Vom Sterben großer Weine - und des gesunden Menschenverstands

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es gibt Themen, von denen glaubt man, zu ihnen sei alles gesagt, und verspürt wenig Lust, sich immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen. Dann aber liest man Texte, wie den, der jetzt auf diesen Seiten erschien, und die man einfach nicht so stehen lassen kann. "Warum sterben manche großen Weine aus?" ist ein Artikel von Klaus Kosok überschrieben, der sich mit den großen Weinen des Piemont und deren Entwicklung in den letzten Jahrzehnten auseinandersetzt.

Kosok, der seine Personalie hinter der Selbstbeschreibung "Trinker" versteckt, mag keinen Barolo aus dem Barrique. Das, vorneweg, ist sein gutes Recht. Niemand streitet ihm das ab, ich am allerwenigsten. Man fragt sich allenfalls, warum diese persönliche Vorliebe einen Artikel im "Freitag" wert ist. Denn Kosok reicht es nicht, persönliche Vorlieben zu haben, er muss sie überhöhen, muss sie mit einem Heiligenschein versehen, der alles, was ihnen nicht entspricht, schäbig, billig, industriell und unecht, kurz, wie Amerikanerplörre aussehen lässt.

Deshalb erzählt Kosok uns die Geschichte dreier Winzer des Barologebiets, die ihre Weine bis ins aktuelle Jahrtausend hinein angeblich genau so machten, wie ihre Väter und Vorväter vor vierzig, fünfzig oder noch mehr Jahren. Bartolo Mascarello, Giovanni Conterno und Enrico Pira heißen die drei, und ihre Weine müssen von derselben überirdischen Qualität gewesen sein, wie jener Barolo Monfortino aus dem Jahrgangs 1978, den Kosok mit großem Enthusiasmus beschreibt: "... mit dem typischen Duft nach welker Rose, Veilchen, Tabak und Trüffeln, dann mit Anklängen von Brombeere, Pflaume, schwarzer Kirsche ...... Kakao und Zimt." Dass für viele Weinfreunde Aromen wie Brombeeren, Kakao und Zimt wahrscheinlich eher auf modernere Weine als auf traditionellen Barolo passen? Sei's drum!

Politisch-moralische Koordinaten der Weinbeurteilung

Auffällig ist, dass Kosok tief in die journalistische Trickkiste greifen muss, um seine These vor dem Aussterben des "echten" Barolos an den Mann oder die Frau zu bringen. Zuerst einmal wird Stimmung gemacht: "Große Weine werden von Querköpfen gemacht ... Winzer, die schon mal politische Botschaften auf Flaschen schrieben." Zwar ist bereits die apodiktische Anfangsbehauptung schlichter Humbug - ich würde sogar behaupten, dass die meisten Erzeuger großer Weine alles andere als Querköpfe sind, eher ganz normale, mehr oder weniger angepasst durchs Leben laufende Menschen -, aber immerhin werden mit dieser Aussage die Lager benannt, wird quasi durch die Hintertür der Claim der politischen Sympathie abgesteckt, auf der Kosok seine Argumentation in der Folge aufbauen kann. Ohne es zu merken, wird der Leser auf die Seite des Autors gezogen, denn wer empfände keine Sympathien für traditionsbewusste, vielleicht auch etwas schrullige Querköpfe. So nett ... die müssen doch einfach auf der "richtigen" Seite stehen.

In diesem Sinne geht es weiter: "Zeit seines Lebens stemmte sich einer der großen alten Winzer aus Barolo (Bartolo Mascarello, der das Barriquefass nicht liebte, E. S.) gegen die modernistische Überfremdung der Weine seiner Heimat", eine modernistische Überfremdung, die Kosok mit Mascarellos Worten "... schmeckt erst nach zehn Jahren, dann aber nach Barolo und nicht nach Vanille wie die Weine aus Kalifornien und Down Under ..." präzisiert.

