Ekkehard Knörer
Ausgabe 0814 | 19.02.2014 | 12:30 2

Die Rhetorektion

Kino Der erste Teil von Lars von Triers Sex-Epos „Nymphomaniac“ kommt ins Kino und zeigt, dass die sexuelle Unersättlichkeit selbst Metapher für endloses Erzählen ist

Die Rhetorektion

Die junge Joe (Stacy Martin, rechts) mit ihrer Freundin im Zug auf Männerjagd

Foto: Concorde Filmverleih

Zur Fliege an der Wand kehrt der Blick immer wieder zurück. Die Fliege ist freilich keine Fliege, oder nur im übertragenen Sinn: ein Köder fürs Fliegenfischen und als solcher ein beweglicher Fixpunkt, um den die Geschichte von Joe (Charlotte Gainsbourg) zu kreisen beginnt. Seligman (Stellan Skarsgård) hat Joe auf der Straße gefunden, auf dem Boden, Blut im Gesicht, ein Körper als Rätsel. Nun liegt sie im Bett, Seligman sitzt davor, an der Wand besagte Fliege als Köder. Damit ist die Erzählsituation eingerichtet. Die talking cure kann beginnen.

Joe erzählt von ihren Geschichten mit Männern, von ihrer Lust am Sex mit allen und jedem. Seligman hört ihr zu, fragt nach, entwickelt Thesen, findet Vergleiche, ist eine Enyklopädie des Fischens und Fangens, der Bach-Kompositionen und Fibonacci-Zahlen und anderer Dinge. Männerfangen ist wie Fischefangen, dieser Vergleich wird wiederholt, variiert, eine Allegorie, die immer groteskere Ausmaße annimmt.

Wie es überhaupt ums Vergleichen geht und um die Variation. Lars von Trier liefert wie einer, der alles zu genau und doch nichts ganz richtig versteht, die Bilder dazu. Vom Angeln, vom Köder, von Cantus Firmus und Polyphonie und von Bach. Und von den Raubzügen der nymphomanischen Frauen, also Joes Geschichten, teils im Splitscreen, teils sehr explizit, von Schwänzen und Zungen und Vulven.

Joe erzählt, Seligman und wir hören zu, Lars gibt uns die Bilder, die Fliege ist Zeuge: Im Flashback ziehen eine Teenager-Joe (Stacy Martin) und eine Freundin mit rotgelackten Hotpants durch den Zug und reißen kompetitiv Männer auf und haben mit ihnen Sex auf der Toilette und machen für jeden erlegten Mann einen Strich auf der Liste wie Männer eine Kerbe für jeden Erschossenen auf dem Schaft des Gewehrs. Und Joe erinnert sich an andere Männer, vor allem an den an den unmöglichsten Stellen wiederkehrenden Jerome (Shia LaBeouf), den sie womöglich liebt, sie erinnert sich an die Lügen, den Sex, die Blicke, sie erinnert sich an den Vater (Christian Slater), der Arzt war, an Bäume und Blätter, an seinen qualvollen frühen Tod, das Schreien, die Angst: Ein ganzes Kapitel lang ist der Film hier schwarz-weiß und wird finster.

Übertragungsleistung

Auch sonst ist er nicht heiter, aber oft komisch, und das manchmal: zum Schreiben. Ein Spiel, das Joe zu weit treibt, plötzlich steht ein Mann vor der Tür, seine Frau und die gemeinsamen Kinder hinterdrein. Die Frau (Uma Thurman) macht eine Szene, eine Riesenszene, kommt, Kinder, sagt sie, ihr wollt doch bestimmt das Lotterbett sehen. Männerfresserin, Männerdiebin Joe. Nein, sagt sie, ich hatte kein schlechtes Gewissen. Dabei ist das in dem Spiel mit Seligman von Anbeginn der Einsatz, sie will ihm vor Augen führen, dass sie ein abgrundtief schlechter Mensch ist.

Aber was ist das für ein Spiel? Eine Therapie, eine Beichte? Oder selbst ein Verführungszenario, in dem eine mit allen Wassern gewaschene Fliegenfischerin namens Joe (oder Lars) ihren Zuhörer (Seligman, uns) über Hölzchen und Stöckchen mit ihrer drastischen Autobiografie (und drastischen Bildern) immer weiter ins Unterholz zieht? In jedem Fall ein Spiel von Frage und Antwort, Übertragung und Gegenübertragung. Übertragung nicht nur im psychoanalytischen, sondern auch im rhetorischen Sinn. Vergleiche, Metaphern, die sich verselbständigen, die nicht eins zu eins zu nehmen sind, die nie aufhören, Sprach- und Denkbilder, mit denen uns Lars und seine Erzählungen selbst noch einmal ziemlich schräg anblicken und die wahlweise beim Sex oder im Delirium und im Tod enden.

