Egon-Erwin Wrobel

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RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 19.02.2011 | 01:27

Ich würde sicher nicht alles loben, was die Interviews und Beiträge anbelangt. Zumal gerade das auf die konkrete Persönlichkeit zielende Interview mitunter daran krankt, den Inhalt vor einer gewissen Sozialphilosophie (z.B. der Sehnsucht nach Individualität/Authentizität in der Massengesellschaft) hintanzustellen.

Wir können uns später ja gern über die dort noch angerissenen Fragestellungen austauschen. Gerade die Bourdieu, aber auch die ältere Adorno-Doku liefern etlichen Input, der sich weiterverwerten lässt. Insofern hat dieser Thread hier auch die Funktion eines argumentativen Katalysators: man kommt unwillkürlich zusammen und formt in der Debatte allmählich kohärente Standpunkte aus.

Gruß,
Egon

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 23:59

Werter Theodor Wiesengrund Placidus,

wenn dich das Thema weiter interessiert und du ca. 1 1/2h dafür freimachen kannst, dann wirf doch mal einen Blick in diese Doku über Bourdieu: www.youtube.com/watch?v=5Joz5G94L7U (Achtung: mehrere Teile!).
Dort kann man sehen, wie schwer er sich selbst tut, anderen diese beinah asketisch-rational-ethische Sicht der Wissenschaft zu vermitteln: das ewig Rastlose und gegen eingeschliffene Apparaturen Vorgehende.

Und weil du den Adorno schon daherträgst wie ich den KreislerKischTucholsky, möchte ich gleich noch auf diese Doku über die "Frankfurter" hinweisen:

(1) www.youtube.com/watch?v=YpTkisE83c4
(2) www.youtube.com/watch?v=p1VoSly68GQ=related
(3) www.youtube.com/watch?v=nI2Ib-KO5fI=related
Bonus "heute": www.youtube.com/watch?v=LiBkWgLtk_Y

Andere Interessierte seien ebenfalls dorthin verwiesen!

Gruß,
Egon

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 23:08

Nur zur Rückversicherung: welches Klischee habe ich unabsichtlich genährt?

Ansonsten: ja, meistensteils dient der Titel als Abgrenzungsmittel. Pierre Bourdieu hat sich in vielen Büchern auf bedrückend-interessante Weise dazu geäußert, wie Bildungstitel ("kulturelles Kapital") dazu dient, eine Klassengesellschaft auch moralisch und habituell zu festigen. Vielleicht interessiert Sie/dich in diesem Kontext z.B.

Pierre Bourdieu 1982: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp; darin insb. das Kapitel "Politik und Bildung".

Ich will B. auch kurz selbst zu Wort kommen lassen:

"Ge­ra­de die In­tel­lek­tu­el­len mit ihrer Nei­gung, alle Welt zu schul­meis­tern, haben nicht die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, die Stell­ver­tre­ter des all­ge­mei­nen In­ter­es­ses dar­zu­stel­len, zu re­prä­sen­tie­ren. […] Ich will aber auf ein in­ter­ve­nie­ren hin­aus, dass die spe­zi­fi­schen Kom­pe­ten­zen der In­tel­lek­tu­el­len ins Spiel bringt. Bei einem Vor­gang wie dem Fern­fah­rer­streik in Frank­reich käme es dar­auf an, daß die In­tel­lek­tu­el­len, die dazu in der Lage sind, die Öko­no­mie und So­zio­lo­gie des Pro­blems stu­die­ren, dies tun und sich in die Lage ver­set­zen, sich mit ihren Ana­ly­sen Gehör zu ver­schaf­fen. Wobei sie immer ver­su­chen müs­sen, der schreck­li­chen Ver­su­chung des Nar­ziß­mus zu ent­ge­hen, sich vor den Fern­seh­ka­me­ras auf­zu­bau­en und aus ei­ge­ner Voll­kom­men­heit zu spre­chen. Sie müs­sen an sich selbst ar­bei­ten, um durch die Selbst­kri­tik sich selbst erst zur Kri­tik an an­de­ren zu be­fä­hi­gen."

