"War On" - Trumps schrille und stille Helfer

USA Stephen K. Bannon und der Kosmos von Breitbart News (very long read!)
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"War On" - Trumps schrille und stille Helfer
Stephen K. Bannon
Bild: Drew Angerer/Getty Images

Das letzte Mal, als von Stephen K. Bannon in Deutschland etwas ausführlicher zu lesen war, bevor er dem Wahlkampfteam von Donald Trump beigetreten ist, war 2011. Damals erwog Sarah Palin als Noch-Ikone der Tea-Party-Bewegung eine Kandidatur zum Präsidentenamt für die Republikanische Partei. Aber sie steckte in Geldnöten. Bannon sprang mit dem Film The Undefeated ein, der das Leben und politische Wirken der früheren Gouverneurin von Alaska portraitierte. Ein teures Werbegeschenk, meinte die Wochenzeitschrift die Zeit, weil Bannon zu seinen Eigenschaften als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent auch noch die Kosten einbrachte. Eine Million Dollar, wie er behauptete, aus seiner privaten Schatulle gespendet.

Alles ein Flop. Im Internet Movie Database (IMDb) wurde der Film mit tags wie "Propaganda", "historisch ungenau" oder "geschichtsrevisionistisch" versehen. Und: "Grossed only $116,381 with a budget of $1,000,000. Opened to a nearly deserted theater in conservative stronghold Orange County, California." Die ehemalige Gouverneurin von Alaska gehört mittlerweile bestenfalls zur dritten Garnitur der GOP. Von der Tea-Party ist offiziell kaum noch die Rede.

Das Debakel, verlustreich mit untauglichen Mitteln auf das falsche Pferd gesetzt zu haben, hat Bannon nicht gebremst, sondern eher beflügelt. Vier Jahre später, im Oktober 2015, bezeichnete ihn der Newsdienst Bloomberg in einer ausführlichen Würdigung als "gefährlichsten politischen Akteur in Amerika". Die Washington Post rieb sich im Januar dieses Jahres verwundert die Augen, als sie fragte, "wie Breitbart zu einer dominierenden Stimme in konservativen Medien" habe werden können. Die Frage ist aktueller denn je: Breitbart matcht sich derzeit im Alexa-Ranking der online-Zugriffszahlen mit der Präsenz des Blattes, das die Watergate-Affäre aufdeckte und wesentlich zum Sturz von Richard Nixon beitrug.

Seit Mitte August war Bannon als CEO der Werbekampagne wesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte von Donald Trump. Und er ist jetzt im Gespräch als Stabschef im Weißen Haus.

Ein News-Aggregator wird zum Webzine

Breitbart News Network und Bannon sind in wenigen Jahren zu Synonymen geworden. Nachdem der Gründer des Medienunternehmens, Andrew Breitbart, im März 2012 im Alter von nur 43 Jahren starb, übernahm der frühere Banker und Mergers-&-Acquisition-Spezialist Bannon praktisch über Nacht. Er beschickte die Redaktionen des Medienunternehmens mit jungen, erfolgshungrigen und hemdsärmeligen Unter-30-Jährigen, um eine "Anti-Establishment"-Kampagne zu starten.

Mangelnde Erfahrung oder Reputation wurden mit Public Relation ausgeglichen. Als der eher unbekannte Matthew Boyle im Herbst 2015 zum politischen Hauptstadtredakteur aufstieg, wurde er von der rechtslastigen Plattform The Washington Free Beacon prompt zum "Man of the Year" ausgerufen. Sich selbst schätzt Boyle als Enthüllungsjournalisten ein, die Kollegen von The Daily Beast sehen dagegen einen "wütenden populistischen Vollstrecker" am Werk. Den ohnehin überschaubaren weiblichen Anteil seiner Mitarbeiter betitelt Bannon halb ironisch, halb im Ernst als "seine Walküren".

Was er mit anti meint, wurde spätestens beim Panel vom September 2013 zur "Zukunft des Konservatismus" im Washingtoner Presseclub deutlich. Bannons Prämisse: Amerika habe "keine funktionale konservative Partei". Denn die Republikaner würden in Washington, im Zentrum der Macht, mit den Demokraten eine gemeinsame Partei bilden: Die der Handel treibenden Insider. Bannon machte sich damit das Narrativ der Underdogs und Outsider, von klein gegen groß zu Eigen. Oder, um es mit den Worten auszudrücken, die das offizielle Trump-Team online einhämmert hat - "It’s US vs. them!"

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump kam also gerade recht. Nicht nur, weil er sich als Weißer weithin sichtbar in Kontrast zu Präsident Barack Obama stellt, seit den Zeiten der Tea-Party Feind Nr. 1 bei der Mehrheit der Republikaner: Er sei Muslim, Kommunist und kein "natural born citizen". Das sind rassistische Chiffren, die auch der Immobilienunternehmer 40 Jahre lang benutzt und verfeinert hat, wie der Kolumnist Nicholas Kristof für die New York Times festgestellt hat ("Is Donald Trump a Racist?"). Oder weil Trump, als bewundertes Oberhaupt einer Großfamilie auftretend, den Prototyp des Patriarchen abgibt, der Hillary Clinton als "Ehefrau an der Seite von Bill" ausstechen sollte. Sondern auch weil der Milliardär mit seinem Vermögen einzustehen und in der Lage war, eine etwaige Austrocknung seiner Wahlkampffonds durch gemäßigtere Parteigönner zu überstehen. Einen Betriebsunfall wie bei Palin würde es nicht noch einmal geben.

Bereits Anfang September 2015 löste das nur online und per Radio (SiriusXM Patriot, Kanal 125) erscheinende Breitbart-News-Format das Trump-Ticket. Den Auftakt bildete eine Reihe von "Exklusiv"-Artikeln aus der Hand von Boyle. Auch wenn darin kaum etwas stand, was nicht schon aus der Wahlwerbung bekannt gewesen wäre - einige originale Sätze für die Plattform aus dem Mund des Kandidaten ("...Trump tells Breitbart News in an exclusive statement ...") reichten aus, um die Zugriffszahlen im Netz durch die Decke gehen zu lassen.


