Des Präsidenten gute Freunde

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Bundespräsident Christian Wulff hat geredet. Nicht vor der gesamten Presse. Die Vertreter der Printmedien und die des Privat-Fernsehens wurden gar nicht eingeladen. "Euer Gnaden" hat selbst ausgesucht, wer am Tische fragen stellen durfte. Die ARD und das ZDF durften. Aber nicht live - es wurde aufgezeichnet. Warum eigentlich?

Wenn es bisher keinen Grund gegeben hätte, warum sich Wulff die selbstkritische Frage nach einem Rücktritt hätte stellen müssen, jetzt, nach diesem 20.15 Uhr-Interview muss diese Frage erlaubt sein. Neben einer lauen und weggeguckten Entschuldigung sah sich Wulff als Opfer, als Verfolgter und eben als ein Missverstandener. Trotzdem versprach er für die Zukunft "mehr Transparenz". Wieder nur wogenglättende Worte? Wenn er es ernst meint, könnte er selbst den Mitschnitt des Telefonats zwischen der Bild-Zeitung und ihm ja publizieren lassen.

Bellevue versus Boulevard

Im Grunde genommen ist hier etwas Ungeheuerliches passiert! Wulff selbst hat versucht, mit Drohungen am Telefon einen Redakteur dazu zu bewegen, nicht das zu schreiben, was dieser für angemessen und richtig hielt. Wenn das nicht ein Skandal ist - hier hat der höchste Repräsentant des Staates versucht, die Presse- und Meinungsfreiheit auszuhöhlen!

Wie will denn dieser Präsident, ohne sich lächerlich zu machen, noch über Moral, Pflicht und Anstand philosophieren, wenn er genau dies in eigner Sache bisher so nachlässig und oberflächlich gehandhabt hat? Jemand, der sich selbst nicht als Alphatier einstufte, der aber durchaus mit dem Finger auf den politischen Gegner zeigte. Ob Glogowski oder Schröder - Wulff warf ihnen in jenen Jahren eine durchaus unmoralische Handlungsweise vor. Würde er nun heute die gleiche Elle anlegen, was seine eigenen Peu-à-peu-Presseerklärungen betrifft, so müsste Wulff wohl doch eher demissionieren.

Nein, dieser Bundespräsident sollte dorthin reisen, wo der Pfeffer wächst... oder wo seine Freunde einen Bungalow besitzen.

00:16 05.01.2012
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Geschrieben von

paulart

"Humor ist der Knopf, der verhindert, daß uns der Kragen platzt." (Joachim Ringelnatz)
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