Armes Deutschland!?

Armut "Wir" sind Milliardäre! Ein Grund zu feiern? Sicherlich nicht.
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„Wir“ sind Milliardäre! Deutschland, so das statistische Bundesamt, erwirtschafte 2015 19,5 Mrd. Überschuss. Ein Grund zu feiern? Über 12 Mio. Menschen vergeht aber sicherlich der Spaß am Feiern. So viele sind laut des neuen Armutsberichtes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von Armut bedroht. Und diese sieht man. Sie gehen durch die Städte. Am Straßenrand erblickt man sie. In den Plattenbausiedlungen sieht man sie. In den Medien wird über sie berichtet; die Armut. Man erfährt vom Überlebenskampf aller möglichen Verelendeten. Von Obdachlosen, die im Winter zu erfrieren drohen, von Leuten, die zur Tafel gehen um zu überleben, von Menschen die es sich nicht leisten können eine medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, von den Problemen ganz „normaler“ Leute, die bei den Versuchen die grundlegenden Ausgaben zu decken regelmäßig scheitern.

Wie aber wird Armut eigentlich aufgefasst, verarbeitet und beschrieben?

1. Wenn über Armut berichtet wird, neigen die Beschreibungen immer dazu die Armut von der menschlichen Seite aufwändig und regelmäßig zu bedauern und genau bei dieser Deskription stehen zu bleiben. Die Millionen Menschen, die man als arm beschreibt, sind dann in diesen Schilderungen lediglich „menschliche Schicksale“. Statt nach dem Warum zu fragen, d.h. warum dieses Wirtschaftssystem so etwas massenhaft produziert, landet man bei der individuellen Betroffenheit. Und wenn diese „menschlichen Schicksale“ dann begutachtet, bedauert oder auch ignoriert werden, kommt das daher, dass man Armut als ein „Schicksal“ definiert, im schlimmsten Fall noch als „Einzelschicksal“. Hier korreliert das Mitleid über die alleinerziehende Mutter oder über den Rentner der Flaschen sammelt oftmals mit der Nachfrage, ob der- oder diejenige nicht selber an seinem „Schicksal“ schuld ist. Dass man die Lebenssituation der Person nicht übel nimmt, versucht man noch damit zu retten, indem man das Adjektiv „unverschuldet“ als Beschreibung benutzt. Doch ist diese Mitleidstour irgendwie hilfreich, wenn sie genau dabei stehen bleibt? Löst das die Probleme? Fragt das nach den Ursachen?

2. Wenn man nicht lediglich bei der empathischen Mitleidsbekundung stehen bleibt, wird versucht das Thema Armut wissenschaftlich zu erklären. Oder im besten Fall: Zu verschlüsseln.

So wird festgestellt, dass „Armut ein vielschichtiges und multidimensionales Problem [ist], das viele Ursachen haben kann und zahlreiche Folgen [beeinhaltet].” (armut.de) Vielschichtig, multidimensional, viele Ursachen, zahlreiche Folgen. Hinter dieser Verklausulierung verbirgt sich der Unwille die tatsächliche wirtschaftliche Ursache zu erklären und Armut nicht nur als kompliziertes Geflecht zu beschreiben. Oder ist Armut lediglich, wie oft konstatiert, „kein Geld zu haben“?

Wissenschaftlich wird also nun versucht dieses komplizierte Geflecht zu entwirren, indem konstatiert wird: „In gewisser Weise hängt die Beantwortung dieser Frage davon ab, wie man ‘Armut’“ (ebd.) definiert. Feststellung: Um die Definition von Armut geht es also. Armut ist also nicht bloß einfach: kein Geld haben. Jetzt wurde das Herumdoktern am Definitionsbegriff begonnen und dann stößt man auf die Entdeckung, dass es noch andere Formen der Armut gibt: Unter der kann man sich alles Mögliche vorstellen!

„Existieren noch andere Formen der Armut, wie z.B. kulturelle, soziale oder auch emotionale Armut?“ (ebd.)

Da kann man also reich, sozial und emotional sein, zugleich aber auch Kulturbanause, und am Ende ist man also „arm“. Das ist die wissenschaftliche Fassung der populären Spruchweisheit „Geld allein macht nicht glücklich“. Damit ist schon mal klar, dass noch lange nicht feststeht, dass die, die unter Geldmangel leiden, auch wirklich arm sind – sie können ja trotz allem „kulturell, sozial und emotional“ gut ausgestattet sein. Schon hat sich das mit der Armut relativiert. Oder anders ausgedrückt: Sie ist „wissenschaftlich umstritten“, und keiner darf sich einbilden, er hätte die Wahrheit über die Armut gepachtet.

