Dependence Days

Blockbuster Diese Woche startet die fünfte Folge des computeranimierten Erfolgsprodukts „Ice Age“. Und wie geht es der Produktionsmaschine Hollywood sonst?
Ekkehard Knörer | Ausgabe 26/2016
Dependence Days
Zielmarkt Asien: ein Optimus Prime aus „Transformers“ in Hongkong
Foto: Philippe Lopez/AFP/Getty Images

Kino ist Big Business. Mehr denn je. Die weltweiten Einnahmen lagen 2015 bei der Rekordzahl von knapp 40 Milliarden Dollar, in Europa gab es wie in den USA mit gut sieben beziehungsweise elf Milliarden neue Rekorde. Hollywood hält an diesen Einnahmen den Löwenanteil, es gibt nicht viele Länder (zuerst: Indien und Südkorea), in denen die heimische Produktion mit dem globalisierten US-amerikanischen Blockbusterkino mithalten kann. Das spielt inzwischen im Ausland regelmäßig mehr ein als in den Vereinigten Staaten. Und es reüssiert nicht zuletzt deshalb, weil es den Eintritt in den rasant wachsenden chinesischen Markt geschafft hat. Ende 2017, lautet die Schätzung, wird China die USA als weltweit größten Kinomarkt überholen – was nicht zuletzt heißt, dass Hollywood seine Filme mehr und mehr mit dem Blick auf das chinesische Publikum produziert.

Eine der Konsequenzen daraus ist, dass die Filme internationaler besetzt und gedreht, teils mit chinesischen Partnern koproduziert werden; dass die internationale Bekanntheit der Darsteller zum wichtigen Teil des Besetzungskalküls gehört und dass die Vorlieben der globalen Märkte eine bedeutendere Rolle spielen als der Stammmarkt USA. 3-D zum Beispiel hat dort (und in Europa) längst wieder an Faszination eingebüßt, während Russland und China noch verrückt danach sind; so kalkuliert etwa die Produktion von James Camerons vier Avatar-Sequels in avanciertem 3-D mit diesen Märkten.

Stichwort Sequels: Es wird gern über den Mangel an Originalität geschimpft, aber die Zahlen sprechen für sich. Wenn Hollywood einen Hit hat, dann lässt es ihn mit gutem Grund so schnell nicht mehr los. Ice Age, dessen fünfte Folge in dieser Woche startet, ist ein gutes Beispiel. Zum einen ist schon die Existenz des aktuellen Sequels ein Rekord: Auf fünf Filme hat es bislang kein computeranimiertes Franchise gebracht. 2002 war die ursprünglich als klassischer Zeichentrick geplante Geschichte um ein Mammut, ein Riesenfaultier und einen Säbelzahntiger als erste computeranimierte Produktion der 20th Century Fox ein Riesenerfolg. Alle Sequels, die seither im Abstand von drei oder vier Jahren folgten, spielten jeweils mehr als der Vorgänger ein, mit dem größten Sprung vom ersten zum zweiten. Das ist nicht untypisch: Die Effekte der Vertrautheit akkumulieren sich, und sie tun es erstaunlich lange, bevor Ermüdung beim Publikum eintritt.

Etwas untypisch ist am neuesten Ice-Age-Film (Kollision voraus!) eher ein anderer Aspekt: Er kommt mitten in der Fußball-EM der Herren in die deutschen Kinos – zwei Wochen vor dem US-Start. Voraus ging dem ein Protest der Kinobetreiber, denen das Geschäft während Sport-Großereignissen oft komplett abstürzt. Einerseits sitzt das Publikum dann vor den Fernsehern daheim oder beim Public Viewing, andererseits bringen die Verleiher in solchen Zeiten bevorzugt ihre sauren Gurken ins Kino. In diesem Fall nicht, was sogar per Pressemitteilung gefeiert wird. Dafür ist allerdings der in den USA gerade mit riesigem Erfolg angelaufene Findet-Nemo-Nachfolger Findet Dorie in Deutschland auf Ende September geschoben: Da gibt es also Kuh, Mammut- und Fischhandel aller Art.