Beim nochmaligen Lesen meines Beitrags stelle ich fest, dass man mich auch klar missdeuten kann: als konservativen Racket. Aber nein, ich will aufzeigen, wie schwierig es ist, heute eine wirklich ernsthaft interessierte Wissenschaft zu betreiben, wo die objekiven Möglichkeiten einen (z.B. mich als Studenten) sehr stark einschränken. Bourdieu beschreibt daher seine Tätigkeit in der Soziologie auch als "Kampfsport", weil beständig die eigenen Vorurteile und das gesellschaftliche Traditionserbe sowie die Fremdzwänge mit thematisiert werden müssen. B. schreibt weiter:

Als »Ka­pa­zi­tä­ten«, deren Po­si­ti­on im so­zia­len Raum vor allem auf dem Be­sitz von kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal – einer nicht-​do­mi­nan­ten Ka­pi­ta­l­art – be­ruht, sind die Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren eher auf der Seite des nicht-​do­mi­nan­ten Pols des Macht-​Fel­des an­ge­sie­delt und ste­hen damit in kla­rem Ge­gen­satz zu den In­dus­trie-​ und Han­dels­un­ter­neh­mern. Als In­ha­ber einer in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten Form von kul­tu­rel­lem Ka­pi­tal je­doch, die ihnen eine bü­ro­kra­ti­sche Kar­rie­re sowie re­gel­mä­ßi­ges Ein­kom­men si­chert, heben sie sich wie­der­um ab von den Schrift­stel­lern und Künst­lern: Die Tat­sa­che, eine im »welt­li­chen« (das heißt so­zia­len) Sinn do­mi­nan­te Po­si­ti­on in­ner­halb des Fel­des der Kul­tur­pro­duk­ti­on in­ne­zu­ha­ben, un­ter­schei­det sie – je nach Fa­kul­tät gra­du­ell ver­schie­den – von den Po­si­ti­ons­in­ha­bern der am we­nigs­ten in­sti­tu­tio­na­li­sier­ten und zu­gleich hä­re­ti­schen Ten­den­zen am stärks­ten aus­ge­setz­ten Sek­to­ren die­ses Fel­des (ins­be­son­de­re den von den Schrift­stel­lern und Künst­lern, die in Ab­he­bung von den Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­gen als »freie« oder free lan­ces be­zeich­net wer­den.

[Pier­re Bour­dieu (1992): Homo aca­de­mi­cus, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, S.​82]

Und weiter oben meine ich nur: gerade die wenigen Studien zum distinktiven Charakter von Titeln zeigen auf, dass man es als Wissenschaftler sehr schwer hat überhaupt solche Bücher zu schreiben, die am Standesdünkel und den wissenschaftsinternen Praktiken rühren. Entweder die Diss wird nicht zugelassen oder aber man wird im akademischen Mainstream gemieden, ignoriert und diskreditiert (schon ganze Berufungskommissionen lassen gern mal "missliebige" Leute einfach fallen).

Gruß,
Egon

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 22:55

@ mabli
@ Katharina Schmitz

An eurem Dialog lässt sich ablesen, dass Debatten oft vorurteilsvoll geführt werden. Das erste Lesen sorgt für eine Bestätigung der eigenen Prädispositionen und erst allmählich nähert man sich einer gewissen Gesprächskultur an.

Dass der Dissenz, den nicht nur mabli mit den doch etwas eigenartig (für mich: ideologisch) anmutenden Aussagen des Artikels empfindet, brüsk zurück gewiesen wird, ist aus Sicht des Autors und derjenigen Leser, die dessen Lesart an der Obeflächlich vermeintlich zustimmen, zeigt auf, wie verletzend gerade solche Kategorien wie eine Abschlussarbeit (gleich ob Doktortitel oder Gesellenprüfung) verwendet werden können, wenn man nicht über Gehalt und Funktion dieser anachronistischen Titel insgesamt (alle Prüfung, das gesamte Prüf- und Kontrollwesen der bürgerlichen Welt) nachdenkt.

