„Dekonstruktion ist ja nicht Destruktion“

Interview Der Philosoph Rachid Boutayeb über Islam, Sexualität und Sprache – und seine Idee der solidarischen Kritik

Der Freitag: Herr Boutayeb, „Orgasmus und Gewalt“ ist Ihr zweites Buch über den Islam. Warum interessieren Sie sich für solche Fragen?

Rachid Boutayeb: Es gibt verschiedene Gründe. Sie haben mit meiner eigenen Biografie zu tun und sich aus meinen Lebenserfahrungen in einer pluralistischen Gesellschaft hier in Deutschland ergeben. Ich sah mich gezwungen, mich tiefgründig und zugleich kritisch mit dem Islam auseinanderzusetzen. Das Büchlein ist ein Stein in einem größeren Projekt mit dem Ziel der „Dekonstruktion des Islam“. Dekonstruktion ist ja nicht Destruktion. Und ich möchte mich auch nicht mit der Wiederaufbereitung der Klischees in den westlichen Medien begnügen. Meine Herangehensweise ist unvoreingenommen, gleichzeitig entlarvt sie die Momente der Gewalt im religiösen Text und im religiösen Erbe, ohne die Religiosität als solche in Frage zu stellen. Die Religiosität bleibt eine wichtige Dimension des menschlichen Lebens. Sie zu leugnen ist eine der großen Schwächen der Moderne. Mit anderen Worten: Ich strebe eine solidarische Kritik an, eine Kritik, die den Horizont der Pluralität erweitert und nicht begrenzt. Die Toten rächen sich, nicht zuletzt deshalb brauchen wir die Dekonstruktion.

Sie kritisieren den Monotheismus und gleichzeitig verteidigen Sie die Religiosität. Besteht darin nicht ein Widerspruch?

Natürlich, wenn Sie meine Worte als moderner Geist oder als ein traditioneller Muslim oder Christ lesen, finden Sie darin nichts als Widersprüche. Meine Widersprüche sind aber Ausdruck einer geistigen Unruhe, die sich mit der herrschenden Wahrheit nicht versöhnen will. Gewiss ist die Religiosität nicht auf den Monotheismus zu reduzieren. Deshalb ist eine der Aufgaben der Dekonstruktion des Islam, nicht den Islam als solchen zu verteufeln, sondern eher einen bestimmten Islam oder besser gesagt eine engstirnige Lesart, die die Frau, den Sohn und den Fremden und dadurch die Dimension der Zeit marginalisiert und unterdrückt, bloßzustellen. Der eigentliche Islam ist, was wir leben, und nicht, woran wir glauben. Der Glaube in sich ist lediglich ein winziger Teil des Lebens.

Zur Person

Rachid Boutayeb wurde 1973 in Meknès, Marokko, geboren. Er studierte Islamwissenschaften in Rabat sowie Philosophie und Soziologie an der Philipps-Universität Marburg. Boutayeb war Kulturkorrespondent bei der panarabischen Zeitung Al-Hayat in London. Orgasmus und Gewalt: Minima islamica ist Ende 2014 bei Alibri erschienen (96 Seiten, 9 €)

Sie beschreiben die Frau innerhalb der islamischen Gesellschaften als ein orgasmusloses Wesen. Starker Tobak. Gilt das auch für die Frau in der kapitalistischen Gesellschaft?

Ich beschreibe nur, was ich sehe und erlebe. Deshalb kann ich nicht behaupten, dass die Frau innerhalb des Kapitalismus dasselbe Schicksal erleidet wie in einer religiös geprägten Gesellschaft. Der Kapitalismus hat viele emanzipatorische Seiten, aber auch sie sind mit Vorsicht zu genießen. Er hat nicht die Frau als Person, sondern ihre Arbeitskraft befreit. In dieser Hinsicht ist der Kapitalismus auch eine orgasmuslose Gesellschaft. Damit man mich nicht falsch versteht: Eine orgasmuslose Gesellschaft ist nicht eine Gesellschaft ohne Sex, sondern eine Gesellschaft ohne Lebensfreude, wo die Sexualität nicht mehr als eines von den vielen Konsumgütern darstellt und keinen Teil der menschlichen Identität. Der Sex hat in der kapitalistischen Gesellschaft seine emanzipatorische Natur verloren. Wir brauchen eine zweite sexuelle Revolution, die das Perverse gegen das Reine und Käufliche fordert.

Wie definieren Sie das islamische Subjekt?

Wenn man unbedingt das islamische Subjekt zu definieren sucht, dann ist es unabdingbar, seine Beziehung zu den religiösen Autoritäten zu analysieren. Es handelt sich, kurz und bündig, um ein Subjekt, das nicht spricht. Hierin liegt der Grund der Krankheit der islamischen Gesellschaften unserer Zeit. Die Sprachfähigkeit ist mit der Freiheit tief verbunden. Die Bedingung der Sprache ist Freiheit. Wer ein Sklavenleben führt, unterscheidet sich nicht vom Tier. Auch Tiere rebellieren gegen Willkür. Das islamische Subjekt ist von der Angst besessen. Es handelt sich um eine tief verankerte Angst, die mit einem dogmatischen Verständnis der Religion, aber auch mit dem orientalischen Despotismus zusammenhängt. Diese Angst zu dekonstruieren, hat das islamische Denken bislang versäumt. Weil es nicht in der Lage war und ist, über sich hinauszuwachsen.

Was heißt das, „über sich hinauswachsen“?

Es geht wieder um Sprache. Das islamische Denken verschweigt die tatsächlichen Probleme der Gesellschaft. Wenige muslimische Denker haben sich bislang Gedanken über den muslimischen Menschen, seinen Alltag, seinen Körper, seine Sexualität, kurz gesagt: über sein Leben gemacht. Das sollte sich ändern.

06:00 22.01.2015
Geschrieben von

Mohammed Khallouk | Dr. phil. Mohammed Khallouk

Mohammed Khallouk ist Politologe und Islamwissenschaftler. Er publiziert zu zeitgeschichtlichen Themen, wie zum Verhältnis Westen und Islam.
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Dr. phil. Mohammed Khallouk

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