Fischstäbchen gefällig?

Eventkritik In einem Kreuzburger Club sind nicht Fischgerichte, sondern Fischgedichte gerade sehr angesagt. Da treffen sich Aquarianer und Nicht-Aquarianer, um Kiemen-Lyrik zu hören

Eigentlich sollte es die schönste Sternschnuppen-Nacht des Jahres werden, doch am Berliner Nachthimmel hängen nur dicke Gewitterwolken. Da kann man sich dann auch getrost in den Kreuzberger Club "Ritter Butzke" begeben. Dort findet jeden Donnerstag der Zirkus Halligalli statt, ein von Veranstalter Jan Kage in bester Zirkusdirektor-Manier moderierter bunter Abend. Es gibt Live-Musik, DJs, Kunst und manchmal auch eine Lesung. Heute unter dem Motto "Fischgedichte". Was, bitteschön, soll das sein?

Ich treffe Arezu Weitholz, die Verfasserin der heute vorzutragenden Gedichte. Wie kommt sie zu so einem speziellen Hobby? Nicht ihre Liebe und Passion zu glitschigen Wasserbewohnern hat sie zu dieser Unterart der Naturgedichte gebracht, sondern der pure Zufall. Mit ihrer Mutter im Seeurlaub versuchte Weitholz die etwas öde, von Gesprächsarmut geprägte Atmosphäre aufzulockern und erfand zur Unterhaltung ihr erstes Fischgedicht. Die Mutter kicherte, ein kleiner Erfolg.

Daraufhin begann sie immer freitags Freunde und Bekannte über ihren E-Mail-Verteiler mit einem Fisch-Poem zu beglücken. Aufgrund eines umfang- und einflussreichen sozialen Netzwerkes (Weitholz ist Textdramaturgin, Songtexterin und Journalistin) kam es, dass die Fische immer größere Bahnen zogen und schließlich ihr erster Lyrik-Band Mein lieber Fisch: 44 Fischgedichte bei Weissbooks veröffentlicht wurde. Der hat mittlerweile eine zweite Auflage bekommen und im Herbst erscheint im Vorausblick auf das Weihnachtsgeschäft Merry Fishmas: 44 Weihnachtsgedichte.

Rentner rezitieren Fischgedichte

Es ist also schon einiges passiert in der Welt der Fisch-Lyrik: Merchandise-T-Shirts , themenbezogene Animationsfilme befreundeter Künstler, Spezial-Schaufenster in einem bekannten Berliner Buchladen, die Aufmerksamkeit prominenter Fischfreunde und in diesem Zusammenhang geplante Hörbücher, reizend rezitierende Rentner in Internet-Videos, Schulklassen, die die Gedichte bildlich umsetzen, das volle Programm. Jede Vermarktungsmöglichkeit wird für die Fische ausgeschöpft, vollkommen legitim natürlich, um nicht als brotlose Existenz zu enden, doch umso mehr wächst beim Besucher die Spannung auf das eigentliche Werk, die Essenz, die Gedichte.
Die Lesung beginnt.

Von der Autorin gefertigte Fisch-Illustrationen werden auf der Bühne gezeigt. Zusammen mit Götz Bühler trägt Weitholz ihre Gedichte vor. Diese sind nett, ein bisschen lustig, gefällig. Am Besten sind zumeist die ganz kurzen, die sogenannten Fischstäbchen. Wie ein Haiku mit weniger strenger Reimvorgabe.

Der Hunger wurmte ihn so schlimm,
da biss er an, jetzt isser hin.

Inhaltlich, so wird schnell klar, kann man natürlich mit Fischen alles machen. Und in Weitholz' Kosmos ähneln manche glitschigen Gesellen auch Menschen verblüffend. Da gibt es: Alkoholikerfische, bärtige Fische, Gangsterfische, Cowboyfische, ängstliche Fische, Nasenfische, Fischträume und Quallenballett. Ein großes Reim- und Wortspielpotential bietet vor allem die Namensvielfalt der Fischwelt. Man denke nur an den Stichling, den Gabelwels, den Kochfisch oder den Trompetenfisch. Das reicht noch für einige Reime. Doch was hat der Deutsche wirklich für ein Verhältnis zum Fisch? Prinzipiell hat er zwei, das Kulinarische und das Fürsorgliche.

Zweigeteiltes Verhältnis

Wobei das Kulinarische gerne mit Angelsport verbunden wird, also dem persönlichen Erlegen und Töten. Dabei gibt es viel mehr Menschen, die ihren Köder in Forellenteiche werfen als solche, die durch Wälder ziehen und Böcke erlegen oder in ihrer Freizeit mal ein Schwein schlachten würden. Genauso sagen unzählige Deutsche, sie seien Vegetarier obwohl sie Fisch sehr wohl essen, das sei ja kein Fleisch! Aber es ist doch genauso ein Tier, wo ist denn da die Logik? Wird der Fisch zum „Nichttier“ weil er schwimmt und nicht watschelt, weil einmal aus dem Wasser gezogen, also in unserer Welt, sowieso nicht überlebensfähig wäre? Weil er nicht so stark blutet wenn man ihn aufschneidet? Man weiß es nicht ...

Aber es gibt noch die andere Seite: die Heger und Pfleger, sogenannte Aquarianer, fasziniert von der privaten Unterwasserwelt. Sie investieren irre viel Geld in wohnzimmerfüllende Becken und lassen ihre Luxus-Kois hoch versichern, weil diese mittlerweile begehrtes Diebesgut sind. Sie züchten Guppys und organisieren sich in Vereinen und Clubs. Was diese Menschen eint, ist die Liebe zum Fisch.

Auch Arezu Weitholz ist mittlerweile Aquarianerin geworden, allerdings eher ungewollt durch ein geschenktes Becken samt Inhalt. Irgendwie finde sie es schon ganz schön, sagt sie, aber wegfahren sei jetzt halt immer so schwierig und die Zeitschaltung zur automatischen Reinigung funktioniere auch nicht optimal.

Man wird das Gefühl nicht los, dass es sich bei der Autorin mit dem Aquarianertum genauso verhält wie mit der Fischgedichte-Erfolgsstory. Die absolute Leidenschaft ist nur begrenzt zu spüren, das Ganze ist Zufall, es hat sich halt so ergeben. Aber es gibt schlechtere Unterhaltung, und so bleibt nur den Abend abschließend mit einem eigenen Fischstäbchen zu kommentieren:

Gedichte kann man viele schreiben,
doch lässt das Plankton das schön bleiben.
Es ist ihm nämlich scheißegal,
frisst es doch bald der Buckelwal.

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Geschrieben von

Sophia Hoffmann

Sophia Hoffmann ist Köchin und Autorin. Als Aktivistin setzt sie sich für soziale Gerechtigkeit und Feminismus ein.
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