9/11 oder CYBERSYN in Chile
05.02.2014 | 10:40

Neoliberales Edutainment unter Tage

KidZania: Oder wie Kinder spielend Kapitalismus lernen.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied 9/11 oder CYBERSYN in Chile

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Santiago de Chile. Schon am Eingang des Parks im Herzen des Stadtteils Las Condes, der als der produktions- und konsumptionsstärkste Santiagos gilt, wird klar, dass „KidZania“, eine Mischung aus Vergnügungspark und simulierter Arbeitswelt im dritten Untergeschoss, zwar nicht viel mit dem echten Leben zu tun haben kann, aber so tut, als würde es die echte Welt zu würdigen wissen und in ihrer Ganzheit widergeben. Zwar steuert der Besucher des „Parque Araucano“, der KidZania beherbergt, auf eine Skulptur zu, die der Kultur der Mapuche gewidmet ist. So heilig wie den Mapuche selbst scheint die Araukarie den Architekten aber nicht gewesen zu sein. Da Araukarien hier beim besten Willen nicht zu finden sind, dürfte der Park im Grunde folglich auch nicht nach den besagten Bäumen benannt sein.

Sie selbst würden sich nicht so nennen, aber das Volk der Mapuche, die Ureinwohner Chiles, werden auch Araukanier genannt. Und Araukanien ist auch der Name der IX. Region, die sich etwa 600 Kilometer südlich von Santiago befindet und in der die transnationalen Forstwirtschaftskonzerne den gravierendsten Kahlschlag betrieben haben. Hier wie dort sind Araukanien also selten geworden. Die Abwesenheit der Bäume bei gleichzeitiger Benennung kann aber gewissermaßen dennoch als programmatisch gelten. Programmatisch ist der Araukanienpark darin, dass er den Anschein erweckt, als würde die Metropole desjenigen lateinamerikanischen Staates mit dem größten Prokopfeinkommen (bei gleichzeitig schlechtem Gini-Koeffizient) der Kultur der Mapuche ihre Hochachtung erweisen und einen Park widmen. Der Park befindet sich inmitten der Glasturmfassaden Santiagos („Sanhattan“), vor dessen Kulisse sich die Eliten des Landes am liebsten zum Thema Fortschritt und Wirtschaftswachstum befragen lassen. Auf der anderen Seite sind gerade die Mapuche eine der unter der neoliberalen Wirtschaftsordnung am meisten leidenden Ethnien Lateinamerikas. So wirkt die Abwesenheit der Araukarie im Arakanienpark nicht nur symbolisch, sondern höchst zynisch: Obwohl wir alles dafür tun, eure Kultur auszulöschen, gedenken wir ihrer in der Öffentlichkeit, noch bevor sie ausgestorben ist!

Man muss wissen, dass die Mapuche seit knapp fünfhundert Jahren kontinuierlich ihr Land verlieren. Doch die Konquistadoren sollten nicht die letzten Kolonisatoren gewesen sein, die dem Land der Mapuche Grenzen setzten. Zwar gelang es den Mapuche anno dazumal die Spanier in die Flucht zu schlagen, wofür ihre dezentrale, quasi-anarchistische Machtverteilung auf Tausende „Comunidades“ als ausschlaggebend betrachtet werden kann, wenig später jedoch wurde „Wallmapu“, jener traditionelle Lebensraum der Mapuche, der sich bis nach Argentinien erstreckt, in einem historischen Kompromiss ein begrenztes Gebiet zuerkannt. Den Spaniern im 16. Jahrhundert folgten im 19. Jahrhundert hauptsächlich die Deutschen, Holländer und Italiener, denen der moderne Staat Chile Land zu günstigen Preisen Land verkaufte oder gar verschenkte. Kolonisation zu befördern bedeutet bis heute den Lebensraum der Mapuche zu verringern. Einher mit der Unabhängigkeit Chiles ging die Militarisierung nach preußischem Vorbild und die „Verweißung“ Lateinamerikas („el blanquamiento“). Zu nennen ist hier z.B. der namhafte Zoologe und Biologe Rudolfo Philippi, der das in Gang setzte, was die beiden assoziierten Saatgutriesen „Semilla Baer“ und „Monsanto“ heute auf die Spitze treiben: Aneingnung, Züchtung und Lizensierung von Saatgut, die sukzessive „Ausbeutung des Ethnowissens“.

