9/11 oder CYBERSYN in Chile
10.08.2013 | 11:49 1

9/11. Zum 40. Todestag von CYBERSYN

Chile. Salvador Allendes Versuch einer kybernetischen Revolutionierung der Politik des demokratischen Sozialismus wurde vor vierzig Jahren gewaltsam beendet.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied 9/11 oder CYBERSYN in Chile

Der Kontrollraum von Cybersyn, den der deutsche Designer Gui Bonsiepe entwirft, existiert nur als Modell. In Anbetracht mehrerer Sessel, die mit Schaltknöpfen ausgestattet sind, zueinander positioniert, in Armlänge, drehbar, mehrere Screens anvisierend, denkt man sofort an Science Fiction der 60er Jahre, an großes Retro-Kino, nicht aber an ein sozialistisches Experiment, das Salvador Allende 1971 zusammen mit dem britischen Kybernetiker Stafford Beer wagt. Ein Neuanfang, den der demokratisch gewählte Präsident nur zwei Jahre und unter widrigsten Bedingungen riskieren konnte, bevor der CIA, die Chicago Boys, Milton Friedman und mit ihm Augusto Pinochet ihn gewaltsam für beendet erklärt hatten.

Alternativen aus dem Rechner, Planwirtschaft und direkte Demokratie nennt das der Schottische Informatiker und Kommunist Paul Cockshott Anfang des 21. Jhds, was im Präsidentenpalast La Moneda zu Santiago de Chile Anfang der 70er Jahre seinen Anfang nimmt. Es geht darum, die Ziele des demokratischen Sozialismus, Verstaatlichungen (vorwiegend transnationaler Konzerne sowie chilenischer Oligarchen), Enteignung von Großgrundbesitz, Förderung von Genossenschaften und kleinbäuerlicher Betriebe (Privatbesitz bis 80 ha erlaubt), Arbeiterselbstverwaltung und Formen freiwilliger Kollektivierung mit einer Staatsmaschine zu fusionieren; einer Maschine, die nicht, wie die Informatikerin Eden Medina vom MIT in Boston schreibt, die zentrale Planungsmacht à la Stalin ausübt, sondern in Form einer kybernetischen Revolution einen neuen Weg weist, der alle (auch noch heutigen) Kritiker eines südamerikanischen „Steinzeitsozialismus“ Lügen straft.

