Dr. Mohammed Sarfraz Baloch
15.04.2017 | 22:14 32

Was ziehst du heute an?

Frauendiskriminierung Die Frau als Gesprächsthema beschäftigt uns sehr. Sie soll es auch. Die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist eine wesentliche neben vielen anderen..

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Dr. Mohammed Sarfraz Baloch

Die Frau als Gesprächsthema beschäftigt uns sehr. Sie soll es auch. Die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist eine wesentliche neben vielen anderen Facetten der Diskriminierung, gegen die die Menschen zu kämpfen haben. Seit den Anfängen der Menschheit wird die Frau diskriminiert. In letzter Zeit ist sie wieder ein Thema geworden. Dieses Mal jedoch geschickt verpackt unter dem Deckmantel der religiösen und kulturellen Identität, Unterdrückung der Frau, Willenslosigkeit und anderen, für mich oft leeren und nebensächlichen Phrasen. Der Frau wird ihr Frau-Sein quasi dadurch aberkannt, dass sie eben das Kopftuch trägt. Es geht um eine Muslima mit Kopftuch.

Verschiedene Urteile werden gefällt, Gesetze werden erlassen, sinnlose Debatten werden geführt, Kopftuchträgerinnen werden angespuckt, schmücken die Zeitungen und werden gefragt, warum sie ein Kopftuch tragen. Fast alle Antworten auf diese Frage werden zugelassen, die einen eigenen Willen nicht in den Vordergrund stellen. Mit anderen Worten: Eine Kopftuchträgerin lügt, wenn sie behaupte, sie tut es aus eigenem Willen.

Mal angenommen, sie tut es nicht aus eigenem Willen, sondern wurde von ihrem Ehemann dazu gezwungen. Dann ist sie sicherlich unterdrückt. Wir als die großen Verfechter der Frauenfreiheit helfen ihr in diesem Fall dadurch, dass wir ein Gesetz erlassen, das ihr verbietet, in der Schule, im öffentlichen Dienst, in Unternehmen, in angesehenen Jobs, im Kundenzentrum das Kopftuch zu tragen. Und dann lehnen wir uns entspannt zurück und hoffen, dass diese unterdrückte Frau, die trotz dieser enormen Unterdrückung durch den barbarischen Ehemann den Schritt zum Scheidungsgericht nicht wagt, nun diesem Ehemann das neu erlassene Gesetz vor die Nase halten wird, um endlich das Kopftuch in der Schule, im öffentlichen Dienst, in Unternehmen, in angesehenen Jobs und im Kundenzentrum abzulegen. Der vermeintlich böse Ehemann wird diese Frau eher von solchen Stätten fernhalten. Somit haben wir etwas für unsere Wahrnehmung getan und diese unterdrückte Frau per Gesetz weiter in die Unterdrückung versetzt. Ich frage mich nur, ob das bewusst so getan wird?

Ist es so schwer, einer Frau das Recht auf ihre Bekleidung zu gewähren? Ist es unvorstellbar, eine Frau als eine Frau zu behandeln, wenn sie ein Kopftuch trägt und evtl. kein Deutsch spricht? Wird denn die Mutter eines „integrierten“ Arztes, die der deutschen Sprache nicht mächtig ist und ein Kopftuch trägt, als nicht integriert betrachtet, obwohl sie 9 Kinder großzog, unter denen sich auch „fremde“ Waisenkinder befanden? Muss sie nun ihr Kopftuch ablegen, weil manche schrägen Denker dadurch die Wertegemeinschaft der sog. freien Gesellschaft in Gefahr sehen? Muss ihre Medizin studierende Tochter später ihr Kopftuch ablegen, weil sie womöglich deswegen von vielen Chefärzten bei ihrer Bewerbung allgemein formulierte Absagen erhalten wird?

Die Kopftuchträgerinnen haben es durch fehlende Chancengleichheit sowieso schwieriger und werden beliebig auf eine nicht nachvollziehbare Art diskriminiert. Eine im Spiegel veröffentlichte Studie zeigte dies. Je mehr wir über das Kopftuch debattieren und die Pros und Contras sammeln, desto mehr vernachlässigen wir die Frau dabei. Offenbar möchten wir ihre Geschichte nicht hören. Wir erkennen ihren Stolz nicht an und verneinen ihren eigenen Willen.

