Mission zur Ehrenrettung des Kolonialismus

Spanien Nach der Eroberung Madrids unternimmt Isabel Ayuso, die neue Frontfrau der spanischen Rechten, einen Kreuzzug durch die USA
Wollte sich auch auf internationalem Laufsteg als Schlüsselfigur der spanischen Politik zu inszenieren: Isabel Ayuso
Wollte sich auch auf internationalem Laufsteg als Schlüsselfigur der spanischen Politik zu inszenieren: Isabel Ayuso

Foto: Oscar Del Pozo/AFP/Getty Images

Ob Christoph Kolumbus und Hernán Cortés wohl damit gerechnet haben, dass ihre späte Ehrenrettung von Isabel Ayuso, dieser spanischen Marine Le Pen, kommen würde? Immerhin stehen deren Chancen nicht schlecht, im Bündnis mit den Faschisten die nächste spanische Regierung anzuführen: eine neue „Isabel la Católica“, die zur Zeit von Kolumbus – übrigen italienischen Ursprungs – spanische Königin war?

Isabel Ayuso hatte eine einwöchige Reise in die USA unternommen, wenige Tage vor dem Nationalen Konvent der Rechtspartei PP, anscheinend mit der Idee, sich auch auf internationalem Laufsteg als Schlüsselfigur der spanischen Politik zu inszenieren. Neben dem Versuch, US-amerikanische Investoren für Madrid zu interessieren (deren Investitionen waren in den vergangenen drei Jahren von 1.700 Millionen Euro auf 300 Millionen Euro zurückgegangen) war ihre Reise als Kampagne für die „Hispanität“ geplant, genauer: für die weltweiten Verdienste der spanischen Kultur. In New York proklamierte sie als deren sozusagen „natürliches“ Zentrum Madrid, obwohl in New York etwa genauso viele Menschen Spanisch sprechen wie in der spanischen Hauptstadt. Das Voranbringen der „Hispanität“ ist ein mutiges Projekt, aber immerhin hat Ayuso in New York inzwischen ein Büro für dieses Projekt einrichten lassen, geleitet von ihrem Parteifreund Toni Cantó, mit dem Namen „Oficina del Español“. Aber angesichts einer auch in den USA inzwischen dominierenden kritischen Sicht auf die spanische Eroberung Amerikas und die darauf folgende blutige Kolonisierung der indigenen Völker im heutigen Lateinamerika ist das alles andere als einfach.

Niedergerissen oder geköpft

Diese kritische Sicht hat, zusätzlich angestoßen durch die neu erstarkte Anti-Rassismus-Bewegung in den USA nach der Ermordung von George Floyd in Minneapolis, seit längerem auch die Vereinigten Staaten erfasst. Das ging so weit, dass in immer mehr US-amerikanischen Kommunen der am 12. Oktober gefeierte Kolumbus-Tag – Nationalfeiertag in Spanien mit Militärparaden und allem drum und dran – in „Tag der indigenen Völker“ umbenannt wurde. In Los Angeles wurde im Jahr 2017 aus Anlass der Umbenennung das Kolumbus-Denkmal im Grand Park offiziell beseitigt, in vielen anderen Städten wurden Kolumbus-Statuen in Protestaktionen gewaltsam niedergerissen oder geköpft.

Keinen leichte Aufgabe für Ayuso, in diesem Umfeld die Kolonisation Lateinamerikas als Segen für die betroffenen Völker und als fundamentalen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte zu preisen: Schließlich habe nach Ayuso die „conquista“ den indigenen Völkern die Zivilisation und vor allen den katholischen Glauben gebracht. Mehr noch: Ayuso brandmarkt den indigenen Aufbruch der vergangenen Jahre in vielen lateinamerikanischen Ländern, der in indigenen Regierungen wie in Bolivien gipfelte, als neuen „Kommunismus“.

Die Resonanz in den USA auf diese Revision der Geschichtsschreibung war allerdings begrenzt: Über ein mehr intimes „Date“ mit der „Hispanic Society“ in New York und ein kurzes Treffen mit dem Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg kam ihre Agenda kaum hinaus. Immerhin kam es zu einigen Kontakten mit ultra-rechtsliberalen Gruppierungen, denen sie ihr Modell der Madrider Steuersenkungspolitik anpries. Diese Kontakte waren von der FAES, eine vom spanischen Expräsidenten Aznar geschaffene rechte Kaderschmiede, eingefädelt worden.

Unzumutbares Englisch

An der abschließenden Pressekonferenz nahmen ausschließlich eine Handvoll ihr treu ergebener spanischer Medien teil – kein einziges US-amerikanisches – darunter ihr „Hauskanal“ Telemadrid („Teleayuso“), Antena 3 und die selbst für rechte Leser wegen ihrer Primitivität an die Schmerzgrenze gehende digitale Zeitung okdiario.es. Ein Problem war dabei sicherlich, dass das Englisch von Ayuso selbst nach eigener Einschätzung unzumutbar ist – aber die Zukunft gehört ja schließlich dem Spanischen... Wie zu recht kommentiert wird: das Ganze hätte sie auch – mit weniger Kosten für den Staat – in ihrer Madrider Wohnung veranstalten können.

Allerdings zählt zu ihrer „Erfolgsbilanz“ allerhand zerschlagenes Porzellan. So hat Ayuso den mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador einer „manichäischen“ Geschichtsfälschung bezichtigt. Dieser hatte Papst Franziskus aufgefordert, sich für die Verbrechen der katholischen Kirche an den indigenen Völkern Mexikos zu entschuldigen. Und da es für Ayuso kein Tabu gibt, hat sie sich dann auch noch gleich den Heiligen Vater vorgenommen – der doch erstens katholisch ist und zweitens spanisch spricht –, hatte dieser doch tatsächlich der Aufforderung des mexikanischen Präsidenten entsprochen und um Verzeihung gebeten.

Nicht einmal innerhalb der Rechtspartei PP hat sich die USA-Reise für Ayuso ausgezahlt: ihre Idee, sich als glanzvolle Inszenierung dem Nationalen Konvent telematisch von der Vereinigten Staaten aus zuzuschalten, wurde von der Parteiführung, in der ihre Rivalen sitzen, abgewiesen. Sie wird nun Anfang Oktober wie alle anderen Teilnehmer zum zentralen Veranstaltungsort des Konvents nach Valencia reisen müssen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 1