Donald Trump und Breitbart News, eine zweckdienliche Partnerschaft

Eine durchaus zweckmäßige Partnerschaft im rechten Augenblick. Denn zur gleichen Zeit brach ein tief greifender Konflikt zwischen Trump und Fox News aus, dem in den USA führenden konservativen Kabel-TV-Anbieter. Am 7. August 2015, bei der ersten von dem Sender ausgestrahlten Konfrontation republikanischer Prätendenten, stellte die landesweit bekannte Moderatorin Megyn Kelly eine Frage mit Fernwirkung: Ob Trump am "Krieg gegen Frauen" (War on Women) teilnehme, wenn er sie als "fette Schweine, Hündinnen, Schlampen und ekelhafte Tiere" bezeichne.

Trumps eigener Nachklapp zu seiner Antwort ist bereits in die Annalen eingegangen. Telefonisch am folgenden Tag bei CNN abgeliefert ("You could see there was blood coming out of her eyes [...] Blood coming out of her wherever"), kennzeichnet er auch eine deutliche Entfremdung innerhalb des rechten Lagers. Noch im März 2016, nach einem abermaligen Angriff von Trump auf Kelly per Tweet, erklärte Fox den Magnaten in einer Redaktionsstellungnahme für nicht präsidiabel. Dessen "ätzenden Attacken gegen Megyn Kelly und seine extreme, kranke Obsession ihr gegenüber widersprechen der Würde eines Kandidaten, der das höchste Amt im Staat bekleiden will." Erst im Mai, als absehbar wurde, dass an der Kandidatur des Geschäftsmannes niemand mehr vorbei kann, kam Trump wieder als Gast für die Fox-Studios in Betracht. Von der Würde von Frau Kelly war allerdings auch bei Fox News nie die Rede.

Derlei Skrupel plagen Breitbart News ohnehin nicht. Denn es gilt, stets den Ruf zu verteidigen, "einen direkten Draht in The Donalds Gehirn hergestellt zu haben und in der Lage zu sein, die Sicht des Kandidaten auf die Welt dem durchschnittlichen amerikanischen Wähler zu erklären."

Die Direktheit bekam im März eine Reporterin der Plattform, Michelle Fields, zu spüren. Ihren Angaben zufolge wurde sie von Trumps damaligem Wahlkampfleiter, Corey Lewandowski, körperlich angegriffen, als sie versuchte, nach einer Wahlveranstaltung Trump zu interviewen. Statt der Sache nachzugehen, streute Breitbart Zweifel an der Version der eigenen Mitarbeiterin. Der Gleichklang mit den Unschuldsbeteuerungen aus dem Wahlkampfteam war unübersehbar.

Angesichts dieser Haltung verließen Mitte März neben Fields 13 weitere Personen auch aus dem Verlagsvorstand die Plattform, darunter Redakteur Benjamin "Ben" Shapiro. "Man schubst nicht den eigenen Kampagnenreporter vor einen fahrenden Bus, nur um die Launen einer politischen Kampagne zu befriedigen", zitierte die New York Times das konservative Nachwuchstalent. Nicht nur Shapiro wurde dafür in einem später wieder zurück genommenen Artikel bei Breitbart diffamiert. Auch Fields, die gegen Lewandowski Strafanzeige erstattete, bekam einen Tritt hinterher geschickt. Einen Artikel des ebenso rechtslastigen britischen Daily Mail als Beleg zitierend, wurde die Reporterin dem Verdacht ausgesetzt, womöglich eine Attentäterin zu sein.

Wie Kampagnen bei Breitbart ablaufen, zeigte sich exemplarisch Mitte Juli, als ein Remake des Films Ghostbusters in den amerikanischen Kinos anlief. Breitbarts "Tech"-Hauptredakteur Milo Yiannopoulos inszenierte dazu am Wochenende der USA-Premiere ein Video-Feature bei Periscope ("We just saw Ghostbusters"), um am folgenden Tag einen Artikel nachzuliefern, dessen Titel Programm ist: "Teenage Boys With Tits: Here’s My Problem With Ghostbusters".

"Kampagnenjournalismus" online

Yiannopoulos, in Social Media hauptsächlich unter dem Nickname Nero bekannt, schoss sich in frauenfeindlichen Tönen auf die Hauptdarstellerinnen ein. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei der afro-amerikanischen Schauspielerin Leslie Jones in der Rolle der Patty Tolan: "Patty ist das Schlimmste an dem Ganzen. Die Schauspielerin ist selbst im Vergleich zum Rest der hassenswerten Besetzung spektakulär unsympathisch. Aber es ist besonders ihre flach-wie-ein-Pfannkuchen-schwarze Aufmachung, die die SJWs irritieren sollte."

Was folgte, war weder ein Shitstorm noch Mobbing gegen Jones, sondern eine regelrechte Hexenjagd. Sie gipfelte darin, dass zwei gefälschte Kurznachrichten in Umlauf gebracht wurden, die angeblich von Jones' Account @Lesdoggg stammten und belegen sollten, dass die Schauspielerin einen tiefen Hass auf Weiße und Schwule hege. Die Wut gegen Jones kannte keine Grenzen mehr. Dem setzte Twitter am 19. Juli ein Ende und suspendierte den @Nero-Account endgültig - "wegen wiederholter Verletzung der Twitterregeln, die die Teilnahme an oder den Aufruf zu gezielten Schmähungen gegen Personen verbieten."

Yiannopoulos und Breitbart News sind davon unbeeindruckt geblieben. Die britische Journalistin Laurie Penny hat die Stimmung in "I'm With The Banned" (deutsch bei Spiegel online: "Im siebten Stock der Hölle") eingefangen. Twitter hat wie andere Social-Media-Plattformen mit den widersprüchlichen Wertungen zu kämpfen, nicht konsequent oder schnell genug bei Verstößen gegen Verhaltensregeln vorzugehen, andererseits das Recht auf freie Meinungsäußerung zu beschneiden, wenn dann doch durchgegriffen wird. Die Schließung seines Accounts feierte Yiannopoulos entsprechend groß: "Wie alle Handlungen der totalitären regressiven Linken wird ihr auch das auf die Füße fallen und mir noch mehr Fans bringen, die mich anbeten. Wir gewinnen den Kulturkrieg, und Twitter hat sich gerade selbst ins Bein geschossen."