Mir tun alle leid, die der Auffassung sind, sie müssten den Frauen vorschreiben, was sie anzuziehen haben und was nicht. Sogar meine 7-jährige Tochter weiß ganz genau, was sie anziehen möchte und keiner darf hier mitbestimmen. In welcher Welt leben diese Meinungsmacher die meinen, den selbstbewussten Damen der neuen Generation vorschreiben zu müssen, wo sie was zu tragen haben? Eine Christin, eine Atheistin, eine Jüdin und eine Muslima haben eins auf alle Fälle gemeinsam: Sie sehen sich alle als eine Frau. Und ob sie mit oder ohne Kopftuch diskriminiert werden, es bleibt die älteste Sorte der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Und damit sollten wir in Deutschland am besten heute schon aufhören.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (32)

Magda 16.04.2017 | 14:25

Was tragen Sie denn, Herr Doktor, um Ihre Glaubenszugehörigkeit kundzutun? Halten Sie sich lieber bedeckt in dieser Welt? Sie bürden den Frauen das Glaubensbekenntnis und die Tradition auf.

Wieso wird das einzig und allein den Frauen aufgebürdet?

Je mehr wir über das Kopftuch debattieren und die Pros und Contras sammeln, desto mehr vernachlässigen wir die Frau dabei. Offenbar möchten wir ihre Geschichte nicht hören. Wir erkennen ihren Stolz nicht an und verneinen ihren eigenen Willen.

Sie vernachlässigen die Frauen und zwar komplett. Lassen Sie die Frauen erzählen, berichten. Wenn die ein Kopftuch wollen, ist das deren Sache, nicht die der Männer, die sofort zur Stelle sind und argumentieren.

Machen Sie sich nicht zum Vormund der Frauen.

Das ist das ganze Problem.

Lethe 16.04.2017 | 14:45

Menschen sind verschieden. In einer Gruppe zufällig zusammengewürfelter Menschen finden sich von allen Sorten, es gibt nichts, was es nicht gibt, und also gibt es auch Frauen, die freiwillig Kopftuch tragen. Interessant wird es daher erst da, wo eine Eigenschaft immer vorhanden ist. Das gibt es eigentlich nicht, es sei denn, es würde erzwungen, durch Konventionen oder Gesetze.

Dürfen Frauen als Ahmadi in der Öffentlichkeit auch kein Kopftuch tragen? Wird eine Frau, die in der Öffentlichkeit kein Kopftuch trägt, in den Gemeinden und Familien genau so angesehen und gut behandelt wie Frauen, die Kopftuch tragen? Wird die freiwillige Entscheidung gegen das Kopftuch genauso respektiert wie für das Kopftuch?

Ich glaube Ihnen nicht, dass alle Ahmadi-Frauen freiwillig Kopftuch tragen. In menschlichen Gemeinschaften gibt es immer Abweichungen von Standards, Sitten, Normen, Traditionen, Vorschriften - immer. Ich glaube Ihnen gerne, dass viele Ahmadi-Frauen ihre primäre religiöse Sozialisation verinnerlicht haben und nicht auf die Idee kommen, deren Konventionen in Frage zu stellen. Diese Frauen sind aber für die Sache, die hier diskutiert wird, nicht weiter interessant. Interessant ist nur die Frage, wie die Gemeinschaft der Ahmadi mit Frauen umgeht, die sich nicht freiwillig für das Kopftuch entscheiden. Und diese Frauen gibt es, es sei denn, sie würden ausgeschlossen oder in irgendeiner Form zu Willfährigkeit gemaßregelt. Wie geht Ahmadi mit diesen Frauen um?

Magda 16.04.2017 | 18:08

Das gehört eigentlich zu meinen immer wieder geäußerten Einwänden.

1. Männer können rumlaufen wie sie wollen. Niemand kann von der Bekleidung auf die religiöse Zugehörigkeit schließen. Aber Frauen sollen die Tradition weitertragen und damit auch ihr religiöses Bekenntnis kundtun. Männer müssen das nicht.

2. Auch bei diesem Blogbeitrag äußert sich - mal wieder - ein Mann zum Thema und spricht über die Frauen. Und das stört mich.

