Über den eigenen Schatten springen

Lyrik Rufen Kraftklub mit ihrem Song "Fenster" zum Selbstmord auf? Eine Analyse.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist die bisher neuste Veröffentlichung aus Kraftklubs angekündigter Platte „Keine Nacht für Niemand“. Die Welt wird aus der Sicht eines typischen Wutbürgers erklärt, der die Widersprüche seiner, von Frust geprägten, Weltanschauung durch paradoxe Aussagen entlarvt. Nebenbei rechnen Felix, Till, Steffen, Karl und Max auf ihre eigene Art und Weise mit Krawallmachern ab. Was sich jedoch zuerst nach einem Aufruf zum Selbstmord anhört, ist bei näherer Betrachtung eher mit einem Augenzwinkern gemeint.

Kraftklub - Fenster (official video)

Die vermeintliche Wutrede, die Fenster als Einstieg dient, könnte kaum mit mehr Klischees behaftet sein. Auf zynische Art und Weise wird sich über konkret alles und nichts aufgeregt. Von tausendfach gehörten Aussagen wie „Sowas darf man ja heute nicht mehr sagen“ bis zur angeblichen Schuld der Eliten und Chemtrails. Kein Hörer kann sich davor entziehen das absolute Klischee eines Wutbürgers vor Augen zu haben. Die Gründe für seinen Unmut seien das „scheiß Wetter“ und „kein Geld“.

Über das Geld lässt sich streiten, aber darüber, dass die Eliten keine Schuld am Wetter haben, wird wohl Einigkeit herrschen. Jedes kleinste Problem - ob real oder gefühlt - ist Grund genug, sich aufzuregen. Und wo findet sich die Schuld besser als bei anderen?

Die Anschuldigungen sind überzogen und gaukeln mit allgemeinen Aussagen vor, dem Frustrierten zuzustimmen. Sogar die Wortwahl wurde angepasst: „die Eliten“, „Staat“, und „Gutmenschen“ sind eher von Rechten besetzte Vokabeln, die Kraftklub in sonstigen Texten wohl eher meiden würde. Der Text richtet sich an genau die Menschen, die hier parodiert werden.

Auch wenn ein Großteil der Hörer die Ironie dieser Anschuldigungen längst erkannt haben wird, scheint es oberflächlich so, als würde Verständnis aufgebracht. Nach einem Umbruch wird, einer Motivationsrede ähnlich, sogar bis in den Refrain hinein versucht den Bürger zu motivieren und es „selber in die Hand“ zu nehmen. Es müsse endlich gehandelt werden! So könne es schließlich „nicht weitergeh’n mit dem Land“.

Die Aufforderung „Spring aus dem Fenster - für mich“ soll den Wutbürger persönlich treffen. Wortwahl und Formulierung der ersten Strophe sollten ihn glauben lassen, seine Meinung würde geteilt. Während dem aufmerksamen Hörer nun die Sinnlosigkeit der Aussagen bewusst werden soll, ist das (vermeintliche) Ziel eine Überlistung aller Unruhestifter, um diese zu einem kollektiven Sprung aus dem Fenster zu bewegen.

Das ist natürlich nur ein Stilmittel und pure Übertreibung! Doch es kann dazu führen, dass auch Abgeneigte sich auf den Text einlassen. Nach dem ersten Refrain könnte ein „klick-Moment“ entstehen, da der Text rückwirkend eine andere Bedeutung bekommt („Was hast du zur Lösung der Probleme beigetragen?“).

In der zweiten Strophe wird der Zynismus noch deutlicher. Das Nörgeln eines frustrierten Deutschen mit dem Leid des Afghanistan-Kriegs gegenüber zustellen, lässt die hauseigenen Probleme gleich viel kleiner erscheinen und auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die gesamte Gesellschaft und alle Medien gegen genau „dich“ verschworen haben, scheint bei genauerer Betrachtung doch eher gering.

Die hab’n ihre Fakten, aber du hast deine Meinung“ ist ein zusätzlicher Seitenhieb auf eine Diskussionskultur, in der „Fake News“ nicht mehr hinterfragt werden und Menschen reihenweise ihrem „confirmation bias“ erliegen, um Vorurteile zu befriedigen.

Ein Wort, das in der zweiten Strophe besonders häufig fällt, ist „Du“. „Du stehst da mit leeren Händen“, „Du wurdest betrogen“, „Du kannst nichts daran ändern“, „Du bist der Normale“. In der Welt des Frustrierten dreht sich alles nur um ihn. Dabei hat sich aber alles gegen ihn verschworen, weshalb er ja gar keine Schuld an seinen Problemen haben kann. Die Unfähigkeit sich seine eigenen Fehler einzugestehen und eine egoistische Denkweise führen zu diesem Konflikt und dem Anstauen von Frust. Die sarkastischen und andauernden Wiederholungen helfen dabei genau diese Eigenschaft unterbewusst aufzuzeigen. Das „für mich“ aus dem Refrain ist also als Aufforderung zu verstehen, das Schema zu durchbrechen und auch mal an die Belange anderer Mitmenschen zu denken.

Die Bridge gibt dem Hörer Zeit, um den Text auf sich wirken zu lassen. Eine 6-fache Wiederholung der Aufforderung „Spring aus dem Fenster - für mich“ verleiht dieser besonderen Nachdruck. Auch die musikalische Darstellung ändert sich: „Spring“ wird von einem Chor gesungen und klingt insgesamt ähnlich wie das Anfeuern eines Kindes, das sich nicht traut vom 10-Meter-Turm zu springen.

Das Musikvideo fügt dem Song schließlich noch eine weitere Ebene hinzu. Ein frustrierter Mann beschließt sich mit seiner Schrotflinte Luft zu machen, muss jedoch feststellen, dass er nicht der Einzige mit dieser Idee war und die Menschheit sich selbst in einem riesigen Massaker beendet hat. Der Frust der Menschen ist zu ihrem größten Problem und schließlich auch zu ihrem Verhängnis geworden. Das begreift auch der Protagonist, der sich daraufhin das Leben nimmt.

Während Farin Urlaub die letzten Wiederholung des Refrains von sich gibt, sind es schlussendlich nur noch die Jungs von Kraftklub, die nach der Apokalypse auf einem Autodach stehen und ihren Song performen. Eine Anspielung auf das Video zu „Junge“ von den Ärzten, aber auch eine Warnung vor der Zukunft.

Rückwirkend scheinen die letzten beiden Zeilen des Songs („Auch du kannst etwas Gutes tun, leiste deinen Teil“) auch nicht mehr ganz so ironisch: Es liegt bei jedem selbst, das Richtige zu tun und sich dabei nicht blind auf die eigenen Probleme zu beschränken - auch wenn der ein oder andere dafür einen kleinen Denkanstoß benötigt.

Dieser Text erschien auch auf einzweigedanken.wordpress.com.

08:40 15.05.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Ein Zwei Gedanken

uninformierter Kopfmensch, der schon immer "irgendwas mit Politik" machen wollte.
Ein Zwei Gedanken

Kommentare