"Social Justice Warrior" (kurz: SJW) und "Culture War" sind für Breitbart indes weniger Ausdruck von Großspurigkeit als vielmehr Begriffe einer als Vielfrontenkrieg begriffenen Wirklichkeit. Seit der sogenannten Gamergate Kontroverse werden Proponenten für sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt, ähnlich dem Muster in Deutschland zu "Gutmenschen", im anglophonen Raum des www mit dem Begriff SJW herabgesetzt und ihre Motive in Frage gestellt, etwa als Profilierungssucht statt der Vermittlung ernst gemeinter politischer Inhalte.

Entsprechend verlaufen seit August 2014 die insbesondere auf die weibliche Person zielenden Angriffe bis hin zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Zum Beispiel gegen Anita Sarkeesian, einer Politologin und Medienkritikerin, die die Frauenfeindlichkeit in der Gamersubkultur zu ihrem Thema gemacht hat (u.a. in feministfrequency.com). Oder gegen die Spieleentwicklerin Zoë Quinn, der Erfinderin des Twine-Game "Depression Quest". Ihr wurde die Huren-Saga angedichtet, sie würde ihre sexuelle Gunst gegen positive Beurteilungen in der Presse eintauschen. Das sind Mittel, um Teilnehmer an einer öffentlichen Debatte nicht nur zu diffamieren, sondern um sie mundtot zu machen.

Sie von der Gamersubkultur auf den Kintopp und von dort auf die Politik übertragen zu haben, erscheint zwangsläufig, wenn es um Breitbart geht. Anfang der 1990er gründete und leitete Steve Bannon neben zahlreichen anderen Aktivitäten eine Investmentfirma, die sich auf Anteile an der Unterhaltungs- und Kommunikationsindustrie spezialisiert hatte. Nach einem zweijährigen Joint-Venture wurde die Firma 1998 zu einem nicht genannten Preis vollständig von der französischen Großbank Société Générale übernommen. Gleichzeitig tauchte er tief in das filmische Tagesgeschäft ein, als Co-Produzent für den Streifen Titus (1999) genauso wie als Regisseur, Drehbuchschreiber und (Selbst)Darsteller in zahlreichen anderen.

Diese Erfahrungen sind mit ein Grund, warum der Plan von Andrew Breitbart, seine Plattform von einem einfachen News-Aggregator zu einer journalistisch auftretenden Präsenz umzubauen, nach dessen Tod ohne Zögern umgesetzt wurde. Denn mit dem Relaunch Mitte 2012 wurde neben "Big Government" und "Big Journalism" auch "Big Hollywood" zu einer tragenden Rubrik der News. Seit 2015 ergänzt um die Nerd-Sparte "Tech", ist das Cross-Over perfekt. War im 20. Jahrhundert die Leinwand die neue, große Geschichtenerzählerin, ist es zu Beginn des 21. der Bildschirm, gleich welchen Formats und welcher Größe, aber als Smartphone oder Tablet ständig verfügbarer Begleiter. Den Twist der Storys will Bannon vorgeben: Die aus den aggressivsten Teilen der Gamersubkultur stammende "alt-right"-Ausrichtung ist, geht es um mediale Präsenz, dort angekommen, wo die Tea-Party einmal war.


Nach der Leinwand erzählen Bildschirme die grossen Storys der heutigen Zeit

Bannons Filmographie ist unmissverständlich in der Sprache des Krieges gehalten: "In the Face of Evil: Reagan's War in Word and Deed", "Battle for America" oder auch "The Undefeated" (in Anspielung an den gleichnamigen Western von 1969, der zu Zeiten des Bürgerkriegs spielt) handeln nicht von Personen, sondern sind Heldenverehrungen. Klitterung und Vereinfachungen gehen Bannon dabei immer leichter von der Hand. In seinem bislang letzten veröffentlichten Streifen "The Torchbearer" (etwa: der Fackelträger, 2016) erklärt der einfache Kumpel von nebenan, verkörpert von dem Duck-Dynasty-Patriarchen Phil Robertson, nahezu zweitausend Jahre Menschheitsgeschichte. Vom Untergang des römischen Reiches bis zur heutigen Schwäche der USA offenbare sich einzig der Abfall von Gott. Solange dieser gottlose Zustand nicht beseitigt sei, gebe es nur eine Sache zu tun, die richtig sei: Die Schwachen sterben zu lassen, damit die Starken leben können.

Dem Problem der Faktentreue ist Bannon mit einem geschickten Zug begegnet. Zusammen mit weiteren namentlich nicht genannten Personen gründete er 2012 in Florida das Government Accountability Institute (GAI). Die Mission der gemeinnützigen Organisation: "Vetternwirtschaft, Missbrauch von Steuergeldern und andere Formen von Regierungskorruption oder Amtspflichtverletzungen auszuforschen und zu veröffentlichen". Während Bannon dort als Vorstandsvorsitzender fungiert, hat das Institut als Präsidenten und Aushängeschild den zur Mission kongenialen Mann.

Peter Schweizer ist nicht nur Republikaner durch und durch und seine Schreibkompetenz geadelt durch den Umstand, 2008-2009 beratender Redenschreiber im Weißen Haus gewesen zu sein; der damalige Mieter hieß George W. Bush. Sondern Schweizer hat eine Reihe von Schriften verfasst, die als Sachbücher gehandelt werden, u.a. Portraits der Familie Bush und von Ronald Reagan. Auch wenn ihm im Laufe der Zeit etliche sachliche Fehler unterlaufen sind und er an vielen Stellen Behauptungen zurücknehmen musste (die Plattform mediamatters hat einige zusammengestellt) - die dem Kosmos um Bannon kritisch gegenüber stehenden News von Bloomberg gestehen zu, dass die Vorwürfe des Instituts "gegen bedeutende Politiker faktenbasiert" seien.

