Exklusion durch Studiengebühren

Bildungspolitik OECD stellt fest: Deutschland investiert zu wenig in Bildung. Der Vorschlag der Wiedereinführung der Studiengebühren wäre ein Schritt in die falsche Richtung.
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In kaum einem anderen europäischen Land ist die Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten so gering wie in Deutschland. Soziale Ungleichheit gehört zu den großen Problemen unseres ja doch so wohlhabenden und fortschrittlichen Landes. Dies beginnt bereits bei dem Übergang auf die weiterführende Schule nach der vierten Klasse. Kinder aus ökonomisch schwachen Familien erhalten bei gleicher Leistung seltener eine Gymnasialempfehlung als ihre Mitschüler aus ökonomisch starken Familien. Reproduktion von sozialen Ungleichheiten beginnt bereits im niedrigen Alter und setzt sich im Laufe der Schullaufbahn immer weiter fort. Während es den Kindern aus wohlhabenderen Familien bei gleicher Leistung eher zugetraut wird, eine höhere Schule zu besuchen, bleiben vor allem Arbeiter- und Migrantenkinder oft auf der Strecke, wenn es um Aufstieg im Rahmen der schulischen Laufbahn geht. In vielen Fällen sind weniger die Begabungen der Kinder, sondern ihre soziale Herkunft entscheidend. Dies hat weder etwas mit sozialer Gerechtigkeit zu tun noch ist es volkswirtschaftlich sinnvoll. Schließlich ertönen allerorts im Zuge des demographischen Wandels die Rufe nach Fachkräften. Dies sieht auch die OECD so:

„Die entstehende Fachkräftelücke kann nur geschlossen werden, wenn sich der Anteil gut ausgebildeter Jugendlicher an den zahlenmäßig schwächeren, nachrückenden Jahrgängen weiter erhöht.“

Warum also Potenzial verschenken, wenn man dieses so sehr benötigt?

Abgesehen von der schulischen Laufbahn ist der Zugang zur akademischen Ausbildung ein weiterer Faktor, um die jungen Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zu trennen. Auch hier wird oft nicht nach Leistung, Interesse oder Begabung der einzelnen jungen Menschen entschieden. Stattdessen prägt auch nach dem Erreichen der Volljährigkeit die soziale Herkunft die weitere Laufbahn in der Ausbildung. Die zeitweise angeprangerte Akademisierung trägt beispielsweise stark elitäre Züge, wenn man sich die Zusammensetzung der Studierendenschaft anschaut: Gerade mal 23 % der Kinder aus nicht-akademischen Haushalten haben im Jahr 2013 ein Studium aufgenommen, während es in Akademikerhaushalten 77 von 100 waren. Das Statistische Bundesamt erklärte bereits vor einigen Jahren, dass

„soziale Disparitäten schon sehr früh im Lebenslauf auftreten und sich im Laufe der Bildungskarriere verfestigen.“

Soziale Ungleichheiten können nicht bekämpft werden, in dem noch mehr Schranken für Kinder aus ökonomisch schwacher Familien aufgebaut werden. Umso gravierender ist der Vorschlag, der mit dem neusten OECD-Bildungsbericht einherging. Laut Artikel im Handelsblatt vom 26. November empfiehlt der Vizegeneralsekretär der OECD Stefan Kapferer, ein ehemaliger FDP-Abgeordneter, entweder eine Erhöhung der Investitionen in die Bildung oder eine Wiedereinführung der Studiengebühren. Sollte dieser Ratschlag angenommen werden, könnte er den künftigen Generationen teuer zu stehen kommen. Nämlich mit dem Verzicht auf die eigenverantwortliche Entscheidung für oder gegen ein Studium. Die Ungleichheiten zwischen reich und arm stiegen somit weiter an. Dass den jungen Leuten aus der Unterschicht oder der unteren Mittelschicht somit jegliche Freiheit bei der Entscheidung über ihre berufliche Laufbahn genommen werde, scheint den OECD-Vizegeneralsekretär recht wenig zu stören. Nach seiner Ansicht hätten Studiengebühren den Vorteil, dass „junge Leute es sich vielleicht besser überlegen, ob sie ein Studium überhaupt beginnen oder nicht doch eine Lehre machen“. Diese Sichtweise ist gleichermaßen zynisch, wie menschenverachtend. Wieso erlässt man dann nicht direkt eine Verordnung, dass das Recht auf ein Studienplatz an die Einkünfte der Eltern gekoppelt wird? Die Absurdität dieser Legitimationsversuche gehen aber noch weiter. So sollen die Studiengebühren die Studierenden motivieren, das Studium auch tatsächlich abzuschließen. Schließlich habe man ja auch bereits einiges dafür geopfert, wäre doch schade um das gute Geld, würde man jetzt das Studium abbrechen. Schließlich kann der Zwang gegen die eigenen Begabung und des eigenen Willens das Studium fortzuführen, letztendlich wunderbare Spezialisten hervorbringen. Somit wären alle glücklich: Das Studium wurde brav abgeschlossen und die Abbrecherquote bleibt schön niedrig.

Die Feststellung, dass in Deutschland zu wenig in das Bildungssystem investiert wird, ist richtig und wichtig. Doch sollten daraus andere Schlüsse gezogen werden, als der Ausschluss gewisser Schichten aus der Hochschulbildung. Bildung ist ein Menschenrecht und dieses soll von der Bundesregierung gewährleistet werden. Investitionen in Bildung sind Investitionen in Zukunft, so profan es auch klingen mag. Worum geht es der OECD? Um gute Bildung für alle oder um schöne Zahlen europaweit? Und worum geht es unserer Bildungsministerin Wanka? Schön und gut, wenn sie junge Arbeiterkinder per Video-Botschaften ermutigen will, ein Studium trotz der vielen Hürden aufzunehmen. Durchhalteparolen wirken gut auf die Presse, haben jedoch kaum Einfluss auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Sinnvoller wäre es, wenn die Politik aufhören würde, die Universitäten durch mangelnde Finanzierung zu Unternehmen zu machen. Bildung muss für alle Menschen frei sein. Sie darf keine Frage der sozialen Stellung oder der Bildung und der Einkünfte der Eltern sein. Natürlich sind die Wirkungen der sozialen Kluft nicht gänzlich zu verhindern. Aber sie wieder durch Studiengebühren staatlich zu verstärken? Nein, danke.

23:50 27.11.2015
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