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch 18.04.2017 | 21:41

In meinem Beitrag geht es weder um die Meinung von Ahmadiyya noch um meine Person. Die bisherigen Argumente sprechen gerade diese Punkte an. Damit kann ich leider nicht viel anfangen. Die Fragen zu Ahmadiyya Muslim Jamaat können gerne an deren Website gepostet werden, dann haben Sie offizielle Antworten.

Dass die Frauen mit Kopftuch diskriminiert werden, scheint hier unterzugehen. Dass da viele Kopftuchträgerinnen dies aus freiem Willen tun und dass dies angezweifelt wird, dann als Vorwand benutzt wird, um diese Frauen zu diskriminieren, ist der Gegenstand dieses kleinen Beitrags.

Meine Bekleidung hat damit nichts zu tun. Meine Hautfarbe und meine Religionszugehörigkeit sind Gründe genug, um mich anders wahrzunehmen als einen echten Deutschen, obwohl ich mich als Deutsch sehe, zumindet mental.
Im OP trage ich grün und bin auch verschleiert (Kleiner Scherz am Rande)
Ich bin beim besten Willen kein Vormund für Frauen im allgemeinen. Aber bitte erlauben Sie mir, auch gegen die Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen etwas zu sagen, obwohl ich ein Mann bin ohne einer Frau nahe zu treten. Das ist nie meine Absicht.
Männer sprechen bekanntlich gerne über Frauen, die Hälfte der Poesie der Männer ist über die Damen der Schöpfung. Wie sagte der Poet Iqbal: Die Existenz der Frauen verleiht diesem Kosmos seine Farbe.

Mein Punkt war lediglich: Die Frauen, die aus freiem Willen ihr Kopftuch tragen, sollten ebenfalls als solche akzeptiert werden. Böse war das nicht gemeint.

Lethe 18.04.2017 | 21:52

Ist das nicht ziemlich gleichgültig? Muslima haben sich häufig zu diesem Thema geäußert, und die meisten in dem Sinne, den auch Baloch hier annähernd vertritt. Das ist eine Position, die westliche Feministinnen am liebsten einfach nicht zur Kenntnis nehmen würden, und das nächst Beste besteht darin, Frauen, die derartiges vertreten, die Mündigkeit oder Unabhängigkeit ihrer Meinungen abzusprechen.

Davon abgesehen dürfen anscheinend doch nur Amerikaner über Trump sprechen?

Lethe 18.04.2017 | 21:58

Ich benötige keine offiziellen Antworten^^ Ich habe Dr. Mohammed Sarfraz Baloch nach dessen persönlicher Wahrnehmung gefragt und nicht irgendeinen Pressesprecher, der mir nur hochglanzpolierte Außenansichten vermittelt.

Die Frauen, die aus freiem Willen ihr Kopftuch tragen, sollten ebenfalls als solche akzeptiert werden.

D'accord. Und nun helfen Sie bitte, die einen von den anderen zu unterscheiden.

Männer sprechen bekanntlich gerne über Frauen ...

Und Frauen sprechen nicht gerne über Männer? Weil die Geschlechter einander nicht in begehrender Spannung gegenüberstehen, sondern diese Spannung nur von den Männern so empfunden wird?

Moorleiche 18.04.2017 | 22:24

"Dass die Frauen mit Kopftuch diskriminiert werden, scheint hier unterzugehen. Dass da viele Kopftuchträgerinnen dies aus freiem Willen tun und dass dies angezweifelt wird, dann als Vorwand benutzt wird, um diese Frauen zu diskriminieren, ist der Gegenstand dieses kleinen Beitrags."

Doch, ich denke, das wird schon auch gesehen.

Nur werden vermutlich auch manche Frauen unterdrückt, damit sie es tragen. Andere, die es freiwillig und mit Stolz tragen, werden aber hier eher kritisch gesehen, weil sie sich dann als mit einem System (stillschweigend oder offen) einverstanden erklären, von dem hier viele meinen, dass sie dagegen opponieren sollten, bzw. viele hier einfach nicht einverstanden sind.

Für mich ist ehrlich gesagt wichtiger, was im Kopf drin ist, als drauf. Ich habe schon sehr sympathische muslimische Frauen mit Kopftuch kennen gelernt und eher intolerante ohne, aber ich kann mich tatsächlich in die Situation einer Frau versetzen, die Erdogan toll findet oder ihr Kopftuch liebend gerne trägt. Ich kann allerdings auch einen sehr sehr rechten Rechten aus der ostdeutschen Provinz oder Dortmunder Nordstadt verstehen, wenn es nur darum geht, ob man so empfinden kann.