Hier ist der Grundstein für das Schlagwort des Wahlkämpfers Trump gelegt worden, dass Hillary Clinton korrupt sei und er sie im Falle seines Wahlsieges ins Gefängnis stecken würde. Im Mai 2015 veröffentlichte GAI Schweizers Buch "Clinton Cash". Darin kommen die hohen Honorare zur Sprache, die die Clintons für Reden vor geschlossenem Publikum hielten. Und es wird von sehr hohen Spenden vor allem aus dem Ausland zugunsten der Clinton-Stiftung berichtet. Selbstredend machte Bannon als Produzent und Drehbuchautor daraus den gleichnamigen Film, der im Juli 2016 in den USA veröffentlicht wurde. Die Hauptrolle spielt als Kommentator-Ankläger Peter Schweizer selbst. Breitbart News kündigte am 23. Juli an, den Film auf der Plattform eine begrenzte Zeit lang kostenlos zur Verfügung zu stellen, um 4 Tage später den "Director's Cut" anzupreisen. Am 9. September wurde der Film für alle gratis zugänglich auf Breitbarts YouTube-Kanal hochgeladen.

Dass es sich in der Kernaussage um ein Machwerk der Suggestion handelt, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Denn zu seinem Hauptvorwurf, Spenden hätten Entscheidungen von Hillary Clinton als Außenministerin beeinflusst und würden sie als spätere Präsidentin in Dankesschuld binden, kann Schweizer keine harten Fakten vorlegen. In der Sendung "Smerconish" vom 11.6.2016 bei CNN räumte der Autor ein, dass er weder Bestechung noch Vorteilsannahme, aber auch keine direkte Rolle von Clinton bei Entscheidungen des Außenministeriums zu Gunsten von Spendern belegen könne. Der Verdacht alleine aber reiche aus, um Ermittlungen durch Bundesbehörden in Gang zu setzen. Das politische Kalkül: Spenden aus arabischen und damit in den Augen vieler US-Amerikaner despotisch-rückständiger Länder würden am Ruf der Demokratin Clinton als Verfechterin von Fortschritt und Frauenrechten nachhaltig kratzen.

Es geht nicht um Fakten, es geht um den Twist einer Story

Schon einmal hat das Rezept funktioniert. Am 20.10.2015 veröffentlichten GAI und Schweizer das schmale e-book "Bush Bucks: How Public Service and Corporations Helped Make Jeb Rich", versehen mit einem Vorwort von Bannon. Darin wurde Jeb Bush, ehemaliger Gouverneur von Florida und Prätendent auf die Präsidentschaftskandidatur bei den Republikanern, nicht nur als typisches Beispiel des Washingtoner Establishments durch die Vernetzungen im Bush-Clan gezeichnet. Sondern seine geschäftlichen Erfolge nach der Amtszeit als Gouverneur wurde von Schweizer in der einfachen Frage konzentiert: "Wurden Regierungsmacht und öffentlicher Dienst zur persönlichen Bereicherung benutzt?" Die Frage beantwortet Schweizer ebenso wenig konkret wie im Fall der Clintons.

Auch wenn der Umstand vielleicht nicht entscheidend war: Der zwar als etwas langweilig und streckenweise unbeholfen, aber ansonsten grundsolide wirkende Mann hatte trotz eines eigenen Wahlkampffonds von 150 Millionen USD über Nacht den Ruch der Korruptheit an sich kleben, den er nicht mehr loswurde. Im Februar, 4 Monate vor dem Nominierungskongress der Republikaner, gab Jeb Bush seine Ambitionen auf, ein ernst zu nehmender parteiinterner Gegenspieler von Trump war abgemeldet.

Die Linie hat sich auch gegenüber Clinton ausgezahlt. Aber dass Bannon schon frühzeitig zusätzlich auf Emotionen gesetzt hat, misst sich an dem häufig anzutreffenden Adjektiv "evil", wenn es um die Kandidatin der Demokraten ging. Wo auch immer jemand das Wort verwendete, Breitbart News berichtete darüber. Einen besonderen Coup landete Bannon persönlich, als er vergangenen Mai im verlagseigenen Sender SiriusXM Herbert London interviewte. Darin bezeichnete der in konservativen Kreisen sehr geschätzte Hochschullehrer und Präsident des Think-Tanks London Center for Policy Research Hillary Clinton als "eine böse Kraft, eine Verkörperung des Bösen, die Probleme bereiten wird, unsere Verfassung überhaupt aufrecht erhalten zu können".

Derartige disruptive Emotion zu wecken, die dann in öffentliche Forderungen übergehen, gegen Hillary Clinton Gewalt anzuwenden, ist das eigentliche Markenzeichen von Breitbart News. In einem kurzen Feature vom 17. August zeigte die Tageszeitung New York Daily News auf, dass in Sachen gerichteter Konfrontation Trump und die Plattform sich ergänzen. Bis in das Jahr 2014 lassen sich rassistische oder schwer sexistische Veröffentlichungen genauso nachweisen wie diejenigen, die die Opfer von Polizeigewalt als die eigentlich Schuldigen von Unruhen beschreiben. Dazu gehört der verschwörerische Ton, den Breitbart etwa im Mai 2015 verbreitete. Afro-Amerikaner "wütend zu halten" sei "ein finsteres Komplott" der Demokraten: "So zu tun, als seien sie nicht ihre Unterdrücker sondern ihre Retter, um sie anzuhalten, für die eigene Zerstörung zu wählen: big government und die Demokraten, die das kontrollieren".

Was aber hält, mehr noch als eine politische Agenda eines Kandidaten, einen Laden zusammen, der in Bezug auf Geschlechter und Ethnien, Gamer- und Kinokultur, geschäftlicher oder politischer (Un)Ehrlichkeit selbst höchst aggressiv und widersprüchlich agiert, bis hinein im Kampf alle gegen alle in den eigenen Redaktionen?


