Ordensburg Vogelsang wieder aktiv

Knast für Meinung Eine Provinzposse aus der Eifel - mit historischen Dimensionen?
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Samstag, 29.9.2012. Eifel. Deutschland ist gerade sehr in Aufruhr. "Wir" haben einen neuen Kanzlerkandidaten. Für mich keine Überraschung, war er doch Gast bei den Bilderbergern. Wir mir versichert wurde, werden dort alle Kanzlerkandidaten gekürt. Ich weiß - wir dürfen nicht darüber reden, weshalb solche Themen nur im elektronischen Untergrund hinter vorgehaltener Hand diskutiert werden, immer auf der Hut vor dem "Bannsiegel Verschwörungstheorie". Nun, aus lauter Angst vor diesem Bannsiegel schreibe ich ja jetzt hier auch nicht über die Bilderberger, neue Indizien für "nine-eleven"-Betrug oder den größten (Finanz-)Putsch der Weltgeschichte, sondern über die Reaktivierung der Nazi-Ordensburg Vogelsang, eine Reaktivierung, die jetzt den ersten und einzigen Widerständler ins Gefängnis bringt.

Nun - was ist das, Vogelsang? Nun, der "Führer" wollte einst sicherstellen, das sein Geist unvermindert über die Zukunft ausgeschüttet wird. Dazu hat er drei Ordensburgen geschaffen, um Personal fürs Reich zu schulen: Kröningsee, Sonthofen und Vogelsang.

Diese Ordensburgen waren Orte, an denen richtig fiese Charaktere ausgebildet wurden, die im Osten ganz fleissig im Sinne des Führers herummordeten, Orte, die Kriegsverbrecher in Serie produzierten (1).

Nach dem Krieg wurde die Ordensburg Vogelsang belgische Kaserne und diente viele Jahre lang als internationaler Truppenübungsplatz - jedenfalls bis zum Jahre 2005. In diesem Jahr zogen die Belgier ab und übergaben die Anlage den Erben des Dritten Reiches.

Was erwartet nun der Bürger, der mit seinen Steuergeldern für dieses Objekt aufkommt? Im Prinzip - eine historische Gedenkstätte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, aus Konzentrationslagern einen Freizeitpark zu machen, warum sollte dies bei den Schulungslagern für Nazikommandanten anders sein?

Wie so oft, hat der Bürger die Rechnung ohne den Wirt bzw. den von ihm gewählten Würdenträger gemacht.

Schnell war eine "Verwertungsgesellschaft" gegründet worden, die unter ausschließlichem Einsatz von Steuergeldern von einer privatwirtschaftlichen Vermarktung der Anlage träumt: man fühlt sich unangenehm erinnert an das Großprojekt "Nürnburgring".

Nun waren auf Vogelsang viele freie Wander- und Naturführer unterwegs, die Schulklassen und interessierten Einzelreisenden die grauenhaften Dimensionen dieses einzigartigen Ortes ins Bewußtsein riefen.

Einer von ihnen geht jetzt ins Gefängnis, weil er es gewagt hat, vor Ort auf Ungereimtheiten hinzuweisen.

Ich habe ihn als freien Händler kennengelernt, der auf Trödelmärkten nebenbei auf etwas Ungeheuerliches hinwies:

die alte Ordensburg sollte zu einem Spaßort umgebaut werden: jene Stätte, an der der nationalsozialistische Ungeist Menschen für Massenmorde geschult hatte, sollte ein "Krimihotel" bekommen - einen Ort, wo begüterte Menschen sich mit Morden aus Spaß beschäftigten.

Jenen Spaß am Morden hatten auch ihre Vorgänger.

Dieses Vorhaben hat nun jenen Wanderführer - Sven Kraatz - besonders erschüttert. Als Bürger und Steuerzahler meinte er, von seinem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch machen zu können. Als ehemaliger DDR-Bürger hatte er wohl einerseits eine größere Sensibilität für politisch bedenkliche Vorgänge, andererseits vertraute sehr der Meinungsfreiheit der Bundesrepublik Deutschland. Unermüdlich predigte er gegen den Hotelneubau, der auch die Fraktion der Grünen im Bundestag beschäftigte. (2)

Als Dank für seinen Einsatz bekam er Hausverbot. Er war eine "unerwünschte Person" geworden. Sein Verbrechen beruhte auf der unermüdlichen Verbreitung folgender Aussagen:

Stoppt den Hotelbau auf Vogelsang!

