Von der Würde des Prekariats

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Immer mehr Arbeitsverhältnisse sind geprägt von Armut, Angst und Ausbeutung

Die Würde des Menschen ist unantastbar heißt es im Grundgesetz in Artikel 1. Wie aber steht es eigentlich mit der Würde des Prekariers? Jener Männer und Frauen in Deutschland, die ihr Dasein in unwürdigen weil prekären Beschäftigungsverhältnissen fristen müssen? Die Antwort ist: Schlecht! Denn die Würde dieses wachsenden Millionenheeres wird sehr wohl tagtäglich auf vielfache Weise verletzt.

Wann, wo und wie wird die Würde dieser Menschen verletzt?

Beginnen wir bei der Entlohnung: Neuerdings wird zwar nur noch vom „Gehalt“ gesprochen, weil die Unterschiede zwischen „Angestellten“ und „Arbeitern“ zumindest verbal aufgehoben sind. Doch von „Gehalt“ zu reden verbietet sich bei all diesen Jobs im Dienstleistungssektor, weil sie einen wirklichen „Gehalt“ - im Sinne einer angemessenen Konzentration von Geld für die geleistete Arbeit - nicht enthalten. Die „Gehälter“, die zum Beispiel für Jobs als Wachmann oder Callcenter-Agent bezahlt werden, zeichnen sich eher durch das Gegenteil aus: Der Geldwert, den sie enthalten entspricht in keiner Weise der verrichteten Arbeitsleistung.

Wenn man also von „Gehalt“ nicht reden kann, von was dann? Von „Lohn“? Kann man wirklich davon sprechen, dass es sich „gelohnt“ hat, wenn man am Ende eines Monats nach etwa 180 bis 200 und mehr Arbeitsstunden deutlich unter 1000 Euro netto bleibt und möglicherweise noch bei der Arbeitsagentur um eine Aufstockung ersuchen muss? Mit „Lohn“ im Sinne von „Belohnung“ hat das sicherlich nichts zu tun. Und doch scheint der Begriff „Lohn“ eher zutreffend als das Wort „Gehalt“. Schlägt man zum Beispiel im Grimm’schen Wörterbuch nach erfährt man: lohn ist das was als beanspruchte oder festgesetzte gegenleistung für einen dienst, eine arbeit gegeben wird (...) so namentlich den dienstboten, hand- und feldarbeitern, handwerkern (…) und den Tagelöhnern, wie man ein paar Zeilen später ergänzend lesen kann. Insofern muss man in diesem Zusammenhang also gar nicht etwa von „Niedriglöhnen“ oder gar „Hungerlöhnen“ sprechen, denn die Löhne von Dienstboten sowie Hand- und Feldarbeitern waren schon immer so niedrig, dass sie gerade mal zu einem Leben von der Hand in den Mund reichten.


Zurück zum Begriff der „Würde“. Wenn man darunter versteht, dass jeder Mensch genauso viel Wert ist wie jeder andere und dass kein Mensch zum Objekt irgendwelcher Prozesse und Arbeitsabläufe gemacht werden darf, sondern das Recht und die Möglichkeit auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit hat, dann kann es keine andere Antwort auf die Frage nach der Würde der in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeitenden Menschen geben als die, dass die Würde dieser Menschen hier mit Füßen getreten wird.


Nehmen wir als Beispiel einen Aufseher in einem Museum mitten in der deutschen Hauptstadt. Dieser Museumswärter ist angestellt bei einer großen Berliner Dienstleistungsfirma, die für Stundenlöhne berüchtigt ist, die dramatisch unter dem unverständlicher Weise immer noch umstrittenen Mindestlohn von 7,50 Euro die Stunde liegen. Diese Kolleginnen und Kollegen müssen Woche für Woche in 50-Stunden-Schichten ihr Existenzminimum erarbeiten. Und während sich diese „Museumsdiener“ für Hungerlöhne die Beine in den Bauch stehen, macht sich das zwischen den Zeugnissen unserer Hochkultur zirkulierende Publikum darüber Gedanken, wann man eine Pause macht und eine Tasse jenes Kaffees trinkt, der mit dem „Fair Trade“-Symbol versehen ist.


Doch so notwendig es ist, sich Gedanken über die gerechte Entlohnung von kolumbianischen Kaffeebauern oder Kinderarbeit in indischen Teppichfabriken zu machen, so wenig darf übersehen werden, dass sich inzwischen vor der eigenen Haustür Verhältnisse entwickeln, die ebenfalls die Frage nach der Menschenwürde provozieren. Die alte Mär vom „Hochlohnland Deutschland“ verkehrt sich immer öfter in die zynische Wirklichkeit einer neuen Klassengesellschaft, in der immer mehr Menschen, mit dem Kainsmal ihrer Kaste gezeichnet, zu einer Art Unberührbare stigmatisiert werden. Und ähnlich wie indische Parias werden die Chancen stetig geringer, aus dieser Schicht, Klasse oder Kaste herauszukommen.


Was wir brauchen, ist ein Gütesiegel für gute Arbeit hierzulande. Es ist ja wohl absurd, dass inzwischen Fair Trade-Produkte selbst bei diversen Discountern und Supermärkten im Regal stehen, obwohl die Arbeitsbedingungen dort alles andere als „fair“ sind. Man erinnere sich nur an die sattsam bekannten Bespitzelungsaktionen in dieser Branche. Erfreulicherweise arbeitet man in Gewerkschaftskreisen bereits an Kriterien für eine entsprechende Zertifizierung für jene Betriebe, die sich durch gute und faire Arbeitsbedingungen auszeichnen. Umgekehrt müssen all jene Ausbeutungsbetriebe in einem Schwarzbuch gelistet werden, deren Geschäftsmodelle auf einer verdeckten Quersubventionierung durch die Bundesagentur für Arbeit beruhen. Stichwort „Aufstocker“ !