Cybersyn soll eine horizontale Ausrichtung bekommen, um die vielen Betriebe, welche die Sphäre der Produktion bilden, schneller zu vernetzen, ihre Daten schneller abrufen zu können, ihre Fehler und Fähigkeiten schneller zu erfassen, um Krisen (Überproduktion, Engpässe usf.) schneller beheben zu können. Bereits 1972 ist Cybersyn in der Lage, auf eine gewaltige Krise zu reagieren - in nahezu Real-Time. Mit Hilfe des „sozialistischen Internets“, d.h. im ganzen Land miteinander vernetzter Telex-Maschinen und eines IBM-Großrechners, gelingt es, einen von der CIA unterstützten Streik der privaten Transportunternehmen auszutricksen, der Allendes Politik ansonsten wahrscheinlich schon vor dem Putsch den Garaus gemacht hätte. Allende, Fernando Flores, der technische Direktor von Cybersyn sowie Beer werden in ihrem Vorhaben bestärkt und halten weiter daran fest, Kontrollräume bzw. Opsrooms (Operationsräume) im ganzen Land und auf lokalem Niveau zu errichten. Allende möchte damit gerade die dezentralisierenden und unbürokratischen Ziele seiner Politik stärken. Die Mitbestimmung der Arbeiter und Bauern ist sein größtes Ziel. Es ist heute nahezu unvorstellbar, wie wertvoll es Anfang der 1970er Jahre war, Daten in nahezu Echtzeit allerorten und für jeden verfügbar zu machen. Und nicht nur für einen militärischen Generalsstab, wie das vorher schon in britischen War Rooms geschehen war. Die Expat-Kybernetiker rund um Beer beschreiben ihre Tätigkeit, d.h. die Tätigkeit der Steuerkreise und Systeme eher als Anti-Kontrolle, als Entgrenzung von Politik. Es geht den Machern darum, Feedback so einzusetzen, dass menschliche Selbstregulation optimiert wird, nicht in geregelte Bahnen gelenkt werden kann. Wirtschaftspolitische Handlungen könnten direkt mit der Basis abgestimmt werden und mit ihr Politik, Kultur, ganze Staaten. „Wenn Partizipation irgendeinen Sinn haben soll, dann darf niemand ausgeschlossen werden, weil er den Jargon, die Bilder oder die hochgestochenen Rituale nicht beherrscht. Die Arbeiter selbst müssen unbeschränkten Zugang zu allem haben.“, schreibt Beer, der damit weit vor seiner Zeit etwas anstrebt, was auch heutigen Denkern wie Niels Boeing („Alles auf Null“), die sich mit techno-anarchoiden Spielformen von DIY-Manufakturen auseinandersetzen, naheliegt. Auch der Schweizer Autor P.M. operiert 2013 in „Kartoffeln und Computer“ mit und zwischen zentralen und dezentralen Prämissen, also mit heutigen Möglichkeiten, lokale und auf kleine Territorien begrenzte Lebens- und Arbeitszusammenhänge unabhängig von der neoliberalen Lüge der möglichen, freien Marktteilnahme global als vernetzte Postwachstumsweltgesellschaft zu denken. Etwas kraftmeierisch und eine Strategie von oben verfolgend wird Cybersyn auch in Alex Williams und Nick Srniceks Accelerate Manifesto zitiert, wobei die beiden Autoren den Postkapitalismus am Reißbrett entwerfen wollen, zügellosen technologischen Fortschritt propagieren und Sehnsucht nach einem Revival der russisch-avantgardistischen Biokosmisten-Immortalisten haben, also den neuen Menschen im Zweifel eher auf noch zu kolonisierenden Planeten ansiedeln wollen, als auf die Natur zurückzuschauen ("Futurschock"). Planwirtschaft brauche vertikale Willensbildung und keine basisdemokratischen Prozesse, die die beiden Systembeschleuniger zu den neuen sozialen Bewegungen zählen. Und diese sollen aufgrund ihrer regionalen und lokalen Bezüge als "primitivistisch" ad acta gelegt werden .

Damals wie heute gibt es genügend Zündstoff innerhalb der Linken und so werden auch Allendes progressivsten Bestrebungen nicht nur von den Putschisten und den Neoliberalen aus Chicago angefeindet. Nun, es gehört zu Beers sozialutopischem Konzept, dass die Regierten nicht nur Spielfiguren sein sollen, sondern dass sie auch selbst zu Mitspielern werden. Mehrere Opsrooms waren in Planung, „damit die Arbeiter sich selbst, die Chefs die Arbeiter, die Arbeiter die Chefs und die Chefs die Chefs hätten beobachten können“, schreibt der Lüneburger Medientheoretiker Claus Pias. Ganz im Gegenteil zur Planwirtschaft östlicher Prägung schwebte Beer wirkliche Partizipation vor. Beer ging diesbezüglich sogar so weit zu behaupten, Freiheit sei „eine berechenbare Funktion von Effektivität“, was nicht im dystopischen Sinne der „Kontrollgesellschaft“ eines Deleuze gemeint war. Pias bescheinigt der e-governance angesichts der Echtzeit der elektronischen Medien, dass Staatlichkeit brüchig werde. Einer anti-autoritären Lesart des Engels’schen „Absterben des Staates“ folgend, argumentiert er weiter: Der eudämonistischen Ethik eines Bentham oder Mill folgend, war es das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl, das es einzurichten galt, auch wenn der Staat selbst sich dabei auflöste. (...) Gleichwohl der Opsroom noch von Allende eingeweiht werden konnte und einige Zeit in Betrieb war, gingen all’ diese Bemühungen bekanntlich nicht so glücklich aus wie in der Zeichnung Stafford Beers, sondern endeten blutig. Das Ende war militärisch und nicht autopoietisch, war hierarchisch und nicht kybernetisch. Stafford Beer verzichtete 1974 auf materiellen Besitz und lebte ein Jahrzehnt lang als Eremit in einer steinernen Hütte in Mid-Wales.“

