Fake News

Claas Relotius Quo Vadis - Claas Relotius und der Spiegel
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Mit der Aufdeckung der Fälschungen Claas Relotius hat im Dezember 2018 für viel Furore gesorgt. Der Journalist schrieb hauptsächlich für den Spiegel aber auch für die taz, die Frankfurter allgemeine Sonntagszeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Welt, Zeit Online, Zeit Wissen, den Cicero, die NZZ am Sonntag und die Weltwoche. Der Spiegel ist danach in sich gegangen, hat eine Aufklärungskommission einberufen und nun einen Abschlussbericht veröffentlicht. Siehe: Claas Relotius

Die gute Nachricht: Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war. [1,p.1]

Diese Kommission begann mit ihrer Arbeit im Januar 2019 und konnte sich im Haus frei bewegen und Gespräche führen war aber nicht weisungsgebunden. Im Laufe ihrer Arbeit ist die Kommission den Fragen nachgegangen welche Dimensionen die Fälschungen haben, wie die Fälschungen passieren konnten und welche Motivationen dazu geführt haben. Ihr Abschlussbericht wurde im Mai 2019 veröffentlicht. [1,p.2]

Die schlechte Nachricht: Wir haben uns von Relotius einwickeln lassen und in einem Ausmaß Fehler gemacht, das gemessen an den Maßstäben dieses Haus unwürdig ist. Und: Wir sind, als erste Zweifel aufkamen, viel zu langsam in die Gänge gekommen und haben Relotius’ immer neuen Lügen zu lange geglaubt. In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild. [1,p.1]

  1. Die erste Konsequenz
  2. Die Dimensionen der Fälschungen
  3. Wie es passieren konnte
  4. Die Motivation für die Fälschungen

Die erste Konsequenz

Im März 2019 also noch zwei Monate vor der Veröffentlichung des Abschlussberichts wurde bekannt das die Chefredaktion vom Spiegel Ullrich Fichtner und Matthias Geyer mit neuen Aufgaben betraut und nicht beide nicht die ihnen ursprünglich zugedachten Leitungsfunktionen Chefredakteur und Blattmacher antreten. Nach Angaben der Kommission haben Ullrich Fichtner und Matthias Geyer keine persönliche Schuld an den Fälschungen. Nach Angaben vom Spiegel übernehmen beide Verantwortung um den Maßstäben gerecht zu werden und um jegliche Zweifel an der Integrität vom Spiegel auszuräumen. [1,p.5ff] [2] [3] [4] [5] [6] [7]

Fichtner wird im Auftrag der Chefredaktion große Projekte vorantreiben und dabei Titelgeschichten konzipieren sowie verfassen. Und Geyer gibt die Leitung des Ressorts Gesellschaft auf eigenen Wunsch ab und arbeitet zukünftig ebenfalls im Auftrag der Chefredaktion als Redakteur für besondere Aufgaben. Interessant ist dass hierfür nicht der Abschlussbericht abgewartet wurde.[1,p.5ff] [2] [3] [4] [5] [6] [7]

Die Dimensionen der Fälschungen

In 2017 schrieb Relotius über die Kleinstadt Fergus Falls (USA) in der er der Leserschaft diverse Märchen der gleichen Art servierte. Angeblich laufe im hiesigen Kino seit zwei Jahren der Kriegsfilm American Sniper, am Ortseingang stehe ein Schild mit der Aufschrift Mexicans Keep Out, eine Schule wäre mit einem Metalldetektor und drei Panzerglastüren geschützt und vieles mehr und bediente damit vor allem die Vorurteile über das ländliche Amerika. Von 2016 bis 2018 hat Relotius diverse Artikel über den Krieg im Syrien geschrieben in denen er wie viele seiner Kollegen das Bild von Bashar al-Assad als Fassbomben werfende Diktator bestätigt. Wie viele seiner Kollegen behauptete auch Relotius dass der Krieg in Syrien ein Bürgerkrieg sei der ausgebrochen sei nachdem ein kleiner Junge eines Tages Graffiti gegen die Regierung gemalt hat, deswegen verhaftet und in der Haft gefoltert wurde. Siehe: Claas Relotius

Außerdem berichtete Relotius mit seinen Kollegen wohlwollend über das Schiff Lifeline des Kapitäns Claus-Peter Reisch und bestätigte das Narrativ der alternativlos richtigen Retter vor der libyschen Küste. Wie viele seiner Kollegen hat auch Relotius verschwiegen dass Schiffe wie die Lifeline die Menschen nicht im Mittelmeer rettet sondern direkt vor der Küste aufgesammelt. Selbst die kürzeste Strecke von der libyschen Küste bis zur italienischen Insel Lampedusa beträgt aber über 200 km und ist ohne Ortungssystem nicht zu finden und die nächste Strecke von der libyschen Küste bis zur Küste Siziliens beträgt über 500 km und ist mangels Platz für Wasser, Proviant und Kraftstoff selbst für ein mittleres Boot unerreichbar. Am 26. August 2018 führte Relotius ein Interview mit Traute Lafrenz in South Carolina (USA) dem letzten noch lebende Mitglied der Widerstandsorganisation Weißen Rose. Darin behauptete Relotius fälschlicherweise dass sich Lafrenz über die Ereignissen nach dem Mord an Daniel H. am 25. August 2018 in Chemnitz empört habe. Dies hätte sofort auffallen müssen da es absurd ist anzunehmen das eine 99-jährige Frau in den USA über die regionalen Ereignisse in Deutschland schon am nächsten Tag informiert ist. Siehe: Claas Relotius

