Die Sache mit der Chancengleichheit (Teil 1)

Jena Die russischen Besatzungstruppen sind abgezogen, die Kasernen liegen wie die Industrie brach. Das einzige was floriert, sind Arbeitslosenzahlen und die Unzufriedenheit.
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Die Sache mit der Chancengleichheit (1)

Wende und Ende

„Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“Jena, Thüringen, Universitätsstandort, zwischen Wende und Jahrtausendwende: Die russischen Besatzungstruppen sind abgezogen, die ehemaligen Kasernen liegen wie die zusammengebrochene Industrie brach. Das einzige was floriert, sind die Arbeitslosenzahlen und die Unzufriedenheit. Akademiker und NSU, Amphetamin und Aufbruch, Gewalt und Gentrifizierung. Und mittendrin: Daniel. Eine wahre Katastrophe, und der Showdown in Magdeburg.

Dezember 1999. Wie es sich anhörte, als die Möbel seines Jugendzimmers ihren Weg durch das Fenster im ersten Stock nach außen fanden und unten gleichsam der Glasscheibe nur Momente später ihre ursprüngliche Form aufgeben mussten, das kann er nicht sagen. Auch über das Flugverhalten seiner Landser- und Störkraft-CDs, welche denselben Weg einzuschlagen hatten, kann er keine Auskunft geben. Daniel war zu dem Zeitpunkt schon geflüchtet – wiedermal. Das Geräusch des Berstens der Vakuumröhren seines Monitors und des Fernsehers auf dem winterhartgefrorenen Boden hinter dem Ein-Familienhaus kann man somit auch nur erahnen. Zu jener Zeit hatten die Monitore und Fernseher noch die Form eines Würfels oder Quaders. Fernseher hatten sie in diesem Stadtviertel alle. Zeit, um hineinzuschauen, hatten sie auch alle. Computermonitore kannte auch jeder – aus dem Arbeitsamt.

Jenes über 200 Meter lange Gebäude im Jenaer Stadtteil Lobeda, 6 Etagen, stolze 7 Hausnummern, Fritz-Ritter-Straße 38-44, Arbeiterwohnheim bis zum Ende der 90er Jahre – Ground Zero –, barg genug Platz für die plötzliche Heerschar an Arbeitslosen. Heute birgt es Platz für ganze 489 Wohneinheiten. Daniel sollte dieses Gebäude noch kennenlernen, nicht als Bewohner.
Aber bis dahin hatte er ganz andere Probleme. Denn er war soeben geflüchtet von zuhause, weg von der Gewalt, weg von den Eltern, weg vom Suff, auf die Straße, die ohnehin sein zuhause war.

Die Geräuschkulisse zerberstender Möbelstücke und Fernsehröhren nimmt Daniel nicht mehr war, aber ihm schmerzt der Hals. Minuten vorher packte ihn sein Vater an eben jener später schmerzenden Stelle, hob ihn mit einem Arm hoch und warf ihn auf den zum Abendbrot gedeckten Küchentisch. Das war kein Problem, sein Vater, Feuerwehrmann, Judoka, wog immerhin doppelt so viel wie Daniel. Er erinnert sich noch an die wackelnde Küchenlampe, an das Geschrei seiner Mutter, an die Panik seines jüngeren Bruders. Er erinnert sich an seine eigenen alkoholisierten Worte, die seinem ebenso alkoholisierten Vater galten: „Komm doch her, Du Schwein“. Er kam. Auslöser der ganzen Sache war, dass Daniel auf der Straße mal wieder sein Temperament durchgegangen ist und davon berichtete. Eine Schlägerei draußen, Daniel fühlte sich provoziert, das Übliche eben. Dann die Schlägerei drinnen, sein Vater fühlte sich provoziert, das Übliche eben. Mit 13 wurde Daniel zu ersten Mal von der Polizei nach Hause gebracht, bewaffneter Diebstahl. Damals wurde sein Zimmer zum ersten Mal von seinem Vater auseinandergenommen und davor wurde Daniel auseinandergenommen, nicht zum ersten Mal. An das erste Mal durchlebter Gewalt erinnert er sich nicht, nur daran, wann er es als zum ersten Mal als übertrieben empfand.
Daniel brach als kleines Kind im Eis ein, daraufhin wurde er auseinandergenommen, das fand er übertrieben. Er war stets sehr neugierig, das brachte ihn oft ihn Schwierigkeiten. Einmal buddelte er ein Stück rohes ungeschliffenes Glas aus. Wo der Mangel groß war, wurde auch schon mal Schotter mit den schimmernden Relikten der untergegangenen ostdeutschen Optikindustrie vermischt, um Schlaglöcher auf Nebenstraßen zu stopfen. Er warf das wuchtige Stück senkrecht in die Luft, wollte sehen was passiert, und es kam auf dem Kopf seines Bruders zu Fall. Der Vater war darüber so erbost, dass er Daniel die Treppen hinabwarf. Schwarz, Stille, Ohnmacht.

