Der Mann von Kos

Rheuma fließt. Wenn mein Rheuma mich zu überwinden versucht.
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Aufgerichtet aus der Matratzengruft.

Heute ist es sieben Tage her, daß mir ein Anfall meines Rheumas von vehementer innerlicher, undefinierbarer Unruhe, die Beine weggehauen und mich aufs Lager geworfen hat. Mein Freund sagte am Anfang des Horrors zu mir am Telefon, aus dem Süden: „Wir haben doch bisher alle Unbilden des Lebens früher oder später durchlebt um letztlich wie Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Und nun willst du lieber tot sein?“ Recht hat er, wie ich heute sehe.

Man glaubt aber in den Wirren von körperlichem und geistigen Schmerz, oft kaum noch daran, daß es doch wieder ein Aufatmen geben kann. Aber die Häufigkeit solcher gesundheitlichen Strapazen, aus denen ich zuvor schon wieder aufgetaucht war, entzündete im Denken ein Notlicht der Hoffnung in mir. Aber der Mensch muß auch etwas dazutun. Und wenn es nur sein Fatalismus ist, zu sagen: Na dann mach es doch wie du denkst Allmächtiger. Wenn‘s denn das gewesen sein soll – das geht schon in Ordnung mit mir. Fahr mit mir Schlitten bis in die ewigen Jagdgründe. Aber der Mensch muß sich ja nicht nur beugen, also muß er selbst etwas tun um seine eigenen Worte ad Absurdum zu führen, was heißen soll: Hilf dir selbst so hilft dir… Daß hieß nun bei mir ganz praktisch: Nichts anderes als Haferschleim, zwei Mal am Tag, dazu einen Apfel am Tag und sonst gar nichts. Dann Bettruhe nach Gefühl. Schlafen gab’s ja sowieso nicht.

Die Beklemmungen waren so als würde mir die Brust innerlich zusammengezogen wie im Schraubstock. Jeder Atemzug ein Aufschrei. Drehen von einer Seite auf die andere, Beine aus dem Bett, auf der Bettkannte sitzen und die Schmerzen abwettern. Wieder rein unter die Decke und das Ganze von vorn. Dann aufs Klo, zurück ins Zimmer, zwei Mal jammernd um den Tisch gehen und wieder rein ins Bett und sich den Schmerzen ergeben. Am vierten Tag dann, ich will’s nicht glauben, ein leichter Rückgang der Beklemmung. Unscheinbar und mit Vorsicht hingenommen.

Am Donnerstag dann – der Freund kam am Abend - ein deutlicher Rückgang aller Krämpfe, geistig wie physisch. Am Freitagmorgen dann der Durchbruch. Am Freitagabend stand ich in der Küche und bereitete Kartoffeln, Rosenkohl und kleine Frikadellen aus Beefsteakhack mit Petersilie, Rosmarin, feingehackte Zwiebeln, Olivenöl (nur aus Kreta) buntem Pfeffer, Salz usw. Ich trank einen Fingerbreit Rotwein, mehr mochte ich nicht und mein Freund und ich sahen gemeinsam fern (nichts Negatives) bis etwa 23 Uhr. Ich konnte wieder wunderbar aufatmen. Mein gesamter Körperhaushalt war ausgeglichen und ein zartes Wohlgefühl durchströmte mich. Wir gingen ins Bett.

Nachts um zwei wachte ich auf, ohne Schmerz noch immer; und hatte von Eis mit Sahne geträumt. Der Freund hatte es zum Nachtisch, aber ich hatte mich aus Angst nicht getraut. Ich ging also in die Küche und machte mir eine Portion mit Waldfrüchten und Sahne. Der Freund kam in die Küche und wir spielten die „Golden Girls“. Dann kuschelte ich mich wieder in die Federn, ungläubig das dieser Ansturm vorbei sein sollte.

Heute, Samstag, am siebten Tag dieses unglaublichen Sturms, ist mein Befinden als wäre nie etwas gewesen. Und noch mehr, denn in den sieben Tagen, ist mein Rheuma zu 98 % verschwunden. Das muß die Ernährung sein. Zurückgeblieben ist eine Schlappheit, eine Kraftlosigkeit, eine mangelnde Kondition. Dinge die in meiner Hand liegen.

Was könnte ich noch aus diesen albtraumhaften sieben Tagen lernen? Der Hinweis auf Ernährung ist überdeutlich. Aber auch, mich nicht ununterbrochen mit den Niederungen der Politik zu befassen und sonstigen negativen Nachrichten. Hier werde ich zukünftig lange Pausen einrichten. Und dann, das Meiden von Menschen, die hinter allem positiv Gemeinten, erst einmal eine negative Absicht wittern und den Menschen als im Grunde schlecht ansehen und glauben wenn sie sich um gequälte Kinder in Syrien oder wer weiß wo aufregen, sie währen so gut! während sie den Kummer ihres Nachbarkindes nicht wahrnehmen.

Ja Rheuma, ist ein seltsames Phänomen. Eine fließende Sache im Menschen, so sagt Hippokrates, dessen Skulptur ich wohl nicht von ungefähr bei mir stehen habe, einst damals 1969 auf Kos gekauft. Er, Platon, Sokrates und Perikles bevölkern mein Zimmer. Doch wenn ich einen bevorzugen soll, so ist es Hippokrates – denn mein Rheuma fließt.

11:48 22.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter A Bruns

Die dunkle und die wilde Seite der Seele
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