Roger Ebert war vor allem ein Mensch

Nachruf Er prägte Generationen von Kinogängern, jetzt ist Amerikas populärster Filmkritiker gestorben
| Ausgabe 15/2013 2

Roger Ebert war nicht einfach ein berühmter und beliebter Filmkritiker. Er war eine Institution für die ganze Nation, postum bekam er das von einem anderen erfolgreichen Mann aus Chicago noch amtlich: „Roger war das Kino,“ sagte US-Präsident Barack Obama.

Zur nationalen Institution macht einen eigentlich nur das Massenmedium Fernsehen – und das verträgt sich mit Film- oder Literaturkritik in der Regel nicht gut. Darum war der Jahrzehnte überdauernde Erfolg der Kritikershow mit Roger Ebert und Gene Siskel ein ziemliches Wunder. Zwei nicht unbedingt telegene Männer, einer korpulent, einer recht kahl, die über neue Filme argumentieren, sich streiten, ein paar Ausschnitte zeigen und am Ende Daumen hoch, Daumen runter, sonst nichts. Keine Star-Interviews, keine Show-Elemente, zunächst nur lokal, im öffentlichen Kanal, seit den Achtzigern wurde Siskel & Ebert dann aber überall syndiziert. Von Siskel, der schon 1996 starb, und vor allem dem stets beliebteren Ebert haben ein bis zwei Generationen von Amerikanern die Begeisterung fürs Argumentieren über das Kino gelernt.

Eines war Roger Ebert in Habitus und Denk- und Schreibhaltung sicher nicht: ein Intellektueller. Darin hatte er als Kritiker und auch als Autor seine Grenzen. Er gehört, was dies betrifft, sicher nicht zu den ganz Großen wie Manny Farber oder Frieda Grafe oder Serge Daney. Die rund zehntausend Kritiken, die er – und das war ja sein eigentlicher Job – für die national nicht sehr bedeutende Chicago Sun-Times schrieb und in bestens verkauften Büchern sammelte, sind handwerklich meist sehr gut gemachte, oft leidenschaftliche Gebrauchstexte, denen es um Verständlichkeit geht. Ebert war populär und wollte es sein, er wollte in erster Linie den ganz normalen Kinogeher erreichen. Anders als Marcel Reich-Ranicki – die einzige ungefähre Vergleichsgröße als Kritiker-Institution, die wir hierzu-lande haben – war er aber kein Populist, der sich Applaus billig abholt und gerade die eigene Borniertheit gegen das Schwierige ausspielt.

Eberts Größe, und auf wundersame Weise auch eine wichtige Quelle seiner Popularität, lag darin, dass er offen und vorurteilslos blieb. Er liebte das Hollywoodkino, aber mit fast noch größerer Leidenschaft verstand er sich als Anwalt für Filme abseits des Mainstreams. Er hatte ein großes Herz und einen guten und genauen Blick und pries das Gelungene, wo er es fand – übrigens auch in der Filmgeschichte, auf deren große Werke er in seiner Rubrik „Great Movies“ nachdrücklich hinwies. Das Spektrum reichte so vom Busenfetischisten Russ Meyer – für dessen Beyond the Valley of the Dolls er sogar das Drehbuch schrieb – bis zum Transzendenzfilmer Terrence Malick, zu dessen jüngstem Werk To the Wonder Ebert seine nun letzte Kritik schrieb.

Vor einigen Jahren überlebte Roger Ebert eine Krebserkrankung nur knapp. Er verlor seine Stimme, war nach einer misslungenen Operation schrecklich entstellt. Da erfand er sich im Internet neu. Twitterte als @ebertchicago mit Feuereifer, schrieb in seinem Blog oft wirklich ergreifend über das Kino, die Literatur und vor allem das Leben, förderte, wo er konnte, den Nachwuchs und fand so eine neue Generation von Fans, denen er auch in den Blogkommentaren mit Zuwendung und auf Augenhöhe begegnete. Die Begeisterbarkeit und Freundlichkeit und Demut, die er hier an den Tag legte, zeigten: Roger Ebert war nicht nur einflussreich und wichtig, er war – im jiddischen Sinn des Wortes – ein Mensch.

Ekkehard Knörer ist Redakteur der Zeitschrift Merkur und Mitherausgeber des Film- und Medienmagazins Cargo

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