"Make America Great Again" im "Culture War"

Vieles deutet auf die Ära Reagan und ihre Narrative hin. Donald Trump selbst hat keinen Zweifel daran gelassen. Mit dem Hashtag #MAGA für Make America Great Again nahm er daran Maß, wie er im Interview im August 2015 bekannte. Das letzte Mal, da Amerika groß war, sei "während der Präsidentschaft von Ronald Reagan" gewesen: "Man war stolz. Ich glaube nicht, dass seither in irgendeiner Beziehung die Menschen so stolz gewesen sind".

Bei Bannon ist es nicht nur der Film zur Figur Reagan ("In the Face of Evil", 2004), den er als Skriptschreiber, Regisseur und Produzent verantwortet hat. Und wo Bannon und Peter Schweizer als der Buchverfasser sowie ausführender Produzent zur Zusammenarbeit gefunden haben. Über das Gespann bei GAI hinaus ist Schweizer heute Mitherausgeber und Kolumnist bei Breitbart News.

Sondern Reagan bestreitet in der populären Kultur wie bei zahlreichen Politologen in den USA die Wahrnehmung als "größter Präsident der Vereinigten Staaten" der Nachkriegszeit, mindestens auf Augenhöhe mit John F. Kennedy. Wo dieser im Mysterium seiner Ermordung gefangen bleibt, ist Reagan der Bezwinger des "Empire of Evil", der Sowjetunion, des Kommunismus. Mehr als nur vereinzelt sehen Menschen in den USA seit den Worten "tear down this wall" Reagan als Lichtgestalt, als einen modernen Josua der freien Welt.

Auf die Frage, was nach dem Ende des Kalten Krieges, nach mehr als fünf Jahrzehnten der heißen wie verdeckten Konfrontationen mit einem äußeren Feind kommen würde, gab der als paläokonservativ bezeichnete Publizist Patrick "Pat" Buchanan eine klare Antwort. Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner 1992, aus dem der amtierende Präsident George H. W. Bush als Sieger hervorging, sprach er: "There is a religious war going on in our country for the soul of America. It is a cultural war, as critical to the kind of nation we will one day be as was the Cold War itself. And in that struggle for the soul of America, Clinton & Clinton are on the other side, and George Bush is on our side". Ein Jahr später verlor Bush, und Bill Clinton zog in das Weiße Haus ein.

1991 hatte der Soziologe James Davison Hunter den Begriff vom Kulturkrieg in seiner heute als Standardwerk angesehenen Studie "Culture Wars: The Struggle to Define America" geprägt. Die seine war die Fragestellung, welches die Themen seien, entlang denen eine tiefe Neuordnung der amerikanischen Kultur, verstanden als Identitätsstiftung, stattfinde. Die Kontrahenten: "Die Orthodoxen", wie sie Hunter nennt, die gläubig einer geradezu transzendentalen Autorität als konsistenten, unveränderlichen und absoluten Maßstab für Rechtschaffenheit und moralische Wahrheit folgen wollen. Darin fänden so unterschiedliche Gruppen wie fundamentalistische Evangelikale, konservative Katholiken und orthodoxe Juden einen gemeinsamen Nenner. Auf der anderen Seite: "Die Progressiven" oder Liberale, die eher säkular ihre Maßstäbe in der persönlichen Erfahrung oder in den Wissenschaften suchen würden. Für sie sei die moralische Wahrheit nicht buchstabengetreu in Stein gemeißelt; ihre Suche gelte der Interpretation, dem Sinnhaften. Die unterschiedlichen Herangehensweisen würde die Konfrontation bei Themen wie Abtreibung, Verständnis von Ehe und Rolle von Geschlechtern oder Homosexualität unvermeidlich machen.

Buchanan nahm sie als "Abtreibung auf Bestellung, Lackmustest für das Höchstgericht, Rechte der Homosexuellen, Frauen in der kämpfenden Truppe" affirmativ auf und bezeichnete sie als nicht hinnehmbar: "Das ist nicht die Art von Änderung, die wir in einer Nation tolerieren können, die wir immer noch Gottes Land nennen".

Rund ein Viertel Jahrhundert später hat der Kommunikationswissenschaftler Will Tiemeijer für den niederländischen wissenschaftlichen Beirat für Regierungspolitiken (WRR) Hunters Werk einer Überprüfung unterzogen ("The United States: culture wars", 2015; pdf via wrr.nl, 2,48 MB). Anhand von diversen Studien und Erhebungen der letzten Jahre gelangt Tiemeijer zu folgenden Ergebnissen: Die politischen Eliten der USA seien in der Frage um die Deutungsmacht im Land "unbestreitbar polarisiert. Im Kongress sind die Abgeordneten der Demokraten und Republikaner stärker ideologisch geteilt als selbst zu Zeiten des Bürgerkriegs. Das ist mit ein Grund, warum amerikanische Wähler klarer zwischen den beiden Parteien 'sortiert' erscheinen". In Bezug auf die Bevölkerung hingegen gäbe es kein Bild, über das sich die Forschung einig wäre. Konsens bestehe darüber, dass dort das Politische sich von Ideologien entfernt und zu Grundfragestellungen zurück gekommen sei, was moralisch "richtig" oder "falsch" sei. Wie sehr das aber zu einer Polarisierung geführt habe, sei umstritten.

Das Bild, das Tiemeijer vorzieht, ist: "Orthodoxe" und "Fortschrittliche" würden nebeneinander her leben, aber sich kaum berühren. Hier komme sogenannten "partisan Media" (tendenziösen Veröffentlichungen) und "outrage Media", emotions- bis wutstiftenden Trägern eine besondere Rolle zu. Sie würden den Opponenten, hauptsächlich online, jeweils ein Gefühl der Bestätigung und des Aufgehobenseins vermitteln: "Fans erfahren das als sicheren Hafen gegenüber der Anstrengung, der sie im sich überkreuzenden politischen Gespräch mit Nachbarn, Kollegen und Mitglieder der Wohngemeinde begegnen würden".

