Aufgefasst und abgebissen, die 17.KW bis Freitag in Italien

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Jahrestag der Befreiung
Italien hat am vergangenen Sonntag den Jahrestag seiner Befreiung gefeiert: Den 25.April 1945 als Datum der Befreiung vom, wie der Italiener sagt, Nazifaschismus und den Beginn, wie der Italiener bedeutsam mitschwingen lässt, von Demokratie und republikanischer Geschichte (Juni 1946). Das ändert sich allmählich. Denn die Rolle des Widerstandes, aus dessen Reihen zahlreiche Politiker, Intellektuelle und vor allem einfache Menschen kamen, die die frühe Nachkriegsgeschichte prägten, wird zunehmend klein geredet. Der frühere Deputierte Cirielli, heute Ratsvorsitzender der Provinz Salerno, hat in seiner Provinz Plakate aufhängen lassen, wo es heißt: „Der Beistand Amerikas auf unserem Boden hat eine Allianz sanktioniert, die eine lange Zeit des Friedens und des ökonomischen und sozialen Fortschritts ohne Gleichen garantiert hat und hat Italien, wie ganz Europa, vor der kommunistischen Diktatur bewahrt“. Von Widerstand keine Spur. Cirielli, Jahrgang 1964, war übrigens der Namensgeber für ein Gesetz zur Verkürzung von strafrechtlichen Verjährungsfristen, die seinem Patron Berlusconi ein- oder zwei Mal den Hals rettete, zeitweilig. Ökonomischer Fortschritt, man versteht sich.

Einheit Italiens
Für nächstes Jahr wird es eine 150-Jahr-Feier zur Einheit Italiens geben. Vom Organisationskomitee haben sich bereits der ehemalige Präsident der Republik Ciampi, der Verfassungsrechtler und Politiker Zagrebelsky, die Schriftstellerin Dacia Maraini und weitere Persönlichkeiten zurückgezogen, weil in dem politische Klima darinein Atmen zunehmend schwer wird. Kein Wunder, wenn eine der regierenden Parteien, die Lega Nord, die Sezession (Padanien) im Programm führt. Das sabaudische Reich lässt grüßen.

Literatur hüben und drüben der Alpen
Inzwischen richtet sich unser Augenmerk auf das literarische Werk führender Politiker von links, im italienischen Sinne. Die Entdeckung des Sonnenaufgangs (La scoperta dell’alba) von Walter Veltroni liegt nun auch auf Deutsch vor. Sogar Andrea Camilleri, Mann leichten Stils und augenzwinkernder Bedeutung,lobt das Buch, das bereits 2006 in Italien auf den Markt kam. Wegen des leichten Stils. Was vielleicht mit jener Leichtigkeit des Seins zu tun hat, mit der Veltroni, als er 2008 seine Demission als Bürgermeister von Rom gab, der Stadt noch kurzfristig (zwei Tage vorher) einen Flächennutzungsplan schenkte, der unter seiner Amtszeit bereits in Vollzug gesetzt war. Was die Bauunternehmer freute, die Römer weniger. Das Verwaltungsgericht noch weniger, das ihn kurz darauf als rechtswidrig aufhob. Da waren die Baustellen in Teilen schon vollendet. Auch dieser Blogger will an der Stelle Walter Veltroni weiterhin alles Gute wünschen, als Schriftsteller. Und daran erinnern, dass das Buch L’Odore der Soldi (Der Geruch des Geldes) von Gomez, Lillo und Travaglio noch immer nicht ins Deutsche übersetzt ist, obwohl dort eine einfache Frage gestellt wird, die nicht nur für einen Berlusconi gilt: Wie kann man in kurzer Zeit schnell reich werden? Ah, selige, saubere deutsche Literaturlandschaft.

Sportnachrichten
Wo wir bei Worten sind: Il Fatto Quotidiano, Italiens jüngste Tageszeitung, wurde vor ein paar Tagen eine Klage des Senatspräsidenten Renato Schifani über 750.000 € zugestellt, weil sich das Blatt erdreistet hatte, einige Geschäftsleute im Umfeld des kraft Amtes viertmächtigsten Mann im Staate genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Summe stellt rund das Doppelte des Gesellschaftskapitals von Fatto dar und ist die Fortsetzung des Nationalsports, kritische Stimmen beim Geldbörsel zu packen. L’Unità, das von Gramsci gegründete Blatt und la Repubblica, jenes von Eugenio Scalfari, können ein Lied davon singen: Die letzten Nachrichten liegen da bei rund 2,5 Mio € Klagesumme, eingebracht von Berlusconi, weil seine Männlichkeit und der damit verbundene Ruf verleumdet worden seien. Alles Zivilklagen, keine solche um Gegendarstellung oder gar Strafverfahren: Es könnten ja sonst Staatsanwälte ermitteln und die wirkliche, echte Wahrheit herausfinden. Und in Italien ist die Justiz bekanntlich links, linker geht’s gar nicht.

Wir hier frönen dem Breitensport noch nicht, es spielt sich alles nur quasi auf Amateurligaebene ab: Bild vs. BildBlog, Cicero gg. Görlach. Was wird aber, wenn Freitag und seine Blogger .....? Himmel hilf, und richte ganz schnell eine Schiedsstelle für solche Fragen ein, wenn Du in Deiner Weisheit schon solche fürs Reiserecht vorgesehen hast. Aber vielleicht hat das Reisen seit 1990 einen doch höheren Stellenwert.

Wetterbericht
Wer ein wenig Zeit hat (rund 45. Minuten) kann sich (noch) einmal die ganz hervorragende Dokumentation „Medien, Macht und Macho“ der glänzend aufgelegten Antje Pieper anschauen. Am Wochenende soll’s ja regnen.

(editiert 12:10 durch Einfügung des Geburtsjahres im ersten Absatz und dort Ersatz von "Jahresfristen" durch "strafrechtliche Verjähungsfristen")

11:51 30.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

Kommentare 11

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hibou | Community
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rainer-kuehn | Community
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