Kleiner Exkurs: Die Karriere des späteren deutschen Firmengründers Erik van Baer begann indes bereits in Auschwitz, wo er auf besetztem Gebiet und unter Schirmherrschaft von Heinrich Himmler in der Pflanzenversuchsstation an der „russischen Lupine“ forschen konnte. Als der Biologe und Genetiker dann 1949 vor den Kriegsverbrecherprozessen fliehen konnte, empfing ihn der chilenische Präsident Videla mit offenen Armen. Bis heute glaubt die chilenische Öffentlichkeit den erfundenen Lebenslauf, worin die Nazi-Vergangenheit durch die „Flucht vor den russischen Kommunisten“ ersetzt wurde. „Semilla Baer“ wird inzwischen vom Sohn geführt. Neben Patenten von Weizen und (seit neuestem auch) Quinoa bringt dem Unternehmen auch eine Tierfutterpflanze namens „russische Lupine“ die höchsten Gewinne ein.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es neben deutsch-chilenischen Traditionsunternehmen auf der einen Seite wenige Familienclans, die von der gebenden Hand des ehemaligen Diktators Pinochet großzügig bedacht worden sind und zum anderen transnationale Konzerne, welche die Mär einer unsichtbaren Hand des Marktes Lügen strafen und den nach Außen propagierten Multikulturalismus als blanken Hohn entlarven. Der Wissenschaftshistoriker César Robinson Leyton spricht vom gegenwärtigen Anti-Kolonialismus als Reflex auf eine kontinuierliche Geschichte der Kolonisation. Der Kampf der Mapuche ist dabei ein mehrfacher. Kulturell: Zum einen wird von einer hegemonialen Öffentlichkeit stetig das Bild der Mapuche als Mob wilder Krieger reproduziert, die unzivilisiert und wirtschaftlich rückständig seien, zum anderen gilt der „Indio de mierda“ („Scheißindianer“) der weißen Mehrheit immer noch als faul, dumm und stinkend. Ökonomisch: Landgrabbing hat in den letzten Jahren, auch unter der ersten Amtsperiode der amtierenden Präsidentin Bachelet, weiter zugenommen. Ganze Landstriche an der Pazifikküste wurden an multinationale Forstwirtschaftskonzerne verschachert (hauptsächlich „Arauco“), die das Land mit ihren monokulturellen Plantagen restlos veröden, während die Privatisierungen in den Anden und Kordilleren weitere Staudamm- und Minenprojekte hervorbringen. Die Auswirkungen sind meistens wie folgt: Die Wasserspiegel sinken, die Subsistenzwirtschaft der indigenen Kleinbauern, die ohnehin inzwischen über zu wenig Land verfügen, ist in Gefahr, Flüsse und Seen werden auf lange Sicht kontaminiert, die verarmte Landbevölkerung wandert in die Hauptstadt. Militärisch: Der Fortsetzung der rassistischen Politiken in neoliberalem Gewand und deren Überwachung durch die chilenische Polizei wird von Seiten der Mapuche, in den Städten und auf dem Land höchst unterschiedlich, nicht nur immer wieder heftig widersprochen und widerstanden. Auch richtet sich der Kampf gegen das repressive Vorgehen der immer noch dem Militär unterstellten Polizei sowie der Willkür der Anti-Terror-Gesetze, die aus Zeiten der Diktatur stammen und fortwährend vor Gericht geltend gemacht werden, um „straffällig“ gewordene Mapuche zu misshandeln und auf lange Sicht festzusetzen. Hegemonial: Tage- und Billiglöhner werden in den Städten angeschwemmt, um die imperiale Lebensweise der Anderen zu ermöglichen. Die jungen Männer arbeiten als Tellerwäscher (ohne Aussicht auf Millionen), während im reproduktiven Sektor die zum Teil noch minderjährigen, weiblichen Mapuche wie Sklaven an die Haushalte der mittleren und oberen Klassen gefesselt werden, um den öffentlichen Anschein zu erwecken, dass ambitionierte (weiße) Frauen mit den karrieristischen Männern sehr wohl erfolgreich wetteifern können.

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Was hat nun dies alles mit KidZania zu tun, einer Art neoliberalem Erziehungspark unter Tage? KidZania richtet sich an Kinder und Jugendliche, die hier ohne Tageslicht und natürliche Bepflanzung tätig werden können und ihr erstes Geld verdienen. Spielgeld zugegeben, aber es lässt sich auf die Bank bringen („Banco de Chile“), an einem der vielen Bankautomaten abheben und als Währung gegen Pizza („Pizza-Hut“), Eis („Nestlé“) oder Getränke („Coca Cola“ und „Nestlé“) eintauschen. Alle großen Marken, die den globalen und nationalen Aktienindex bestimmen, sind vertreten. In der juvenilen Kaderschmiede kann man für zumeist 20 Minuten arbeiten, workshopartig, als Anwalt („Supreme Court“), Immobilienmakler („Aconcagua“), Pilot („Lan“), Journalist („La Tercera“), Moderator oder Kameramann („Canal 13“), Arzt („Clinica Alemana“), Filialleiter („Jumbo“), Kunstakademiestudent (sieh an!), Autoverkäufer, Schauspieler uvm. Die Aufsicht haben so genannte „Moderatoren“, die von KidZania ausgebildet wurden und dafür sorgen, dass es zu keiner überbordenden Phantasieleistung auf Seiten der Kinder kommt. Keine Sonne geht auf, keine unter, das Licht ist künstlich, alles bliebe gleich, wenn da nicht die Öffnungszeiten wären.