Es ist zusätzlich eine Sache, einen Doktor aus Gründen des eigenen Zurechtkommens im Kapitalismus zu machen, eine zweite, dann auch den Popanz und die Weihe, die einem in einer Klassengesellschaft in der Regel zuteil wird (über Bildungstitel werden Stellen und Honorare vergeben!). Was mich an dem Artikel stört, das ist ein gewisser abgeklärter Gestus: Wissenschaft hat andere Ziele, diese werden jedoch durch außerwissenschaftliche Interessen permanent beschränkt. Wie überall, hat der Staat und haben Finanziers ihre Finger im Spiel, wenn es um die sachgerechte Durchführung und Verwendung geht. Die Frage nach dem Beruf von mabli ist wunderbarer Beleg für einen internalisierten Rassismus jener, die meinen einen gewissen Status mit der Qualifikation gleich mit zu erben. Dann liest man "Tischler" und schon wird die Nase gerümpft über soviel proletarische Gesinnung. Klar ist indes: der Tischler, erst recht der aus Interesse und Idealismus, wird mit einem spärlichen Lohn nach Hause gehen und wie die meisten Handwerker wie Dreck behandelt. Der Doktor hingegen darf sich die innere (und mit Zwang abgerungene) Verbeugung der Masse abholen, belohnt wird das in der Regel mit sog. Führungspositionen.

Aber Führungsposition und Wissenschaft sind unterschiedliche Dinge. Ich selbst studiere Politikwissenschaf in einer desperaten Zeit: die meisten Mitstudierenden prügeln sich von einer Klausur zur nächsten; gefragt nach ihrer Motivation, gibt es oft keine brauchbare Antwort; der Bachelor als Instrument befördert zusätzlich eine Ideologie von Wissenschaft ("erster berufsqualifizierender Abschluss"), die jegliches ernsthafte Interesse (das nicht durch Prüfungsdruck und Finanzierungsnot schon zerstört ist) weiter ausbeutet.

Und gerade weil unsere Gesellschaft eine extrem polarisierte ist, es z.B. ein Privileg ist, sich überhaupt mit politikwissenschaftlichen Fragen zu befassen und dabei nicht sofort an die "Steuerung des Pöbels" zu denken, sondern herrschaftskritische Fragen zu stellen und Thesen und Arbeiten zu verfassen, die die Gegenwartsgesellschaft radikal kritisieren (womit natürlich kein Geld zu verdienen ist, Wissenschaft ist persönliches Zuschussgeschäft!), können solche nonchalant formulierte Aufsätze eine gewisse Gereiztheit hervorrufen.

Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 22:25

@ Placidus / gweberbv

Dass die Promotion als Distinktionsmerkmal fungiert, dass also der von Ihnen oben beschriebene Entwicklungspfad der akademischen Profession mit Aufkommen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, insbesondere des staatlich intervenierenden Kapitalismus, unterlaufen und instrumentalisiert wird, ist in nur wenigen Studien belegt. Neben Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1961), einer Habilitationsschrift, die damals in den zugehörigen Fächern neue (theoretische) Maßstäbe setzte, hat sich insbesondere der Soziologe Michael Hartmann in mehreren Büchern daran abgearbeitet nachzuweisen, inwieweit in bestimmten Herrschaftspositionen der Gesellschaft die Promotion als Vehikel dient. Dort, wo sie es tut, zählt dann auch keine "ethische" Haltung zur Wissenschaft, gar ein sich selbst nährender Wissensdurst (wie es mir vorschwebt), sondern ein dumpfer Pragmatismus des "zu Erreichenden":

U.a. in Michael Hartmann 2002: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt a.M./New York: Campus; online einsehbar unter: books.google.com/books?id=JDEvrj0SlsAC=PP1=michael%20hartmann=PA5#v=onepage=false

Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 19:09

Lieber miauxx,

dass was oft als "Leutseligkeit" oder auch vermeintlich gekonntes "Drüberhinweggehen" gefeiert wird, ist Bestandteil eines affirmativen Bezugs zu den eigenen Lebensgrundlagen. Die Trennung zwischen Witz oder Ironie und sog. "Ernst" soll dann als letzter Rettungsanker jener wirken, die inhaltlich eben - Sie haben es längst bemerkt -, offensichtlich nichts beitragen können. Das ist für die an einer aufrichtigen Debatte Interessierten natürlich kein Grund in Häme, Beleidigung oder Großmut zu verfallen, es bestätigt jedoch einen dumpfen Diskurs. Abgesehen davon, dass die Trennung zwischen "Witz" oder Charme sowie "Ernst" ein bourgeoiser Anachronismus ist, bestätigt er ja das im Artikel noch als rhetorische Frage dargestellte Dilemma: welchen Wert hat eine Dissertation heute? Wenn man natürlich nur mit den Maßstäben der hiesigen Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft - der individueller Erfolg viel, kollektives Elend herzlich wenig bedeutet, argumentiert, dann wird man diesen Zirkel nicht durchbrechen können...sofern man es denn wollte, was ich momentan nicht sehe.

