Am Anfang war die Grotte

Mythenarchäologie Ausgrabungen und andere Formen der Wiederkehr - Anmerkungen zur Aktualität Roms

Die gute alte Antike hat mal wieder Bühnenkonjunktur - sei es in den Opernhäusern, im dramatischen Sprechtheater, in der Ausdeutung mythologischer Erzählungen, als Folie für politische Aktualisierungen. Kassandra und Medea, Sokrates und Phädra, die Figuren der Orestie sind oder scheinen lebendig wie eh und je - und jetzt ist auch der real existierende "Mythos Rom" dran. Dessen Vorgeschichte glauben die Archäologen soeben ausgegraben zu haben - genau dort, wo er hingehört, nämlich im Palatin, mitten in der historischen Trümmerlandschaft. Am Anfang steht, wie auch anderswo bei den Ursprungsmythen, die Legende einer göttlichen Zeugung. Dann die Aussetzung der ungewollten Empfängnis in einem Korb (Moses lässt grüßen), dann die Rettung der Zwillinge durch eine säugende Wölfin und einen Hirten (Ödipus), dann deren tödlicher Streit darüber, wer der König der am 21. April 753 v.d.Z. gegründeten Stadt werden solle: Romulus erschlägt Bruder Remus so wie in der Bibel Kain den Abel; am Anfang der organisierten Zivilisation steht ein Verbrechen, ein Mord.

In der Orestie führt das zur Ablösung der Blutrache durch eine ordentliche Gerichtsbarkeit; in der Bibel zur Auflage an Kain, als Buße eine Stadt zu gründen. Im Falle Roms wird die Tötung des Remus gerechtfertigt, weil der sich über das Ur-Gesetz der Heiligkeit einer befriedenden Stadtmauer buchstäblich hinweggesetzt hatte. Romulus ist ein mythischer Held, seine Verteidigung des Rechts-Staats wurde zu der zivilisatorischen Errungenschaft, die dem späteren Weltreich seine militärisch gewonnene, historische Überlegenheit sicherte und Rom bis heute zum Vorbild staatlicher Ordnung überhaupt gemacht hat. Kein Wunder, dass die vermutliche Entdeckung der Höhle oder Grotte, in der die Zwillinge von der Wölfin gesäugt und später religiös verehrt wurden, irgendwie sehr entfernt auch uns betrifft.

Rom gibt noch immer das historisch verifizierbare Legendenmaterial für politische Lehrstücke und Parabeln her, mehr und konkreter als die griechische Mythologie. Bertolt Brecht zum Beispiel verfremdete den real existierenden Kapitalismus und dessen Politiker in Die Geschäfte des Herrn Julius Cäsar und zeigte dann, ebenfalls im Gewand der römischen Figuren- und Bilderwelt, die Nichtigkeit des Nachruhms feldherrlicher Größe: Das Verhör des Lucullus - eine an argumentativer Klarheit kaum zu überbietende Parabel, die eben durch die Verankerung des "Rom-Bewusstseins" in den Tiefenschichten der europäischen Kultur ihre Beglaubigung erfährt; Sie wird unterstützt durch die eindrückliche Musik Paul Dessaus, deren finales Verdammungs-Crescendo "Ins Nichts mit ihm" dem kargen Brecht-Text die ungeheuer wuchtige Dimension eines gewissermaßen historischen Exorzismus hinzufügt.

Dieses ob seines unterschwelligen pazifistischen Appells 1951 in der DDR umstrittene und nur nach Umarbeitungen von der Partei-Zensur als Verurteilung des Lucullus freigegebene Werk hatte soeben in der Komischen Oper in Berlin seine Premiere. Indem die Regie (Katja Czellnik) ein radikal entromanisiertes Clownerie-Konzept zugrundelegte, gelang es ihr, der Parabel jede Verständlichkeit zu nehmen, so dass es der Musik überlassen blieb, die Verurteilung dieser peinlichen Inszenierung auszusprechen: Ins Nichts mit ihr.

Es gibt gute Gründe für die Vermutung, dass wir von der in diesen Tagen anlaufenden nächsten Thematisierung des antiken Roms, nämlich Heiner Müllers ebenso aktuellem aber im Gegensatz zu Brecht dunklem Shakespearekommentar zum letzten römischen Kaiser Titus Andronicus (Deutsches Theater), kompetenter und gewinnbringender bedient werden. Gleichzeitig werden die archäologischen Nachrichten aus der Romulus-und-Remus-Grotte weitergehen.

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