Über die Ahmadiyya weiß ich nicht sehr viel, die mir recht durchchoreogrphierten Auftritte hier (insbesondere Frau Bhatti), fand ich dann eher unsympathisch.

Weil wir uns ja alle verstehen sollen und wollen und wir beide im Krankenhaus arbeiten und es bei der praktischen Arbeit nach meinen Erfahrungen auch stets super klappt: Können Sie eigentlich die Vorbehalte, die nichtmuslimische Deutsche haben, wirklich nachempfinden, oder was denken Sie über das Augen verdrehen (weil man manche Themen und Ansichten schon nicht mehr hören kann) hinaus?

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch 18.04.2017 | 22:24

@Lethe: Sie fragen nach meiner persönlichen Wahrnehmung. Nun da eine Wahrnehmung zeitlich begrenzt sein darf, werde ich Ihnen ausnahmsweise meine persönliche Wahrnehmung wahrheitsgemäß mitteilen, um auch zu zeigen, dass es mir um den oben genannten Punkt geht.

Dürfen
Frauen als Ahmadi in der Öffentlichkeit auch kein Kopftuch tragen?
Die kürzlich in Pakistan ermordete Ahmadi-Frau, eine Professorin Tahira Abdullah, trug keinen. Wenn Sie von "Dürfen" sprechen, machen Sie mich dingfest. Das islamische Kopftuch ist ein Gebot für die Muslimas. Also dürfen sie nicht. Ob die Muslimas nun dazu gezwungen werden, stimmt allerdings nicht. Es ist wie mit dem Gebet. Das 5x tägliche Gebet ist ein Gebot. Kein Muslim darf es versäumen, aber tun es viele. Na und. Ich kenne keinen Fall, wo eine Ahmadi-Muslima exkommuniziert wird, weil sie kein Kopftuch trägt.

Wird eine Frau, die in der Öffentlichkeit kein Kopftuch trägt, in den Gemeinden und Familien genau so angesehen und gut behandelt wie Frauen, die Kopftuch tragen?
In den Familien sicherlich ja. In den meisten Gemeinde auch. Einige Ämter werden sie nicht ausüben dürfen, aber wehe sie werden nicht respektiert wie jede andere Frau auch.

Wird die freiwillige Entscheidung gegen das Kopftuch genauso respektiert wie für das Kopftuch?
Bei mir schon. In den meisten Fällen auch. Ausnahmen gibt es sicherlich.

Ich glaube Ihnen nicht, dass alle Ahmadi-Frauen freiwillig Kopftuch tragen.
Das müssen Sie nicht. Ich glaube es nämlich auch nicht, habe ich auch nicht behauptet. Alle, niemals, immer sind Worte, die fast immer nicht stimmen. ;-)

Wie geht Ahmadi mit diesen Frauen um?

Ein Ahmadi, den Sie jetzt indirekt kennen, nämlich meine Wenigkeit, macht keinen Unterschied. Punkt.

Jetzt waren es soviele Fragen über Frauen, dass gleich die Magda mich fertig machen wird. ;-)

Dr. Mohammed Sarfraz Baloch 18.04.2017 | 22:58

Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre Frage übersehen habe. Ich dachte erst, das sei eine rhetorische Frage, weil ich vieles sehr gut nachempfinden kann. Auch ich bin in der Pflicht, als Muslim die Muslime aufzuklären, gleichzeitig bin ich als Mitglied der deutschen Gesellschaft auch dazu verpflichtet, die Rechte der Minderheiten sichern zu MÜSSEN.
Zwar kann ich vieles nicht mehr hören, aber dazu zählt das obige nicht.

"Mal angenommen, sie tut es nicht aus ..... ob das bewusst so getan wird?"

Die Muslimas, die ihr Kopftuch nicht aus freiem Willen tragen, werden von fast der gesamten deutschen Gesellschaft beschützt oder fast die gesamte deutsche Gesellschaft möchte diese Frauen retten.

Frau Bhatti und viele andere nehmen ihr Kopftuch freiwillig, und viele nehmen sie nicht mal ernst.

Moorleiche 18.04.2017 | 23:16

"Frau Bhatti und viele andere nehmen ihr Kopftuch freiwillig, und viele nehmen sie nicht mal ernst."