Weite Fälschungen von Relotius um der Dramaturgie willen sind die Veränderung der Orte von Ereignissen und dass eine Frau die G20 Proteste in Hamburg in 2017 nur beobachtet und nicht dara teilgenommen hat. [1,p.14ff] Außerdem hat Relotius die Klima-Titelgeschichte "Was der Erde droht" geschrieben. Relotius war jedoch überhaupt nicht wie behauptet auf der Pazifikinsel Kiribati, sein Text war gefälscht. [1,p.5ff]

Aufgeflogen ist Relotius jedoch wegen des "Artikels Jaegers" Grenze in der er zusammen mit seinen spanischen Kollegen Juan Moreno über eine Bürgerwehr in den USA gegen Einwanderer sowie die Menschen die auf dem Wege durch Mexiko sind um in die USA einzureisen berichtet hat. Relotius hat dabei von der angeblich schießwütigen Ausländerfeinde die Ungarn (Hungary) und Honduras nicht von einander unterscheiden können und schrieb von Bergen wo alles flach ist, einem Medien gegenüber scheuen Patrouillenführer der vor ein paar Jahren im Mittelpunkt der Doku Cartel Land stand und einem Artikelanfang zuerst ohne angebliche Schüsse dann mit. Nachdem Moreno die Ungereimtheiten nachgeprüft hat fand er heraus dass angeblich geführte Gespräche nie stattgefunden haben, kontaktierte Geyer und lieferte in einer langen E-Mail Indizien und Verdachtsmomente.[1,p.5ff]

Schon beim Telefonat am 16. November erkannte Matthias Geyer nach Ansicht der Kommission das Gewicht von Morenos Anschuldigungen. Er sagte nach eigenem Bekunden zu Moreno: »Juan, ich möchte einmal festhalten, worum es hier geht: Entweder richtest du gerade einen Kollegen hin, oder du richtest dich selber hin.« (Moreno selbst hat das Zitat etwas anders in Erinnerung: »Du weißt schon, was du da gerade tust? Du versuchst, das Leben einesjungen, talentierten Kollegen zu zerstören.«) [1,p.5ff]

Moreno entgegnete jedoch Widerstand. Im Abschlussbericht steht dass Moreno an dieser Stelle klar war dass er es mit einem Vorgang zu tun hat der für einen der beiden Beteiligten Konsequenzen haben muss. Und während das Gesellschaftsressort also nichts recherchieren ließ , fuhr Moreno aus eigenem Antrieb in die USA und klärte den Fall aus eigenem Antrieb auf. [1,p.5ff]

Wie es passieren konnte

Aus dem Abschlussbericht geht hervor dass Relotius sich immer wieder verdächtig gemacht hat indem er ein Making-of-Viedo abhelehnt hat, dass wegen seiner Texte kritische Leserbriefe geschrieben wurden und auch die Jury vom Henri-Nannen-Preis hatte Misstrauen gegenübe Relotius.[1,p.3ff] Nach Angaben des Abschlussberichts konnte sich niemand beim Spiegel vorstellen dass er inkorrekt arbeitet oder sogar fälscht. Auf die Frage ob es nicht verwunderlich ist dass ein so junger Kollege in Serie solch außergewöhnliche Texte abliefert sollen die meisten geantwortet haben dass Relotius für besser hielt oder dachte dass er einfach immer Glück hatte. [1,p.2] Als Moreno jedoch Geyer wegen der gefundenen Ungereimtheiten kontaktierte entgegnete Moreno jedoch Widerstand. Zum einen warnte Geyer Moreno dass die Konsequenz für Relotius oder Moreno dass Ende der Karriere sei, zum anderen stellte sich Geyer vor Relotius. [1,p.5ff]

Er hat allerdings, das muss dann nun auch mal auf den Tisch, die Gelegenheit genutzt, diffuse Drohungen auszusprechen. Er raunte, dass der Fall womöglich bald öffentlich werde, dass ihn, Moreno, bereits eine Journalistin kontaktiert habe, dass die Leute der Miliz Klagen gegen den SPIEGEL planten, solche Dinge. Seine eigene Rolle dabei blieb diffus, es war aber klar, dass er andeuten wollte, womöglich selbst illoyal zu werden. Ich habe ihm deshalb nicht nur gesagt, dass er ›Partei‹ sei, was er im juristischen Sinne ja auch war; ich sagte ihm aufgrund seiner zum Teil ziemlich schmierigen Drohungen auch, und zwar mehr oder weniger wörtlich: Juan, ganz ehrlich, du klingst grade wie eine Figur aus einem Mafiafilm. [1,p.7]