Zumal: der Verweis auf angeblichen Witz ist selbst ideologisch und alles andere als Grund für Applaus. Das Drohen mit Zensur dann natürlich ein intellektueller Totalausfall sondergleichen, den ich mir im Moment nur mit andersgearteter alltäglicher Belastung und Kommunikationsproblemen erklären kann.

Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 17:39

Lieber Placidus,

vollends d'accord. Was sie hier anführen, die "kulturell-soziologische Prägung" lässt sich sehr schon in folgenden Wortbeitrag von Habermas zusammenfassen:

"Der Zu­schnitt form­al­de­mo­kra­ti­scher Ein­rich­tun­gen und Pro­ze­du­ren sorgt dafür, daß die Ent­schei­dun­gen der Ad­mi­nis­tra­ti­on weit­ge­hend un­ab­hän­gig von be­stimm­ten Mo­ti­ven der Staats­bür­ger ge­fällt wer­den kön­nen. Dies ge­schieht durch einen Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­zeß, der ge­ne­ra­li­sier­te Mo­ti­ve, d.h. in­halt­lich dif­fu­se Mas­sen­loya­li­tät be­schafft, aber Par­ti­zi­pa­ti­on ver­mei­det. Der Struk­tur­wan­del der bür­ger­li­chen Öf­fent­lich­keit schafft für die form­al­de­mo­kra­ti­schen Ein­rich­tun­gen und Pro­ze­du­ren An­wen­dungs­be­din­gun­gen, unter denen die Staats­bür­ger in­mit­ten einer an sich po­li­ti­schen Ge­sell­schaft den Sta­tus von Pas­siv­bür­gern mit Recht auf Ak­kla­ma­ti­ons­ver­wei­ge­rung ein­neh­men. Die pri­vat­au­to­no­me Ent­schei­dung über die In­ves­ti­tio­nen fin­det ihr not­wen­di­ges Kom­ple­ment im staats­bür­ger­li­chen Pri­va­tis­mus des Staats­bür­ger­pu­bli­kums.
In der struk­tu­rell ent­po­li­ti­sier­ten Öf­fent­lich­keit schrumpft der Le­gi­ti­ma­ti­ons­be­darf auf zwei re­si­dua­le Be­dürf­nis­se. Der staats­bür­ger­li­che Pri­va­tis­mus, d.h. po­li­ti­sche Ent­halt­sam­keit in Ver­bin­dung mit Kar­rie­re-​, Frei­zeit-​ und Kon­sum­ori­en­tie­rung […], för­dert die Er­war­tung auf an­ge­mes­se­ne sys­tem­kon­for­me Ent­schä­di­gun­gen (in Form von Geld, ar­beits­frei­er Zeit und Si­cher­heit). Dem trägt eine wohl­fahrts­staat­li­che Er­satz­pro­gram­ma­tik, die auch Be­stand­tei­le einer aufs Bil­dungs­sys­tem über­tra­ge­nen Leis­tungs­ideo­lo­gie in sich auf­nimmt, Rech­nung. So­dann ver­langt die struk­tu­rel­le Ent­po­li­ti­sie­rung sel­ber eine Recht­fer­ti­gung. Dem die­nen ent­we­der de­mo­kra­ti­sche Eli­te­theo­ri­en, die auf Schum­pe­ter und Max Weber, oder tech­no­kra­ti­sche Sys­tem­theo­ri­en, die auf den In­sti­tu­tio­na­lis­mus der 20er Jahre zu­rück­ge­hen. In der Ge­schich­te der bür­ger­li­chen So­zi­al­wis­sen­schaft haben diese Theo­ri­en heute eine ähn­li­che Funk­ti­on wie in frü­he­ren Pha­sen der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung die klas­si­sche Lehre der Po­li­ti­schen Öko­no­mie, wel­che die »Na­tür­lich­keit« der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­ge­sell­schaft sug­ge­rier­te."

[Jür­gen Ha­ber­mas (1973): Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­ble­me im Spät­ka­pi­ta­lis­mus, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, S. 55f.]

Daher auch die "Sprachlosigkeit" der Massen und Mediatsierten.

Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 17:36

Lieber J-ap,

einigen wir uns darauf, dass es weiter unten im Text weitergehen soll.

