Bonbons von der Maklerin

Eventkritik Die "Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen" in Berlin bot als Event so einiges – auch Proteste. Linke Gruppen demonstrierten bei der Veranstaltung gegen steigende Mieten

Vor dem Berliner Congress Center am Alexanderplatz herrscht Ausflugsstimmung. Promo-Frauen verteilen Routenpläne, am Pressestand wird Kaffee ausgeschenkt, die Hop-on-Hop-off-Busse stehen bereit zur "Langen Nacht der Wohnungsbesichtigungen". Die Ziele lauten Charlottenburg, Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte, Neukölln, Prenzlauer Berg, Schöneberg und Wedding.

Die Internet-Immobilienbörse ImmobilienScout24 will mit diesem Event Wohnungssuchenden "eine charmante und erlebnisreiche Alternative zu den oft zeitraubenden Besichtigungsterminen" anbieten, so der Pressetext. Es sollen aber auch Berliner teilnehmen, die nicht dringend eine Wohnung suchen, sich aber mal "bequem ein paar Inspirationen holen möchten". Etwa 150 Wohnungen können besichtigt werden.

Nicht alle sind von der Idee begeistert. Angesichts schnell steigender Mieten in Berlin empfinden manche die Eventisierung der Wohnungssuche als geradezu zynisch. Linke Gruppen hatten im Vorfeld im Internet Protestaktionen angekündigt, speziell für die Gentrifizierungsbezirke Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Nudisten, Wohnungsbesetzer, aber auch Tagger ("Der Edding 800 ist der Freund der Nacht") drohten damit, die nächtlichen Wohnungsbesichtigungen zu stören.

Wer ist ein echter Wohnungssuchender?

Beim Einsteigen am Alexanderplatz ist davon noch nicht viel zu spüren, außer vielleicht, dass der Andrang am Bus-Shuttle nach Kreuzberg stärker ist als bei jenen nach Wedding oder Schöneberg. Das Presseaufgebot ist enorm, etwa die Hälfte der Bus-Insassen ist mit Kameras, Mikrophonen und Fotoapparaten ausgestattet. Schon auf der Fahrt entbrennt ein regelrechter Kampf um echte Wohnungssuchende, die es zu interviewen gilt. Ein junges Mädchen verweigert jegliche private Auskunft und ist nach 10 Minuten so genervt, dass sie überlegt gleich wieder nach Hause zu gehen.

Einige elegant gekleidete BWL-Studentinnen outen sich derweil als Mitarbeiterinnen einer Agentur zur Entwicklung von Marketingkonzepten, die "Strategien zur Optimierung von Immobilienservices" entwickeln wollen. Auch sie suchen händeringend Probanden für ihre Studien und äußern sich über den Mangel echter Wohnungssuchender enttäuscht: "Wir hätten den Bus nach Charlottenburg nehmen sollen!"

Der Busfahrer erzählt nostalgische Kiez-Geschichten über das Kreuzberg der 1980er Jahre, das SO36 und wie gut damals alle miteinander ausgekommen sind. Am Schlesischen Tor hält der Bus das erste Mal an. Zwei Wohnungen in der Schlesischen Straße gilt es zu besichtigen. Ob und wann der Shuttlebus einen wieder abholt, ist unklar. Das bunte Trüppchen wird seinem Schicksal überlassen, die Organisation funktioniert doch nicht so vorbildlich wie es zunächst den Anschein hatte.

Dunkel gekleidete Sicherheitsmänner sind vor dem Haus Nr.14 postiert. Die Ankündigungen im Internet haben offenbar Wirkung gezeigt. Ein unfreundlich dreinblickender Mann regelt den Einlass zur 100-qm-Mietwohnung im Quergebäude. Nur drei Personen dürfen auf einmal in die Wohnung, die Presse drängelt, die paar echten Interessenten sind genervt. "Ich bin nicht zum Fotos machen hier", schimpft der finstere Türsteher. Ganz in RTL-II-Manier klingelt währenddessen ein Kamera-Team bei den Nachbarn klingelt und versucht sich dort Einlass und ein paar griffige O-Töne zu verschaffen.

Eine Rotweinflasche auf der Spülmaschine

In der zur Besichtigung bereitstehenden Wohnung erwartet die Besucher die perfekte Inszenierung. Indirekte Beleuchtung, dezent in die Ecken gelehnte Gemälde und auf der Spülmaschine steht eine Flasche Rotwein nebst zwei Gläsern. Die Maklerin sitzt irritiert ob der vielen Kameras im Wohnzimmer und hält neben Informationsbögen auch Bonbons bereit.

Plötzlich ertönt laute Punk-Musik aus dem Vorderhaus. Es geht los. Der erwartete Protest ist da. Alles stürmt nach draußen. Bewohner des Hauses scheinen sich mit hinzugekommenen Linksautonomen verabredet zu haben, die Party findet im und vor dem Haus statt. Protestrufe werden skandiert, die Presse und jeder, der des Weges kommt, wahllos beschimpft.

Während der kurzen Wohnungbesichtigung hat die Polizei auf der Straße bereits mit Einsatzwägen Stellung bezogen. Die Mitglieder von Avanti – Projekt undogmatische Linke breiten ihre Transparente aus, sie möchten friedlich und ernsthaft demonstrieren, betont ihre rhetorisch gewandte Pressesprecherin. In der Straße flackert das Blitzlichtgewitter des Pressegeschwaders. Es kommt zu einzelnen Aufeinandertreffen zwischen Polizei und Punks. Eine junge Frau wird verhaftet. Weshalb? "Sie hat geschmiert!", heißt es von der Polizei.

Ab zu Haus Nr. 20

Die ganze Straße ist mittlweile voll mit schaulustigen Passanten. Die Polizisten schalten ihr Blaulicht ein und machen sich auf zu Haus Nr. 20, wo die zweite Wohnungsbesichtigung stattfinden sollte. Die Presse sprintet hinterher. Hier ein ähnliches Bild, einzelne Autonome mit Ghettoblaster trinken Bier und rufen: "Mietenstopp!"

Vereinzelte Teilnehmer der ursprünglichen Veranstaltung bahnen sich ihren Weg durch die Menschenmenge, eine Besichtigung ist allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich, heißt es. Die "Lange Nacht der Wohnungsbesichtigung" ist – zumindest in der Schlesischen Straße – doch recht kurz. Ein Student aus besserem Hause sagt: "Ach, die demonstrieren hier wieder wegen der steigenden Mieten und so ..." Es klingt mitleidig.

16:40 21.10.2011
Geschrieben von

Sophia Hoffmann

Sophia Hoffmann ist Köchin und Autorin. Als Aktivistin setzt sie sich für soziale Gerechtigkeit und Feminismus ein.
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