Machtmissbrauch in buddhistischem Verein

Spiritueller Missbrauch Enthüllungen über Missbrauch in buddhistischen Organisationen
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Einige Monate bevor die Welle der Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in Hollywood die Medien überschwemmte, wurden auch buddhistische Gemeinschaften weltweit von Berichten über Machtmissbrauch unter ihren Anhängern erschüttert.

Das Thema "spiritueller Missbrauch" fristet eher ein Nischendasein, weil es ein noch recht unerforschtes Thema zu sein scheint, das jedoch in religiösen und spirituellen Gemeinschaften aller Konfessionen und Glaubensrichtungen zu finden ist.

Spiritueller Missbrauch findet statt, wenn eine religiöse, christliche, buddhistische oder spirituelle Autorität, wie z.B. ein Pastor, ein Geistlicher oder ein buddhistischer Lehrer ihre Machtposition und die Deutungshoheit über die jeweilige Lehre und ihre Ausübung benutzt, um seine Schüler, Anhänger, Gemeindemitglieder oder Studenten zu manipulieren und dominieren.

Dann erfüllt er nicht mehr die Aufgabe, seinen Anhängern die jeweilige Lehre oder Philosophie zu vermitteln, sondern ist darauf aus, seine eigenen Interessen und Ziele zu verfolgen, dies jedoch vermeintlich im Namen der jeweils zuständigen Gottheit. Wenn er sich bei der Ausübung unlauterer Machenschaften auf eine "höhere Macht", ein höheres altruistisches Ziel beruft, kann der Widerstand eines potentiellen Opfers leichter gebrochen oder überwunden werden, falls dieses nicht bereit sein sollte, sich auf die Sache einzulassen.

Eingebetteter Medieninhalt

In der Funktion als Vertreter einer Glaubensrichtung oder Religion impliziert die Rolle des Lehrers, Gemeindepfarrers, Priesters oder Lamas eine gefestigte Persönlichkeit, die sich ihrer Verantwortung gegenüber den Schülern, Gemeindemitgliedern oder Anhängern zutiefst bewusst ist und deren Situation nicht ausnutzt.

Diese Verantwortung und authentische Verkörperung und Ausübung der Lehre ist glücklicherweise in vielen Fällen gegeben, allerdings offensichtlich in manchen eben nicht. Die berühmt-berüchtigten Wölfe im Schafspelz finden sich in fast jeder Religionsgemeinschaft, ebenso wie in der Esoterik-Szene.

Im Juni 2017 wurde in Augsburg der Zen-Priester Genpo D. wegen Kindesmissbrauch angeklagt und im Juli wurde ein Brief veröffentlicht, den acht ehemalige Schüler von Sogyal Rinpoche (dem Autor des Buches "Das tibetische Buch vom Leben und Sterben") verfasst hatten.

Darin beschrieben sie ein unfassbares Martyrium, das sie im Namen des Weiterkommens auf dem "Pfad der Erleuchtung" erduldet haben.

Bereits Jahre vorher waren Berichte veröffentlicht worden, in denen eine junge buddhistische Schülerin in Frankreich von Übergriffen des tibetischen Meisters berichtet hatte.

Der Dalai Lama hat sich bereits im August des Jahres mißbilligend über das Verhalten seines tibetischen Kollegen geäußert, der dadurch nun auch offiziell in Ungnade gefallen ist. Dieser Ansicht haben sich jedoch nicht alle Vertreter der tibetischen Schulen angeschlossen, da dieses ein sehr kompliziertes, vielschichtiges Thema ist. Der unterschiedliche kulturelle, spirituelle und traditionelle Hintergrund für ethische Werte und Konventionen (zum Beispiel in Hinsicht auf die Beziehung zwischen Mann-Frau, Mönch-Lama, Student-Lehrer) ist teilweise nicht mit der westlichen Ethik vergleichbar oder kompatibel. Auch das ist sicherlich ein Grund, warum die acht Studenten so lange gezögert haben, sich öffentlich zu äußern.

Entgegen der Erwartungen und Versprechungen hat sich jedoch die gemeinnützige Vereinigung Rigpa International (für Deutschland Rigpa e.V.), die von Sogyal Rinpoche gegründet wurde, bisher nicht aktiv an einer Untersuchung und Aufklärung dieser Missbrauchsvorfälle beteiligt.

Diese Haltung bestätigt nun wohl die Anzeichen, dass es sich um spirituellen Missbrauch handelt, der die gesamte Organisation durchzieht, denn es scheint eine Art Gesetz des Schweigens und Verleugnung der Ereignisse vorzuherrschen.

Den acht Schülern wurde unter anderem vorgeworfen, den Brief veröffentlicht zu haben, da dieser etwas später zum Beispiel auf lionsroar.com zu lesen war. Dies und andere Verhaltensweisen würden angeblich gegen "Samaya" verstoßen, die Verbindung, die die Schüler mit ihrem Lehrer eingegangen sind, und die ihnen offenbar absolute Loyalität abverlangt.

Sie sind nun also nicht nur Geschädigte des jahrelangen, bis hin zu jahrzehntelangen Missbrauchs, sondern werden von ihren ehemaligen Mitstudenten zum Teil beschuldigt, gemieden oder im Stich gelassen, weil sie das stillgeschwiegene Problem geäußert haben.

Dabei wurde die Öffentlichkeit bis auf einen zu einer unauffälligen Sendezeit gezeigten Film und einige Artikel auf buddhistischen Plattformen sowie einer Podiumsdiskussion kaum informiert, sicher auch, weil an einem solchen Thema aufgrund seiner Komplexität und Besonderheit nur bedingtes Interesse vorhanden ist.

Davon abgesehen, dass es im weitesten Sinn auch um den Missbrauch von Spendengeldern geht, könnte man den größten Skandal darin sehen, dass die buddhistischen Schüler nun zum zweiten Mal traumatisiert werden, weil sie von ihrer ehemaligen Sangha (Gemeinschaft) alleingelassen werden und sich eventuell auch Gerichtsprozessen gegenüber sehen, bei denen die Gegenseite aufgrund ihrer teuren und hochspezialisierten Anwälte einen überwältigenden Vorteil besitzen würde.

Es muss leider damit gerechnet werden, dass es für die betroffenen Geschädigten nicht gerecht zugehen wird, falls es zu einem Prozess kommen sollte.

Letzte Überarbeitung: 28.12.2017

https://buddhismus-aktuell.de/diskussionen/debatte-um-sogyal-rinpoche/dokument-12-stellungnahme-des-rates-der-dbu-zu-den-anschuldigungen-gegen-sogyal-rinpoche.html

https://buddhismus-aktuell.de/diskussionen/debatte-um-sogyal-rinpoche/dokument-2-brief-von-sogyal-rinpoche-an-seine-sangha-juli-2017.html

http://www.rigpa.de/lang-de/rigpa/presse.html

https://dialogueireland.wordpress.com/2011/12/15/behind-the-thangkas-sogyal-rimpoche-the-imbalance-of-power-and-abuse-of-spiritual-authority/

https://www.theguardian.com/commentisfree/belief/2011/jul/01/lama-sex-abuse-sogyal-rinpoche-buddhist

23:00 18.12.2017
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