Grundeinkommen? Ist nicht genug

Zukunft der Arbeit Die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen hat an Fahrt aufgenommen. Zeit für ein paar Fragen (von Alessandro Gilioli)
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Grundeinkommen? Ist nicht genug
Hoffnung: das bedingungslose Grundeinkommen könnte auch gegen Populismus helfen
Foto: Volker Hartmann/AFP/Getty Images

Libertino Faussone, der weltreisende Kränemonteur aus "Der Ringschlüssel", sagte, "die eigene Arbeit zu lieben ermöglicht die bestmögliche konkrete Näherung an das Glück auf der Erde". Wir wissen, die Figur aus dem Roman von Primo Levi arbeitete nicht nur für sein Monatsgehalt, sondern vor allem um sich über die Tätigkeit als Person zu verwirklichen.

Dabei kamen mehrere günstige Umstände zusammen: Kompetenz (das "Know-how"); Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit (wer weiß, ob aufgrund natürlicher Begabung oder in Jahrzehnten gereift); Erfahrung (also die Fehler der Vergangenheit als kulturelles Gepäck). Auch ein wenig Glück: Das hatte ihm einen Beruf beschert, durch den er, wo immer ein Kran aufzubauen war, ferne Orte und andere Bevölkerungen kennen lernen konnte. Primo Levi wusste, dass Faussone schon seinerzeit ein Privilegierter war, und er verkannte die entfremdende Wirkung des Fließbandes nicht. Aber er dachte, dass die Arbeit jedenfalls "Ausdruck menschlicher Freiheit" sei. Und in einem humanistisch-optimistischen Roman wollte er uns davon als Möglichkeit erzählen.

Der Studie "The Future of Employment" (2013) von Carl Benedikt Frey und Michael Osborne der Universität Oxford zufolge sind in den USA 47 Prozent aller Tätigkeiten kraft künstlicher Intelligenz, Computer, Roboter und Algorithmen vom Verschwinden bedroht. Ein darauf folgendes Arbeitspapier der gleichen Forscher hat dargelegt, dass "heute die drei größten Unternehmen des Silicon Valley bei 137tausend Arbeitnehmern ein Börsenkapital von 1.090 Milliarden Dollar darstellen, während 25 Jahre zuvor die drei größten amerikanischen Industriebetriebe auf insgesamt 36 Milliarden Dollar kamen, aber 1,2 Millionen Arbeiter beschäftigten".

Der israelische Informatiker Moshe Y. Vardi, Dozent an der Rice University in Houston (Texas), glaubt, dass in den nächsten 30 Jahren durch den Einsatz von Robotern die Arbeitslosenquote in der westlichen Hemisphäre auf über 50 Prozent steigen könnte.

Erik Brynjolfsson, Direktor des Center for Digital Business am MIT in Boston, ist der Co-Autor eines Buches (mit Andrew McAfee, "The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird" Plassen-Verlag, Kulmbach, 2014), in dem die Aussichten vertieft werden. Nicht nur Werktätigkeiten werden seltener, sondern die künstliche Intelligenz wird auch die der Konzeption, die "intellektuelle Leistung" bedrohen. Dabei könnte die Regel, die die zwei vorhergehenden Revolutionen in der Produktion gekennzeichnet hat -insgesamt die Erhöhung der Anzahl der Arbeitsplätze beim Übergang von der Agrar- zur Industrie- und schließlich zur Dienstleistungsgesellschaft- von Robotern außer Kraft gesetzt werden, die aus eigener Erfahrung lernen.

Gleichermaßen hat der Mitbegründer von Google, Larry Page, wenig Zweifel an einer nicht mehr kontingenten, sondern strukturellen Zunahme der Arbeitslosigkeit, die den enormen Fortschritten in der Robotik und der künstlichen Intelligenz geschuldet ist und die zur Automatisierung in vielen Denkberufen führen wird (Interview mit der Financial Times vom Oktober 2014).

Die Frage steht im Mittelpunkt eines an Daten, Fällen und Beispielen reichen italienischen Enthüllungsbuches (Riccardo Staglianò, "Al posto tuo", Einaudi, 2016). Noch bekannter ist der Essay des Zukunftsforschers Martin Ford aus dem Jahr 2015, "The rise of robots. Technology and the Threat of a Jobless Future". Nachdem er die Einkommensverluste aufgrund von Digitalisierung feststellt, schlägt der Autor "eine Art von Mindesteinkommen" vor, um den Mechanismus von Produktion und Konsum zu erhalten, also den Kapitalismus selbst.

