Schüsse in Kulissen

Was läuft Über die nicht ganz geheure Verbindung von „UnREAL“ zu „Black Lives Matter“ und die Grenzen von „Mock-Reality-TV“. Spoiler-Anteil: 63 Prozent
Ekkehard Knörer | Ausgabe 31/2016

In der siebten Folge der zweiten Staffel von UnREAL nahm die Serie auf nicht ganz geheure Weise den Kontakt mit der Realität auf: Ein weißer Cop schießt bei einer Verkehrskontrolle einen völlig unschuldigen Schwarzen nieder. Ausgestrahlt wurde diese Folge vor gut zwei Wochen, die aktuelle Staffel läuft noch, sodass nicht ganz klar ist, wie die Serie den Vorfall letzten Endes verarbeiten wird. In den weekly recaps, also den laufenden Kommentaren zu einzelnen Episoden, wurde natürlich sofort die Verbindung zu Black Lives Matter hergestellt und der Umgang der Serie mit einer gesellschaftlich so heiklen Angelegenheit scharf kritisiert. Das schwierige Thema, hieß es, und zunächst durchaus zu Recht, werde für die Soap-Aufbereitung weißer Schuldgefühle instrumentalisiert.

UnREAL ist keine gesellschaftspolitisch argumentierende Cop-Show wie The Wire – obgleich deren prägende Kamerafrau Uta Briesewitz hier ebenfalls tätig ist. UnREAL ist von den Straßen von Baltimore, ja von allen Straßen aller US-amerikanischen Städte sogar denkbar weit entfernt. Vielmehr ist UnREAL die Reflexion auf die Künstlichkeit im Fernsehen geschaffener Wirklichkeiten. Gäbe es ein etabliertes Genre, in das die Serie sich fügt, müsste es „Mock-Reality-TV“ heißen. Sie spielt hinter den Kulissen einer Bachelor-artigen Show und dokumentiert beziehungsweise mockumentiert, was in der 13. und 14. Staffel beim Dreh dieser Show passiert, die Everlasting heißt und in Wirklichkeit nicht existiert. Im Zentrum der Show steht ein prominenter Junggeselle, um dessen Gunst sich eine von ihm rasch reduzierte Schar schöner Frauen bewirbt. In den USA ist gerade die 20. Staffel von The Bachelor zu Ende gegangen.

Im Zentrum von UnREAL dagegen stehen die Macher der Serie: vor allem die Showrunnerin Quinn (Constance Zimmer) und ihre ehrgeizige Assistentin Rachel (Shiri Appebly) und die Machinationen, mit denen sie unter den Everlasting-Konkurrentinnen hochgepitchte Emotionen produzieren. Die Teilnehmerinnen sind als Stereotypen gecastet und bekommen, ohne das zu wissen, Rollen verpasst, vom „Frauchen“ aus dem Mittleren Westen bis zur sexhungrigen „Schlampe“. Obwohl die Frauen die Rollen nicht ausdrücklich spielen, werden sie von Regie, Kamera, Schnitt und eingreifendem Team nach den Bedürfnissen der Quote und dem von den Machern imaginierten Selbstbild des Publikums geformt.

Mit lustvollem Zynismus manipulieren Rachel und Quinn die Teilnehmerinnen und wenn nötig auch den (zu) begehrenden Mann. Vor allem Rachel hat als Identifikationsfigur mit der emotionalen Brutalität allerdings ihre Probleme, ihr Ausraster in einer früheren Staffel ist ein wiederkehrendes Thema. In der Summe lautet das Fazit von UnREAL freilich: Wer sich in das System Reality-TV begibt, kommt darin um, Skrupel hin oder her. Dass das alles verdammt nah an der Wirklichkeit der real existierenden Shows ist – dafür sorgt schon die UnREAL-Ko-Schöpferin und Showrunnerin Sarah Gertrude Shapiro, die neun Staffeln lang als Produzentin für The Bachelor gearbeitet hat und die Zurichtung des Menschenmaterials bei solchen Shows aus eigener Anschauung kennt.

Und hasst. UnREAL ist eine schneidende, böse und oft brutal komische Kritik am Reality-TV. Ausgestrahlt wird sie ausgerechnet auf dem für seine Weichspülformate berüchtigten Sender Lifetime – eine Pointe der besonderen Art. Und dass sich die zweite Staffel nun um einen schwarzen „Bachelor“ dreht, um den Rassismus des US-Publikums zu thematisieren, ist ein spannender Move. Natürlich bedient sich die Serie der Mittel und Manipulationen, die sie kritisiert, zu ihren eigenen Zwecken dabei lustvoll. UnREAL ist selbst Soap, Zickenkrieg, Manipulation, aber eben nicht realer und naiver Teilnehmerinnen. Darum ist das schon okay und macht oft großen Spaß.

Sehr gezielt setzt die Serie aber, als Kontrastmittel sozusagen, etwas ein, das sie dann als härteste Realität setzen muss: den Tod. In der ersten Staffel begeht eine Teilnehmerin Selbstmord. In der zweiten jetzt der Schuss des Cops. Den Gesetzen der Serie gehorchend, wird der Vorfall freilich auf die daraus folgenden Nöte der Heldin Rachel gedreht. Und damit verheddert sich UnREAL dann doch im eigenen Verhältnis zur Realität: Die Serie macht eine brutale Wirklichkeit zum Material ihrer eigenen formatierten Unterhaltungsprobleme und -sorgen. Andererseits weiß sie das, wie der Titel schon sagt, vermutlich auch selbst.

06:00 17.08.2016
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