Der Film zum Aufruf

DVD Stéphane Hessel ist gemeinsam mit Tony Gatlif nun auch Autor eines Films auf DVD namens: "Empört Euch!". Den besseren Film über Hessel gibt es schon viel länger
Der Film zum Aufruf

Illustration: Otto

Vor fast 20 Jahren haben Antje Starost, Manfred Flügge und Hans Helmut Grotjahn einen Dokumentarfilm über Stéphane Hessel gedreht. Er hieß Der Diplomat, und als solcher wurde Hessel darin porträtiert. Jahrzehntelang hat er der UN vor allem mit Missionen in Afrika gedient. Eine gewisse Bekanntheit hatte er als Sohn des Schriftstellers Franz Hessel, dessen ungewöhnliche Liebesdreiecksgeschichte Francois Truffaut in Jules und Jim verfilmt hat (der kleine Stéphane wird darin allerdings zu Sabine). Hessel war im Widerstand gegen die Nazis gewesen, hatte das KZ Buchenwald überlebt und war an der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte beteiligt. Ein Gentleman, er spricht sanft, artikuliert überdeutlich und rezitiert mit großer Verve Gedichte.

Der wirkliche Ruhm des Stéphane Hessel kam freilich nach diesem Film. Sein Aufruf Empört Euch! traf den Zeitgeist und tat eine enorme Wirkung, die er nicht zuletzt der Autorität verdankte, die die außergewöhnliche Lebensgeschichte dem Autor verleiht. Die Résistance und die Menschenrechte sind zentrale Bezugspunkte auch von Hessels Streitschrift, in der er die Mitwelt und vor allem die Jugend dazu aufruft, den Mut zu entwickeln, sich ihrer eigenen Empörung zu bedienen. Das double bind, in das sich Manifeste verstricken, die den einzelnen zugleich als Individuum wie als Kollektiv adressieren, kann auch Hessel nicht vermeiden.

Einerseits ist der Aufruf Empört Euch! nun einmal Quatsch, weil Empörung nichts ist, das zu empfinden man auf Zuruf entscheidet. Empörung ist doch die erst einmal unwillkürliche Reaktion auf Zustände, die man als unhaltbar oder kränkend oder entwürdigend empfindet. (Im französischen Indignez-vous steckt die Würde gleich mit drin.) Andererseits war das Manifest ein Riesenerfolg, weil Hessel darin einer vorhandenen Empörung nicht nur Ausdruck, sondern auch noch historische Legitimation zu geben verstand.

Papagei seiner Sätze

Tony Gatlif allerdings führt das Verhältnis von Manifest und den damit verbundenen Demonstrationen in seiner Dokumentation, die sich als Verfilmung von Hessels Schrift versteht, geradezu ad absurdum. In Schwarzweiß filmt er Stéphane Hessel, der als Papagei seiner selbst zentrale Sätze aus seiner Streitschrift spricht. Das wird immer wieder per Inserts schriftlich verdoppelt, dann aber durch chorisches Nachsprechen junger Menschen auf der Straße auch noch verdreifacht. Das geht über den ästhetisch problematischen Tatbestand der Illustration noch deutlich hinaus, und zwar in Richtung Monty Python: Wir sind alle verschieden und sagen und denken alle dasselbe. Und zwar doppelt und dreifach.

Hessels zwar stets aufrechten und ehrenwerten, aber ja nun ohnehin nicht sonderlich komplexen Sätzen wider die Herrschaft von Banken und Geld (und Israel) tut das nicht gut. Wie stets bei Tony Gatlif wird dazu eifrig Musik gemacht und gefiedelt. Junge Menschen protestieren, sprühen gestanzte Parolen an Häuserwände, eifrig schneidet Gatlif von einem Schauplatz zum andern, von einer Demo zur nächsten: Paris, Madrid, Berlin, Tel Aviv.

Die Pseudo-Spielhandlung, die es in einer bei der Berlinale gezeigten Fassung des Films noch gab, ist eliminiert. Übrig geblieben ist nicht mehr als uninspirierte Folklore ohne die Antäuschung von Analyse. Es geht weder um die Verhältnisse, gegen die die Demonstrationen sich richten, noch um die Frage, warum die Proteste letztlich so wirkungslos blieben. Empört Euch! ist ganz ein leerer Film. Aber immerhin fröhlich.

Tony Gatlif & Stéphane HesselEmpört Euch!DVD5, codefrei, 16:9, OmU, 72 Minuten, Absolut Medien (Arte Edition), 9,90 €

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Geschrieben von

Ekkehard Knörer

Redakteur Merkur und Cargo.

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