Innerhalb weniger Zeilen ist damit eigentlich schon alles gesagt, die "subkutane" Einverleibung des Lesers in den Werte- und Sympathiekosmos des Autors vollzogen: Politische Querköpfe wollen ihre Heimat und deren Traditionen bewahren und lehnen deshalb alles Amerikanische und Moderne wie Barriques oder nach Vanille schmeckende Weine ab!

Aber hält dieses politisch-moralische Koordinatensystem überhaupt vor der Realität, d. h. vor den Weinen stand? Es wäre sicher müßig, die Vorlieben des Autors mit eigenen Beurteilungen zu vergleichen, obwohl es mir bei der einen oder andern Verkostungsnotiz, die ich in meinen Archiven von den Weinen der genannten drei gefunden habe, diesbezüglich durchaus in den Fingern juckt. Stattdessen möchte ich lieber ein paar Anekdoten erzählen. Dann soll sich einfach jeder seine eigene Meinung bilden!

Die erste dieser Anekdoten bezieht sich auf die immer wieder - bei weitem nicht nur von Kosok - aufgestellte Behauptung, der Barolo der "Modernisten" schmecke nach Barrique und Vanille. Wenn die Sache doch nur so einfach wäre! Vor einigen Jahren organisierte eine Gruppe von Barolo-Erzeugern für einen bekannten "Barrique-Hasser" unter den Weinjournalisten eine vergleichende "Blind"verkostung - die Etiketten der Weine waren verdeckt - von vier traditionellen (im großen Holzfass) und vier modernen (im Barrique ausgebauten) Barolos desselben Jahrgangs. Eines einigermaßen gereiften Jahrgangs, versteht sich. Das Ergebnis: Keiner der acht Erzeuger - ganz zu schweigen von dem beteiligten Journalisten - konnte die beiden Gruppen mit auch nur annähernder Sicherheit auseinanderhalten. Ihre Trefferquote war nicht besser als beim Würfeln. Ausgewiesene Experten, die Barolo nicht von Vanille unterscheiden konnten? Unser Herr Kosok hätte das natürlich mit Links erledigt! Wie käme er sonst zu seiner Vanille-These?

Untypischer Traditionalist, typischer Modernist

Ich selbst habe Ähnliches erlebt, mit zwei ganz unterschiedlichen Weinen: Anlässlich einer Blindverkostung verschiedener Weine im Hamburger Sternerestaurant Poletto kam vor einigen Jahren zum Abschluss ein Barolo des Modernisten Elio Altare auf den Tisch. Mit verdecktem Etikett, versteht sich. Merkwürdigerweise hatte kaum jemand der Anwesenden auch nur die geringsten Schwierigkeiten, den Wein als typischen Barolo zu identifizieren. Wie das? Wo doch die Weine der Modernisten nicht nach Barolo, sondern nach Vanille schmecken!

Genau das Gegenteil passierte mir bei einem Besuch von Portugals Starwinzer Dirk Niepoort im Jahr 2000. Zum Abendessen war ein Freundeskreis von Winzern und Weinmachern eingeladen, und es wurde - wieder "blind" - der Wein eines bekannten, traditionell arbeitenden Barolo-Winzers ausgeschenkt. Keiner, mich selbst eingeschlossen, der ich immerhin fast 3.000 Barolos aus sechs Jahrzehnten verkostet habe, tippte auf Barolo. Die Raterei brachte uns einmal rund um die Erde, aber ans Piemont dachten wir nicht. Ein traditioneller Barolo, ganz klar als solcher zu erkennen? Eigentlich hätte er das doch sein müssen. Immerhin stammte er von einem renommierten Traditionalisten.