Beispiel, die Neuauflage des Films "Ghostbusters"

Die Dynamik dieser Form polarisierender Politisierung kann anhand des Remake des Films Ghostbusters rekonstruiert werden. Obwohl die Komödie noch nicht in den Kinos angelaufen war, sorgte bereits das Projekt, erst recht aber der offizielle Trailer im März 2016 für negative Schlagzeilen. Bei YouTube wurde er zu einem der 10 Videos mit den schlechtesten Bewertungen. Inhaltlich wie politisch konnten Kritiker aber kaum etwas Konkretes beisteuern. Den Tenor fasste Donald Trump bereits Mitte 2015 in einem Vlog bei Instagram zusammen: "They’re remaking Indiana Jones without Harrison Ford - you can’t do that! And now they’re making Ghostbusters with only women. What’s going on?!" Noch ein Jahr später weigerte sich James Rolfe, aka "The Angry Video Game Nerd" in dem von ihm kreierten online-Format Cinemassacre, den Film zu besprechen (das konnte er auch nicht, der Streifen wurde erst 2 Monate später in die Kinos gebracht), rief aber trotzdem zu dessen Boykott auf. Einzige greifbare Begründung in der wortreichen Meldung: Es sei der Angriff auf einen zeitlosen Klassiker, "eine der größten Komödien, die je gemacht wurden."

Dass das Stück von 1984 tatsächlich ein Klassiker ist, hat das National Film Preservation Board (NFPB) dokumentiert, indem es Ende 2015 die Komödie in die Liste erhaltenswerter Filme bei der us-amerikanischen Nationalbibliothek eintrug. Vorbehalten ist das seit 1988 jährlich 25 Werken, die in "kultureller, geschichtlicher oder ästhetischer Hinsicht als besonders bedeutend eingestuft" werden. Die Laudatio durch den Filmemacher Adam Bertocci begründet in feiner, selbstironischer Zisellierung warum: "Das kulturelle Erbe von 'Ghostbusters' endet nicht 1984. Seine Auswirkungen hallen in den Kindern der 80er wider [...] Die Nuller sind die 'Ghostbusters'-Generation [...] Bei allen kopflastigen und händeringenden Stücken in den Medien zu dem, was uns bewegt, reicht ein rascher Blick auf die grau gekleideten Jungs selbst. Wir sind Selbststarter und Selbständige, die von Einsatz zu Einsatz schwirren. Wir sind eigensinnig. Wir misstrauen den gesellschaftlichen Institutionen, wir respektieren nicht die Regeln der alten Religionen und fühlen uns dabei wohl, Technik dafür einzusetzen, die Welt nach unseren Launen zu formen, vorzugsweise um Profit daraus zu schlagen."

Den Schlüssel zu seinem Text hat Bertocci freilich gleich zu Beginn geliefert. Der Film (und damit auch seine Betrachtung) sei zwar ein "grundsolider Ulk". Aber er würde "selbst dann noch funktionieren, wenn er völlig ernst gespielt würde". Damit wird das "kulturelle Erbe" bei reflektierter Lektüre das aufgrund eigener Prekarietät (von Startups bis Scheinselbständige) eine auf die Institutionen und deren Politiken geworfene, aggressiv formulierte Unsicherheit. Oder anders ausgedrückt: Der Film kann affirmativ als eine Resümee einer Zeit gesehen werden, wo jeder um seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu zweifeln begann. Ein Team Weißer, das selbst aus Aberwitz Erfolg strickt? Andere Ethnien kommen in dem Streifen praktisch nicht vor? Und ist "die Frau" nicht sowohl Opfer (Sigourney Weaver als Dana Barrett) als auch Dämon (Slavitza Jovan bzw. Paddi Edwards als Gozer), noch immer "Heilige und Hure"?

In einer Nation, die sich Gottes Land wähnt, wird die Frage nach dem Dämon anders beantwortet als mit subtiler Ironie. Milo Yiannopoulos hat in Bezug auf das Remake dieses Element aufgenommen und seinen Betrachtungen vorangestellt: "The overarching problem with Ghostbusters is that the script is a greater abomination to God than any of the demons and ghosts in the franchise." Dass Nero das nicht spielerisch oder auch nur sarkastisch meinen könnte, sondern es ihm sehr ernst ist, legt Laurie Penny mit "I'm With The Banned" nahe. Auch seine Ansage, dass "meine loyale Leserschaft sich seit Monaten mit den Sozialkriegern bekriegt" ist an Unzweideutigkeit nicht zu überbieten. Die Sprengkraft kulminiert freilich, wenn der misogyn-ausfällige Ton mit der "Abscheulichkeit vor Gott" zusammentrifft: Die Frau als der Inbegriff des Bösen ist damit festgeschrieben. Die Unentschiedenheit, was "richtig" und was "falsch" sei, wurde von Breitbart/Yiannopoulos aufgenommen, akzentuiert und aggressiv aufgelöst. Und an einem Nebenschauplatz durchexekutiert.


Bild "der Frau"

Hillary Clinton in den gleichen Tönen wie Gamerinnen, Schauspielerinnen oder Journalistinnen anzugehen, hatte sich von Anfang an verboten. Mehr als einmal hatte die Kandidatin bewiesen, mit welch selbstverständlicher Lässigkeit sie mit derartigen Anwürfen umgeht. In dem berühmten Interview für das Fernseh-Magazin "60 Minutes" von CBS-News, als es 1992 um die Affäre mit Gennifer Flowers ging, begnügte sich Hillary nicht mit der beistehenden Rolle der Ehefrau zu ihrem Mann Bill, dem damaligen Gouverneur von Arkansas. Ihre Kernsätze (ab Min. 09.38) : "Ich bin nicht die kleine Frau, die bei ihrem Mann sitzt [...] Ich sitze hier [...] für das, was wir gemeinsam erreicht haben. Wem das nicht genügt, was soll's, dann wählt ihn nicht."

