Warum wir alle Indianer sind...

Kolonialisierung Einige Gedankensplitter zur Wiederholung von Geschichte, der Zukunft Europas und den fleißigen Kuhjungen des großen Bosses.
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Ich lese gelegentlich Texte von nordamerikanischen Indianern. Man findet sie selten, aber es gibt sie. Was mich überrascht, sind gewisse Ähnlichkeiten zu unserem Alltag. Die Indianer sind von einer überwältigenden Macht beiseitegedrängt worden, alle Versuche, sie aufzuhalten, sich mit ihr zu arrangieren oder sich in ihrer Sphäre zu integrieren, schlugen fehl. Die gleiche Macht, das gleiche menschenfeindliche Prinzip tobt hundert Jahre später in Europa, direkt vor unserer Haustür - wir sehen es nur nicht, weil es uns anders verkauft wird.

Daran haben wir uns gewöhnt: das Dinge uns anders verkauft werden. Diese seltsamen Streifen am Himmel, die manche für "Chemtrails" halten, werden jetzt aktuell in Schulbüchern aus der Schweiz als Ursachen für die Wolkenbildung beschrieben, so als ob die an sich sehr rätselhaften und eigentlich unmöglichen Cirrus-Wolken ( siehe scinexx) schon immer von Flugzeugen gebastelt wurden. Die Kinder glauben das. Aber sie glauben ja auch, das sie Wald erleben, wenn sie durch unsere Forstindustrieflächen geführt werden.

So ändern sich Wahrheiten und Wirklichkeiten.

Was in diesen Zusammenhängen noch harmlos wirkt, als überflüssige Spielerei romantischer Naturen wird todernst, wenn es "um die Wurst" geht - also ums Essen und den anrollenden Hungertod in Europa, den wir zur Rettung der Rendite erleiden müssen so wie die Ureinwohner Nordamerikas einst den Hungertod erleiden mußten, um die Renditeträume der Rancher, Farmer und Banker Wirklichkeit werden lassen zu können.

In Griechenland geht es aktuell sehr um die Wurst und den Hunger: die "Welt" meldet, das die Griechen die Bauernhöfe plündern und die Bauern Waffen tragen. Früher nannten wir solche Zustände "Bürgerkrieg", heute nennen wir es "Sparprogramm".

Wir regen uns über den Bürgerkrieg in Griechenland auch nicht groß auf, weil uns auch die Griechen anders verkauft wurden. Sie sind faul, hinterhältig, gemein, egoistisch, parasitär und stinken wahrscheinlich sogar aus dem Mund - sie haben also ihr Elend verdient. In den Beschreibungen der US-Presse über die Indianer findet man ähnliche Bilder, in der Beschreibung der NS-Presse über Juden ebenfalls, in den Beschreibungen der deutschen Medienwelt über Hartz-IV-Abhängige ebenso.

Ist vielleicht ein Standardtext, in dem jeweils andere Namen eingefügt werden.

Was Griechen und Indianer noch verbindet? Sie sind beide superreich, haben aber nichts davon. Die aus den Prinzipien der Kolonisation erwachsene Raubwirtschaft greift sie sich, belügt, betrügt und kriminalisiert sie, um sich anschließend an ihren Reichtümern gütlich zu tun.

Im Online-Magazin Voltaire kann man gerade nachlesen, das Griechenland möglicherweise die Rechte an Erdgasreserven in der Ägäis im Werte von 9000 Milliarden Euro hat. Die sind sehr reich, die Griechen - trotzdem müssen sie Kartoffeln stehlen, um nicht zu verhungern. Ging den Indianern ebenso.

Mikis Theodorakis spricht dazu einige deutliche Worte (ebenfalls: Voltaire) - von Vertreibung aus Europa ist dort die Rede, von den ersten Hungersnöten seit den Morden der SS, von Verschwörungen in Politik und Wirtschaft zum Zwecke der Ausplünderung des griechischen Volkes und deutschen Gauleitern mit Krawatte - da bekommt man als Leser gleich Angst, sind doch Überlegungen über "Verschwörungen" gerade tabu - jedenfalls in Deutschland.

Natürlich gibt es sie auch hier - wir nennen sie nur anders. Das Manager-Magazin nähert sich vorsichtig dem Thema in einem Artikel über die "Similauner", einem verschworenen Kreis deutscher Elite-Manager, in dem sich die Top-Adressen der deutschen Konzernwirtschaft finden lassen. Das die Firmen der Similaner (McKinsey, BASF, Deutsche Bank, Daimler-Chrysler u.a.) auch "Berater" in die Hartz-IV-Kommission geschickt haben und somit deutsche Sozialstaatlichkeit definieren durften, überrascht nicht wirklich - hinterläßt nur ein wenig den Verdacht, das es uns in Deutschland möglicherweise gar nicht viel anders geht als den Griechen.

