Apocalypse Now Portugal

Lissabon Das COVID-Desaster in Portugal ist eine Katastrophe mit Ansage. Eine Bilanz staatlichen Scheiterns auf allen Ebenen
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Apocalypse Now Portugal
Der perfekte Sturm braute sich im Dezember über Portugal zusammen

Foto: Cesar Manso/AFP/Getty Images

Vertuschung, Augenwischerei, Amigowirtschaft; Der COVID-Tsunami in Portugal ist hausgemacht. Bereits im Frühjahr, als der Rest Europas noch die niedrigen Infektionsraten Portugals pries, war die Informationspolitik der Generaldirektion für Gesundheit, DGS, alles andere als vorbildlich. Das portugiesische Gesundheitsministerium beschränkte sich im Wesentlichen auf die Veröffentlichung absoluter Fall-Zahlen; Erkrankter, Verstorbener und (vermeintlich) Genesener. Diese alleine haben kaum Aussagekraft. Später wurden die Landkreise noch in Risikozonen eingeteilt. Wobei auf Landkreisebene erhobene Zahlen nicht zwingend mit den Daten der DGS übereinstimmten. Nicht unbedingt vertrauensbildend. Die Folge war eine Art COVID Tourismus. Portugiesen flüchteten aus kontaminierten Regionen in virusfreie Regionen und schleppten den Virus auch dort ein.

Mehr Schein als Sein

Eine profunde Aufklärung der Bürger und kontinuierliche Analyse der Situation, wie in Deutschland, fand nicht statt. Der Portugiese war schlecht informiert über die Pandemielage im eigenen Land, hatte aber begriffen, dass er im Sommer nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen war. Schon damals war die Methode der portugiesischen Regierung offensichtlich; Schönfärberei, statt Tacheless. Eine Strategie, die aufging, solange sich das Virus noch zähmen ließ. Unterdessen sonnten sich die Politiker im falschen Schein erfolgreichen Krisenmanagements. Dabei war es nur Massel gewesen, dass das Virus spät in die westliche Peripherie Europas eingewandert war, und Portugal früher reagieren konnte, als zum Beispiel das Nachbarland Spanien. Als das Virus im Winter mit Wucht zurückkehrte, zerstob die Illusion.

Perfekter Sturm an Weihnachten

Der perfekte Sturm braute sich im Dezember über Portugal zusammen. Spätestens dann kollabierte vielerorts die, ohnehin mangelhafte, Nachverfolgung positiver Fälle. Infizierte wurden viel zu spät kontaktiert, Verdachtsfälle spazierten unbehelligt durch die Straßen. Insgesamt wurde viel zu wenig getestet. Eine entsprechend hohe Dunkelziffer Infizierter steckte immer mehr Menschen an. Das Versagen wurde unter den Teppich gekehrt. Dazu kamen sperrangelweit offene Grenzen nach England und Brasilien. Freie Fahrt für die mutierten Virusvarianten. Auch die Schulen entwickelten sich zu Infektionsherden. Die Politik zögerte viel zu lange mit der Schließung.

Amigowirtschaft statt Kompetenz

Die Regierung sei falsch beraten, kritisiert der Lissaboner Epidemologe und Professor Constantino Sakellarides. Denn statt unabhängigen Wissenschaftlern stehe die staatliche Behörde „Infarmed“ der Regierung in COVID-Fragen zur Seite. Deren Spitzenbeamte allerdings verdanken ihre Posten eben genau jenen Politikern, die sie beraten sollen. Befangenheit sei die Folge. Das galt auch für die politische Entscheidung, die Restriktionen über die Weihnachtsfeiertage zu lockern.

Tödliche Melange

Ein ohnehin marodes Gesundheitswesen, kombiniert mit kaltem Wetter und einer schlecht informierten Bevölkerung, die über Weihnachten, mit dem Segen der Regierung, landesweit Superspreader Events veranstaltete.

Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich die, in Portugal viel zu spät entdeckte, hochansteckende, britische Coronavirus-Mutation, sowie die anstehende Impfkampagne. Denn diese weckte bei vielen Portugiesen die falsche Hoffnung, das Schlimmste sei nun überstanden. Und sie wagten sich, zu früh, aus der Deckung.

Die Verantwortlichen tauchen ab

Als das Kind schließlich in den Brunnen gefallen war, steckte die Regierung den Kopf in den Sand. Just auf dem Höhepunkt der Pandemie im Januar, veranstaltete die DGS wochenlang gar keine COVID Pressekonferenz mehr. Höchste Infektions- und Mortalitätsrate in ganz Europa, -und die Gesundheitsministerin war abgetaucht. Die Rechnung für das fatale Missmanagement ihrer Regierung müssen die Portugiesen so oder so bezahlen. „Viele Menschen werden sterben“, die Infektiologin Patricia Pacheco und ihre KollegInnen einer Klinik in Sintra sind empört über eine Regierung, "die ihre Bürger belogen" und das Problem bis zuletzt "kleingeredet" hat, anstatt es anzupacken.

14:14 03.02.2021
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