Das war der Anfang der Legende vom interessensgeleiteten Bündnis "Clinton Inc.". Es war vor allem der ungeheuer anmutende Ausbruch aus dem Althergebrachten, dass bei aller Selbständigkeit der Frau letztlich doch die Interessen des Mannes (Ruf, Beruf, Erfolg) überwiegen (sollen). "Dann wählt ihn nicht" stellte eine selten in der amerikanischen Öffentlichkeit so klar ausgesprochene Distanz her, die bis in das Intime der Partnerschaft zwischen Mann und Frau reichte und den Riss quer durch das traditionelle Familienbild zu begründen vermochte.

Daran haben Bannon und seine Leute nicht nur mit Kriminalisierung und Dämonisierung der Person Hillary Clinton gearbeitet, ohne sie direkt als Frau angreifen zu müssen. Gerade in seiner Filmographie hat Bannon bewiesen, wie sehr ihn das Bild von der erfolgreichen, selbständigen Frau stört. Noch vor "The Undefeated" hatte er 2010 mit "Fire from the Heartland" einen Film aufgelegt als "the entire story of the conservative woman in her own words". Die erfolgreichen republikanischen Figuren, die hier zu Wort kommen, sprechen nicht: Sie beklagen wütend. Worauf sich die Wut bezieht, bleibt nur im Ungefähren: Szenen der Überforderung, nicht eingelöste Versprechen, die Frustration, nicht genug ernst genommen zu werden. Eine der zentralen Hoffnungsbotschaften, die auch im Trailer aufscheint: "Mutterschaft ist ein politischer Akt. Punkt."

Mit welchen Szenarien Bannon hantiert, wird anhand der Abhandlung deutlich, die Michelle Nickerson 2012 unter dem Titel "Mothers of Conservatism: Women and the Postwar Right" veröffentlicht hat. Basierend auf ihrem bereits 2003 erschienen Essay "Women, Domesticity, and Postwar Conservatism" (OAH Magazine of History, Band 17, Nr. 2, Januar 2003) zieht die Politologin den großen Bruch nach, den der Zweite Weltkrieg bewirkt hatte.

Während die Männer in den Krieg zogen, nahmen ihre Frauen deren Plätze in Büros und Fabriken ein. Sie lernten vielfach zum ersten Mal eine neue, urbane Welt kennen, die sich fundamental von den geordneten Verhältnissen der von Weißen bewohnten kleinbürgerlichen Vorstädte unterschied. Frisch gewecktes politisches und Selbstbewusstsein wurde in großen Teilen wieder erschüttert, als mit der Rückkehr von der Front die Männer ganz selbstverständlich wieder ihre angestammten Plätze zurückforderten. Sich dem entgegenzustellen hätte den vitalen Konflikt in Ehe und Familie bedeutet. Die Aufmerksamkeit auf außen stehende Elemente zu lenken war daher ein willkommenes Mittel, auch um den Ursachen der eigenen Frustration nicht nachgehen zu müssen. Kommunisten, staatliche Gesundheitsprogramme wie Impfungen oder Fluoridierung von Wasser kondensierten sich in Flugschriften wie dem nachstehenden.

Eingebetteter Medieninhalthttps://en.wikipedia.org/wiki/File:Unholy_three.png https://en.wikipedia.org/wiki/McCarthyism

Auch wenn die Arbeit in Deutschland nicht sehr gnädig aufgenommen wurde (die damaligen "waren eben nur weibliche Konservative", meinte eine Rezensentin): Die ihrerzeit noch "invisible women" (Nickerson) sind auf den Bildschirmen des Stephen K. Bannon hervorgehoben und popularisiert, hoch motiviert und angriffslustig. Ihre Einbettung ist die Zerrissenheit in einer Welt, die laut Bannons Narrativ mit der großen Rezession ab 2005 wirksam wurde. Er vergleicht sie mit der großen Depression, die die USA in den 1930er Jahren traf. Dieser kämpfenden Frau würde es aber in der Erzählung nicht einfallen, damit zu drohen, den eigenen Mann im Regen stehen zu lassen, wie es Hillary Clinton getan hat. Tatsächlich sind das, wenn es um männliche Gegner geht, stets Personen des anderen politischen Lagers.

Die Verantwortung der Krisen im kapitalistischen System auch nur anzudeuten, fällt Bannon dabei nicht im Traum ein. Clinton hat das ebenfalls nicht thematisiert. Aber mit ihrer Vorstellung von den weiblichen Chancen -ein Kontinuum ihres Wahlkampfs- hat sie eben auch nicht die Frauen erreicht, die in dem von Bannon sichtbar gemachten Frauenbild ihre Entsprechung gefunden haben. Sie sind Teil jener 53% weißer Wählerinnen, die Donald Trump zum Erfolg verholfen haben.

Jede(r) am jeweiligen Platz

Die hergebrachte orthodoxe, in einem religiösen Sinn sogar "natürliche" Ordnung (wieder) herzustellen, ist für den Katholiken Bannon das erkennbare Leitmotiv. Rassistische, sexistische bis misogyne, klassistische Ausfälle, die derzeit Kommentatoren als rechtsextrem und faschistisch bezeichnen, ist der autoritär drohende Ton, mit der jener "konsistente, unveränderliche und absolute Maßstab" sich behaupten will. Jede(r) soll (wieder) wissen, wo sein/ihr Platz in der Gesellschaft ist. Es ist dies die Sprache eines tiefgreifenden Bürgerkonflikts.

Dabei bilden Filme statt einst Grundlagenschriften, Bücher oder Pamphlete das Rüstzeug, auf dem Breitbart News tagtäglich aufbauen. Diese wiederum werden in Inhalt und Ton in den sog. Social Media weiterverbreitet. Mark Zuckerberg u.a. dafür verantwortlich zu machen, ist so irreführend wie der in Deutschland zu trauriger Berühmtheit gelangte Spruch eines ehemaligen Radiomoderators, er wisse, "wer Propaganda erfunden" habe. Bildschirme sind heute so geduldig wie Papier es einmal war.

