RE: Macron, démission! | 21.12.2019 | 22:25

Mit Verlaub, aber ich kann Argumente vom Schlage eines "da stecken diese und jene Interessen dahinter, also muss ich das nicht lesen und es ist auf alle Fälle falsch" nicht leiden. Halte ich für ebenso verkehrt wie die obige Rundheraus-Behauptung "wenn du Drittmittel einwerben musst, sind deine Ergebnisse interessengebunden" - da verwehre ich mich ebenso dagegen wie es sehr wahrscheinlich die RedakteurInnen der "Monde" tun würden (siehe zB hier https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/09/25/independance-du-monde-la-protection-d-un-bien-commun_6012983_3232.html). So mauert man sich schön in seiner Filterblase ein. Ich denke schon, dass ich in meinem ersten Posting oben auf einen Fehler und ein paar Ungereimtheiten im Originalartikel hingewiesen habe. Ist also nicht automatisch alles richtig, was von der "kritischeren Seite" kommt. Und bisweilen kann es auch erhellend sein, die Argumente des Gegners zu studieren und zu kennen. War mal eine geschätzte akademische Tradition...

Ich habe den von Ihnen verlinkten Artikel gelesen. Ist durchaus bedenkenswert. Ich hatte die Steuer von 2.8% auf Einkommen über 120.000€ pro Jahr, die keine Anrechte auf Rentenzahlungen beinhaltet, bisher als begrüßenswerte "Reichensteuer" zur Finanzierung des Rentensystems gesehen. Aber es stimmt natürlich, dass damit Geld aus dem System genommen wird, das bisher zur Verfügung stand, und wie schon öfters bei den bisherigen Reformen der Regierung Macron ist die Bilanz trotz der neuen Steuer negativ fürs Rentensystem und positiv für die sehr gut Verdienenden...

Auf der anderen Seite, und selbst wenn dieser Gedanke wahrscheinlich als häretisch angesehen wird, muss ja ein Rentenanteil durch Kapitalbildung nicht unbedingt gleich des Teufels sein? Ich bin da keineswegs Experte, aber ein entsprechendes dreigliedriges System (staatliche, betriebliche, private Rente) scheint ja zB in der Schweiz ganz gut zu funktionieren? oder bin ich da ganz schief gewickelt? Vielleicht kann @gelse aufgrund seiner/ihrer Recherchen zu Rentensystemen in Europa dazu was sagen?

Andererseits, ich hatte das bisher gar nicht so wahrgenommen, aber beim nochmaligen Durchlesen stolpere ich jetzt doch über Anmerkungen wie "kommt dann doch mal ein Kommentar, dann liest man neoliberale Scheiße". Es fällt mir nicht ganz leicht, das im hiesigen Kontext nicht auf meinen Kommentar zu beziehen...

RE: Macron, démission! | 17.12.2019 | 17:35

Büttel der Finanzindustrie, neoliberale Agenda, alle kriegen die gleichen Renten... Das kann man so sehen, fundierte Argumente sind es freilich nicht gerade. Und dass alle die gleiche Rente bekommen, davon ist nicht die Rede. Wenn Sie französisch sprechen, schauen Sie sich mal die detaillierten Antworten der "Décodeurs" der Monde zur Rentenreform an (oben verlinkt; https://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/12/12/reforme-des-retraites-69-questions-pour-comprendre-le-debat_6022657_4355770.html) oder die skeptische aber durchaus nuancierte Meinung des Editorials derselben Zeitung (https://www.lemonde.fr/idees/article/2019/12/12/reforme-des-retraites-le-pari-risque-du-gouvernement_6022597_3232.html). Die Punkte, die ich kritisch gesehen habe, waren zB die Möglichkeit, in einem Punktesystem den Gegenwert eines Punktes auch einfach(er) reduzieren zu können; das Risiko, dass eine Bemessung der Rente an der ganzen Berufslaufbahn vs. zB den 25 besten Jahren insbesondere Leute mit unterbrochener Karriere schaden könnte; oder dass insbesondere Leute mit geringen Löhnen und wenig bis keinen Prämien (wie ich als Prof) massive Einbußen hinnehmen müssen. Auf all das wurde inzwischen von Seiten der Regierung geantwortet (das Gesetz soll festlegen, dass der Punktewert nicht sinken darf, und seine Steigerung wird an die Löhne gekoppelt und von einer Kommission mit Beteiligung der Gewerkschaften festgelegt; im Gegenteil könnte die Reform die Situation für unterbrochene Karrieren oder geringfügige Beschäftigung verbessern, nachdem man im aktuellen System pro Trimester eine Mindestanzahl Stunden gearbeitet haben muss, damit es für die Rente überhaupt gezählt wird; und für (Hochschul-)Lehrer sollen mittlere Löhne gleicher Dienstniveaus im öffentlichen Dienst, nicht die eigenen Löhne, zur Bemessung verwendet werden, bzw die Gehälter und Prämien erhöht werden). All das wird man freilich überprüfen müssen, ob es dann auch im fertigen Gesetzestext steht. Ich rede nicht einem blinden Vertrauen in die Regierung das Wort, aber einem kompromisslosen Misstrauen auch nicht unbedingt. Wie gesagt, man wird sehen müssen, was dann tatsächlich im Gesetz steht.