KidZania Chile gehört Raul Matte, einem Sprössling des schwerreichen Matte-Clans, dessen Vermögen auf rund 10 Milliarden Dollar geschätzt wird. Auf dieselbe Summe wird auch das Vermögen des Deutschen Horst Paulmann geschätzt, selbst Sohn eines SS-Obersturmbannführers, dessen Supermarktkette „Jumbo“ ebenso vertreten ist wie die Fluggesellschaft „Lan“, die dem scheidenden Präsidenten und Viertreichsten des Landes Sebastian Piñera gehört. Der Friedman-Schüler Piñera, dessen Reichtum hauptsächlich auf die Einführung der Kreditkarte in Chile zurückzuführen ist, konnte sich glücklich schätzen, dass KidZania während seiner Amtsperiode so viele Besucher angezogen hat. Schließlich konnten die Kinder hier abgeschottet vom krisenhaften Tagesgeschehen der letzten Jahre und unbeirrt von den massiven Protesten der Schüler und Studentenschaft auf den Straßen Santiagos weiter machen wie bisher. Der KidZania-Slogan „We make the idea of fun universal“ dürfte mehr sein als eine reine Durchhalteparole. Weltweit gibt es inzwischen dreiundzwanzig Filialen. Das Konzept hat der Mexikaner Xavier López Ancona entwickelt, der den Aufbau von inzwischen dreiundzwanzig „Family Entertainment Centers“ seit 1999 betreut und aktueller CEO ist. KidZania gibt es außer in Santiago noch in Mexico City, Monterrey, Tokyo, Jakarta, Koshien, Lissabon, Dubai, Seoul, Kuala Lumpur, Cuicuilco, Bangkok, Mumbai, Kuweit, Manila, Kairo, Istanbul, Jeddah, Sao Paolo, Singapur, Moskau, Doha und bald auch London (!). Die Edutainment-Marke wächst rapide, die Besucherzahlen werden inzwischen auf rund 30 Millionen geschätzt. KidZanias Unternehmensphilosophie („to make the world a better place“) beruft sich im Grunde auf anthropologische Grundannahmen, den Nachahmungstrieb des Menschen, Spiegelneuronen, Mimesis, Mimikry usf. Als erzieherische Werte wurden der Form wegen auch „Kreativität“, „Zusammenarbeit“, „gesellschaftlicher Austausch“ und „Umweltschutz“ aufgelistet. KidZania hat auch einen eigenen „Supreme Court“. Die Fälle, die hier vor Gericht kommen, haben aber höchstens Symbolwert, versichert der PR-Mitarbeiter: „Wenn jemand ein Papier fallen lässt, muss er sich vor Gericht verteidigen. Es soll Spaß machen und keine Angst einjagen!“ Eine Welt, die so perfekt funktioniert wie hier unten, abgeschirmt und überwacht und antiseptisch, suggeriert „KidZania“, kennt nicht einmal mehr Bagatelldelikte.

Mit der Kosmovision der Mapuche, deren spirituellem Vermächtnis, der nachhaltigen Wirtschaftsweise, der Nahrungssouveränität und der Vorstellung vom „guten Leben für alle“ in kleineren, autonomen Gemeinschaften, die untereinander in regelmäßigem Austausch begriffen sind, hat dies alles nichts zu tun. Für die Kids unter Tage ist alles weltmarktförmig, es gibt keine Regierung, keinen öffentlichen Dienst, keine Krankenversicherung und erst recht keine freie Bildung. Es entspricht dem Bild des modernen Chiles, das die Erben der Chicago School heute so gerne inszenieren. Die Kinder, die hier in Chile in einer Miniatur der renommierten „Deutschen Klinik“ geboren werden, haben alle blonde Haare und blaue Augen. Hyuandai stellt Automobile her, aber sicher nicht für den öffentlichen Transport. Theodor W. Adorno hätte vermutlich keinen Spaß daran gehabt. Totalitäre Kulturindustrie „at its best“ oder folgerichtiges „Age-Trickle-Down“ eines hegemonialen Systems, das nach der Krise scheinbar unwidersprochener dasteht als zuvor?

Indes bilden die Demonstrationen der Mapuche, die Proteste für freie Bildung und gegen Staudammgroßprojekte auf den Straßen Santiagos das reale Gegengewicht. Zwar sind diese nicht mehr so laut wie vor ein paar Jahren noch. Ehemalige Studentenführer wie Camila Vallejo und Georgio Jackson sind nun aber als Abgeordnete ins Parlament eingezogen. Ob sich ein Klassenkampf daraus entfachen oder zumindest der aktuellen Regierungskoalition von Michelle Bachelet („Nueva Majoria“) dahingehend auf die Füße gestanden werden kann, dass die Versprechungen von Verfassungs- und Bildungsreformen in die Tat umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.