Weit interessanter ist die Frage nach den Geldgebern von Bannon & Co. Keiner seiner Filme der letzten Jahre war ein Kassenerfolg, sondern Zuschussgeschäft. Auch Breitbart News hat Fragen aufkommen lassen. Zwar verzichten die Plattform und ihre Satelliten auf jede Form von Gedrucktem. Die Kosten für Information sind damit gegenüber papiergestützten Medien um die Hälfte gesenkt. Auch TV-Kanäle mit ihrer aufwändigen und kostenintensiven Technik -vom Personal ganz zu schweigen- spart sich Bannon derzeit noch. Gleichwohl ist seit vergangenem Herbst Thema, wie Breitbart zumindest kostendeckend arbeiten kann, wenn online-Klickzahlen bestenfalls für die geschätzte Hälfte der Einnahmenseite im Budget reichen. Hierzu sind bislang keine Angaben gemacht worden.

Bloomberg News haben sich damit näher beschäftigt und eine zentrale Figur ausgemacht: Robert Mercer. Der Co-CEO des äußert lukrativen und nur für eine handverlesene Klientel zugänglichen Hedgefonds "Renaissance Technologies" legt größten Wert auf Reserviertheit. Obwohl sein Vermögen sagenhaft sein soll, scheint er nur mit seinem Jahresverdienst als Manager, aber nicht mit seinem Vermögen in den Forbes-Listen auf. Dafür ist er äußerst spendabel und zwar gegen den Strom innerhalb der republikanischen Partei. Zunächst ein entschiedener Unterstützer von Ted Cruz (Senator für Texas), leitete er als einer von Wenigen seine Gelder auf Donald Trump auch nach dessen "Pussygate" um. Und er ist, folgt man den Erkenntnissen von Zachary Mider bei Bloomberg, einer der Hauptsponsoren von Bannon.

Den unwidersprochenen Recherchen zufolge sprang Mercer persönlich und vermittels der Familienstiftung, die von seiner Tochter Rebekah gehalten wird, Breitbart News in der Umbruchphase 2011 mit 10 Millionen USD bei. Rebekah Mercier wird zwar als Gründungsmitglied nicht genannt, aber sie saß mindestens bis 2014 im Board of Directors von Bannons GAI. Sie ist Exekutive Producer des Films "Clinton Cash" gewesen. Auch die internationale Vorstellung und Vermarktung dieses und des Streifens "The Torchbearer" haben mit Robert Mercer zu tun: Bei den diesjährigen Filmfestspielen machte dessen Superyacht "Sea Owl" in Nizza fest, ihre luxuriösen Decks waren die Präsentationsbühne. Sie ist nicht zu vermieten.


Expansionspläne und die Sache mit dem exklusiven Club

Noch sind Mercer oder seine Stiftung so wenig konturiert wie der Rest der Geldgeber von Breitbart. Auffällig jedenfalls ist, dass die Plattform und britische Tabloid-Formate wie die Daily Mail (Verlagsvorsitzender: Jonathan Harmsworth, 4th Viscount Rothermere) sich über den Atlantik hinweg die Bälle zuwerfen. Das war deutlich am Beispiel von Michelle Fields zu sehen wie umgekehrt am Film "The Torchbearer": Ihm widmete das Schlagzeilenblatt eine ungewöhnlich lange, gründliche und vor allem unkritische Besprechung. Das Personal zu seiner "Tech"-Sparte hat Breitbart ganz überwiegend aus Großbritannien rekrutiert, allen voran "Nero" Yiannopoulos, der seine ersten Gehversuche beim The Telegraph unternommen hatte.

Nicht zuletzt Bannons bekannte europäische Vernetzung seit der Zeit mit Société Général hat zur logischen Konsequenz, sein Format auch auf den alten Kontinent ausdehnen zu wollen. Extremer Sprech, frei Haus geliefert, ist bereits ein Teil der Erfolgsgeschichte von Brexit. Aber im Gegensatz zum anglophonen Raum, der online immer noch ein schwergewichtiges publizistisches online-Gegengewicht bereit hält, ist derlei in den meisten anderen Ländern hinter Pay-Walls verschwunden. El Paìs, Le Monde, La Repubblica, die Zeit, Süddeutsche Zeitung, um nur einige zu nennen: Sie sind bis auf ein kostenloses Gerippe zur Beliebigkeit geschrumpft. Das heutige online-Angebot etwa des Spiegel unterhalb vom kostenpflichtigen Teil ist eine überwiegende Mischung aus Sport, gehübschter Agenturmeldung und Sex & Crime, der gelegentlich die Perle einer Kolumne beigemischt wird. Leichtes Spiel für Plattformen, die jeden Tag mindestens 20 neue redaktionelle Beiträge aufmachen und damit wie ein Magnet im Netz wirken. Hier wäre als Entgegnung, statt mit Modellen wie mit blendle "all you can buy" zu werben, eher an ein friendly "all you can share" zu verlangen: Ein News-Desk, das weder den eigenen verlegerischen Tellerrand noch eine Grundversorgung mit Tratsch zum Maßstab hat, sondern zur Verfügung stellt, was politisch wichtig ist und wird.

Dass Bannon keine Zeit haben wird, wenn er tatsächlich höhere politische und strategische Weihen erfährt, wäre ein falsche Erwartung. Alle Ideologie und alle politische Message findet bei dem Mann ein Ende, wo es um seine Pläne und Loyalitäten geht. Breitbarts Artikel, in dem Ben Shapiro hinterher getreten wurde, ist weniger wegen des Tonfalls offline genommen worden als vielmehr wegen des Schlaglichts, das er auf den Geist bei Bannons Mannschaft wirft: Shapiro habe billigen Verrat begangen an "Andrew Breitbart’s lifelong best friend, widow, hand-picked management team and friends". Danach war Shapiro "der Jude".

Stephen K. Bannon befindet sich seit Jahren im Krieg mit der Gesellschaft. Und er folgt dem englischen Wort "All is Fair in Love and War". Noch sind er und der Kreis der Handverlesenen nur Helfer gewesen. MS

[crossposting zu die Ausrufer]

23:14 12.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

ed2murrow

e2m aka Marian Schraube "zurück zu den wurzeln", sagte das trüffelschwein, bevor es den schuss hörte
ed2murrow

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