RE: Macron, démission! | 15.12.2019 | 18:54

Das Zitat aus dem Artikel war beispielhaft. Ich verfolge hier durchaus die Medien und werde ansonsten, wie alle MitarbeiterInnen der Uni, mit Rundmails der Gewerkschaften sehr gut versorgt. Die Stimmen derer, die streiken, sind sich generell darin einig, dass die vorliegende Rentenreform die Rente quasi abschafft und man seine "besten Jahre in der Misere" wird verbringen müssen. Den Standpunkt kann ich nicht teilen. https://www.lemonde.fr/politique/article/2019/12/12/reforme-des-retraites-les-principales-annonces-d-edouard-philippe-decryptees_6022607_823448.htmlhttps://www.lemonde.fr/idees/article/2019/12/12/reforme-des-retraites-le-pari-risque-du-gouvernement_6022597_3232.htmlhttps://www.lemonde.fr/les-decodeurs/article/2019/12/12/reforme-des-retraites-69-questions-pour-comprendre-le-debat_6022657_4355770.html

RE: Macron, démission! | 13.12.2019 | 08:57

(Entschuldigung für den Ausrutscher im Tonfall. Ich reagiere nur leicht gereizt, wenn man rundheraus aller drittmittelfinanzierten Forschung Interessengebundenheit vorwirft oder jedwede Industriekooperation notwendig als böse ansieht. Nebenbei, in dieser Sichtweise müsste der/die deutsche ProfessorIn das Ideal sein: der/die kriegt nämlich üblicherweise eine dauerhafte Grundfinanzierung für Sachmittel und Mitarbeiter.innen zu seiner Stelle mit dazu. Hier in Frankreich ham wir "nur" unser Gehalt und sind für fast alles auf Drittmittel angewiesen. Dafür gibts freilich von besagten deutschen Prof-Stellen nur eine Handvoll pro Fachgebiet...)

RE: Macron, démission! | 13.12.2019 | 00:25

"Wenn du in der BRD Drittmittel einwerben mußt, um forschen zu können, dann sind die Ergebnisse interessengebunden." Ach was Unfug. Entschuldigung, aber solche Allaussagen nerven nur. Ich muss hier genauso Drittmittel einwerben, wenn ich irgendwas machen will, wofür ich mehr als Bleistift und Papier brauche. Und genauso wie in Deutschland ist der wichtigste Drittmittelgeber hier im übrigen sowieso der Staat (hier die ANR, dort die DFG).

RE: Macron, démission! | 12.12.2019 | 16:58

Es ist freilich richtig, dass es in Frankreich in der Wissenschaft noch viel mehr feste Stellen und einen lebendigen "Mittelbau" gibt, was ich für eine sehr gute Sache halte - ist ja auch einer der Gründe, weshalb ich hier bin. Aber ein Assistenzprofessor ist auch in der BRD ein Assistenz-/Juniorprofessor und kein Hiwi. Das sind mal zwei verschiedene Paar Stiefel. (Auch wenn wohl freilich viele, die hierzulande eine Assistenzprofessur haben könnten, in Deutschland auf Hiwi-Zeitverträgen dahinvegetieren...) Nur gibt's solche Stellen hier halt deutlich häufiger, und sie sind fest - während der/die Assistenz/Juniorprofessor.in in Deutschland auf Zeit ist und sich beweisen muss (immerhin mittlerweile in der Regel mit tenure track, bis vor nicht allzulanger Zeit war auch diese Aussicht nicht unbedingt gegeben). Dafür kriegt er/sie dann üblicherweise auch - zumindest in den Naturwissenschaften - eine Finanzierung, um die eigene Forschung auf den Weg zu bringen (Sachmittel, Mitarbeiter.innen...). Hierzulande hat man seinen Posten und sein Gehalt und sonst erstmal nix. Beides hat Vor- und Nachteile...

