Eisvogel

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RE: Wer hat geil Krebs? | 07.09.2009 | 01:48

at Titta

Ja, warum nicht, Stellung beziehen, gegenüber einer Trauernden, liebe Titta? Ja, da ist Trauer und da ist Schmerz. Das heisst nicht, dass ich deswegen nicht kritisiert werden dürfte. Hätte ich Angst vor der Auseinandersetzung, hätte ich nicht geschrieben.

Vor allem aber habe ich Herrn Angele nicht "mit Unflat überhäuft", sondern seinen Artikel kritisiert und meine Mühe mit dieser Art von Journalismus ausgedrückt. Auch kann ich nach wie vor marsborns Ausführungen bezüglich Angeles Beurteilungskriterien als Kritik der "exhibitionischen medialen Vermarktung dieses existenziellen Problems" nicht folgen.

Herr Angele schreibt Ihnen doch wortwörtlich was seine eigentlichen Beurteilungskriterien waren:

"Nur: Warum soll ich schweigen, wenn mir vom Titel des "Spiegel" die Headline "Gestern wollte ich wieder sterben. Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann über sein Leben mit Krebs" entgegenschlägt. Ich finde das widerwärtig, aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass andere das wohl nicht so empfinden?"

Das ist ein sehr seltsamer journalistischer Ansatz. Aber es ein Journalismus, der mehr und mehr anzutreffen ist. Hier ist keine Distanz mehr. Das ist ein "aus-dem-Bauch-heraus-Journalismus. Hätte Michael Angele als Privatperson hier seine Meinung im Blog veröffentlicht, wäre es etwas anderes. Aber er schreibt als Journalist. Das ist eine andere Warte und da gelten andere Regeln.

Sorry, das ist schlicht schlechter Journalismus. Und um es noch einmal zu sagen: Hier ist Michael Angele nicht allein. Letzlich ist da ein Verlag und eine Chefredaktion, die die Höhe der Latte festlegt. Und die hängt niedrig, extrem niedrig.

Stark finde ich, dass Herr Angele sich immer wieder zu Wort meldet. Weniger stark, dass er es sich so einfach macht und seine Kritiker und Kritikerinnen in eine "Schlingensief-Sekte" packt.

at Michael Angele
Ich habe zuvor keine einzige Aufführung von Herrn Schlingensief gesehen. Nur dieses Buch gelesen. Es ist ein gutes Buch, ein verdammt gutes Buch. Haben Sie es wirklich gelesen? Hätten Sie dann nicht gemerkt, dass Schlingensief etwas sehr ähnliches wie Sie erlebt hat? Seine Wut auf seinen Vater nämlich. Seine Unverständnis. Er war wie abgestossen davon, wie sein Vater mit seiner eigenen Krankheit umging. Bis er, Schlingensief, selber krank ist und realisiert, was vielleicht in seinem Vater vorgegangen sein mag. - Und Schlingensief bleibt dann selber nicht still. Hält sich nicht an die Regeln einer seltsamen Gesellschaft, die noch im 21. Jahrhundert junge Menschen hervorbringt, die Sätze formulieren wie: "...aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?". Nein, er schreit es heraus. "So schön wie hier kann's doch im Himmel gar nicht sein" ist keine Bekenntnissliteratur sondern - wenn schon - Erkenntnissliteratur.

RE: Wer hat geil Krebs? | 06.09.2009 | 03:03

Wie unbedarft darf Journalismus heute sein?

"Wer wie ich in den Massenmedien arbeitet..." - dieser Satz offenbart das ganze Dilemma, Herr Angele: Wer so einen Satz schreibt, und vor allem: wer so einen Artikel schreibt, bedarf

journalistischer
sprachlicher
literarischer
und vor allem
menschlicher Schulung.

Wie viel Zeit bekommen Sie für einen Artikel, einen Kommentar, Herr Angele? Und: Wer liest Ihre Artikel gegen?

