Zeitbetrug: Mitarbeiterin angezählt wegen 23 Sekunden

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Nennen wir sie Erna K. Sie könnte genauso gut "Emmely" heißen. Unter diesem Namen erlangte die Berliner Kassiererin Barbara E. traurige Berühmtheit, weil sie wegen der behaupteten Unterschlagung von zwei Pfandbons im Wert von 1,30 Euro von der Supermarktkette „Kaisers“ gefeuert wurde. Unsere Erna wird von ihrem Arbeitgeber, einem Medien- und Kommunikationsdienstleister, ebenfalls Unterschlagung bzw. Betrug vorgeworfen: "Zeitbetrug". Man beschuldigt sie, das Unternehmen um Arbeitszeit betrogen zu haben. Genau gesagt um 23 Sekunden. Deswegen wurde sie zum Mitarbeitergespräch zitiert. Deswegen verfertigte der Arbeitgeber eine Notiz für die Personalakte.

Erna K. ist Kundenbetreuerin in einem Service Center, d. h. Callcenter-Agentin: Schichtbetrieb. Großraumbüro. Permanente Leistungs- und Verhaltenskontrolle. Geringe Entscheidungskompetenz. Oft Stress mit schwierigen Kunden. Erzwungene Höflichkeit. Und das alles zu einem Stundenlohn von rund 7,9o Euro. 23 Sekunden entsprechen einem Gegenwert von 3,02 Euro. Um diesen Betrag soll die Mitarbeiterin das Unternehmen geschädigt haben, weil sie ihre Pause um eben diese Zeitspanne überzog.

Arbeitsabläufe in Callcentern sind minutiös durchorganisiert, wobei „minutiös nicht ganz das richtige Wort ist, denn die Erfassung sämtlicher Arbeitsabläufe, Produktiv- und Freizeiten ist sekundengenau. Hinzu kommt die permanente Überwachung und Kontrolle sämtlicher Arbeitsschritte, die von den Agentinnenvorgenommen werden. Jedes Wort wird tatsächlich auf die „Goldwage“ gelegt und kann im Zweifelsfall gegen die Mitarbeiterin verwendet werden. Jeder Mausklick wird registriert und jede Regung der Agentin in einem nahezu lückenlosen „Bewegungsprofil“ dokumentiert – auch der Gang zur Toilette.

Die Zeiterfassung funtioniert wie früher die Stechuhr in der Fabrik: Im Eingangsbereich zur Abteilung ist ein elektronisches Zeiterfassungsgerät angebracht. Kommt ein „Agent“ genannter Mitarbeiter zur Arbeit, bucht er sich an diesem Terminal mit seiner Zugangskarte ein. Die erfassten Daten werden dann auf sein Zeitkonto gebucht. Der selbe Vorgang wiederholt sich, wenn der Mitarbeiter den Raum verlässt, um zum Beispiel eine Pause zu machen.

Soviel zum Umfeld, in dem sich Erna K. bewegt. Als sie vor einigen Wochen aus ihrer Zigarettenpause an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte stellte die Supervisorin anhandder Anzeigen auf ihren Kontrollmonitoren fest, dass Erna diese anscheinend um 23 Sekunden überzogen hatte. Die Vorgesetzte fühlte sich daraufhin genötigt, Meldung zu machen.Diese hat zwei Konsequenzen: einerseits das erwähnte Mitarbeitergespräch andererseits ein Eintrag in die Personalakte.

Was den Vorgang abgesehen davon, dass es um die Lächerlichkeit von 23 Sekunden geht, skandalös macht sind zwei Dinge:

  • Erstens, die Arbeitszeit darf ausschließlich mit dem dafür vorgesehenen Terminal erfasst werden und nicht anhand der Kontrollmonitore der Supervisoren.
  • Zweitens, ist gar nicht sicher, dass es sich überhaupt um eine Pausenüberziehung handelt, da erst noch zu prüfen gewesen wäre, ob die Karenzzeit (die Zeit, die für den Weg vom Zeiterfassungsterminal zu und vom Arbeitsplatz gerechnet wird) korrekt berücksichtigt wurde.
  • Drittens, wurden für das Mitarbeitergespräch personenbezogene Daten der Mitarbeiterin verwendet, die nur bei konkretem Missbrauchsverdacht verwendet werden dürfen.
  • Viertens handelt es sich bei Erna K. um ein Mitglied des Betriebsrates. Der Verdacht liegt nahe, dass hier besonders genau hingeschaut werden sollte, um Material für die üblichen Einschüchterungsversuche zu finden.
  • Und fünftens, die Fragen nach der Verhältnismäßigkeit.

Wieder einmal begegnet man vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise einerseits dem bis zur Unerträglichkeit bekannten Missverhältniss zwischen der Höhe der von Bankern und Finanzjongleuren angerichteten (volks)wirtschaftlicher Schäden und den i. d. R. recht milden Strafen für deren Verursacher - so es überhaupt zu einer Verurteilung kommt – und andererseits, der drakonische Härte gegenüber tatsächlichen oder auch nur behaupteteten, kleinen Vergehen einfacher Angestellter.

Es ist völlig klar, dass hier seitens des Unternehmens völlig überzogen reagiert wurde. Wobei nach wie vor gar nicht geklärt ist, ob hier tatsächlich ein Vergehen seitens der Kundebetreuerin vorliegt oder nicht. Aber darum geht es nicht. Worum es geht ist das Klima von Einschüchterung und Kontrolle das auf diese Weise erzeugt wird und das dazu führt, dass die Beschäftigten aus Angst vor möglichen Repressalien „freiwillig“ auf die ihnen zustehenden Rechte verzichten.

Die Methoden verfehlen ihre Wirkung nicht. Kaum einer muckt auf. Kaum einer wagt sich zu wehren. Denn allein schon der Gang zum Büro des Betriebsrates könnte ja als Anzeichen beginnender Renitenz gewertet werden. Und schon gar nicht traut man sich in eine Gewerkschaft einzutreten. Schließlich will man nicht die Verlängerung seines Arbeitsvertrages riskieren. Solche Konsequenzen wären zwar schlichtweg illegal, aber die Angst in den Köpfen der einfachen Angestellten ist so groß, dass die meisten Dienstleistungsbetriebe nicht nur tarif- sondern auch nahezu gewerkschaftsfreie Zonen sind.

Warum ist es immer noch so ruhig in den Betrieben. Vor allem dort, wo sich längst das Prekariat millionenfach konzentriert? Warum sprengen die verelendenden Massen nicht endlich ihre goldenen Fesseln aus Kommerz und Konsum? Hegen sie noch immer die Hoffnung auf die Erreichung und Sicherung bescheidenen Wohlstandes?

Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen wird, solange die Angst in den Köpfe regiert. Und die wird zur Zeit heftig geschürt. Nicht nur bei Erna K. und Emmely. Gesine Schwan, SPD-Frau und Kanidatin für das Amt des Bundespräsidenten, ist zwar viel gescholten worden für ihre Warnung vor sozialen Unruhen, die auch bei uns in Deutschland losbrechen könnten. Wer ehrlich ist muss jedoch zugeben, dass es eigentlich immer noch verdächtig ruhig im Land ist.Viel zu ruhig. – Noch.

17:36 25.04.2009
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Geschrieben von

egonek

Hinter der Maske steckt ein Narr!
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