Brief an einen greisen Denker

Replik auf Sloterdijk Was haben Attentäter im Zarenreich und Silvesterübergriffe in Köln gemein? Wie lassen sich so unterschiedliche Phänomene unter dem Sammelbegriff "Phobokratie" fassen?
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Als Deutschlands „wichtigster und produktivster Philosoph“ der Gegenwart scheuen Sie sich nicht, zu den verschiedensten, kontrovers diskutierten Themen unserer Zeit – von der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung über das Verhältnis zwischen Islam und europäischem Pluralismus bis hin zur Zukunft der Europäischen Union - Stellung zu beziehen. Eine kritische Begleitung der gesellschaftspolitischen Debatten sollte für einen Philosophen zum Standardrepertoire gehören. Dabei bedarf es allerdings der Fähigkeit und Bereitschaft, die eigenen Argumente beständig einer Reflexion zu unterziehen. Dieses Ingenium lässt bei Ihnen noch einiges zu wünschen übrig.
Zu recht werden beispielsweise Konzentration und Verengung gegenwärtiger gesellschaftspolitischer Diskussionen auf die Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“ beklagt und hervorgehoben, dabei handelt es sich lediglich um eine moderne Variante einer uralten Verhaltensweise, die sich durchaus mit "Phobokratie" beschreiben lässt. Indem jedoch so unterschiedliche Phänomene wie sexuelle Übergriffe auf Frauen, Unterdrückung individueller Freiheit durch totalitäre Staatsmacht und Selbstmordattentate auf Marktplätzen – religiös oder politisch motiviert - unter dem Sammelbegriff „Terror“ zusammengefasst werden, lässt man es an eben jener der Übersicht halber geforderten definitorischen Eingrenzung vermissen.
Worin besteht der Zusammenhang zwischen anarchistischen Attentätern in der Spätphase des russischen Zarenreiches und den jüngsten Silvesterübergriffen in Köln? Wie lassen sich antike oder mittelalterliche Phänomene unkonkretisiert unter dem Sammelbegriff "Phobokratie" zusammenfassen? Wie lässt sich dieser Phobokratie sogar nahezu sämtliche neuzeitliche Gewalt zuordnen, die zudem, unabhängig von der Art der Gewaltausübung und der Natur des Gewalttäters, sämtlich mit dem Begriff "Terror" belegt wird? Wäre es nicht ein wenig mehr plausibel, beide Begriffe weniger historisch als mehr inhaltlich zu definieren?
Als Ursache für den "neuzeitlichen Terror" kann durchaus ein Strukturwandel mit einem Rückgang der mittelalterlich konstatierten "kollektiven Furcht vor dem Herrn" angeführt werden. Wie erklärt sich so aber, dass die zeitgeschichtlich bedeutsamste Form des neuzeitlichen "Terror" den Staatsterrorismus beinhalten soll, der ebenso von einem nun - zugegebermaßen abstrakten - "Herrn" in Form totalitärer Staatsmacht ausgeübt wurde und wird, und weshalb wird ausgerechnet dem sogenannten "entstaatlichten Terror" so viel Aufmerksamkeit gewidmet? Gleicht diese Gewichtung nicht der kritisierten Boulevardpresse, die mittels überdimensionierter Berichterstattung des punktuellen Attentats erst dessen flächendeckenden Erfolg ermöglicht? Ein "neues" Phänomen innerhalb dieses Terrors lässt sich in jenen punktuellen Attentaten seit 9/11 ohnehin nicht erkennen, wenn bereits anarchistische Einzeltäter im zaristischen Russland mit punktuellen Aktionen erfolgreich "Terror" ausgeübt haben sollen.
Insgesamt kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, in diesen Definitionsversuchen werden historische und gegenwärtige Ereignisse willkürlich herausgegriffen und einer Kategorie zugeordnet. Der tiefgründigeren Erfassung der dahinter stehenden Phänomene samt ihrer jeweiligen Hintergründe dient diese Methode leider nicht. Stattdessen stiftet sie Verwirrung. Wer hiermit politischen Verantwortungsträgern vorwirft, auf bestehende Gefahren nicht zielgerichtet zu reagieren, muss sich seinerseits vorwerfen lassen, durch seine willkürlichen Zuordnungen gerade dieses zielgerichtete Handeln zu erschweren.
Er unterwirft sich geradezu dem Mantra Carl Schmitts, wonach wahrhaftige Souveränität sich darin zeige, den Ausnahmezustand zu verhängen. Ein solches reflexartiges Reagieren beinhaltet nämlich nichts anderes als die grundlose Verhängung des Ausnahmezustands. Der berechtigten Forderung nach mehr Gelassenheit bei phobokratischen Ereignissen, stünde ein derartiges überstürztes Handeln zudem diametral entgegen.
