem Wohnungsmarkt nicht nachgewiesen werden. Warum habe ich in Dortmund lange vor dem Wohnungsmangel über 3 Monate lang eine Wohnung gesucht und nur Absagen erhalten? Die einzigen Wohnungen, die mir offenstanden, befanden sich in Nordstadt (Ein Stadtteil mit negativem Ruf und hohem Ausländeranteil). Die Vermieter sorgen dafür, dass überwiegend Nicht-Weiße dorthin landen?

Die Resilienz ist ein Wort, welches auch die Bundeswehr in ihrem Weißbuch mehrfach erwähnte. Es ist durchaus eine Lebensweise aller Nicht-Weißer Deutschen oder Nicht-Deutschen in Deutschland. Was in Deutschland unter dem Radar mit den Nicht-Weißen geschieht, können sensible Menschen oft nicht ertragen und die meisten Weißen nicht mal sehen oder erkennen. Ständige Absagen, vorhandene Ablehnung, tägliche Belehrungen von irgendwelchen Weißen führen zum inneren Konflikt, ob der Fehler in einem Selbst liegt. Bin ich gut genug? Tauge ich überhaupt für etwas? Bin ich für diesen Job gut? Bekomme ich die Wohnung überhaupt? War die Bundeswehr rassistisch oder bin ich einfach zu schlecht? Sind hier überhaupt rassistische Menschen vorhanden, oder liegt der Fehler ganz klar bei mir? Bin ich es nicht wert?

Viele meiner Beiträge befassen sich mit gesellschaftlichem Alltagsrassismus. Viele könnten meinen, ich nehme es wohl doch zu persönlich oder übertreibe, bin wohl ein Sensibelchen? Nein, mit Sensibilität habe ich wenig zu tun, sonst wäre ich kein Neurochirurg. Aber so schlimm kann es doch nicht sein in Deutschland, denn schließlich bin ich doch in einer hohen Position gelangt auf dem Weg zum Chefarzt, könnten andere meinen. Aber vielleicht bin ich nur resilient wie viele anderen auch, was nur heißt, dass ich in einer hohen Position bin, obwohl ich in Deutschland bin und nicht, weil ich in Deutschland bin.

Auch über diesen Beitrag habe ich lange überlegt, ob ich von einigen dieser „Kleinigkeiten“ im Vergleich zu alltäglichen Schikanen anderer nicht-weißer Mitbürger berichten sollte. Viele berichten von ihren Erfahrungen auch deswegen nicht, weil sie ihre negativen Erfahrungen im Vergleich zu Hetzjagden mit körperlichen Verletzungen für zu „nichtig“ halten. Unter anderem ist aus diesem Grund vielen privilegierten Nachbarn nicht mal klar, wie diskriminierend und rassistisch sie sich benehmen, weil niemand mit ihnen darüber spricht. Auch ich habe hier nicht von meinen alltäglichen Erfahrungen berichtet, sondern von großen Namen, wo noch viel zu tun gibt: Fraport AG, Bundeswehr, Arbeitsagentur, Universitäten usw.

Was die vielen kleinen Unternehmen, die nicht mal im Rampenlicht stehen, mit nicht-weißen Mitbürgern heimlich machen könnten, sei erst mal nur am Rande erwähnt. Es ist ein Problem der Gesellschaftsmitte, nicht nur der Randgruppen. Eine Telefonhotline, eine Beschwerdestelle ohne weitere Konsequenzen hilft niemandem. Auch wenn das Wort „Rasse“ aus dem Grundgesetz verschwindet, ist niemandem geholfen. Eine Anzeige wegen rassistischer Beleidigung mit mehr Aufwand für die Opfer als für die Täter bringt uns auch nicht weiter. Die meisten Anzeigen werden nach einigen Monaten eh eingestellt. Es wird wirklich ein großer Fortschritt sein, wenn diese Gesellschaftsmitte ihren diskriminierenden Rassismus überhaupt erkennen wird. Erkenne deinen Rassismus.

11:29 14.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

Ein Neurochirurg mit Herz • Deutschland ist meine Heimat • Abteilungsleiter • Saving lives & helping people • Deutscher Muslim • Schreibe privat •
Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

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