Was ich damit sagen will ist, dass die ganze quasi-religöse Schwarz-Weiß-Malerei - großes Fuder hui und kleines Barrique pfui! - den Weinen nicht einmal im Ansatz gerecht wird. Das gilt vor allem bei Weinen aus Nebbiolo, einer Rebsorte, die, wenn auch vielleicht nicht immer in jungen Jahren, dann doch im ausgereiften Zustand, über jede einigermaßen technisch korrekte Ausbauform dominiert, dem Wein seinen ganz eigenen, unverwechselbaren geschmacklichen Stempel aufdrückt, ganz gleich, ob er aus dem Barrique oder dem großen Fass kam.

Dabei ist natürlich schon die Annahme einer Kausalität zwischen Barriqueausbau und Vanillearomen schlichtweg kindisch. Nicht nur, dass jeder, auch nur einigermaßen ausgewogene Barriqueausbau in reifen, großen Rotweinen - ich betone das "reif", denn um reife Weine geht es uns ja wohl allen, nicht um viel zu früh verkostete oder getrunkene - praktisch keine Spuren von Vanille oder Ähnlichem hinterlässt. Oder wollte etwa jemand behaupten, ältere Bordeaux-Jahrgänge, gereifte Burgunder schmeckten nach Vanille? Eine nachgerade lächerliche Vorstellung!

Mehr noch: Nicht einmal in jungen Weinen muss der Barriqueausbau - wir reden natürlich vom Gebrauch (relativ) neuer Barriques, die überhaupt nur in substanziellen Mengen Vanillearomen abgeben - immer eindeutig in Aroma oder Geschmack identifizierbar sein, vorausgesetzt natürlich es handelt sich um wirklich große Weine. Eine Lehrstunde in diesem Sinne habe ich einmal bei der Burgunder Winzerlegende Henri Jayer erlebt, aber da ich diese Anekdote bereits an anderer Stelle erzählt haben, erspare ich mir das hier.

Für Klaus Kosok dagegen ist die Sache sonnenklar. "Ein wirklicher Barolo ... schmeckt erst nach zehn Jahren, dann aber nach Barolo und nicht nach Vanille wie die Weine aus Kalifornien und Down Under." Ach ja? Nach zehn Jahren soll man dann so richtig den Unterschied zwischen Barrique und großem Fass schmecken? Ein Schmarrn! Und ich erzähle dazu gern noch eine weitere, kleine Geschichte.

Elio Altare, einer der Winzer, die auf Kosoks "schwarzer Liste" der "Untrinkbaren" stehen, machte mir vor wenigen Jahren einmal zwei Flaschen aus dem Barolo-Jahrgang 1986 auf. Weine aus der Zeit, als er selbst noch mit dem Barrique experimentierte, und seine Weine teils, teils ausbaute. Die beiden Flaschen enthielten, so Altare, exakt das gleiche Ausgangsmaterial, Rebsorte, Weinbergslage, Erntezeitpunkt, Gärführung und Säureabbau waren identisch.

Falsche Tatsachebehauptungen

Der einzige Unterschied: Ein Teil des Weins war abschließend im Barrique, der andere im großen traditionellen Holzfass gelandet. Tatsächlich waren die beiden Weine nur schwer zu auseinander zu halten, von Vanille in keinem eine Spur - immerhin waren sie zum Zeitpunkt der Verkostung schon mehr als 15 Jahre alt. Nur hinsichtlich der Frische unterschieden sich die beiden markant: Der im traditionellen Holzfass ausgebaute Wein wirkte deutlich älter, hatte seinen geschmacklichen Zenith schon erreicht, während die Barrique-Version frischer, fast jugendlich wirkte. Wie mir Altare versicherte, war das nicht etwa auf unterschiedlich gut gelagerte Flaschen zurückzuführen - ein ganz normales Phänomen, das jeder Weinsammler kennt -, sondern entsprach seiner Erfahrung mit vielen anderen Flaschen desselben Jahrgangs.