Der Teil ist wirklich angekommen und ich habe persönlich keinen Zweifel daran, dass die Überzahl der bei uns kopftuchtragenden Frauen es freiwillig tragen. Die, die es nicht tun, müssen leider auch manchmal beschützt werden, aber das müssen wir nicht aufbauschen, zumal ich einen lebendigen Glauben mit den Jahren immer wichtiger finde.

Ich finde es halt blöd, wenn man nicht weiter kommt und kulturelle Gewohnheiten sitzen tief. Beide Seiten haben vermutlich in größeren Anteilen das Problem die an sich richtige Sichtweise zu vertreten. Die meisten Deutschen sind Atheisten und die meisten Moslems können sich vermutlich schwer vorstellen, wie man so leben kann, in Deutschland hat sich ja sowas wie der rheinische Katholizismus etabliert, der wenigstens der Legende nach, den Glauben ernst nimmt, aber gleichzeitig auch mal Fünfe gerade sein lässt.

Ist sowas in Teilen der islamischen Welt existent oder denkbar?

Darüber hinaus glaube ich, dass wir "Westler" von den Moslems mehr lernen können, als wir uns eingestehen, aber anders herum würde vermutlich den Moslems einiges aus dem Westen auch gut tun. Ich denke dass wir ein wenig mehr Patriarchat brauchen und die muslimische Welt das in einigen Bereichen etwas herunterdimmen könnte. Sehen Sie da Chancen, mal ganz subjektiv gefragt.

Naja, ist blöd das am späten Abend zu beginnen. Vielleicht bis bald mal.

denkzone8 19.04.2017 | 00:15

frei-willig gehört dazu ein gebaren, daß vermeidet,

ausgesondert zu werden?

kulturelle gewohnheiten sitzen tief

und sind nicht nur sanktions-bewehrt(schließen ein und aus), sondern immunisiert gegen bewußte denk-operationen(vor-bewußt?).

vieles, was uns bekannt ist, ist gerade un-erkannt.

die meisten deutschen sind atheisten..=

halten sich nur für: glaubens-fern(?)

wir westler

sollten uns von den muslimen nicht: was ab-gucken,

sondern ergründen: warum manche es so,

und andere es anders machen.

dann sehen wir im kopf-tuch: ein loyalitäts-zeichen,

eine entscheidung, deren qualität nicht auf der hand liegt.

und daß wir strukturierte beziehungen wie das Patriarchat

es vor-gibt, danach befragen müssen,

was und was es nicht leistet.

oder?

Moorleiche 19.04.2017 | 07:57

"frei-willig gehört dazu ein gebaren, daß vermeidet,

ausgesondert zu werden?"

Ich glaube insoweit ja, als man soziale Rollen ja nicht von ihrer Funktion her lernt, sondern durch das, was man damit verbindet. Das kleine Mädchen dort reflektiert nicht über Unterdrückung, so wenig wie kleine Mädchen hier über die Schattenseiten der Monarchie nachdenken, wenn sie Prinzessiin werden wollen.

"kulturelle gewohnheiten sitzen tief

und sind nicht nur sanktions-bewehrt(schließen ein und aus), sondern immunisiert gegen bewußte denk-operationen(vor-bewußt?)."

In gewisser Weise ja, wie die Normalität das eben überall tut. Sie erscheint uns so normal.

"vieles, was uns bekannt ist, ist gerade un-erkannt."

Ja.

"die meisten deutschen sind atheisten..=

halten sich nur für: glaubens-fern(?)"

Haben den Glauben an die Religion, aber auch Ersatzreligionen verloren, siehe auch das aktuelle Augstein/Bude-Interview.

"wir westler

sollten uns von den muslimen nicht: was ab-gucken,

sondern ergründen: warum manche es so,

und andere es anders machen."

Einverstanden.

"dann sehen wir im kopf-tuch: ein loyalitäts-zeichen,

eine entscheidung, deren qualität nicht auf der hand liegt."

Heißt ja auch Kopftuch ... sorry. Ja, es ist Ausdruck einer Überzeugung, vermutlich einer religiös-kulturellen-politischen ein- und ausschließenden Mischüberzeugung, aber wir glauben nicht mehr groß an Gott, nicht mehr groß an die Familie, hier im Freitag oft nicht mehr an den Staat (Nationen, igitt), nicht mehr an die Macht des Kommunismus und nicht an die des Kapitalismus (siehe erwähntes Interview), selbst den Glauben an die Ersatzreligion Wissenschaft haben wir großenteils verloren.

