Mütter ficken & Feminismus

Rap, Sexismus und Zensur Wie zwei Rapperinnen das von Sexismus getränkte Rap-Game mal ordentlich aufräumen.
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Im April letzten Jahres erschien ihr erstes gemeinsames Projekt "Asozialisierungsprogramm". Nur knapp ein Jahr später erreicht eine Single nach der nächsten Millionen Klicks auf Youtube, während "Leben am Limit" auf Platz 8 der Album-Charts einsteigt. Überraschend? Auf jeden Fall erfreulich! Das außergewöhnliche Dou vermischt nämlich zwei Dinge, die es bisher selten so durchdacht gegeben hat: Proll-Rap und Feminismus.

Frauen sind in den deutschen Rap Charts nach wie vor "Mangelware". Vielleicht liegt es daran, dass zu viele Hörer den weiblichen Künstlern einfach kein hartes Image abkaufen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sich viele Musikerinnen gar nicht erst auf die sexistische Erwartungshaltung des Otto Normalhörers einlassen wollen. Vermutlich liegt es an beidem.

Doch Rettung naht! SXTN erschien vor gar nicht so langer Zeit endlich auch auf der Bildschirmoberfläche des Mainstreams und hat dabei mit seinem Konzept voll ins Schwarze getroffen. Ironische, paradox wirkenden Texte und eine authentische Art machen von Track zu Track deutlicher, worauf die beiden Mädels kein Bock haben: Sich als Frau klein machen zu müssen. Im Gegenteil!

Sich in vorgefertigte Rollen zu begeben kommt nicht in Frage. Juju und Nura spielen mit den Erwartungen der Zuhörer und drehen den Spieß um - indem sie einfach selber frauenverachtenden Rap machen. Zumindest auf den ersten Blick. Anstatt nämlich den Männern das Feld zu überlassen, wird das Macho-Gehabe auf die Spitze getrieben und bekommt durch die Weiblichkeit der Interpreten einen interessanten Twist:

Durch die maßlose Übertreibung und den Wechsel der Perspektive wird deutlich wie abstrus und abwertend die Texte gegenüber Frauen eigentlich sind. Allein die Tatsache, dass nicht plötzlich Männer, sondern weiterhin Frauen degradiert werden, sorgt für Verwunderung und zwingt den Konsumenten automatisch die Texte zu hinterfragen. Das Ganze parodiert männlich-dominierten Rap und entlarvt die Objektifizierung von Frauen in unserer Gesellschaft. Schlussendlich äußert sich diese eben auch in vielen musikalischen Texten.

Eine andere Frage, die mit drastischen Formulierungen wie"Diese eine Vergewaltigung kann ich verstehen; Wenn die Olle wie ’ne Bitch rausgeht - selber schuld!" selbst einhergeht, ist die nach Zensur. Statt jedoch auf harmlosere Texte zu pochen, werden Äußerungen an den Grenzen des guten Geschmacks einfach ausgehalten und zurückgegeben. Wer sagt denn dass Frauen nicht genauso gut austeilen können?

Der Track Hass Frau setzt sogar noch einen drauf. Für die Hook wurde die selbsternannte Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer durch den Kakao gezogen und gesamplet - während sie gerade einen Text von King Orgasmus One bei Maischberger vorliest. Es scheint als würden die Texte von Schwarzer, die King Orgasmus lyrische Ergüsse zutiefst verurteilte, persönlich stammen. Das passt natürlich perfekt zu Nuras und Jujus Ansatz: Als emanzipierte Frauen haben sie es nicht nötig von Alice Schwarzer beschützt zu werden. Sie können sich selber verteidigen.

Während einerseits die herabwürdigende Behandlung von Frauen durchgängiges Thema ist, wird ein anderes Stilmittel in Musikvideos und Albumcovern deutlich. Die jungen Frauen spielen auffällig viel mit ihren Reizen und verstecken ihre Sexualität nicht! Auf dem Cover der Deluxe-Box schrecken die beiden auf jeden Fall nicht davor zurück, ihre Kurven zu betonen. Und auch in ihren Videos oder beim Bewerben der Tour wird nicht mit Sex-Appeal gegeizt. Der Deluxe-Box liegt sogar provokativ ein Poster der beiden posierenden Damen bei.

