Harmonische Farbenlehre

Eventkritik Tätowierungen sind heute kein Tabu mehr. Die Körperkunstwerke sind ebenso vielfältig wie deren Interessenten. Besuch beim Tattoo-Kongress in Berlin
Harmonische Farbenlehre
Tattoo-Contest-Teilnehmer genießen es, sich von der Jury begutachten zu lassen

Foto: Lars Reimann/Imago

Außenstehende würden mich wohl zur Kategorie „stärker tätowiert“ zählen. Die Anzahl der Bilder auf meiner Haut kann ich nur schätzen, dafür sind es mittlerweile zu viele. Ich bewege mich aber weder in einer „Hacker-Szene“, noch war ich je auf einer Tattoo-Convention. Warum also nicht einfach mal gucken?

Durch einen schmalen Spalt im schweren schwarzen Vorhang betritt man an diesem verschneiten Samstagnachmittag die Arena, eine große Halle in Berlin-Treptow. Drinnen ist es warm, fast stickig, und es herrscht rege Betriebsamkeit. Die Luft ist erfüllt vom Geräusch der Tätowiermaschinen, das an das Surren von Wespennestern erinnert. Die Hauptgänge in der Halle tragen Straßennamen, die nach legendären Tätowierern wie dem Hamburger Herbert Hoffmann benannt sind.

Wie bei einer normalen Messe reihen sich dicht gedrängt über 250 Stände aneinander, die alles bieten, was nur im Entferntesten mit der Materie zu tun hat: Maschinen, Nadeln, Heilsalben, Piercingschmuck in allen erdenklichen Formen, mit Tattoo-Motiven bedruckte T-Shirts und Taschen, Bücher, Magazine und Voodoo-Puppen im Sonderangebot. Die Mehrzahl der Aussteller sind Tätowierer, die vor Ort ihre Dienste anbieten. Sie kommen aus Spanien, Russland, Polen, den USA, manche sogar aus Südostasien und Neuseeland – entsprechend vielfältig sind ihre Stilrichtungen. Einige sind auf Porträts spezialisiert, andere auf Asian Style, Tattoos mit Drachen aus der asiatischen Mythologie. Beim Nachwuchs ist „New Traditional“ gerade gefragt, moderne Interpretationen traditioneller, oft symbolbeladener Motive.

Eine Selbstverständlichkeit

Tätowiertsein hat im Jahr 2012 nichts Ausgefallenes oder Anrüchiges mehr, es ist eine Selbstverständlichkeit. Exotisch gilt in manchen Kreisen schon, wer keine Bilder auf seinem Körper trägt. Natürlich soll der Bankangestellte seine Tattoos im Büro nicht offen zur Schau stellen, aber so lange sie bis Dienstschluss unter seinem Hemd verschwinden, nimmt keiner daran Anstoß. Die bunten Bilder sind längst vom Mainstream vereinnahmte Subkultur.

So unterschiedlich wie die dargebotenen Stile bei der Convention sind auch die Gäste. Es gibt Fachpublikum, Familien mit Kinderwagen, solariumgebräunte Discokönige, aufgebrezelte Mädchen mit Rockabilly-Freunden und ganzkörpertätowierte Selbstdarsteller, die es genießen, von Fans fotografiert zu werden. Betrachtet man das Publikum etwas näher, gewinnt man aber den Eindruck, dass die meisten gerade die Mischung aus Subkultur und Mainstream anzieht. Sie wollen Teil einer Community sein, die sich ein bisschen bunt, ein bisschen verrückt, aber im Grunde doch auch recht bodenständig gibt. Man zeigt, was man hat, aber nur in Maßen.

Ein Kunstwerk soll es sein

Auf der großen Bühne am Hallenrand beginnt gerade ein Tattoo-Wettbewerb. Die Kandidaten flanieren an der Jury vorbei, die mit strengem Blick die dargebotenen Extremitäten mit bunten Bildern mustert. Der Moderator, ein freundlicher Rocker mit ergrautem Pferdeschwanz, liest routiniert Namen und Herkunft der Werke von einem Zettel ab. Ab und zu fordert er etwas unvermittelt Applaus, etwa „für alle Artists der ehemaligen GUS-Staaten“ oder „die weitgereiste Teilnehmerin aus Taiwan“. Doch die Fans vor der Bühne interessieren sich vor allem dafür, Fotos zu schießen. Eine stark tätowierte Spanierin genießt ihren Auftritt offensichtlich besonders. Nur mit Stringtanga bekleidet posiert sie minutenlang mit lasziv-gelangweiltem Gesichtsausdruck, Blitzlichtgewitter.

Der Moderatoren-Rocker sinniert über die einmalige Atmosphäre der Veranstaltung, die herrschende Harmonie der „Hautfarben“ und darüber, dass all diese bunten Menschen doch genauso normal und anständig seien wie jeder andere Bürger auch. Mit dem Imagewandel und der Omnipräsenz der Tätowierungen geht eine zunehmende Betonung des Handwerks einher. Viele wollen sich nicht irgendein Bild stechen lassen, ein Kunstwerk soll es sein.

Die Betonung der Qualität fördert neue Strömungen. Avantgardistische Ausnahmetalente wie der Kanadier Yann Black gelten als anerkannte Künstler, und vermehrt greifen Kunstakademie-Absolventen und Grafikdesigner zur Nadel. In kreativen Kreisen ist Tattoo Artist mittlerweile ein angesehener Beruf, der in durchgestylten Shops und nicht in dunklen Hinterzimmern ausgeübt wird. Einrichtungen wie das AKA in Berlin-Neukölln verbinden die Idee von Kunstgalerie und Studio miteinander. Manche Fans reisen Tausende Kilometer und nehmen lange Wartezeiten in Kauf, um sich zu horrenden Preisen von einem der Shootingstars verschönern zu lassen.

Ohne die neuen Stars

Von diesen „jungen Wilden“ fehlt auf der Berliner Convention allerdings jede Spur. Sie haben es wohl nicht nötig, sich auf Massenveranstaltungen herumzutreiben. Ihr Ruhm verbreitet sich übers Internet, wo sie in Online-Magazinen und Fotoblogs verehrt werden. Sie gehören einer Generation an, die sich bewusst von den älteren Herren mit grauen Pferdeschwänzen distanziert. Zwar verehrt man noch dieselben Urväter und bedient sich derselben Symbolik, aber die Szene ist eine vollkommen andere. Die Kunden sind Hipster, die maßgeschneiderte Anzüge zum Tattoo tragen.

Die Convention ist dagegen ein familienfreundliches Spektakel, bei dem die Beachtung bestimmter Coolness-Codes zugunsten einer grundsätzlichen Offenheit vernachlässigt wird. Das Richtige für einen Wochenendausflug, von dem so mancher Gast ein unter Plastikfolie durchschimmerndes Souvenir auf seiner Haut behält.

Ich selbst kam nicht in Versuchung, mir ein weiteres Tattoo zuzulegen. Ich habe mich dafür mit bunten Aufnähern eingedeckt, die in einer Wühlkiste neben den Voodoo-Puppen angeboten wurden. Tattoos für Weicheier gewissermaßen, die man sich auf Jacken und Hosen bügeln kann. Dauerhaften Körperschmuck lasse ich mir doch lieber im stillen Kämmerlein stechen.

13:05 12.12.2012
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