Die Angelmetaphern (für das Ködern der Beute), die Bachmusikmetaphern (für das polyphone Tarieren der vielen Affären) sind Metaphern für Sex, aber neben der Frage des Metaphorischen steht noch etwas anderes auf dem Spiel: das Verhältnis von Wiederholung und Variation. Bilder finden, neue Drehs und Varianten für das Immergleiche. Darum geht es hier bei der Nymphomanie, die nicht als klinisches Phänomen und nicht psychologisch plausibel vorgestellt wird, sondern nur Anlass ist für immer weitere Wucherungen der Erzähl- und der Bildproduktion – sie ist selbst nur Metapher für ein Nicht-Aufhören-Können, einen Exzess des Immer-Wieder und Immer-Wieder-Anders.

Und also ist die zentrale Frage von Nymphomaniac: Wie von noch einer weiteren Sex-Eskapade erzählen, ohne dass sich alles nur wiederholt? Das ist die Herausforderung, der Lars von Trier sich stellt, der Aufhänger für den Hindernisparcours, den seine Fantasie zu brauchen scheint, um in Gang zu kommen. Aber wie sie das tut! Wie Joe (und Lars) sich nichts verbieten, so grotesk, so abwegig es auch scheinen mag! Nicht auf den Zusammenhang kommt es an, nicht auf den Sinn, der stets lockt, der sich mal einstellt, mal aber auch ausbleibt, sondern auf das Weiterspinnen, das eigentliche Triebmoment des Erzählens.

Darum ist die Spannung am Ende des ersten Teils keine simple Cliffhanger-Spannung. Man ist vielmehr gespannt auf das Weitererzählen als solches, das Mehr, Mehr, Mehr. Die Nymphomanen sind wir.

Nymphomaniac 1 Lars von Trier 118 Minuten, Teil 2 start am 3. April

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 08/14.

Kommentare (2)

Johannes Renault 19.02.2014 | 17:51

Schon nach dem grossen zu erwartenden Planeneteneinschlag hätte ich mir nicht vorstellen können dass es weitergeht, weitergeht. Es geht, es geht immer weiter.

Die Emnzipation des braunen Menschen, der Frau, des Tieres, es geht, es geht immer weiter.

„Ich aber sage dir: Du bist Petrus [griech. petros] und auf diesen Felsen [griech. petra] werde ich meine Kirche [ecclesia] bauen und die Mächte [pulae, wörtlich Tore] der Unterwelt [hades] werden sie nicht überwältigen.“

Es geht immer weiter.

Alain Delage 26.02.2014 | 12:09

Born to be wild?

Dieser, auf seine Weise intelligente, Text ist ein schönes Beispiel für "wilde" Kritiker-Projektion. Vielleicht könnte der Trier-Film so sein, aber——er ist es nicht. So total nicht.

Der Film ist ein nervender, langweiliger, pseudo kulturkritisch verquälter Versuch über irgend so was wie den Zusammenhang von (bindungslosem) Sex und Schuld. Kokettiert mit Wildheit und Pornografie, und kommt nicht mal in Sichtweite der Problemlage. Jeder halbwegs ambitioniert gemachte Porno (ja ja doch, Freitag-Leser/in . . .) trägt da mehr bei.

Es ist reine Verleugnung seitens des Rezensenten, nicht zu sehen, dass Trier eine unbedingt inhaltliche, thesenhafte Agenda hat. Das bisschen Bildungsschutt, das Trier zum Anfüttern einer Klientel bereithält, verblasst vor dem biederen Grundanliegen, "reinen" Sex in einen grundsätzlichen Schuld-Zusammenhang zu verstricken. Die Episode im Krankenhaus (verreckender Vater, lustfeuchte Tochter) ist da nur der Höhepunkt (hihi) der Abgeschmacktheit.

Letztlich ein Film für Oberlehrer, die ihre Porno-Hausaufgaben nicht gemacht haben. Stattdessen glauben, Rhetorik I abfragen zu müssen.