Für Manche mag dies wie ein Widerspruch wirken, ist es aber nicht. Worum es geht ist Selbstbestimmung! Niemand kann den beiden vorschreiben wie sie sich zu kleiden haben oder ob sie sich in ihrem Körper wohl fühlen dürfen.

Böse Zungen könnten hier eine auf Sex-Sells ausgelegte Werbestrategie unterstellen, die hier überinterpretiert wird! Von genau dieser Thematik handelt aber auch Er will Sex, einer der Songs ihres neuen Albums.

SXTN - Er will Sex (Official Video)

In Track und Video wissen Nura und Juju genau, dass sie begehrt sind - und lassen das auch jeden spüren. Sie durchschauen "die" Männer und lassen jeden abblitzen, was sie in eine dominante Position bringt. Die Parallele zu "männlichem" Rap ist auch hier unverkennbar, jedoch geht es hier nicht um die Degradierung des anderen Geschlechts, sondern um die eigene Freiheit. Von niemandem lassen die Mädels sich einschränken: Trotz Reduzierung auf ihr Äußeres lassen sie sich nicht davon abbringen, mit ihren Reizen und den Bedürfnissen der Männer zu spielen. Sie gehen sogar einen Schritt weiter und machen klar, dass SXTN hinterherhechelnde Männer in der Hand hat - und nicht umgekehrt ("Wenn du kommst und sie nicht, hat sie dich gefickt", Ausziehen).

Ein weiteres Detail, das sich im Video versteckt und vermutlich von den meisten übersehen wurde, findet sich inmitten der Gruppe leicht bekleideter Mädchen. Serg Darling, ein sich offen zu seiner Homosexualität bekennenden Youtuber. "Freie Liebe und Gleichberechtigung" lautet also das Motto.

Trotz all dem Fokus, den sie selber auf ihre Weiblichkeit lenken, wollen die beiden jedoch gar nicht, dass einzig und allein ihr Geschlecht und der feministische Ansatz im Fokus stehen ("Die Fragen ergeben 'nen ewigen Kreis; Wie ist es, als Weiber in dieser Szene zu sein?"). Sie sind eben keine Antwort auf deutschen Männerrap, sondern ein eigenes Produkt. Nur bestätigt diese Aussage paradoxerweise eben exakt ihren feministischen Ansatz und ihre Art sich in der Szene zu integrieren. Trotzdem sollte es aber nichts Besonderes mehr sein, dass Frauen auch guten Rap machen und kommerziell erfolgreich sein können.

SXTN wird wohl damit leben müssen, auch in zukünftigen Berichten weiterhin primär mit Feminismus und Emanzipation in Verbindung gebracht zu werden. Schon bei der nächsten weiblichen (so geschimpften) "Antwort", werden sich aber vermutlich wieder mehr Hörer auf die krassen Punchlines und sauber produzierten Hooks konzentrieren. Der erste Schritt in Richtung Gleichberechtigung ist daher getan.

"Das beste Team" ist musikalisch innovativ und bietet, wenn man sich drauf einlässt, authentischen und provozierenden Rap der feinsten Sorte. Und das eben äußerst facettenreich: Partygeher, Kiffer, Lyrikfans und Feministen werden allesamt auf ihren Geschmack kommen. Feminismus wurde selten so intelligent in provozierende Texte verpackt und hat durch seinen sehr starken emanzipatorischen Ansatz sogar die Chance bekommen (und erfolgreich genutzt) in der Rap-Szene Anschluss zu finden, um ein Umdenken anzuregen.

Männliche Rapper werden sich in Zukunft wohl wärmer anziehen müssen. Einen Mantel können sie sich dann ja bestimmt von Juju oder Nura leihen.

Dieser Text erschien auch auf einzweigedanken.wordpress.com.

15:21 25.07.2017
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Geschrieben von

Ein Zwei Gedanken

uninformierter Kopfmensch, der schon immer "irgendwas mit Politik" machen wollte.
Ein Zwei Gedanken

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