Nicht einmal mehr Bildung ist ein Weg um die neuen alten Klassengrenzen zu überwinden. Das alte, bundesrepublikanische Versprechen, wonach die Anstrengungen desjenigen honoriert werden, der sich Wissen erwirbt, sich weiterbildet, etwas Neues erlernt und mit Fleiß und Energie umsetzt, dieses Versprechen und dieser gesellschaftliche Anspruch wird immer öfter gebrochen. Wie sonst ist zu erklären, dass der Anteil der Beschäftigten in Callcentern mit akademischem Hintergrund in den vergangenen Jahren auf etwa ein Drittel angestiegen ist?


Es ist damit nicht gesagt, dass es prinzipiell unter der Würde eines studierten Soziologen, Theaterwissenschaftlers oder Kulturhistorikers ist, auch einmal als Kundenberater in einem Servicecenter zu arbeiten. Wenn jedoch die Arbeitsverhältnisse in diesen Kommunikationsfabriken derart sind, dass sowohl das Arbeitsentgelt als auch der Umgangston der Vorgesetzten an Verhältnisse aus der Frühzeit der Industrialisierung erinnern, dann wird klar, warum man hier auch von den „Webstühlen des 21. Jahrhunderts“ spricht. Ähnlich wie in den Spinnereien des 19. Jahrhunderts herrscht in den Großraumbüros sogenannter „moderner“ Call-, Communication- oder Service-Center ein Klima von Armut, Angst, Unterdrückung und - warum darum herumreden? - Ausbeutung.


Nicht genug damit, dass die Verhältnisse dort sich an der Untergrenze desjenigen bewegen, was gesetzlich gerade noch zugelassenen ist. Nein, in einigen Fällen werden noch nicht einmal jene Selbstverpflichtungen eingehalten, die mancher Konzern sich selbst auferlegt hat.Die gelegentlich als „Essentials“ – also eine Art unternehmerisches Grundgesetz -formulierten Ansprüche betonen gerne solche wohlklingenden Worthülsen wie „Partnerschaft“, „offener Dialog“ oder „faires Miteinander“. Für einfache Mitarbeiter scheinen diese Kernstücke der eigenen Unternehmensphilosophie jedoch nicht zu gelten. Was insofern nicht weiter verwunderlich ist, weil der arbeitende Mensch- und damit eine möglicherweise zu achtende Würde - im Bewusstsein der Verantwortlichen dort sowieso erst beim unbefristeten Normalarbeitsverhältnis einer Führungskraft beginnt.


Hier ist der Punkt, wo man klar und deutlich sagen muss, dass die Würde der Beschäftigten in diesen Betrieben tatsächlich angetastet wird. Nicht genug damit, dass Betriebsräte und Gewerkschaften – so überhaupt vorhanden – in diesen Firmen tagtäglich um die Einhaltung wenigstens der gesetzlichen oder tariflichen Mindeststandards kämpfen. Selbst die so wohlklingenden aber eben nicht einklagbaren Unternehmensstandards werden den im Niedriglohnbereich Beschäftigten vorenthalten – ganz zu schweigen von jenen Leih- und Zeitarbeitern, die nichts als die „moderne“ Variante des Tagelöhners darstellen.


Das ist nichts anderes als die moderne Variante der Lohnsklaverei an: Wenn es nämlich zur Menschenwürde gehört, mit Respekt und Achtung behandelt zu werden und seine Persönlichkeit frei entfalten zu können, dann muss man erkennen, dass immer größeren Kreisen der Erwerbstätigen genau diese Würde genommen wird.


Um zum Schluss noch einmal auf das Grundgesetz zurückzukommen: Wieso diskutieren wir überhaupt über die Einführung eines Mindestlohnes wenn doch klar ist, dass ein Leben in Würde bei einem Stundenlohn von 5,20 Euro oder weniger nicht möglich ist und gleichzeitig der Schutz der Menschenwürde das oberste Verfassungsziel in diesem Land ist? Und wie steht es mit der Berufsfreiheit in Artikel 12 des Grundgesetzes, wonach jeder das Recht hat, seinen Beruf oder Arbeitsplatz frei zu wählen und keiner zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden kann, wenn gleichzeitig Arbeitslose genötigt sind, jede „zumutbare“ Beschäftigung anzunehmen, auch wenn diese noch nicht einmal das Existenzminimum garantiert?


Wäre er nicht von der falschen Partei, müsste man sich als Fazit des hier Geschriebenen der Forderung „Arbeit muss sich lohnen“ anschließen. Also gerechter Lohn für gute Arbeit in würdevollen Verhältnissen. Doch es steht zu befürchten, dass jene, die diesen Slogan gegenwärtig blaugelb plakatieren nur die eigene, eher kleine Klientel im Sinn haben, als die Masse derjenigen, die sich mit ihrem Lohn noch nicht einmal in einer statistischen Übersicht der Durchschnittsgehälter wiederfinden.

15:09 06.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

egonek

Hinter der Maske steckt ein Narr!
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rainer-kuehn | Community
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