In diesem Fall wären es nicht Flüchtlinge aus anderen Kulturkreisen, die über den Ausnahmezustand entschieden, sondern jegliche unter dem Oberbegriff "Phobokratie" gefassten Phänomene. Erstaunlicherweise werden bei der unterstellten Anfälligkeit für Phobokratie bestimmte Kulturen, Ethnien oder Religionen herausselektiert. Dies steht dem Anspruch zur Suche nach einer globalen Oberkategorisierung, die der Vereinfachung und des Verständnisses über kulturelle Grenzen hinweg dient, geradezu entgegen. Weshalb soll der Islam anfälliger für Phobokratie sein als das Christentum, wo die Phobokratie doch als uraltes, seit der Antike immer wiederkehrendes Phänomen beschrieben wird? Ist nicht im Namen den Christentums ebenso viel Gewalt ausgeübt worden wie im Namen des Islam? Kann eine Religion oder Kultur überhaupt aus sich heraus eine Phobokratieaffinität besitzen?
Dem Islam Phobokratieaffinität zuzuschreiben und dies aus dem Postulat abzuleiten, er sei ein "juristisches Konstrukt" und komme ohne Theologie aus, zeugt geradezu von fehlender Wahrnehmungsfähigkeit historischer und gegenwärtiger Realitäten. Schließlich wird das islamische Schrifttuhm seit der Offenbarung beständig von Gelehrten ausgelegt und beständig fand und findet eine Debatte darüber statt. Hierin unterscheidet sich die islamische Gelehrtenszene nicht von der christlichen Theologie. Dass politische Machthaber gelegentlich eine bestimmte Auslegung bevorzugen und alle anderen zu verfehmen suchen, ist ebenfalls kein Spezifikum der Islamischen Welt, geschweige denn des Islam.
Nicht das Christentum hat mit der Aufklärung eine inherente "phobokratische Tendenz" verloren, sondern die Herrschenden des christlich dominierten Europas waren weitgehend bereit, sich menschlich gesetzten Verfassungsnormen zu unterwerfen. Diese galten im Übrigen nur für das Zentrum ihres Herrschaftsgebiets, nicht aber für die koloniale Peripherie, der die Europäer glaubten, ihre eigenen Normvorstellungen - nun weitgehend profan legitimiert - ebenso wie mittelalterliche Herren ihren Untertan überzustülpen. Von daher kannte diese vielfach von Muslimen besiedelte Peripherie auch bisher keine andere Form politischer Herrschaftsausübung, als sie wieder muslimischen Regenten übertragen wurde. Diese setzen nun teilweise islamisch legitimiert den Monismus ihrer nichtmuslimischen Vorgänger fort.
Das Wesen der europäischen Aufklärung bestand vielmehr darin, dass die Theologie ihre mittelalterliche Vorrangstellung vor allen anderen Wissenschaften, einschließlich der Jurispudenz, verloren hatte. Eine mutmaßlich geringere Phobokratie im spätneuzeitlichen Europa kann somit gerade nicht auf die Theologie des Christentums zurückgeführt werden. Könnte es nicht vielmehr sein, dass Religion in Europa heutzutage insgesamt einen anderen Stellenwert einnimmt als in der eigenen Historie ebenso wie in der gegenwärtigen Islamischen Welt. Dies wäre auch eine Erklärung, weshalb die wahrgenommene Spezifizierung der Phobokratie als "Terror", die übrigens im postaufklärerischen Europa beginnt, dort säkulare, zum Teil explizit antitheistische Formen annahm.
In diesem Fall wäre die überdurchschnittlich auftretende religiöse Rechtfertigungslogik für neuzeitliche Phobokratie im Orient gerade nicht auf den Islam zurückzuführen, sondern schlicht und einfach darauf, dass die orientalischen Gesellschaften heute religiöser sind als die okzidentalischen. Dies wäre zudem ein Hinweis darauf, dass Phobokratie im Westen mit der Aufklärung insgesamt überhaupt nicht weniger geworden ist, - auch nicht weniger als im Osten - sondern sich lediglich einer säkularen, modernistischen Rechtfertigungslogik unterworfen hat, wonach jede Entwicklung, die den eigenen Normvorstellungen nicht entspricht, zu bekämpfen ist.
Der wesentliche Unterschied zwischen dieser auch in die Philosophie hineinreichenden westlichen Abwehrmentalität gegen das Fremde und den militanten Strömungen innerhalb des heutigen Islam besteht lediglich darin, dass erstere zumindest subjektiv auf einen - wie auch immer gearteten "Fortschritt" hinauszielt, während letztere sich an ein Idealkollektiv der Vergangenheit klammert. Beide sind jedoch nicht bereit, sich der Gegenwart zu stellen. Die Fixierung auf Nationalstaat und sichere Grenzen orientiert sich zwar an einem neuzeitlichen Konstrukt, es handelt sich prinzipiel jedoch ebenso um eine Nostalgie an ein Imperium der Vergangenheit wie die Kalifatsträume radikaler Islamisten.