Eben hier setzen etliche Lösungsvorschläge an. Einige mit Betonung der sozialen Missstände: Um den jungen Generationen, die in immer akrobatischere Formen des Prekariats gezwungen werden, so etwas wie Hoffnung zu geben. Oder genereller den durch Lohn-Dumping verelendenden Schichten, die sonst die so gefürchteten "populistischen Kräfte" stärken würden. Andere haben eine ökonomische Ausrichtung wie die, "den Kapitalismus vor sich selbst zu retten" (Robert Reich, amerikanischer Ökonom und ehemaliger Minister von Bill Clinton), der mit seinen Exzessen inzwischen das ganze System dem Risiko der Autophagie aussetzt.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in beiden Spielarten der Sozialbindung wie der allgemeineren des eigentlichen "Bürgereinkommens" eine der möglichen Antworten, die nicht mehr nur von links gegeben werden, sondern auch von Vertretern der liberalen Schule. Sicher werden die Kosten dafür beträchtlich, unabhängig davon welche Zielgruppen und Mengen zugrunde gelegt werden. Aber von vielen Seiten wird es mittlerweile als "Tina" bezeichnet, um das Margaret Thatcher so teure Akronym zu verwenden: There is No Alternative. Im Zeitalter der Roboter gebe es keine andere Lösung, um den sozialen und ökonomischen Kollaps zu verhindern. Trotz alle dem, das sei betont, ist Italien eines der wenigen europäischen Länder, die nach wie vor keine einzige Art des Mindesteinkommens vorsehen.

Und doch ist die Debatte um das Grundeinkommen paradoxerweise so alt, dass sie eigentlich schon wieder unhinterfragt bleibt. There is No Alternative, wenn vermieden werden soll, dass die Verknappung von Arbeit durch technischen Fortschritt Umwälzungen verursacht, deren Kosten nicht nur in einem ökonomischen Sinn weitaus höher sind als das Grundeinkommen selbst.

Der langfristig relevante Aspekt stellt sich allerdings erst später ein, wenn die Politik bereits den unvermeidbaren Kopfsprung der Vernunft geleistet haben wird, der allen oder beinahe allen eine Einkommensgrundlage unabhängig von der Arbeit gibt.

Und er betrifft eben jenen Libertino Faussone, genannt Tino, den Protagonisten bei Primo Levi.

Das heißt: Welches werden die existentiellen Elemente sein, die "die bestmögliche konkrete Näherung an das Glück auf der Erde" darstellen, wenn Arbeit nur einen kleinen Teil unserer Zeit, unseres Lebens ausfüllt? Worin wird jeder von uns den besten "Ausdruck menschlicher Freiheit" finden? Welches werden die Elemente der Selbstverwirklichung sein, sind wir erst einmal der Notwendigkeit von Produktion und Vergütung enthoben, die uns in Arbeit und zur Personifizierung einer sozialen Rolle als Klempner, Anwälte, Köche, Ärzte, Handwerker, Ingenieure bringt?

Und dann: Würde eine neue Spaltung heraufbeschworen werden etwa in Abgrenzung zu denen in der Gesellschaft, die anderweitig, also auch ohne Funktion im Produktionssystem Gründe in ihrem täglichen Leben finden? Welches wären die unter anderem pädagogischen, kulturellen, geistigen, wertenden, sozialen, räumlichen, affektiven Mechanismen, die die Suche nach Selbstverwirklichung konstituieren?

Wenn allgemein die Notwendigkeit eines Einkommens für alle in einer robotisierten Welt angenommen wird, wäre es dann nicht angebracht, dieses existentielle Thema als nächste Herausforderung zu begreifen, um die Gesellschaft von morgen vorzubereiten, in der jeder zu einer "weitestgehenden Annäherung an das Glück auf dieser Erde" streben kann? Sollten wir uns also nicht darum kümmern, worin das Glück von Tino Faussone bestehen wird, wenn er einst nicht ohne Gehalt, dafür ohne sein Werkzeug und ohne Kran sein wird, den es zu aufzubauen gilt?

Alessandro Gilioli (*1962 in Mailand) ist Autor, Journalist (u.a. seit 2002 für das Magazin l'Espresso), passionierter Blogger und Netzwerker. Sein Textlog "Piovono Rane" (Es regnet Frösche) wurde seit 2009 vier Mal mit einem Macchianera Blog Award ausgezeichnet. 2016 erreichte er Platz 5 der besten politischen Meinungsseiten in Italien.

Originaltitel des Blogs: "Il reddito è il minimo, ma non basta", 26. Dezember 2016, online

Weiterführender Link: Primo Levi, "Der Ringschlüssel", Besprechung von Gregor Dotzauer, die Zeit, 23. Oktober 1992, online

Crossposting zu Tragwerkblog

Auswahl des Textes und mit freundlicher Gestattung des Autors Übertragung aus dem Italienischen: e2m
12:03 02.01.2017
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Geschrieben von

ed2murrow

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ed2murrow

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