Georg-Büchner-Preis: Tebrikler, Frau Özdamar!*

Literatur Die deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht den renommierten Georg-Büchner-Preis 2022 an Emine Sevgi Özdamar

Mit Superlativen sollte man sich zurückhalten, aber bei Emine Sevgi Özdamar sind sie angebracht. Eine der magischsten, poetischsten und üppigst schreibenden Frauen der deutschen Literaturgegenwart ist Özdamar. Ihre Bücher, allesamt Klopper mit mehreren hundert Seiten, zeichnen mit ihrem Ankommen in Deutschland ihr gesamtes Wandeln zwischen den beiden Ländern Deutschland und der Türkei nach.

Doch es wäre schade, die Romane, Erzählungen und Theaterstücke der mehrfach preisgekrönten Schriftstellerin und Schauspielerin als reine „Gastarbeiter“-Literatur oder „Migrantenliteratur“ zu etikettieren, was in der Vergangenheit oft genug vorkam. Trotzdem war sie eine der Ersten und Wenigen, die über die Migration aus der Türkei schrieb. Ihre Bücher zeichnen ab den 1960er Jahren die europäische, deutsche und Berliner Kulturgeschichte der beiden Länder nach, mit dem Blick einer jungen Türkin. Die Jury des Georg-Büchner-Preises lobpreist ihre multiperspektivischen Texte, die „einen intellektuellen und poetischen Dialog zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Weltanschauungen“ böten.

Özdamar webt ihre Geschichten zu Geschicht(en)büchern. So erzählt sie in ihrem 1992 erschienenen Romanerstling Das Leben ist eine Karawanserei/ hat zwei Türen/ aus einer kam ich rein/ aus der anderen ging ich raus von tiefen Begegnungen als Kind mit ihrer Umgebung, mit Frauen, die sie prägten, wie ihre heißgeliebte Mutter und märchenerzählenden Großmutter, aber auch von Abenden im Kino mit Humphrey-Bogart-Filmen. Identitätsbrüche gibt es bei ihr nicht, sondern Gelegenheiten für noch mehr Details und Gelegenheiten, von denen sie erzählen kann.

Emine Sevgi Özdamar in der Türkei kaum bekannt

Sie hebt den türkischen Sprachschatz, der weitaus mehr Redewendungen, Sprichwörter und Alltagsfloskeln anbietet als das Deutsche für die deutschsprachige Leserschaft. Aber nicht nur. Mittlerweile sind ihre Bücher in 18 Sprachen übersetzt, interessanterweise ist die Autorin in der Türkei kaum bekannt.

Özdamar, 1946 in Malatya im Osten der Türkei geboren, aufgewachsen im damals europäisch orientierten Istanbul und Bursa, kam 1965 als angeworbene Fabrikarbeiterin nach West-Berlin und blieb in der geteilten Stadt zwei Jahre. Die folgenden Jahre verbrachte sie in Istanbul und arbeitete als Schauspielerin am Theater, oft in Stücken von Bertolt Brecht. 1975 flüchtete sie erneut nach West-Berlin. Die Luft war nach dem Militärputsch in der Türkei 1971 für die Linken im Land dünner geworden, staatliche Repressionen und Massenverhaftungen waren an der Tagesordnung. Nach ihrer Wiederkehr arbeitete sie als Assistentin an der Berliner Volksbühne für den Brecht-Schüler Benno Bresson und am Bochumer Schauspielhaus für Claus Peymann.

Trotzdem wurde sie als Schauspielerin im Fernsehen der 1980er Jahre oft als kopftuchtragende Türkin vom Dienst besetzt.

Die Sprachmagierin lebt inzwischen in Berlin, der Türkei, in Frankreich – und hat keine Eile. Fast 20 Jahre liegen zwischen ihrem Roman Seltsame Sterne starren zur Erde, der eine Berlin-Istanbul-Trilogie abschließt, und ihrem 2021 erschienenen Roman Ein von Schatten begrenzter Raum. Der Militärputsch ist der archimedische Punkt ihres letzten Romans, von dem aus die Autorin durch die Welten des Nachkriegseuropas schwebt. Am 5. November 2022 landet Özdamar erst einmal in Darmstadt. Dort wird ihr der Georg-Büchner-Preis verliehen.

*Glückwunsch, Frau Özdamar!

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