Tempolimit auf Autobahnen

Klimaschutz Verkehrsminister Scheuer und der "gesunde Menschenverstand"
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DIe GroKo-Regierung

Es ist schon schwer zu ertragen, was die verantwortlichen Politiker der GroKo zum Thema Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen in die Welt posaunen: „Der Verkehrsminister wird dazu ein Gesamtkonzept vorlegen“ (die Umweltministerin Svenja Schulze) – und der weiß jetzt schon, dass der „gesunde Menschenverstand“ klar gegen eine Geschwindigkeitsbeschränkung spricht!

Mit dem „gesunden Menschenverstand“ meint er sicherlich nicht rational fundierte Fakten und Argumente, sondern wohl eher Stammtisch-Geschrei. Und mit Stammtisch-Parolen kennen sich bayerische CSU-Politiker offenbar gut aus. Es gibt ihn nämlich, den Hashtag „Freie Fahrt für freie Bürger“! Und bei den mir bekannten Umfragen gibt es dazu auch eine leichte Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, die dies befürworten.

Dazu gibt es eine Parallele zu den Waffen-Fans in den USA. Und wir reagieren mit Empörung (auch an deutschen Stammtischen) über den vollkommen irrationalen Umgang der Amerikaner mit Schusswaffen - und über die schlichten Argumente, mit denen Waffenbefürworter für ihr Recht kämpfen. Sehr widersprüchlich; aber was zählt das schon, wenn es um den "gesunden Menschenverstand" geht. Und: Scheuer bekommt Rückenwind für sein dummes Gerede: auch von der Autoindustrie und dem ADAC.

Folgt er und die GroKo diesen potenten Stürmen, oder findet die Regierung, in diesem Fall, den Weg der Vernunft? Es ist zu befürchten, dass eine Kehrtwendung, zumindest derzeit, nicht zu erwarten ist - obwohl die Argumente nicht zu ignorieren sind!

Argumente für vernünftiges Handeln

Was sind also die rational fundierten Fakten und Argumente, die eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen nahelegen?

  • Die Anzahl der Verkehrstoten ist auf Autobahnabschnitten ohne Tempolimit um 28 Prozent höher als auf Strecken, auf denen nicht gerast werden darf. Dass deutlich mehr Menschen auf der Landstraße, bei geringeren Geschwindigkeiten, sterben als auf der Autobahn, ist kein Widerspruch dazu. Das ist so, weil dort die Leitplanken fehlen und man bei einem Unfall mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem entgegenkommenden Auto zusammenprallt oder an einen Baum rast.
  • Das Zeitersparnis-Argument durch schnelleres Fahren greift in der Realität nur sehr selten; denn meistens verhindert die Auslastung der Autobahnen, dass man auf Abschnitten ohne Beschränkung entscheidend schneller vorankommt.
  • Beim Versuch, schneller voranzukommen, und beim ständigen Beschleunigen und immer wieder notwendigem Abbremsen, wird viel Energie nutzlos verschleudert. Bei einem generellen Tempolimit wird dieses Fahrverhalten obsolet und damit verringert sich auch der Schadstoffausstoß.
  • Im europäischen Ausland und auch sonst auf der Welt gibt es überall Tempolimits. Mit besten Erfahrungen. Ich selbst habe auf amerikanischen Highways erlebt - wo es ein Tempolimit gibt - wie viel angenehmer das Reisen unter diesen Umständen ist. Kein ständiges Abbremsen und Beschleunigen, der Stress entfällt; bei einem gleichmäßigen, entspannten Verkehrsfluss.
  • Ein Tempolimit hätte auch einen entscheidenden Einfluss auf die Produktpolitik der Autohersteller. Die Autoindustrie hätte keine Motivation mehr, zumindest für die vielen Länder mit generellen Tempolimits, Fahrzeuge bzw. Motoren zu produzieren, mit denen Tempo 200, oder noch mehr, gefahren werden kann. Mit der Folge, dass Fahrzeuge in großer Anzahl auf den Markt kommen, die deutlich weniger verbrauchen. Dies gilt natürlich auch für die Entwicklung von Elektrofahrzeugen.
  • Klar ist auch, dass durch ein generelles Tempolimit sowohl weniger Feinstaub als auch CO2 an die Umwelt emittiert werden – und so auch ein wichtiger Schritt zum Klima- und Gesundheitsschutz geleistet werden kann.
18:28 28.01.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Erich Becker

Theaterautor
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Erich Becker

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