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1997, Daniels Jugendweihe, Volkshaus Jena, Foto privat

In den Dezemberabend ist nun ebenso Stille eingekehrt. Daniel läuft ziellos durch Jena Süd, das ehemalige Arbeiterviertel der Stadt, sein Viertel. Man konnte immer riechen, wenn es Winter wurde, ein Jeder heizte und erwärmte sein Wasser mit Kohle. Und wenn es still wurde, dann hörte man die Maschinen, das elektrische Surren der angrenzenden Fabriken. Carl Zeiss Jena, Schott, Jenapharm. Bis zur Wende arbeiteten 30 000 Menschen im Kombinat VEB Carl Zeiss, das entsprach der Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung dieser 100 000 Einwohner zählenden Stadt. Nach der Wende brach der Absatzmarkt für die Firmen weg, die dieses Viertel ernährten. Von 1990 – 1991 entließ alleine Carl Zeiss Jena über Nacht rund 20 000 seiner Mitarbeiter – Ground Zero. Bevor dieses Viertel in die Arbeitslosigkeit geschickt wurde, hieß es salopp „Nachtjackenviertel“. Es ließ sich nur vage planen, wann das Glas in den riesigen Wannen und Öfen heiß genug war, um gegossen zu werden. Und wenn es so war, dann eilten eigens dafür abgestellte Arbeiter durch das Viertel und weckten lautstark die Belegschaft, um zu verkünden, dass es nun soweit sei, es könne losgehen.

8 Jahre später eilt an diesem Abend nur Daniel durch das Viertel der „Zeissianer“, so nannten sie sich stolz, die Arbeiter, als sie noch arbeiteten. Er trägt die Mode seiner Tage, die Mode der hiesigen Jugend. Jene Jugend, welche aller Wahrscheinlichkeit nach keine „Zeissianer“ mehr hervorbringen wird: Glatze, Lonsdale, Springerstiefel, Bomberjacke von Alpha Industries. Die Mode der Wut, die Mode der überschaubaren Perspektive, die Mode des neuen Kollektivs.

Die Mode des letzten Kollektivs in diesem Viertel war der Blaumann, Arbeiterkluft. Doch das Blaumann-Kollektiv sah sich irgendwann untereinander in Konkurrenz um die wenigen Stellen und somit um die wenigen Perspektiven. Konkurrenz um Existenz, das war neu hier. Willkommen in der Marktwirtschaft, willkommen in der BRD, auf dass zusammenwachse, was zusammengehöre.

Die Arbeiter, sie waren mindestens enttäuscht, oft waren sie desillusioniert und entrückt. „Fin“, „The End“, „Ende“, vorbei die romantische Vorstellung des Spektakels „Sozialistischer Aufbau“ – mit freundlicher Unterstützung vom Zentralkomitee der DDR, powered by Sowjetunion. Vom heiteren Abendprogramm lief gerade der Abspann über die Leinwand, einem Programm, welches Generationen andauerte. Es dauerte so lange, dass das kollektive Blaumann-Gedächtnis die Monstrosität, welche sie „drüben“, im Westen, „freie Marktwirtschaft“ nannten, nur noch aus Erzählungen kannte. Planwirtschaft, Frieden, Solidarität, Arbeiter- und Bauernstaat – Ende der Märchenstunde, Vorhang runter. Die Lichter gehen an und der unsympathische Rausschmeißer namens „Realität“ weist ihnen allen die Tür: „Fahren Sie vorsichtig“. Hinausgespült in die andere Welt rieben sie sich alle verwundert die Augen, keine Mauern mehr, endlose Freiheit, endlose Freizeit.
Diese weite Welt außerhalb des Theaters musste aber erstmal verstanden werden. Das ist umso schwieriger, wenn einem der Staat von Kind auf freundlicherweise das Denken abnahm und mit Hinsicht auf das Gemeinwohl auch noch die Zukunft plante. „Der Regisseur ist tot, es lebe der Regisseur!“
ie Welt draußen war auf einmal so furchteinflössend komplex und die Beschäftigung war weg. Wenn das Kollektiv als Anker zum Sinn des Seins nicht mehr existiert, wie ist dann der sozialen Entwurzelung beizukommen, wenn sich obendrauf der Arbeiter nicht mal mehr über seine Arbeit definieren konnte? Die Antworten auf komplexe Fragen sind meist die erschreckend-einfachen, die populären, die populistischen. Der kleinste gemeinsame Nenner für eine Gesellschaft – eben jenes gelebt-phantasierte „Wir“ – und seiner Individuen, sich als unscheinbar, aber integriert betrachtend, somit als bedeutsamen Teil eines großen Ganzen verstehend, ist die Definition über eine Gegenseite: die Anderen, die nicht-Integrierten, die von drüben, die Neuen, die Fremden, die Besseren, die Gastarbeiter, alles andere als man selbst. „Die Anderen und Wir“, der kleinste gemeinsame Nenner.

Die Jugend-Mode dieser Zeit war der Ausdruck jener Verbundenheit zum „Wir“, die Mode der überschaubaren Perspektive, die Mode zur Wut. Der gemeinsame Soundtrack: Landser „Republik der Strolche“. Die Strolche, das waren „die da oben“, die Volksverräter und deren Repräsentanten in den Behörden, die linken Zecken, die zurückgebliebenen vietnamesischen Gastarbeiter, welche die letzten Jobs klauten, genau wie die Kümmeltürken. In dem Punkt waren sie sich hier einig, die Böhnharts, die Zschäpes, die Mundlos´, die Wohllebens, die Kapkes, die Daniels und alle anderen: Wir und die…

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Daniel (r.) am Bahnhof Jena-West, Datum unbekannt, Foto privat

Im nächsten Teil: Westen, Rückkehr, Hitlers Rache: Pervitin

06:38 10.06.2017
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Geschrieben von

Kunststoff

Studierender des Journalismus an der FH Magdeburg/Stendal
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