Nun stellen wir fest, dass das Leben mit einer kollektiven Identitätskrise oder -diffusion, gar nicht immer toll ist und optimieren als ein Ersatz aus allem ein wenig Spaß zu pressen.

War jetzt etwas karikiert, es gibt Ausnahmen, aber so als grober Trend ...

"und daß wir strukturierte beziehungen wie das Patriarchat

es vor-gibt, danach befragen müssen,

was und was es nicht leistet.

oder?"

Ich bin kein glühender Verehrer des Patriarchats, ich sehe mich hier eher als Diagnostiker, bzw. und bescheidener, als jemanden, der die Diagnosen von Horkheimer, Adorno, Lasch, Mitscherlich, Kernberg usw. teilt, dass die Entwertung der äußeren Repräsentanten von Väterlichkeit und einer hegemonialen Männlichkeit uns überhaupt nicht gut getan hat.

Und dabei ist die Aufwertung weiblicher Werte etwas anderes, als die Entwertung männlicher. Damit muss man keinen übertriebenen Machoismus hypen, den viele junge muslimische Männer heute attraktiv finden, aber aus Männern doofe Tanzbären zu machen, bei denen es darauf ankommt, sie soweit im Griff zu haben, dass man ihre schlimmsten Ausbrüche irgendwie verhindert ist sehr entehrend und darunter leiden beide Geschlechter.

Magda 19.04.2017 | 10:21

Nee, gleichgültig ist mir das nicht. Ich bestreite aber nicht, dass es unter westlichen Feministinnen sehr viele bevormundende Stimmen dazu gibt. Alice Schwarzer z. B.. Das ist nicht mein Standpunkt. Aber ich habe bei verschiedenen Veranstaltungen Frauen von sehr emanzipierter Art mit Kopftuch erlebt und glaube denen einfach, dass sie das freiwillig tun.

Eine ist z. B. http://www.taz.de/!5326307/

Kübra Gümüsay, der ich selbst begegnet bin, hat da überhaupt keine Probleme mit. Und die sind dann einfach glaubwürdiger.

Lethe 19.04.2017 | 10:45

Das stimmt schon, es ist überzeugender, wenn derartige Statements von Frauen selbst kommen, und idealerweise Auge in Auge, dann lässt sich die Glaubwürdigkeit am leichtesten beurteilen. Absolute Sicherheit gibt es aber auch in diesem Fall nicht, man könnte genauso gut an eine versierte Pressesprecherin oder anderweitig geschulte Propagandistin geraten sein.

Letztlich sind vorhandene Inkonsistenzen aber wohl kaum anderer Natur als die Inkonsistenzen in der Mehrheitsgesellschaft selbst. Auch da gibt es Schein und Wirklichkeit, es gibt Vorschriften und Verbote genauso wie die Versuche, beides zu umgehen, gesellschaftliches "Du musst" und individuelles "Ich will aber nicht", über dessen Erfolg nicht zuletzt persönliche Befähigung entscheidet.

Insofern denke ich, dass man Baloch zubilligen kann, die Situation zumindest im Einflussbereich von Ahmadiyya einigermaßen angemessen zusammengefasst zu haben. Inwiefern Ahmadiyya für den Islam als pars pro toto aufgefasst werden kann, ist eine andere Frage, die islamintern bekanntlich sehr unterschiedlich beantwortet wird. Selbst wenn es den Ahmadiyya-Frauen nicht an Emanzipation mangelt, heißt das nicht, dass dies der mehrheitlichen Situation im Islam entspricht.

Magda 19.04.2017 | 10:52

Na, baun Sie mal kein neues Feindbild auf. Gucken Sie lieber in den anderen Blog von Frau Bhatti. Da habe ich berichtet, dass ich auch schon in der Moschee zugange war. Ich wohne nebenan. Und im Beitrag von Frau Schmitz habe ich mich über deren Ton kritisch geäußert.

Allerdings, als ich vor Jahren dort war, wurde mir noch angedeutet, dass ich Frauen nicht fotografieren soll. Später hat sich das wohl ein bisschen gelockert, wenn einflussreiche Leute vermutet werden, dann lässt man die Regeln ein bisschen in der Ecke. Wie es eben so ist mit der Kommunikationspolitik.