RE: Macron, démission! | 12.12.2019 | 16:51

Nein, keineswegs von einem Zeitungsartikel. Die Proteste selbst beschwören ja ähnliche Untergangsszenarien, die ich für nicht gerechtfertigt halte, ebenso wie diverse Maximalforderungen.

RE: Macron, démission! | 11.12.2019 | 22:38

Etwas mehr Recherche täte sicher gut. Von einer Privatisierung öffentlicher Verkehrsmittel, etwa der SNCF, ist in Frankreich keineswegs die Rede (aber das Schreckgespenst kann man natürlich gerne an die Wand malen, oder behaupten, die Regierung verschleiere nur ihre wahren Ziele). Über Sandrine Berger wüsste ich auch sonst gerne mehr (eine Suche auf Google, Facebook und LinkedIn ergab nur eine Professorin dieses Namens in St Etienne, nicht in Paris, und die ist am Department für verantwortliches Management und Innovation - eher unwahrscheinlich, dass so jemand sich für die CGT engagiert...). Gehälter im öffentlichen Dienst, und da besonders an Schulen und Universitäten, sind in Frankreich alles andere als großzügig. Aber ich bin selbst (Assistenz)Professor an einer französischen Uni und habe - mit "nur" einem Doktortitel und 9 Jahren post-doktoraler Laufbahn in Frankreich - 2018 ca. 2300 Euro monatlich verdient - netto, nach Steuern und Abgaben. (Hier wurde übrigens bei der Übersetzung geschlampt: im Originalartikel beim Guardian ist von 1860 *Pfund*, sprich € 2200 Monatsgehalt die Rede!) Und Verantwortung für 70 Mitarbeiter.innen? Im französischen Unisystem gibt es eigentlich keine solchen Riesengruppen mit einem einzelnen superwichtigen Ordinarius obendrauf, wie man sie von anderswo her kennt. Was die Rolle von Frau Berger genau ist, wäre mal ganz interessant zu wissen... Ach ja, und die Behauptung, dass Macron das französische soziale Netz komplett "schleifen" und die Menschen "in die Zeit vor 1945" zurückwerfen wolle, dürfte man auch ohne nähere Nachforschung leicht als völlig überzogene Propaganda erkennen. Mit solchen Argumenten ist wirklich niemandem geholfen (und sie machen es moderateren Zeitgenossen, wie etwa mir, quasi unmöglich, sich mit den aus verschiedenen Gründen durchaus gerechtfertigten Protesten und Streiks zu solidarisieren).

RE: Bitte nicht klatschen | 28.11.2019 | 22:27

Na dann möge bitte auch niemand erwarten, dass Männer artig Beifall klatschen, wenn zufällig wieder mal eine Frau ein Studium der Ingenieurswissenschaften auf-, einen Vorstandsposten an- oder eine Bohrmaschine in die Hand nimmt. Gähn. Machen wir gefühlt schon seit Jahrhunderten.

Ernst jetzt: manche Dinge sollten selbstverständlich sein, sind es aber noch nicht - und wenn sich die Dinge in die richtige Richtung entwickeln, kann man sich trotzdem darüber freuen, ohne freilich unbedingt gleich in Lobeshymnen verfallen zu müssen. Ich für meinen Teil hatte mich eigentlich immer als feministisch eingestellt angesehen, und das nicht, weil ich mir davon irgendwelche Vorteile erhofft hätte, sondern weil ich this truth to be self-evident hielt, dass Männer und Frauen und alle dazwischen gleiche Rechte und Pflichten haben sollten. Aber seit einiger Zeit scheint ein Feminismus Oberwasser (und sehr viel Sendezeit) zu haben, dessen Weltbild wieder nur rein manichäisch und konfrontativ ist. Täter-Opfer-Logik. Strukturelle Ungleichheit immer und überall. Generelle Skepsis Männern gegenüber. All- und Totschlagaussagen (die Gesellschaft suggeriert augenzwinkernd sexuelle Dienstleistungen als Belohnung undsoweiter), ohne auch nur den Hauch eines empirischen Belegs. Glücklich, wer solch unqualifizierte Bemerkungen, die fundamental nichts weiter als beleidigend und sexistisch sind, ungehindert in den Blätterwald hinausposaunen kann. (Ein gewitzter Kopf hat sowas mal als "female locker room talk" bezeichnet.)

Ich hatte den Eindruck, da waren wir schon mal weiter, aber ich kann mich täuschen. Einen Vorwurf kann man der Autorin bei aller Kritik jedenfalls nicht machen: dass sie mit ihrem Ansatz allzuviele Männer in ihr Boot holen würde.