Seit einiger Zeit versuchen Spekulanten auf Vogelsang, trotz 55.000 qm leerer Gebäudefläche einen Hotelbau zu errichten.
Stoppt diesen Irrsinn und verteidigt die nachhaltige Entwicklung im Nationalpark Eifel. Zeigen wir „Wutbürger“ den Verantwortlichen die Rote Karte.
Mehr Informationen erhalten Sie auf www.Natur-Geschichte.de

Als Normalbürger kann man sich kaum vorstellen, das so ein Hausverbot auf einem öffentlichen touristischen Gelände Bestand hat. Das Amtsgericht sah es anders: 40 Tagessätze a´30 Euro wurden als Strafe verhängt ... eine Strafe, die den ehemaligen Wanderführer aufgrund mangelnder finanzieller Mittel ins Gefängnis bringt.

Bestätigt wurde das Urteil durch das Landgericht Aachen, das allerdings darauf hinwies, das Vogelsang keinesfalls ein vollständig befriedeter Ort ist, an dem man willkürlich Hausverbote erteilen könne. (3)

Es reduzierte freundlicherweise die zu zahlenden Tagessätze auf 30, was für den Wanderführer immer noch Gefängnis bedeutet.

Herr Kraatz ist bereit ins Gefängnis zu gehen - für die Demokratie, für den Erhalt der freien Meinungsäußerung und für die Klärung der Frage, warum eigentlich die Personalkosten der zu 100 % vom Steuerzahler finanzierten Entwicklungsgesellschaft von 2009 auf 2010 um 30 % gestiegen sind, obwohl nur eine einzige neue Stelle geschaffen wurde (4).

Die Urteilsbegründung des Landgerichtes steht noch aus. Eine Revision ist eingereicht. Herr Kraatz kämpft noch - leider ziemlich allein. Vogelsang liegt nicht in der Nähe einer Großstadt - und im Nationalpark lassen sich unter Hirschen, Dachsen und Wildschweinen keine großen Menschenmassen für Demonstrationen gewinnen ... Demonstrationen, die umgehend mit Hausverbot zu rechnen hätten. Oder mit Knast, wenn man nicht genug Geld hat, für Meinungsäußerung in Vogelsang zu bezahlen.

Redet man selber mit Herrn Kraatz, so findet man dort keinen Querulanten, sondern einen Menschen, der bereit ist, für seine Überzeugung ins Gefängnis zu gehen - eine Seltenheit in diesem Land. Er selbst wäre froh, wenn er sich endlich aus vorderster Front zurückziehen und sein Privatleben genießen könnte.

Sicherlich - Vogelsang ist ein sehr sensibler Ort. Mehrfach versuchten Neonazis den Ort für sich zu vereinnahmen und marschierten in Zweierreihen deutschtümelnd und führerverliebt durch die Gegend. Das man sich dagegen wehren möchte, ist verständlich.

Aber was an dem Protest des Herrn Kraatz ist für die verantwortlichen steuerfinanzierten Würdenträger eigentlich so unerträglich, das sie skrupellos seine Existenz vernichten würden?

Ist an den Vorwürfen des Herrn Kraatz etwa mehr dran als man gemeinhin erwarten würde? Gibt es wider Erwarten doch Auffälligkeiten bei der Auftragsvergabe? Glaubt man Herrn Kraatz, so ist da viel zu verbergen.

Ich zitiere nochmal seine persönliche Erklärung vor dem Landgericht Aachen:

Ich denke angesichts meiner bisherigen Erklärung haben die Interessen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die höchste Priorität. Das heißt ohne sog. "programmatische Bedenken", durch den Verkauf der 4, ich betone 4 ausgewiesenen Neubauflächen auf Vogelsang Kapitalerlöse zu erzielen.

Irgendwie - ein altbekanntes Lied. Das winken "goldene Nasen", die man sich verdienen kann. Ob es dazu kommt, ist fraglich - aber wenn erstmal neue Bauten dort entstanden sind, ist es zu spät, sich an die besondere historische Bedeutung dieses Ortes zu erinnern.

Natürlich kann man sagen: was für eine Provinzposse. Von denen gibt es viele im Land. Wer weiß schon, welche persönlichen Querelen dort hinter den Kulissen ausgelebt werden.

Besonders unangenehm ist allerdings das Resultat: Knast für Meinung.

Und wie sagte schon Altkanzler Kohl:

"Entscheidend ist, was hinten ´rauskommt".

Knast für eine Meinung, die auch vom Bund der Steuerzahler kommen könnte - oder aus den Reihen der Opfer des Nationalsozialismus.

1: F. A. Heinen: Gottlos, schamlos, gewissenlos. Zum Osteinsatz der Ordensburg-Mannschaften. Gaasterland-Verlag, Düsseldorf

2: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/041/1704141.pdf

3. http://www.ksta.de/schleiden/landgericht-sven-kraatz-zeigte-keine-reue,15189162,16716456.html

4. http://www.natur-geschichte.de/page6.php

14:15 29.09.2012
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