Ich sitze sowieso - und das gern - zwischen allen Stühlen.

Aber, es geht mir um die Wahlfreiheit.

Das islamische Kopftuch ist ein Gebot für die Muslimas. Also dürfen sie nicht.

Und da sind wir schon wieder beim Thema. Gibts keine Bekleidungsvorschriften für Männer? Das Kopftuch macht Frauen so sehr kenntlich, wie es keine andere Bekleidung kann - auch nicht die zu leichte und zu kurze - usw. Das ist der Sinn der Sache. Männer dürfen in der Masse ein bisschen verschwindden und dürfen sich mehr anpassen. Das ist - aus meiner Sicht - der Grund für das ganze Theater. Und dass ein Kopftuch vor zuviel weiblichen Reizen bewahren soll - da lachen ja die Hühner.

Und dann islamische Gesetze: Die Ahmadis sind ja innerhalb der Muslime überall eine absolute Minderheit und auch nicht überall anerkannt. Auch da kann niemand das Recht auf ausschließliche Wahrheit beanspruchen. Das macht so eiserne Regeln sehr "brüchig".

Wobei meine wirkliche Abwehr sich immer gegen noch weitergehendere Verhüllungen richtet, die ich hier nicht diskutieren möchte.

Und noch eines: Die Debatten werden in der Zukunft sowieso noch schärfer werden. Vor Jahren habe ich einen Beitrag geschrieben: https://www.freitag.de/autoren/magda/integration-erhellender-perspektivenwechsel

Da gings um Moscheen als Integrationsort. Heute undenkbar. Das wird in einem der nächsten Blogs mal mein Thema sein. Vielleicht kommt daher auch mein gespaltener Zustand - ich sehe den Hang zum Extremen auch auf deutscher Seite.

Die Frauenbekleidung ist da nur eines von Debattenpunkten.

Magda 19.04.2017 | 10:58

Ja, klar. Sehe ich ähnlich.

Selbst wenn es den Ahmadiyya-Frauen nicht an Emanzipation mangelt, heißt das nicht, dass dies der mehrheitlichen Situation im Islam entspricht.

Sehe ich auch so. Aber, gucken Sie doch in die Welt. Überall sind Frauen nach wie vor in der Bredouille. Und die Begründungen dafür wandeln sich von Region zu Region und von Religion zu Religion.

Hier in Europa gibt es ja schon lange die Debatte um einen Euro-Islam, der die Orthodoxie modernisieren und Fundamentalismus bekämpfen soll. Da werden solche Sachen ja auch verhandelt. Ich bin da allerdings jetzt nicht auf dem Laufenden.

Rüdiger Heescher 21.04.2017 | 12:57

Der Euro Islam nach Vorstellung von Bassam Tibi, wie er sich Anfang der 90er bosnische Muslime dachte, ist gescheitert. Anfan der 90er hatte Bassam Tibi ziemlich viel Wirbel ausgelöst und man hatte ihn damals als Rechten verortet wegen seiner Haltung. War natürlich Schwachsinn, aber so was damals halt die Stimmung. Heute haben wir eine kunterbunte islamische Mischung von total Liberalen bis hin zu Salafisten. Das zeichnet sich letztlich auch aus als Pluralismus, was man europäisch nennen könnte. Ist es aber nicht, wenn man eigentlich unter europäisch gleichzeitig aufgeklärt versteht.

Wir haben immer mehr eine Situation wie in den USA. Dort gibt es genauso unter dem Label der Pluralität und Religionsfreiheit immer mehr durchgeknallte religiöse Sekten. Und sie werden immer mehr. Es ist also seit den 90ern eine Amerikanisierung eher zu bemerken als eine Europäisierung.

Dadurch, dass der Bosnienkrieg damals dazu geführt hat, dass die Amis damals die Al Quaida Bande aus Afghanistan nach Bosnien gebracht haben um so die Muslimen auszubilden und zu kämpfen gegen die Serben, wurde der Islam auch in Europa immer mehr radikalisiert. Natürlich hat dabei auch Erdogans Türkei durch seine Osmanisierung zu einer islamischen Gesellschaft nochmals dazu geführt, dass die Muslime vor allem der DITIB Gemeinden immer konservativer statt liberaler wurden.