In beiden Konzepten offenbart sich neben utopischer Vergangenheitsfixierung die Sehnsucht nach Kontrolle und Vorherrschaft, die man für die eigene Zivilisation auch gegenwärtig beansprucht. Dem Faktum einer globalen Weltgesellschaft, in der sich die divergenten Kulturen und Religionen auf Augenhöhe begegnen, werden beide Ideale nicht gerecht. Ebenso wie die islamische Gemeinschaft für ihre Weiterentwicklung heute einer Reflexions- und Dekonstruktionsfähigkeit bedarf, sollten westliche Philosophen ihre aufgegriffenen und zu Verallgemeinerungen zusammengefassten Postulate beständig hinterfragen.
Zum produktiven philosophischen Denken gehört nicht nur eine Sythese aus Leitsätzen, die anderenorts aufgenommen werden, sondern auch die Anwendbarkeit daraus entwickelter Theorien für die gesellschaftspolitische Praxis. Der berechtigten Forderung an Journalisten und Medienproduzenten, sich um Neutralisierung und Objektivierung zu bemühen, sollten sich auch produktive Philosophen unterwerfen. Schließlich liefern diese den Medienkommentatoren die argumentativen Stichworte. Die "Vergeistigung" einer Gesellschaft geht zuerst dort abhanden, wo die Vertreter des Geistes sich der Tendenz zu Verallgemeinerung, zur unreflektierten Aufnahme aufgegriffener Thesen und Übertragung vorgefundener Phänomene auf andere Kontexte und Zivilisationen hinreißen lassen.
Wenngleich es sich weniger um eine Befreiung vom "religiösen Gesetz" handelte, sondern mehr um eine Zurückdrängung der Theologie sowie die Beendigung ihrer Vormachstellung gegenüber profaner Wissenschaft, lässt sich nicht bestreiten, dass Modernisierung in Europa auch mit einem neuen Verständnis des Christentums einherging, das es erschwerte, politische Herrschaft christlich zu legitimieren. Allein die Tatsache, dass in der Islamischen Welt politische Akteure sich aktuell wieder verstärkt auf die Religion berufen, kann jedoch nicht als Beleg herhalten, der Islam lasse - anders als das Christentum - eine Theologie sowie divergente und zeitgemäße Interpretationen nicht zu. Wer zu dieser Schlussfolgerung gelangt, übersieht die Tatsache, dass die pluralen, politisch sich auf den Islam berufenden Strömungen in der Praxis zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangen.
Modernisierung und Überwindung phobokratischer Elemente bedeuten anscheinend für manchen, sich in der Komplexität der realen Moderne nicht zurecht findenen westlichen Denker, einen weltweiten Nachvollzug der Entwicklungen, welche das neuzeitliche Europa durchlaufen hat. Diesem Wunschbild nach sollten die Europäer offenbar nicht nur weiterhin die alles beherrschende Zivilisation wie im späten 19. Jahrhunderts, dem Zeitalter des Klassischen Nationalstaates, darstellen, sondern auch eine weltweite Vorreiterrolle im Verhältnis von Staat und Religion übernehmen. Um die eigene Reaktion zu rechtfertigen, werden Kulturen und Religionen sowie jegliche Kollektive, die dazu nicht bereit oder in der Lage sind, pauschal als "reaktionär" abgestempelt.
Mit dieser Denkweise verkommen "Demokratie und Modernität" zu Vokabeln, um jegliche Andersheit auszulöschen und das eigentlich unauslöschbar Fremde beim Anderen herausamputieren zu lassen. Es ist eigentlich nur eine neue Form des Totalitarismus, die nur einen Weg - nämlich den eigenen - für akzeptabel und zielführend erklärt. Diese Monodemokratie steht dem in demokratischen Verfassungen vorgegebenem Grundsatz der Pluralität in gleicher Weise entgegen wie die Egalitätssysteme des Faschismus und Realsozialismus. Sie ist eine neue Form der Phobokratie, wenn nicht des Terrorismus. Anstatt einer biologischen Rasse und eines sozialen Standards wird nun der allseits anzustrebende Prototyp lediglich durch eine vorgezeichnete und zumeist fiktive gesellschaftliche Entwicklung markiert.
Lernen Sie die fremden Kulturen kennen, überzeugen Sie sich von ihrer Kreativität und ihrem Entfaltungsreichtum, dann wird Ihnen gewahr werden, dass die Phobokratie nur derjenige zu überwinden in der Lage ist, der den Anderen in seinem Anderssein stehen lässt, ihn aber zugleich als Menschen willkommen heißt. Orientieren am Gebot der Stunde heißt, Austreten aus den eingefahrenen Pfaden und sich auf die Fremdheit einlassen. Auf diese Weise hat neues Denken auch im fortgeschrittenen Alter noch eine Zukunft.
Mohammed Khallouk

20:45 16.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Dr. phil. Mohammed Khallouk

Mohammed Khallouk ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er publiziert zu zeitgeschichtlichen Themen, wie zum Verhältnis Westen und Islam.
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