Was tun, wenn’s nicht brennt

Berlinale Die Direktion war heftig umstritten, die Nachfolgersuche holperte. Aus eins wurde zwei und alle sind froh

Wenn aus einem Berlinale-Chef jetzt zwei werden, dann hat das einen einfachen Grund: Es ist verdammt schwer, wenn nicht unmöglich, jemanden zu finden, der die Ansprüche an diese Funktion in sich vereint: Es geht einerseits um die Organisation eines riesigen Apparats, Außendarstellung und Vernetzung, das Einwerben der notwendigen Mittel, aber gefragt wären eigentlich auch intellektuelles Format, intime Kenntnis der Filmgeschichte und Sinn und Gespür für die Filmkunst. Dieter Kosslick, der aus der Filmförderung kam und bei seinem Abschied die Berlinale 18 Jahre lang geleitet haben wird, hatte Organisation und Finanzen im Griff. Im Auftreten war er als Zampano mit radebrechendem Englisch oft genug peinlich. Von Intellektualität keine Spur. Und von Film im ästhetischen Sinn verstand er auf sehr sozialdemokratische Weise erschreckend wenig. Es lag also nahe, die sehr unterschiedlichen Funktionen, wie bei großen Festivals üblich, bei der Nachfolgewahl auch personell aufzuteilen.

Für Sponsoren, die Organisation, das Geschäftliche wird ab 2020 Mariette Rissenbeek zuständig sein. Sie ist Niederländerin, lebt und arbeitet aber schon sehr lange in Deutschland, hat für eine Lobby-Organisation den deutschen Film in offizieller Mission weltweit vernetzt und ist eine kompetente Diplomatin, deren Berufung einzig deshalb etwas kurios ist, weil sie Teil der Findungskommission war, die zur eigenen Verblüffung ein Mitglied ihrer selbst fand.

Neu ist die Position des künstlerischen Leiters, der in allen inhaltlichen Fragen federführend ist. Lange hat die Kommission, zu der neben Rissenbeek die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der ambitionierte SPD-Mann Björn Böhning gehörten, nach der geeigneten Frau oder dem geeigneten Mann gesucht. Die Wahl fiel auf Carlo Chatrian, aktuell Leiter des Festivals von Locarno. Das ist mehr als erfreulich.

Und unerwartet. Lange war zu befürchten, dass es wieder jemand aus der deutschen Förderbürokratie würde. Die notorische Scheu vor öffentlichen Ausschreibungen für hochrangige Posten wie diesen, für die schließlich der Steuerzahler bezahlt, ist erstaunlich – ein Wettstreit der Konzepte und Persönlichkeiten hätte die Debatte verlässlich beleben können. Auch deshalb unterzeichneten im vergangenen Jahr rund 80 deutsche Filmemacherinnen und Filmemacher einen offenen Brief, in dem sie für die Kosslick-Nachfolge eine Person forderten, die „für das Kino brennt“. Keine Frage: Chatrian ist ihr Mann.

Er bekleidet die Position des Festivalleiters in Locarno seit sechs Jahren. Nach dem Abschied seines Vorgängers Oliver Père war er eine interne Lösung gewesen, zuvor schon einige Jahre Teil der Auswahlkommission und zuständig für die Retrospektive. Wenn Leute aus den eigenen Reihen sich bei der Wahl des neuen Chefs durchsetzen, kann sich das der Bildung von Seilschaften und anderer Machtstrategien verdanken. Oder es trifft jemanden, der sich durch freundlichen Umgang und auf die Dauer nicht zu übersehende Kompetenz Anerkennung und Beliebtheit erwirbt. Nach allem, was man so hört, handelt es sich bei Chatrian eindeutig um letzteren Fall.

Carlo Chatrians Werdegang ist einerseits für einen Festivalleiter eher unoriginell, unterscheidet sich andererseits aber sehr deutlich von dem Dieter Kosslicks. Kosslick war und blieb Funktionär, Chatrian ist ein Liebhaber und Kenner des Kinos – und vom deutschen Filmförderfilz zum Glück weit entfernt. Er hat in Turin Literatur und Philosophie studiert, war als Filmkritiker und dann auch als Kurator bei kleineren Festivals tätig, hat Aufsätze und Bücher über Regisseure wie Wong Kar-Wai, Nanni Moretti, Frederick Wiseman oder George Cukor geschrieben. Seine besondere Liebe gilt dem Dokumentarfilm, aber im Grunde ist Chatrian ein echter Cinephiler: offen für alles, immer neugierig, ohne prinzipielle Vorlieben für Hollywood oder Experiment, vom Actionkracher bis zum sperrigen Siebenstünder kann ihn alles begeistern, Hauptsache, man hat es so noch nicht gesehen.

Unter Kennern gewann der Wettbewerb von Locarno in den letzten Jahren zusehends an Profil. Nicht weil allen immer alles gefiel, sondern weil die Auswahl auf recht kompromisslose Art den Sinn für das Ungewöhnliche und Überraschende dokumentierte. Dabei ist Locarno kein Festival für die Nische. Insgesamt laufen gar nicht viel weniger Filme als in Berlin. Jeden Abend wird auch die riesige Freiluft-Piazza mit 8.000 Plätzen bespielt. Darum ist Chatrian die Notwendigkeit, für Star-Glamour zu sorgen, keineswegs fremd. Er ist zudem nicht dogmatisch und wird sicher Wege suchen, die vom traditionellen Kinobetrieb mit Argwohn beäugten Streaming-Anbieter mit einzubinden.

An der grundsätzlichen Ausrichtung der Berlinale als Publikumsfestival wird er nichts ändern, vermutlich auch nicht an der Struktur der vier Sektionen, mit Wettbewerb, Panorama, Forum und Retrospektive. Die Forums-Leitung ist derzeit vakant, es ist gut, dass Chatrian bei der Entscheidung über die Nachfolge von Christoph Terhechte mitsprechen kann. Das Verhältnis des Wettbewerbs zum Forum, das sich traditionell aufs Widerständige kapriziert, wird unter einem cinephilen Festivalchef nämlich zugleich spannender und prekärer, weil die Differenzen unklarer werden. Darin liegt aber ohnehin die Tendenz der Entwicklung einer sich zusehends ausdifferenzierenden Kino- und Bewegtbildlandschaft. Carlo Chatrian ist jemand, der sich in die Diskussionen darüber intellektuell-lustvoll einmischen kann – bleibt zu hoffen, dass er es auch als Berlinale-Chef tut.

06:00 29.06.2018
Geschrieben von

Ekkehard Knörer

Redakteur Merkur, Mitherausgeber Cargo. Autor bei Freitag, taz.
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