Auch die Ahmadiyya Gemeinde, als einzig anerkannte islamische Religionsgemeinschaft des öffentlichen Rechts wie unser Kirchen und Synagogen, ist eine sehr konservative Religionsgemeinschaft. Die haben wir aber auch bei Juden und Katholiken oder Adventisten und was es nicht alles für Sekten gibt. Letztlich alle widersprechen dem ursprünglich europäischen Gedanken der Aufklärung, aber wir diskutieren nur über den Islam. Und alles nur unter dem Deckmantel von Frauenrechten. Dabei geht es nur um spiessige Äusserliche Wahrnehmungen. Heute hat Sascha Lobo den Hahnenkamm etabliert, aber noch vor 30 Jahren war es ein Aufreger. Was hat man in den 70er geschimpft über langhaarige Männer? Die haben Läuse und Krätze weil sie lange Haare haben. Frauen nicht, wenn sie lange Haare tragen?

Es sind also immer die gleichen Argumente, die man in Deutschland anwendet auf Nichtkonformität. Und das ist der springende Punkt.

Worüber wir also immer sprechen ist Konformität und Homogenität, die wir Deutschen so lieben. Frauenrechte sind dabei nur vorgeschoben, wie bei Kriegen die wir führen um Demokratie und Freiheit herbei zu bomben und glauben mit Kriegen den Frieden sichern zu müssen. Es ist völlig absurd.

Worum wir uns kümmenr müssen ist eigentlich etwas völlig anderes. Wir sehen es in München und anderen Bayrischen Urlaubsorten. Dort wo die reichen Scheichs ihre Vermummten Frauen ausführen ist das alles kein Problem. Es ist letztlich immer nur ein Problem wenn es um die proletarische Klasse geht und erzeugt so Kämpfe, die wir wirklich nicht gebrauchen können. Wir sind alle verschieden und dürfen es sein. Aber es gibt einen Kampf, den alle noch nicht verstanden haben:

Geht es der unteren Klasse gut und kann sie sich den Luxus leisten auch dekadent oder fundamentalistisch zu sein, sich in Subkulturen zu organisieren, dann fängt das Kapital an Zwietracht zu schüren, denn dann gibt es die Möglichkeit daraus Profit zu machen, den eigenen Wohlstand zu mehren, denn dann gerät die untere Klasse in ökonomische Nöte und ist mehr damit beschäftigt sich gegenseitig zu bekämpfen und dann kann die Elite mit mahnendem erhobenen Zeigefinger sagen:

Leute ihr müsst uns vertrauen, dass wir schon wissen, wie es laufen muss. Wir sind die einzige stabile Instanz, die für Ordnung und Sicherheit sorgt.

Letztlich macht das Kapital nichts anderes als Imame, Bischöfe und Rabbies.

Zum Abschluss passend dazu:

Im übrigen ist es auch interessant, dass genau dieser Mechanismus von Mohammed genutzt wurde und selbst in dieser Weise damals agiert hatte. Er hatte damals die Rabbies zur Ordnung gerufen, dass sie doch ihre Schäfchen endlich dazu bringen, dass sie nicht mehr Götzendienste an andere Götter leisten sollen, sondern nur an den einen Gott glauben sollen. Mit seiner Umma hatte er sozusagen das Gemeinwesen in Pluralität sogar erfunden, was sich aber auf eine Tatsache im gleichen Denken einigen sollte: Dass es nur einen Gott gibt.

Im unterschied aber zu unseren Eliten ging es dabei nicht darum den Reichtum zu mehren für die Eliten. Das hat sich später allerdings alles geändert, wenn man den Streit in der Nachfolge von Mohammed sich genauer anschaut (Stichwort Schiiten und Sunniten Streit)

Soviel dazu meine 10 cents

denkzone8 21.04.2017 | 13:20

das kapital predigt nicht mit worten zu(tauben) ohren,

es hat zwingenderes,eindringlicheres zu bieten/fordern:

mach dich nützlich in einer form, die zum geld-erwerb führt.

viele(vor allem neue)bedürfnisse fordern: zahlung von geld.

nicht die gemeinde verschafft dir anerkennung,

sondern dein konto.

teilhabe an der gesellschaft ist sekundär, oft imaginiert.

die teihabe am markt(insbesondere am arbeitsmarkt): zwingend.