Was man auch noch tun kann: Statt nach den Gründen der Armut kann man auch nach einem „Armutsrisiko“ fragen und die Millionen arbeitenden Menschen, d.h. lohnabhängig Beschäftigten daraufhin untersuchen. Die sind, wie die Armutsforscher ermittelt haben, von solchen „Risiken“ bedroht wie: Kinder, Ausbildungsnachteile, Jugend, Krankheit, Scheidung, Alter usw. Es wird festgestellt, dass die Millionen, die von ihrem Lohn leben, nicht arm sind, sondern arm sind sie erst dann, wenn das „Risiko“ eintritt. Lohnarbeit, so die Annahme, schützt also vor Armut, was man besonders am größten „Armutsrisiko“ sieht: der Arbeitslosigkeit. Das stimmt: Die Millionen Beschäftigten haben nur ein Mittel, von dem sie leben können: ihre Arbeitskraft – wenn die nicht nachgefragt wird, haben sie nichts, wovon sie leben können. Es ist interessant, das behauptet wird, dass sie mit Lohnarbeit auf jeden Fall schon mal nicht arm sind, dass also die Lohnarbeit ein für sie taugliches Mittel wäre. Dass es sich dabei um eine Verdrehung von Tatsachen handelt, zeigen schließlich die ganzen anderen „Armutsrisiken“. Kinder, Krankheit, Scheidung usw. – das sind doch erstens lauter normale Ereignisse, die im Lohnarbeitsverhältnis ständig vorkommen, und das sind zweitens Ereignisse, die reiche Menschen nur in den extremsten Ausnahmesituationen in die Armut stürzen können. Wenn aber ein „Risiko“ schon reicht, einen „lohnabhängig Beschäftigten“ in die Armut zu stürzen, dann heißt das doch nur, dass seine gesamte Existenz grundsätzlich und immer gefährdet ist – und das deswegen, weil er einer ständigen Verarmung ausgesetzt oder zumindest davon bedroht ist. In der Rede von den „Armutsrisiken“ ist das aber verdreht: Da darf sich der Mensch freuen, wenn er seiner Lohnarbeit nachgehen kann, weil ja die noch größere Armut, die ihm in Form der „Armutsrisiken“ droht, noch nicht eingetreten ist. Tritt sie dann doch ein, darf man das auf keinen Fall so sehen, dass das seinen Grund in der gewöhnlichen Lohnarbeit hat – sehen soll man das als eine Ausnahme, als das ganz spezielle Unglücksschicksal des Individuums.

So geht die Untersuchung der Armut. Dann wird sie aber auch entschlossen politisch „bekämpft“. Armen Leuten Geld zu geben, ist damit nicht gemeint, das höchste der Gefühle, ist die Forderung nach einem Mindestlohn. Den soll man als Schutz vor allzu großer Verarmung sehen – aber was ist die Forderung nach einer Lohnuntergrenze anderes als das Eingeständnis, dass diese Verarmung ständig passiert? Oder der Aufruf zu mehr Bildung als Verhinderung von Armut? Der Staat hat hierfür ein Allheilmittel, das er der Bevölkerung anpreist. Es besteht aus nur zwei Zutaten. Die Erste ist Bildung, damit der Mensch seine Arbeitskraft in Konkurrenz zu anderen besser verkaufen kann. Allumfassende Bildung ist damit nicht gemeint, sondern nur pure Ausbildung in der Konkurrenz mit anderen späteren Lohnabhängigen. Und was ist von der Forderung zu halten, der Staat solle die Armut bekämpfen, indem er „Beschäftigungspolitik“ betreibt? Mit Gesetzen schafft er die Voraussetzungen für „Beschäftigung“, übrigens die zweite Zutat des Allheilmittels. Die Gesetze laufen immer nur auf eines hinaus: das Verhältnis von Lohn und Leistung für die kapitalistischen Unternehmen zu optimieren, ergo Lohnniveau senken, Stundenzahlen erhöhen, Kündigungsschutz lockern etc. Also immer mehr Leistung für immer weniger Lohn zu erbringen, was für die Arbeitenden heißt: Sie geraten immer mehr in die Armut, gegen die die Beschäftigung das Allheilmittel sein soll. Armut als Ausschluss vom Reichtum: Zynisch, aber politisch so gewollt.

22:02 23.02.2016
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EastEnd Magazine

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