Dank und Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 17:21

Lieber J-ap,

bevor ich zur Replik komme, möchte ich noch kurz ein allgemeines Statement über die sog. Beweruntgsfunktion von Kommentaren abgeben: die Wahrheit (und ich plädiere hier nicht für ein Wolkenkuckucksheim!) lässt sich nur sehr schlecht mit dem Applaudimeter messen. Dass ist ja ebenfalls Teil jener Regression (ich beziehe mich hier nicht auf den nosologischen Begriff, sondern auf die aus der Literaturwissenschaft entnommene Metapher!) des Denkens, die ich angeführt habe.

Zu Ihren Ausführungen, den ich noch eine biografische Ergänzung hinzufügen will: ich bin selbst noch Student (selbst wenn der Avatar eines Kreisler das imaganisierte Bild ver-rücken mag) und wehre mich gegen die große Masse meiner Kommilitonen und die noch viel erdrückendere Gleichmut jener, die mir als sog. Lehrpersonal vorangestellt sind und die sich heutigentags in einer eigenartigen Mischung aus Angst, Zynismus, aber auch affirmativer Abgeklärtheit gegen einen vermeintlich "anachronistischen" Wissenschaftsbegriff wenden. Dafür kann jeder aufrichtig an Wissen und Information interessierte Zeitgenosse nur Kopfschütteln übrig haben. Anders: die Verleugnung eines emanzipatorischen Erkenntnisinteresses (vgl. Habermas: Technick und Wissenschaft als "Ideologie", 1968) IST der Positivismus in Zeiten einer BA/MA-Gleichschaltung. Aber mein Vorwurf soll nicht nur formaliter ansetzen, sondern sich auch realiter mit den konkreten Handlungen (die zur Wahl eines Promotionsthemas führen, ebenso wie jene politischen Handlungen, die zum Auschluß der Mehrheit der Bevölkerung von einem minimalistischen Wissen jenseits des bloßen Ausführungsorgans und der Fachidiotie führen) auseinandersetzen.

HORKHEIMER, mit dem man heute nur noch Gähnen, Hohn und Spott erntet (gerade von Personal, das dessen Thesen nie zur Kenntnis genommen hat oder nehmen wird) unterschied bereits vor achtzig Jahren die "traditionelle" von einer "kritischen Theorie", letztere weist die auch im Forschungsprozess latent inkorporierten Verdinglichungen zurück und tritt für eine Selbstbefreiung des Menschen von unbegriffenen Mächten ein.

Nun hat mein Eintreten natürlich auch eine soziale Komponente, die ein genuin bürgerliches Approbationsverfahren sowie eine nur unter Genuss von allerhand Priviliegen zu durchlaufende Ausbildung wie die der wissenschaftlichen Schulung allgemein unmittelbar restringieren: Wissenschaft heute, hat unter Berücksichtigung der Ceteris-paribus-Klausel (der Malaise der Gegenwartsgesellschaft) natürlich nur einen vollends verbrämten und undurchdrungenen Charakter. Und hier ist es denn auch angebracht, sich die Reichweite und Produktivität, die Diskursivierung und Rationalisierung innerhalb und zwischen den jeweiligen Fakultäten und Disziplinen näher anzuschauen: wofür die Natur- (ideologisch: Lebens-)wissenschaften dienen (als sog. Standortfaktor im Kampf der Nationen um gelingendes Geschäft) ist offenkundig, ihr instrumentaler Charakter scheint auch selbst die wenigsten Naturwissenschaftler zu berühren! Die Sozialwissenschaften werden ohnehin nur als politische Steuerungswissenschaften begriffen (z.B. "Wie die riot acts in Nordafrike für die EU gestalt- und handhabbar machen?" oder "Wie mit der durch prekäre Beschäftigung notwendig eintretenden Anomie dergestalt umgehen, dass an den gesellschaftlichen Interessen nicht gerührt werden muss?" usw.usf., ich kürze hier mal ab, die Ausführungen sollen nur illustrativen Wert haben, Sie sind ja kein Dummkopf); den Geisteswissenschaften kommt schließlich nur noch die Funktion der Wahrnehmung und Wahrung eines gewissen prämodernen bürgerlichen Gesinnungs- und Traditionsbestandes zu. Ihre Vertreter (z.B. Philologen und Archäologen) rekrutieren sich über die Maße aus gut bürgerlichen Familien; diese Fächer beinhalten einen überkommenen Sittlichkeitsbestand, welcher in Zeiten knapper öffentlicher Mittel überdies durch die Obrigkeit gemaßregelt wird (vgl. hierzu auch die Verwendung kulturwissenschaftlichen Wissens zur symbolischen Gratifikation der Herrschaft)