Nun wäre diese Art der Kosok'schen Stimmungsmache an sich schon ärgerlich genug. So ärgerlich wie die Tatsache, dass Kosok das "Aussterben großer Weine" am Tode der bereits erwähnten Winzer festmacht, was ein Schlag ins Gesicht ihrer Kinder bzw. Nachfolger ist, die heute versuchen, die Arbeit der Alten in exakt ihrem Sinne weiterzuführen.

Noch ärgerlicher aber sind die falschen Tatsachenbehauptungen und Unterstellungen des Artikels, wie etwas die Behauptung, die Nachfolgerin Enrico Piras, Chiara Boschis, setze in ihrem Betrieb Hightech, Mostkonzentration oder Rotofermer ein. Wer dann noch behauptet, ihre Weine seien tiefdunkel, der setzt sich dem Verdacht aus, dass er noch keinen von ihnen je im Glas gesehen hat. Falsch ist auch, wenn die in der bereits erwähnten "schwarzen Liste" Kosoks genannten Voerzio, Vietti, Altare, Clerico oder Sandrone unterschiedslos beschuldigt werden, Vanilleweine aus dem Barrique zu füllen. Dass einer der besten Weine Viettis gar nicht ins Barrique kommt, dass Voerzio und Sandrone schon seit langem mit den unterschiedlichsten Fassgrößen experimentieren und arbeiten? Wen kümmerts? Sind doch nur lästige Fakten!

Solch überflüssige Details können die Überzeugung unseres Barolo-Talibans jedenfalls nicht ins Wanken bringen, der wahrscheinlich noch nie einen der großartigen Weine Voerzios getrunken hat. Sonst könnte er die jedenfalls nicht mehr in einen Sack mit den so genannten Vanilleweinen aus Kalifornien und Down Under stecken. Wobei der entsprechende Kommentar Mascarellos, den Kosok hier unkritisch zu seinem eigenen macht, vielleicht noch mit dessen Unkenntnis der Weine aus Kalifornien und Australien zu entschuldigen war. Bei Kosok ist so etwas, 10 oder 20 Jahre später, schlichtweg nicht mehr zu entschuldigen.

Infamer Journalismus

Regelrecht infam finde ich den am Ende des Artikels noch einmal aufgegriffenen, vollständig konstruierten Zusammenhang zwischen traditionellem Barolo-Verständnis und politischer Moral. "Ein großer Wein stirbt aus ... und mit ihm stirbt auch die Courage, mit der noch Mascarello ... Flagge zeigte. Seinen Barolo 1999 zierte die Botschaft: "No Barrique, no Berlusconi!" .... Da werden wieder sehr unterschwellig, aber wirksam, die unsinnigsten Zusammenhänge konstruiert. Tatsache ist, dass ein guter Teil derjenigen, die heutzutage traditionellen Barolo keltern, zu den Wählern Berlusconis gehören und dass einige der Modernisten, die ich kenne, ihn immer abgrundtief verachtet haben.

"Kein Barrique, sondern Barrikaden", zitiert Kosok am Anfang seines Artikels Bartolo Mascarello, wobei anscheinend beide nicht wissen, dass das Wort Barrikade auf eben jene Barriques zurückgeht. Soll ich jetzt daraus den Zusammenhang konstruieren, dass nur der, der Barriques verwendet, wirklich mutig, revolutionär oder sonstwas ist?

Infam ist der Artikel aber vor allem deshalb, weil er, wie ich eingangs andeutete, eine ganze Stilrichtung, die in den letzten 20 Jahren herrliche Weine hervorgebracht hat, letztlich als Erzeuger von Amerikanerplörre denunziert und verunglimpft. In einer wirtschaftlichen Situation, die für den Barolo, ja sogar für Italiens Weinbau insgesamt, schwierig genug ist - und zwar für Traditionalisten wie Modernisten gleichermaßen -, ist das schlichtweg unanständig.

00:37 06.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Eckhard Supp

Journalist, Buchautor und Herausgeber von ENO WorldWine (www.enobooks.de)
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 13