Au Revoir

Tapetenwechsel Wenn die Wohnung zu eng wird
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Liebe LeserInnen!

Im fast schon biblischen 7. Jahr sollte ein Umzug normal sein, besonders in einem Medium, dessen Schnelllebigkeit zwar häufig falsch interpretiert wird, aber doch sprichwörtlich ist.

Dabei geht es nicht lediglich um Zeitablauf. Es ist ein Strukturwandel. Aus der Stadt, die Jakob Augstein einst bauen und gegen Netznomaden verteidigen wollte, ist ein Gebäude des Generalverdachts geworden. Die Rede ist von der Blogosphäre bei freitag.de, und sie wäre nach den jüngsten Vorkommnissen ein Hort der Täter wider die Persönlichkeitsrechte.

Als ab Ende Januar auf Veranlassung eines notorischen Ex-Moderators des rbb eine ganze Reihe, auch redaktioneller Texte vom Netz genommen wurde, war die Ungewissheit groß: Warum? Auch mit Abstand ist man nicht schlauer, die angegriffenen Textpassagen (Behauptungen, Meinungen?) sind weitgehend unbekannt. Was bleibt, ist einzig der Eindruck, dass in diesen Beiträgen etwas gestanden haben mag, was dort nicht hätte stehen dürfen.

Wie so etwas funktioniert, verriet Patrick Gensing, als er die Einstellung von publikative.org bekannt gab: "Die Amadeu-Antonio-Stiftung trat freundlicherweise als 'Verantwortlicher im Sinne des Presserechts'" für die Plattform auf und zog als zunächst Haftende die "gelegentlichen Rechtsstreitigkeiten, die leider nicht ausblieben", auf sich.

Der Verlag des Freitag erfüllt eine ähnliche Funktion mit der Besonderheit, dass er sogar für die Beiträge einer ganzen Blogosphäre, der sog. Community einzustehen hat, die teilweise anonym oder pseudonym verfasst sind. Das kostet Zeit und Geld, wie Mitglieder der Redaktion nicht müde werden, den BloggInnen mitzuteilen.

Das bedürfte aber vor allem einer kooperierenden Struktur zwischen Verlag/Redaktion und der Com. Sie diente gerade im Fall eines von außen herangetragenen Konflikts dem Austausch grundlegender Informationen, etwa woher in einem Artikel behauptete Tatsachen und darauf aufbauend: Wertungen, Meinungen rühren. Das wäre der Sachbezug.

Sie diente grundlegend der Legitimation des redaktionellen Eingriffs in Texte. Sich das diesbezügliche Recht halbwegs legal in AGB und deren Abwandlung, der Netiquette vorzubehalten, reicht nicht. Das ist lediglich der in Privatform gegossene Gesetzesvorbehalt aus Art. 5 Grundgesetz: "Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze".

Er stellt aber auf dieser Ebene der privaten Subjekte zueinander, dem ureigenen Raum der Zivilität, keine Handhabe zur Verfügung, die Meinungsfreiheit dann im Kern und in der Praxis tatsächlich zu gewährleisten. Diese Struktur ist, mit einem Wort: inexistent, die Möglichkeit der Willkür jederzeit eröffnet. Es herrscht kein Ordre public, sondern es regiert der Ordre Mufti.

Unter solchen Bedingungen verstetigt sich nicht nur die Duldsamkeit gegenüber einer Auffassung, die allgegenwärtig danach fragt, "was veröffentlicht werden darf". Sie wird vielmehr, gerade wegen der Fernwirkung einer online-Plattform wie die des Freitag, auch für das Netz insgesamt salonfähiger. Wer dagegen verstößt, nimmt in dieser Optik nicht etwa sein Recht auf Meinungsfreiheit wahr, sondern steht im kaum mehr auszuräumenden Verdacht, gegen Gesetze verstoßen zu haben, (Schreibtisch)Täter zu sein.

Der Verdacht kann auch gar nicht ausgeräumt werden, wenn sogar der/die AutorInnen des Beitrags nicht wissen, worum es geht, weil der Verlag dies selbst ihnen gegenüber geheim hält.

Wo die "Schere im Kopf" beginnt

Das Misstrauen der Teilnahme von Publikum an der Publikation hat zweifellos zugenommen. Wer wollte dem angesichts der täglichen Unsäglichkeiten unter Missbrauch von Kommentarfunktionen oder in Social-Media widersprechen. Die Beobachtung ist aber auch: Im gleichen Maß, wie Medienhäuser und -anstalten unter Druck geraten, wird er an die weiter gegeben, die selbst zur Tastatur greifen. Wer vergrößert seine Schwierigkeiten schon freiwillig, indem er den Schwierigen eine Plattform bietet?!

Das ist der Link, ein gemeinsame Nenner, der wirtschaftliche, politische, personelle Probleme bündelt. Nach ihnen fragen auch Reporter ohne Grenzen, wenn sie zur Erstellung ihrer ländervergleichenden Indizes die Selbstzensur thematisieren oder den geschäftlichen Druck, die verhindern, dass wichtige Nachrichten veröffentlicht werden. Der Punkt ist: Wer sich als Profi, der davon Gehalt und Fortkommen bezieht, derart konditionieren lässt, hat gegenüber dem Amateur genau welche Haltung, wenn er dessen Texte redaktionell, sagen wir euphemistisch: betreut?

Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Dem Verfasser dieser Zeilen sind solche oder ähnliche Eingriffe erspart geblieben. Auch Unzulänglichkeiten, vor allem menschlicher Natur, haben über die Zeit den Elan nicht in Frage gestellt, an einem ziemlich einzigartigen Projekt teilzunehmen. Im Gegenteil: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, die Bereitschaft zum Zuhören vor allem bei den Verantwortlichen der online-Redaktion des Freitag waren überwiegend groß.

Die Einblicke, die dieses schöne crossmediale Experiment "Freitag" im deutschsprachigen Raum bei der Besiedelung des öffentlichen Raumes "Netz" gewährt hat, will ich nicht missen, erst recht nicht leugnen. Das ist der unbestreitbare Verdienst von Jakob Augstein. Vielleicht setzt sich irgendwann auch noch die Erkenntnis durch, dass Zivilität zuerst am eigenen Platz Geltung zu verschaffen ist.

Ich habe Ihnen, liebe LeserInnen, zu danken, dass Sie mir Ihre Zuwendung ganz im Sinne der neuen Aufmerksamkeits-Ökonomie gegeben haben. Oder wie es M.H. Goldhaber sagt: Change [just] happens.

Man liest sich immer zwei Mal.

Ihr ed2murrow aka marian schraube

14:50 10.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

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