Die Bundespräsidentenwahl in der Auslandspresse online (*)

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The Guardian lässt keinen Zweifel an dem, was in Deutschland der gestrige Tag bedeutet: „Das enge Ergebnis des Bewerbs als peinliche Schlappe für Angela Merkel und ihre Koalition, die von Uneinigkeit gekennzeichnet ist“. Die Korrespondentin Kate Connolly zeichnet aus Berlin das Bild einer Kanzlerin, die gezwungen ist, „in letzter Minute Stimmen einzusammeln“ und die durch den Wahlausgang möglicherweise „irreversibel geschädigt wurde“. Die Linke findet weniger mit ihrer Kandidatin Luc Jochimsen Beachtung als mehr durch die Haltung gegenüber Joachim Gauck, „der wegen seiner dezidierten anti-kommunistischen Ansichten und der Befürwortung der deutschen Beteiligung in Afghanistan die Nemesis einer Partei ist, die ihre Wurzeln im Kommunismus hat“. Gleichwohl habe man Jochimsen schließlich zurückgezogen, um den Weg für die frei zu machen, die Gauck unterstützen würden, um Wulff zu verhindern. In einem gesonderten Profil würdigt der Telegraph Wulff als „Kennedy von der Leine“, während das Tattoo auf dem Oberarm seiner zweiten Frau zu einem „Anheben der Augenbrauen in einigen Ecken der deutschen Presse“ geführt habe. In der Analyse des Telegraph wird Angela Merkel als „von einer Rebellion innerhalb ihrer Koalitionsregierung schwer geschädigt“ gesehen, vor allem was ihre „Autorität als Kanzlerin“ betrifft. Der Rückschlag habe „eine Schwankung bei deutschen Wertpapieren“ bewirkt und „Ängste um die politische Stabilität in Europas größter Wirtschaft befeuert“. Das Blatt sieht die Koalition im Sinkflug bei Meinungsumfragen und in Wulff einen „farblosen Kandidaten“. BBC meint, der „Wahlgang unterstreiche Merkels Schwäche“ und zitiert nebenbei den Tagesspiegel mit dessen Schlagzeile „Der Tag der langen Messer“. Gavin Hewitt, BBC Editor für Europa, meint, „der Reichstag sei ein Platz für Intrige und ein Nummernspiel geworden. All das frisst an Frau Merkels Glaubwürdigkeit nach einer Zeit, für die sie ohnehin das Urteil der Fehlerhaftigkeit kassiert und in der sie ihre Zielsicherheit eingebüßt hat“.

Zurückhaltender Le Figaro, der nur von einem „Denkzettel“ in Richtung Angela Merkel schreibt, der sich darin ausdrücke, dass trotz einer komfortablen Mehrheit ein dritter Wahlgang erforderlich war, bei dem die einfache Mehrheit der Stimmen reichte. Lukretia Jochimsen habe sich bereits beim zweiten Wahlgang zurück gezogen, weswegen sich die Mehrzahl der Delegierten der Linken sodann der Stimme enthalten habe. Mit Gauck habe der Kandidat verloren, der in Meinungsumfragen vorne lag, mit Wulff der gewonnen, der in der Geschichte der Bundesrepublik der Jüngste ist. Und Le Monde meint, „Angela Merkel kann sich nicht freuen“. Es sei nur ein Sieg der politischen Arithmetik, die „Frau Merkel gezwungen hat, den jungen und moderaten Herrn Wulff“ als Kompromisskandidaten zu unterstützen. „Die Linke, die die Mehrheit in Richtung Gauck hätte kippen lassen können, hat es ebenfalls vorgezogen, die Wahl des konservativen Kandidaten zu ermöglichen als einen Antikommunisten zu wählen, einen Kritiker des Regimes aus dem ehemaligen Ostdeutschland“. „Der Sieg von Christian Wullf ist der eines Parteimenschen“ mit der nur knapp die vollständige Demütigung der Regierungskoalition verhindert werden konnte. Die große Verliererin der Wahl sei Merkel selbst, weil sie ihr eigenes Kalkül, einen Rivalen um die Kanzlerschaft wegzuloben, vor das Interesse Deutschlands gestellt habe und bei diesem Vorgang sich auch noch schwer getan hat.

L’Unità, das von Gramsci aus der Taufe gehobene Blatt in Italien hat zum jetzigen Zeitpunkt nur eine dürre dpa-Meldung mit der Überschrift versehen: „Doppelte Ohrfeige für Merkel: Ihr Kandidat fällt zwei Mal durch“. La Repubblica hingegen titelt „Merkel von den ihren verraten“ und sieht die Koalition im Chaos. „Wieder einmal erscheint das deutsche Establishment schwach an der inneren Front und gespalten von Streit und Rivalität“. Den Grund dafür, dass trotzdem deren Kandidat gewonnen hat, sieht das Blatt: „Es war die Weigerung der Linken, sich hinter Gauck zu stellen, weil bei den Postkommunisten unbeliebt, und es war ein dramatischer Appell der Kanzlerin zur Geschlossenheit innerhalb ihrer Mannschaft“. Zwei Wahlgänge seien zwei Ohrfeigen für eine Kanzlerin, „die noch vor Monaten als die mächtigste Frau der Welt bezeichnet wurde“.



(*) Wenn es den einen oder anderen Leser gibt, der aus „seinem“ Land die Medien auswerten kann: Sehr willkommen

11:05 01.07.2010
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Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

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sachichma | Community