Vier Quadranten

Unmittelbar nach der EM läuft Independence Day: Resurgence an, der Nachfolger eines 20 Jahre alten Originals, dem von einer Fortsetzung lange nicht träumte. Die Logik von Tentpole und Franchise greift damit weit wie selten in die Geschichte zurück. Als Tentpole (deutsch: Zeltstange) werden jene Filme nach Originalstoffen bezeichnet, die die Studios mit enormem Aufwand an Produktionsmitteln, Werbung und Kopienanzahl in die Märkte drücken, mit dem Ziel, daraus ein Franchise zu entwickeln: mit Einnahmen durch Fortsetzungen, Verkäufe in allen digitalen Medien und von Merchandise-Material. Ohne Risiko ist das nicht, denn im Fall des Scheiterns, wie beim berüchtigten Superflop John Carter von 2012, sind die Verluste enorm.

Kein Wunder, dass die Studios für ihre Tentpole-Filme darum auf aus anderen Medien bekannte und erfolgreiche Stoffe zurückgreifen, von Herr der Ringe bis Harry Potter – und das längst nicht mehr überschaubare und weit ins Obskure auswuchernde Superheldenarsenal. Ob die Franchise-Logik funktioniert, indem man einen so alten Stoff wie Indpendence Day reaktiviert, wird sich zeigen. Zumal bei einem Genre, das nicht den heiligen Gral der Geschäftslogik sucht, den „Vier-Quadranten-Film“, der die vier zentralen demografischen Publika bedient: Männer und Frauen, unter und über 25.

An diesen simplen Differenzen scheiden sich die Geister und die Box-Office-Möglichkeiten. Allerdings würde es schon reichen, wenn das Independence-Day-Sequel die zwei wichtigsten Quadranten abdeckt, nämlich die jüngeren und älteren Männer. Zu den bitteren Wahrheiten gehört, dass Frauen als Stars wie als Publikum den Studios zweitrangig scheinen – in einer aktuellen Liste der 20 Personen mit der größten „Bankability“ taucht erst auf Platz 20 mit Angelina Jolie eine Frau auf. Immerhin dämmert manchem inzwischen, dass er da womöglich auf einem falschen Dampfer ist. Nach dem unerwarteten Erfolg von Filmen wie Brautalarm oder Spy wird jetzt das komplett mit Frauen in den Hauptrollen besetzte Ghostbusters-Sequel, das im August 30 Jahre nach dem Original startet, die wichtigste Probe aufs Exempel. Auf dem chinesischen Markt hat man mit historischen Stoffen wie Independence Day oder Ghostbusters ein weiteres Problem: Das Original hat da kaum einer gesehen, Hollywoodfilme liefen im Reich der Mitte vor 20 Jahren fast nie. Fox bringt erst einmal Independence Day von 1996 in die chinesischen Kinos, um dadurch Interesse am Sequel zu erzeugen.

Ein Grund für die aktuelle Malaise Hollywoods: Die Studios wollen ihr Risiko minimieren und die Einnahmen maximieren. Das war nicht einfach immer schon so, sondern hat viel damit zu tun, dass sämtliche der einst mächtigen und unabhängigen großen Studios heute Teil großer Misch- oder Medienkonzerne sind, die ihre Sektionen unter beträchtlichen Renditedruck setzen. Die Studios werden von Managern geführt, die mit den für ihren oft vulgären Geschmack berüchtigten Tycoons nichts mehr zu tun haben – Geschmack ist ihnen nämlich völlig egal. Selbst die legendären Pitches gibt es kaum noch, also das persönliche Bewerben eines Stoffs vor potenziellen Geldgebern. Es werden vielmehr Erfolgswahrscheinlichkeiten errechnet – dem entspricht ein riesiges Feld der Big-Data-Analysen, auch der Firmen, die per Social-Media-Nennungen oder Plot oder Stars oder Genre Erfolgsaussichten zu kalkulieren versprechen.

So wenig erfreulich das ist: Es gibt ein Feld, auf das die riskanten Projekte, die abseitigen Stoffe, die originellen Ideen längst ausgewichen sind: das „Fernsehen“, das sich seit dem Einstieg von Streaming-Firmen wie Amazon oder Netflix immer noch ausdifferenziert. Was in Hollywood nicht mehr ging, geht hier sehr wohl, mit Stoffen und Serien für alle möglichen Genres und Nischen. Man kann Fantasie auf der großen Leinwand also vermissen – als kleinformatiger Trost ist das US-Fernsehen in seiner aktuellen Blüte dann aber doch groß und gewaltig.

06:00 01.07.2016
Geschrieben von

Ekkehard Knörer

Redakteur Merkur und Cargo.
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