Andererseits: welche Verwerfungen der Pakt der politischen und wirtschaftlichen Elite mit unseren Kolonisatoren in unserem Alltag hervorbringt, zeigen die Aachener Nachrichten an einem (sicher für viele banalen) Beispiel über den Umgang mit Reinigungskräften in einem Kindergarten: über Nacht wurden ihre Arbeitsbedingungen geändert - sie müssen nun die gleiche Arbeit in deutlicher geringerer Zeit bei gleichem Lohn erledigen. Schön formuliert ist auch die in dem Artikel zitierte Stellungnahme der verantwortlichen Städteregion Aachen, die besagt, "dass die Leistungsvorgaben aus den Altverträgen nach den derzeitig angewandten Kriterien und nach allgemeiner fachlicher Meinung so nicht mehr haltbar sind".

"Allgemeine fachliche Meinung" ... zum Putzen von Kindergartenklos? Gibt es da auch eine Expertenkommission aus Wirtschaft, Unternehmensberatung und Politik?

Wir sehen - es trifft nicht nur Griechenland. Das gleiche Prinzip funktioniert auch nebenan - und führt dazu, das die Deutschen Jahr für Jahr eine Milliarde unbezahlte Überstunden leisten nur um Gnade vor den Augen der "allgemeinen fachlichen Meinung" zu finden (siehe FTD): man will der "bessere" Indianer sein, der so ist wie die, die da kamen und alles an sich rissen was einem gehörte. Viele Stämme Nordamerikas haben so versucht, sich mit der Raubwirtschaft zu arrangieren - am Ende blieb nur noch der Alkohol. Fernsehen gab es damals noch nicht - das hätte einiges auffangen können.

Laut "Spiegel" haben auf jeden Fall die US-Konzerne die Zeichen der Zeit erkannt und stufen Europa jetzt auf Ramsch-Niveau herab: Unilever will in Zukunft hier Strategien fahren, die schon in Indonesien erfolgreich waren - Strategien für verarmte Massen.

Die scheinen zu wissen, welche Zukunft diesem Kontinent droht.

Nun - unsere Häuptlinge setzen offiziell noch auf Verhandlungen mit den Kolonisatoren und feiern ihre Geburtstage im Kanzleramt, sie glauben an das Gute im Menschen und verdrängen ganz, das die Raubwirtschaft ihre ureigenen Menschentypen in Serie produziert, die sich vor allem durch ein ausgeprägtes psychopathische Persönlichkeitsprofil auszeichnen, das dem ähnelt, das Konzerne selbst aufweisen, wenn man sie und ihr Verhalten zur menschlichen Gemeinschaft unter psychologischen Aspekten beurteilt (siehe Robert Hare in dem Film Corporation).

In dem oben genannten Artikel über die Similauner, dem "schlagkräftigsten Netzwerk Deutschlands" , finde ich einiges über Kastenbewußtsein, Globalisierung und Vorstandsgehälter, die mich nachdenklich stimmen: möglicherweise sind unsere Häuptlinge schon längst Cowboys geworden - nicht der Nationalität nach (für die Raubtierwirtschaft ohnehin nur eine räumlich definierte Ausbeutungseinheit ohne weitere Bedeutung), aber im Geiste. Kuhjungen im Dienste der Raubwirtschaft, gut versorgt mit Spielgeld, Whisky und Prostituierten.

Das wäre schlecht für uns Indianer, weil wir dann nicht mehr hoffen könnten, das unsere Häuptlinge für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sorgen, stattdessen bringen sie uns die Rente mit 80, Arbeit ohne Lohn, den Verzicht auf Familie, Dorf und Eigenheim im Dienste der völligen Verfügbarkeit für eine globalisierte Raubwirtschaft, deren katastrophale Folgen für die Umwelt uns gerade das Klima um die Ohren fliegen läßt (siehe Rollingstone).

Was uns bleibt, wenn dieser geschichtliche Vergleich stimmt?

Nun - vielleicht bleibt uns das, was Chiparopai, eine alte Yuma-Indianerin als Konsequenz der Begegnung mit der Raubwirtschaft für ihr Volk zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts formuliert hat:

"Ja, wir wissen: wenn ihr kommt, dann sterben wir."

(zitiert nach: T.C.McLuhan, "Wie der Hauch eines Büffel im Winter", Hoffmann und Campe, 1.Auflage 1979, Seite 131)

Vielleicht stecken solche Überlegungen auch hinter dem Angriff der mexikanischen Bundespolizei auf US-Diplomaten in Mexiko (siehe Presstv)?

Wer kann das schon wissen? Auch hier sind wir wie die Indianer: wir verstehen gar nicht so richtig, was da über uns kommt. Wir versuchen nur mühsam, vor den Folgen zu fliehen, beten zu unseren Göttern (in unserem Fall unter anderem zu der "unsichtbaren Hand des Marktes"), das die Pest an unserem Hause bitte vorüberziehen soll, opfern Milliarden Überstunden, um die neuen Mächte gnädig zu stimmen und hoffen so, die Zeiten der Krise zu überstehen.

Ob das hilft?

Einfach mal die Indianer fragen.

Die habens schon hinter sich.

16:28 28.08.2012
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