Mythologien in der Berliner Oper, Teil zwei

Bühne Als an dieser Stelle vor Kurzem über die Aufführung gleich dreier mythologischer Opernstoffe an der Berliner Staatsoper Unter den Linden berichtet ...

Als an dieser Stelle vor Kurzem über die Aufführung gleich dreier mythologischer Opernstoffe an der Berliner Staatsoper Unter den Linden berichtet wurde (Freitag 40 vom 5.Oktober 2007), konnte ich mit dem spannenden Ausblick auf die Fortsetzung eines thematischen Dialoges schließen: Die Bearbeitungen von Cassandra und Elektra in der Deutschen Oper, ebenfalls Berlin. Diese stellen sich nun als musiktheatralischer Glücksfall heraus. Mehr noch als die Staatsoper hat das Haus an der Bismarckstraße sein Publikum darauf vorbereitet: Opernwerkstatt, öffentliche Probe, Podiumsdiskussion, das traditionelle Einführungsgespräch und das inhaltssatte (kostenlose) Magazin des Hauses; das umfangreiche Programmheft wird in der Regel ja nur am Abend durchgeblättert, verdiente es aber doch, vorher sorgfältig gelesen zu werden. Man hat dann mehr von diesem herausfordernden Abend.

Dass ein Mythos "jederzeit wahr und sein Inhalt bei dichtester Gedrängtheit für alle Zeiten unerschöpflich" sei (Richard Wagner), ist ein Leitmotiv der Opern-Dialoge von Medea und Phädra bis zur Atridentragödie. Letztere ist so alt wie die europäische Kultur. Sie hat die athenische Demokratie mitgegründet und in der Literatur bis heute ihre Spuren hinterlassen. Und sie hat die Oper befruchtet. Seit 1700 soll es bis zu 200 Vertonungen einzelner "Kapitel" gegeben haben. Vielleicht die berühmteste ist die Elektra von Hofmannsthal/Strauss (1909), in der man sowohl musikalisch als auch im dichterischen Text eine Vorahnung des Kulturbruches des Ersten Weltkrieges hören kann. So gut wie unbekannt ist die fast gleichzeitige Vertonung der Vorgeschichte zur Elektra-Handlung (der Rachemord an Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Ägisth), die Cassandra des heute vergessenen Vittorio Gnecchi (Uraufführung unter Toscanini 1905): Die Deutsche Oper hat diesen Einakter wiederentdeckt, blankgeputzt, musikalisch und szenisch großartig betreut und dem berühmten Verwandten vorangestellt. Ein gelungenes Experiment. Billig wäre es, Strauss gegen Gnecchi und Hofmannsthal gegen Illica (wenn auch der Librettist Puccinis) auszuspielen und ein von der Operngeschichte gefälltes Qualitätsurteil zu bestätigen. Tatsächlich gelingt es der Regie (Intendantin Kirsten Harms) über den in vier Blöcken übers Haus verteilten ausgezeichneten Chor punktuell eine derartige klangliche Totalität herzustellen, dass man nahe an die Ahnung der Totalität altgriechischer Tragödien heranzukommen meint - der ganze Raum wird zum berauschenden Klang (was ein zeitgenössischer Kritiker als "neuzeitliche Stimmungs- und Nervenmusik" denunzieren zu müssen glaubte). Man darf sich ohne ästhetisch schlechtes Gewissen mitgehen lassen.

Der monumentale Eindruck der Szene "vor dem Palast" verblasst allerdings vor der psychologisch differenziert-raffinierten Musik von Strauss und dem Text Hofmannsthals (endlich hat man den Mut, auch deutsch Gesungenes zu übertiteln). Die Szene spielt jetzt im Hinterhof desselben Palastes. "Der Charakter des Bühnenbildes ist Enge, Unentfliehbarkeit, Abgeschlossenheit", hatte der Librettist gewünscht. Und so ist es hier: Eine ausweglose, an Beckett erinnernde Müll-Landschaft (Bühne: Bernd Damovsky), in der die mythologische Geschichte als mögliches Endspiel unserer Zivilisation erzählt wird und wo, in einer unheimlichen Atmosphäre der Furcht und des Schreckens, die Furie Elektra, Klytämnestra als böse Alte, der Jubel über die Wiedererkennung der Geschwister, die vollzogenen Racheakte dem Zuschauer - jedenfalls ging es dem Rezensenten so - Schauer und Gänsehaut verursachen, wie man es selten im Theater erleben kann. Das große Pathos, dem die Deutsche Oper thematisch zuvor eine eigene Konferenz gewidmet hatte - hier kann man es sinnlich-lebendig erfahren.

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