Der Abschlussbericht wirft dem Gesellschaftsressort von Relotius auch vor sich auch gegenüber Kritik abzuschotten. Dies sei so weil das Gesellschaftsressort nicht an der Kompetenz der Fachressorts interessiert sei und diese ignoriere. Und da das Gesellschaftsressort nicht um eine dauerhafte Kooperation mit den Informanten vor Ort kümmern müssten hinterließ das Gesellschaftsressort in den jeweiligen Berichtsgebieten oft verbrannte Erde. Dies habe zu einer Konfliktsituation zwischen dem Gesellschaftsressort und dem Rest geführt. [1,p.11ff]

Unabhängig von der speziellen Situation im Gesellschaftsressort scheinen einige SPIEGEL -Redakteure zu glauben, dass vor allem Dokumentation und Rechtsabteilung dafür verantwortlich sind, fehlerfreie Texte zu produzieren. Zahlreiche Dokumentare äußerten in Gesprächen mit der Kommission erschreckende Dinge. So würden Redakteure etwas als Tatsache darstellen, obwohl es nur von einem Gesprächspartner gesagt worden sei; aus stilistischen Gründen werde oft unterschlagen, dass die beschriebene Tatsache nur auf einer einzigen Äußerung beruhe. Fakten, die nicht in die Stoßrichtung einer Geschichte passten, würden manchmal einfach weggelassen. [1,p.12]

Die Aufklärungskomission ist zwar nicht weisungsgebunden hat aber Vorschläge geliefert. So sollen allen Zitate und Ereignisse mit Nachweisen und einer lückenlose Dokumentation der Recherche belegt werden, es soll mehr Objektivität angestrebt werden und dass Texte weniger ausgeschmückt werden. [1,p.16]

Die Motivation für die Fälschungen

Relotius hat über seinen Anwalt Gesprächsanfragen abgelehnt. Die Motivation von Relotius bleiben daher zumindest zum Teil offen. In vergangenen Aussagen von Relotius hieß es jedoch dass er sich unter Erfolgsdruck gesehen hat, der sich mit jedem Preis und Erfolg erhöht hat. [1,p.2] Im Abschlussbericht wird ebenfalls davon ausgegangen dass der Druck durch Journalistenpreise, die Stellung des Gesellschaftsressorts beim Spiegel, die mangelnde Dokumentation und der interne Umgang mit Fehlern die Fälschungen befördert oder sogar provoziert haben. [1,p.8]

Innerhalb eines selbstreferenziellen Systems der medialen Blase war niemand in der Lage, das Unwahrscheinliche in Relotius’ Texten als Fälschung zu vermuten oder gar zu erkennen. [1,p.10]

Auch die ehemalige stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer bestätigte im Gespräch mit der Kommission, dass von der Chefredaktion Journalistenpreise ausdrücklich gewünscht worden seien. Das Gesellschaftsressort habe dabei im Fokus gestanden. [1,p.11]

[1] Der Fall Relotius - Abschlussbericht der Aufklärungskommission 2019-05-25

https://www.spiegel.de/media/media-44509.pdf

[2] Ullrich Fichtner und Matthias Geyer - Relotius-Skandal: Spiegel lobt Vorgesetzte in Strategie-Jobs weg 2019-03-20

https://www.focus.de/kultur/medien/ullrich-fichtner-und-matthias-geyer-relotius-skandal-spiegel-lobt-vorgesetzte-in-strategie-jobs-weg_id_10478378.html

[3] Fälschungsskandal - Fall Relotius: Ullrich Fichtner wird nicht "Spiegel"-Chefredakteur 2019-03-20

https://www.sueddeutsche.de/medien/spiegel-relotius-fichtner-geyer-1.4375593

[4] FOLGEN DER RELOTIUS-AFFÄRE : Fichtner wird nicht „Spiegel“-Chefredakteur 2019-03-20

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/affaere-um-relotius-fichtner-wird-nicht-spiegel-chefredakteur-16098691.html

[5] „Spiegel“ nach Relotius-Affäre - Schöne neue Jobs 2019-03-20

http://www.taz.de/Spiegel-nach-Relotius-Affaere/!5581335/

[6] Nach Fall Relotius beim "Spiegel" - Fichtner wird nicht Chefredakteur, Geyer nicht Blattmacher 2019-03-20

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/nach-fall-relotius-beim-spiegel-fichtner-wird-nicht-chefredakteur-geyer-nicht-blattmacher/24123524.html

[7] Der «Spiegel» zieht personelle Konsequenzen aus dem Fall Relotius 2019-03-20

https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/fall-relotius-als-karrierekiller-ld.1468629

18:20 06.06.2019
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