Allende unternimmt alles, einem Bürgerkrieg aus dem Weg zu gehen. Während die Putschisten sich formieren, beruht der Präsident, der in der Bevölkerung immer größeren Zuspruch findet, auf seiner pazifistischen Haltung und vertraut auf die Legitimität der Beschlüsse einer mehrheitlich gewählten Regierung. Parallel arbeitet Beer seit 1972 an der psycho-kybernetischen Verlängerung des Projekts Cybersyn. Das Zweikammernsystem von Chiles repräsentativer Demokratie bekommt damit eine basisdemokratische Alternative: Die virtuelle Vollversammlung oder Beers People Project ist kulturrevolutionär. Zuschauer, Zuhörer, elektronische Citoyens sollen mittels „Zufriedenheitsknöpfen“ direkt auf politische Diskussionen reagieren können, ein Tool, das, so Beer, nur den Anfang markiert und dem Instrument der Marktforschung, in westlich-kapitalistischen Ländern gerade im Entstehen, diametral entgegengesetzt sei.

Cybersyn und People Project bleiben in der Kinderschuhen stecken. Es verfehlt den Kern der Sache, wird Cybersyn daran gemessen, was realisiert worden ist. Die Tatsache, dass zu Allendes Lebenszeit nur ein Opsroom hergestellt und für kurze Zeit genutzt werden konnte, heißt nicht, dass es sich hier letztlich um eine Form von zentralistischer Planwirtschaft (mit milderem Antlitz) gehandelt hat, wie das Dirk Baecker jüngst in der FAZ beschrieben hat. Wenngleich Beers Technikbegeisterung hier mehr den optimistisch-emanzipatorischen Ansätzen Brechts und Enzensbergers folgt, als Adornos pessimistische Sicht auf die sich hegemonial ausbreitenden Kulturindustrien zu teilen, wird während des zweijährigen Versuchs aber nicht erkenntlich, wie sich die Formen der Partizipation konkret weiter diversifizieren bzw. (bei steigendem Komplexitätsgrad) gleichzeitig vereinfachen ließen, wie sich also tatsächlich direktdemokratische Einflussnahmen und Entscheidungskompetenzen gestalten könnten. Hier erscheinen heute sowohl die Diskussion um medienkritische Beobachtungen der sogenannten postpolitischen Politbarometerdemokratie wichtig, als auch die Frage nach den emanzipatorischen Möglichkeiten einer Liquid Democracy. Enthusiasten wie Allende und Beer ist aber nachzurufen (und heutigen Erben Vertrauen vorzuschießen), dass sie solche Fragen nicht voraussagen können müssen, sondern die Gelegenheit hätten bekommen sollen, sie in Echtzeit zu erarbeiten – selbstverständlich nicht über, sondern neben bzw. mitunter einem geschichtlichen Prozess stehend, der bis zum anderen 9/11 bisher einzigartig in der Geschichte des demokratischen Sozialismus war und bis heute seinesgleichen sucht.

Eden Medina, Cybernetic Revolutionaries, MIT, 2011

Claus Pias, Der Auftrag. Kybernetik und Revolution in Chile, http://www.uni-due.de/~bj0063/texte/chile.pdf

Paul Cockshott/ Alin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner, Köln, 2012

Alex Williams/ Nick Srniceks, 2013, Accelerate Manifest, http://criticallegalthinking.com/2013/05/14/accelerate-manifesto-for-an-accelerationist-politics/

P.M., Kartoffeln und Computer, Hamburg, 2013

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