Sie sagen, als Akademiker habe man die von Dritten eingerichtete Welt zu verwalten. Das würde ich derart ja sogar unterschreiben und radikalisieren: dies ist ja Teil des Einwands: dass man sich funktionalisieren und instrumentalisieren lässt für außerwissenschaftliche Zwecke und Interessen (Herr Angele liefert dafür offenkundiges Beispiel).
Zumal: was zeigt uns dieses Denken in Ämtern und Positionen, das selbst Sie durch den falschen Dualismus von Amt und Abstinenz reproduzieren? Dass die Gegenwartsgesellschaft fundamental auf unbegriffenen Kategorien wie "Erwerbsklasse" und sozialem Prestige beruht (u.a.); jener Habitus, den sie mir attestieren (Effekt meiner Ausdrucksform, die gern auch als Allusion/Anspielung auftritt). Es wird damit ja stillschweigend konzediert, dass Wissenschaft sowieso nur eine Angelegenheit von Wenigen und Priviligerten an exklusiven Orten ist. Dem widerspreche ich aber und fordere eine wissenschaftliche Lebenshaltung auch im Privaten ein! Den Dualismus von "Privatem" und "Notwendigem" zu überschreiten, das wird doch neben der freien Kunst noch am ehesten der Wissenschaft zugemessen (idealiter), dort, wo sie nicht lediglich Legitimation und Troubadour spielt (also de facto Pseudo-Wissenschaft ist!).

Wer zu guter Letzt den unten nur paraphrasierten DUTSCHKE noch als Naivität oder Rancune deuten mag, hat nichts begriffen. Die Contradictio spricht jener selbst (entgegen dem vehementen Klatschen und der blinden Akklamation der mehrheitlich Mediatisierten - gestern wie heute) an, wenn er die immanente Kritik zurückweist und für eine Reflexion des zugrundeliegenden Bezugsrahmens eintritt.

Mit anderen Worten: wir sind uns nicht einmal so fern, wie die Differenz der Worte anzuzeigen scheint, denn in der Wendung

"Nein, man muß zum So-sein als Wissenschaftler auch das entsprechende Bewußtsein dazudeklinieren, will sagen: man muß sich selbst genau so spalten und anschließend zum Wissenschaftler verdoppeln können wie die Souveränität ihr Subjekt und die bürgerliche Wissenschaft ihren Gegenstand (nur um sodann in der Oszillation zwischen den Spaltprodukten den inneren Konflikt als Bewegung auszuagieren und darin eben die Form ihrer Einheit zu finden, die sie am Gegenstand leugnen muß), dann wird selbst aus dem dümmsten Positivisten ein hochmögender Erkenntnislieferant, an dem man sich doch gefälligst ein Beispiel zu nehmen hat. "

schwingt allerhand Andockpotential für eine kritische Selbsreflexion des wissenschaftlichen GEBARENS als ideologisiertes Tun mit, das weiter debattiert werden muss. Sie können ruhig Alfred zitieren, vergessen Sie dann bitte nicht den Ursprung (die "Deutsche Ideologie" und die Formen der Anschauung bei KANT) ebenfalls mit zu ziteren. Werner Hofmann, von mir nur auszugsweise angeführt, führt weiterhin auch die privatkapitalistische Teilung der Arbeit sowie die Durchsetzung der Gewerbefreiheit an, wenn es um eine historische Erklärung jener Doyenhaftigkeit vermeintlicher "Lehrstühle" (gern auch mal Leerstühle) geht.

Um es zusammenzufassen: Nicht einer fabulierten "Reinheit" der Wissenschaft ist das Wort zu reden - ein solcher Rekurs wäre die Falschheit selbst. Es gilt die Produktionsbedingungen von Wissenschaft in der Gegenwart mit Mitteln der Soziologie und Ökonomie auf ihren Gehalt und ihre Funktion hin abzuklopfen (vgl. z.B. Bourdieu: Homo academicus), sowie die Fermente einer überkommenen Ständeherrschaft zu kritisieren; die außerwissenschaftlichen Imperative gesellschaftlich hegemonialer Interessen grundsätzlich zurückzuweisen (z.B. das Zunehmen instrumenteller Drittmittelforschung oder auch das Führen absurder Publikationsstatistiken usf.).