Ihr "Kommentar" verkörpert sinnbildlich diesen gallopierenden Absturz des Journalismus. Ich weiss ja nichts, kann ja nichts, aber google mich locker durch meinen journalistischen Alltag?

Sie werfen Autoren "Schwer erträglichen Exhibitionismus" vor?

"Aber dann hält ihn vielleicht doch etwas vom Schreiben ab. Etwas, das Größer ist als er, und er sagt sich, was ist schon mein kleines bescheidenes Leben dagegen, und die Scham durchdringt ihn." Sie schreiben einen derartigen Satz und realisieren nicht, dass vielleicht Sie selber gemeint sind?

„Es mag eine Leistung sein, das Publikum über seine Krankheit so zu unterrichten, dass es sich nicht langweilt, aber läge wahre Größe nicht auch hier im Verzicht?“

Wahre Grösse = stilles Leid???? Hallo, auf welchem Planeten leben Sie, Herr Angele? In welchem Zeitalter? Was ist das für eine Zeitung, die einen derartigen Kommentar zulässt? (Kommentar? Glosse? Literatur- oder Gesellschaftskritik?)

Es gibt dieses Dagegen nicht mehr, es gibt keine Transzendenz mehr, die einem die eigene Endlichkeit vor Augen führte und die Nichtigkeit lehrte, und also wird in die Tasten gehauen und es entstehen so.....

Nein, es gibt dieses Dagegen nicht mehr und keine Transzendenz, die einem Journalisten die eigene Nichtigkeit vor Augen führte, und also hat er ein bisschen gegoogelt, der Journi, und dann in die Tasten gehauen und es entstand ein unsäglicher Artikel...

Es tut mir leid, Herr Angele, wenn ich Ihnen derart an den Karren fahre. Aber es ist tatsächlich derart unsäglich, was Sie geschrieben haben. So unsäglich, wie Vieles in vielen Medien. Jeden Tag und ständig. Man kann nicht immer reagieren. Aber manchmal muss es sein.

Warum meine Gegenrede jetzt und hier so lautstark daherkommt: Ich habe meinen Mann verloren. Einen grossen und grossartigen Jazzmusiker und noch grösseren Menschen. Sein Leiden hat er still erduldet. Er hat nicht gehadert, nicht gejammert und schon gar nicht geschrieen. Er liess die Ärzte machen. Liess sich voll pumpen mit dem ganzen Gift. Und auch ich habe nicht geschrieen. Und ja, einige Freunde sagten mir später, es sei beeindruckend, wie er dies alles ertragen habe. Wie würdevoll.... Ganz nach Ihrem Geschmack: Würdevoll! Und still!!!

Mann spricht nicht über seine Angst, Mann jammert nicht, nicht über seinen Schmerz, nicht über sein Leid.... Zurück bleibt eine entsetzliche Leere, zurückt bleibt die Angst, nicht wirklich teilgehabt zu haben, nicht verstanden zu haben, nichts verstanden zu haben, vom Leid, von diesem Schmerz, von diesem Wahnsinn.

Schlingensiefs Buch hat mir etwas zurückgegeben. Schlingensiefs Worte haben diese Leere gefüllt. Sein ungefilterter Schrei, seine fieberhaften Fragen, sein Hadern und Suchen... Etwas, von dieser Kommunikation über Schmerz, Leid und Angst. Es war für mich die Möglichkeit, etwas nach zu vollziehen, an etwas teilzuhaben, an dem ich nicht teilhaben konnte. Oh nein, ich verwechsle das nicht, mit dem, was mein Mann gesagt hätte, nicht mit dem, was er wirklich gedacht, gefühlt, gelitten hat... Trotzdem, es war wie ein erlösender.... Akt, wie ein erlösender Traum. Es war, es IST Sprache für Unaussprechliches. Es ist das, was gute Literatur ausmacht.

Gute Literatur ist keine Wichsvorlage für müde und ausgelaugte Literaturkritiker. Gute Literatur ist ganz unakademisch Brücke zwischen Kulturen und Welten.