Gruß,
Wrobel

RE: Kann und muss ich meinen Doktortitel nun auch vergessen? | 18.02.2011 | 01:09

@ J-ap

Einen Doktortitel aus Eitelkeit zu erwerben ist allerdings fragwürdig. Wir hatten ja hier vor einiger Zeit zum FAZ-Sarrazin-Debakel in Schemen eine interessante Diskussion über einige Entwicklungen hinsichtlich staatlicher Herrschaft. Ziel wissenschaftlichen Arbeitens kann es ja nur sein, einen Beitrag zur Erkenntnis bislang nicht durchdrungener Themenkomplexe zu leisten. Dass unabhängig von der wissenschaftsimmanenten Bedeutung eines solchen Titels (und hier müsste man sich dann die Mühe machen, die soziologischen und ökonomischen Grundlagen spätkapitalistischer Hochschulen und Staaten zu untersuchen) auch die nur sozialmoralische und reichlich außerwissenschaftliche, ja "bourgeoise" Norm der Eitelkeit Zielpunkt ausmachen soll, spricht für einen völlig verdinglichten Wissenschaftsbegriff. Über genau diesen Begriff würde ich gern auch Herrn Angele befragen:

@ Michael Angele
Dass Studium und die Arbeit an der Dissertation wird neben ihrer Qual auch erhellende und weiterführende Momente gehabt haben. Wenn nun Rackets wie ein oben erwähnter Wagner oder Apologeten wie dieser "Journalist" vom BR dafür herhalten sollen, über Für und Wider wissenschaftlicher Methodik und Approbation zu entscheiden, dann kann man auch nahtlos zu charismatischen Standesgesellschaft zurückkehren (ein Habitus, den Guttenberg mit seinem Adelstitel ja nur noch symbolisch ausschlachten kann, viel eher punktet jener doch mit dem familiären Vermögen sowie einer völlig unkritischen Medienzunft, die solche Figuren auch noch breit rezipiert und porträtiert, letztlich politische Strukturen personalisiert und damit überhaupt nichts begreift, was zu beweisen ist): dann entscheiden die Verlautbarungen jener "großen Vereinfacher".

Anders: Sich isoliert über den Gehalt und die Funktion und daneben auch über den ideellen, moralischen, intellektuellen und erkenntnistheoretischen Wert einer Diss (oder einfach nur guter wissenschaftlicher Praxis) zu unterhalten erfordert wesentlich breitere Diskussion. So etwas kann nicht über flüchtige Kommentare geschehen, dafür ist das Thema viel zu voraussetzungsvoll. Dass nun jene Apologeten von Guttenberg eine "politische Kampagne" wittern dreht dabei ja nur den politisch reichlich armseligen Spieß um, der sonst eben der linken Seite des Parlaments vorgehalten wird. Alles in allem zeigt das eine gehörige Regression des Denkens auf. Also: was ist der Wissenschaftsbegriff?: www.youtube.com/watch?v=jPmyIT_wphU

Noch eine Ergänzung zur Wissenschaftstheorie:

Eines aber zeigt sich: Der Ver­lust von Theo­rie ist ein Indiz für einen tie­fe­ren, ele­men­ta­ren Sach­ver­halt – für das Schwin­den des Be­wußt­s­eins von der all­ge­mei­nen Be­deu­tung des ei­ge­nen Tuns, ja von der ge­sell­schaft­li­chen Re­le­vanz der Wis­sen­schaft über­haupt. Auf die Ver­selb­stän­di­gung der mo­der­nen Wis­sen­schaft ge­gen­über au­ßer­wis­sen­schaft­li­chen so­zia­len Ge­wal­ten ist die in­ne­re Ab­schlie­ßung ihrer Trä­ger ge­gen­über der üb­ri­gen Ge­sell­schaft selbst ge­folgt. […] Der ge­sell­schaft­li­che Zu­sam­men­hang ihres ei­ge­nen Tuns ist ihnen nicht mehr be­wußt. Die gro­ßen Fra­gen un­se­rer Epo­che, das Pro­blem der Wert­ord­nun­gen, die Frage von Wis­sen­schaft und Ideo­lo­gie, die Bil­dungs­kon­zep­ti­on, die immer neue Frage nach Fort­schritt und Rück­schritt un­se­rer Kul­tur, Sitt­lich­keit und Zi­vi­li­sa­ti­on, das welt­wei­te Rin­gen um De­mo­kra­tie, Frei­heit und Völ­ker­recht fin­den in der ab­ge­klär­ten Welt un­se­rer sa­tu­rier­ten Fach­wis­sen­schaf­ten kaum einen Nie­der­schlag. Ja, die Frage nach dem Fache selbst und sei­nen Ten­den­zen wird kaum mehr the­ma­tisch. Es kenn­zeich­net die Si­tua­ti­on, daß es bei einer schlecht­hin un­über­seh­bar ge­wor­de­nen Zahl von Ein­zel­stu­di­en über manch­mal mi­kro­so­pisch win­zi­ge Ge­gen­stän­de gleich­zei­tig so gut wie kei­nen An­satz zu einer zu­sam­men­fas­sen­den Ge­schich­te der Wis­sen­schaft un­se­rer Epo­che, ihrer nach­weis­bar über­ein­stim­men­den Ten­den­zen, ihrer ge­sell­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen gibt. […]
Die Iro­nie sol­cher Fach­ge­nüg­sam­keit hat es frei­lich mit sich ge­bracht, daß schließ­lich die prag­ma­ti­sche Aus­rich­tung der Ein­zel­dis­zi­pli­nen selbst in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wurde. Jede hin­rei­chen­de theo­re­ti­sche Ver­tie­fung einer ernst­haf­ten Fach­fra­ge würde von selbst auf jenen ge­mein­sa­men Wur­zel­grund zu­rück­füh­ren, in dem auch an­de­re Dis­zi­pli­nen ruhen. In ihrer Ver­tie­fung wür­den die Ein­zel­fä­cher ein­an­der wie­der­fin­den. Der Ver­zicht auf theo­re­ti­sche, ana­ly­ti­sche Fra­ge­stel­lung hin­ge­gen be­wirkt, daß in­ner­halb des Spe­zi­al­fa­ches selbst das Be­deu­tungs­ge­fü­ge der Dinge un­si­cher wird, daß die Kri­te­ri­en ihrer Aus­wahl und An­ord­nung schwan­kend wer­den. Die Ent­theo­re­ti­sie­rung der Ein­zel­dis­zi­pli­nen be­deu­tet für diese selbst zu­neh­men­de Des­ori­en­tie­rung im rein Fach­li­chen. […]
So be­trach­tet muß auch die äu­ße­re Um­or­ga­ni­sie­rung des Hoch­schul­be­triebs, die im Zei­chen der Uni­ver­stäts­re­form be­trie­ben wird (Stu­di­en­zeit­be­schrän­kung, Zwi­schen­prü­fun­gen, „Straf­fung“ des Lehr­stoffs) von in­halt­li­cher Kon­se­quenz auf den Wis­sen­schafts­be­griff selbst sein, den die Uni­ver­si­tät ver­mit­telt. Was un­ver­meid­lich vor­dringt, ist das Pen­sum. Ge­ra­de in einer Zeit, da schon der ein­fa­che Wis­sens­stoff frag­wür­dig ge­wor­den ist, geht auch in den Hoch­schu­len die stil­le Nei­gung – nicht zu­letzt der Stu­die­ren­den – un­auf­halt­sam in die Rich­tung der Ver­mitt­lung und blind­ver­trau­en­den Auf­nah­me von Lern­stoff. Die Fak­ti­zi­tät des Wis­sens­ma­te­ri­als ver­mag hier die Wirk­lich­keit selbst zu ver­tre­ten. […] Dies al­ler­dings ent­spricht ganz den au­ßer­wis­sen­schaft­li­chen Er­war­tun­gen, die der be­stim­men­de Teil un­se­rer Ge­sell­schaft ge­gen­über den Hoch­schu­len hegt. […] Auch Ideo­lo­gi­en wer­den zu Lern­stoff; der An­spruch des rein Af­fir­ma­ti­ven, den sie tra­gen, setzt sich durch.

[Wer­ner Hof­man (1968): Die Krise der Uni­ver­si­tät in ders.: Uni­ver­si­tät, Ideo­lo­gie, Ge­sell­schaft. Bei­trä­ge zur Wis­sen­schafts­so­zio­lo­gie, Frank­furt a.M.: Suhr­kamp, 9-34]