Neues Deutschland in schöner neuen Welt?!

Selbstverständnis Es ist eine verpasste Chance, wie die "neue Rolle Deutschlands" gegenwärtig missinterpretiert wird. Was wollen wir wirklich bewirken und bewegen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ok, langsam ist es angekommen: Die Welt ist in rasantem Wandel und Deutschland, nach dunkler Vergangenheit wieder fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, soll darin wieder mehr Verantwortung übernehmen. Das ist das neue vom Bundespräsidenten angestoßene Credo.
Vergessen wir dabei nicht, dass diese "neue Rolle" auch von außen permanent ins Spiel gebracht wird. Unter anderem nennt Barack Obama Deutschland eine globale Führungsmacht, internationale Umfragen bescheren Deutschlands Image Top-Platzierungen und, vielleicht am bemerkenswertesten, ein polnischer Außenminister fürchtet deutsche Macht weniger als deutsche Untätigkeit. Pünktlich wurde das alles dann auch noch vom Weltmeister-Titel paraphrasiert.

Und so ist der deutsche Michel versucht wieder ein bisschen mehr Patriotismus zu naschen.

Es ist ein trauriges Missverständnis: Für viele bedeutet dieses neue Selbstverständnis, endlich genauso unbekümmert diese Süßigkeit zu kosten, wie die anderen. Endlich auch mal selbstbewusster nationales Interesse zu akzentuieren, beispielsweise in der Euro-Krise, oder sich ein saures Nullsummenspiel wie die Pkw-Maut für Ausländer zu leisten. Außenpolitisch erscheint Deutschland wie ein beförderter Beamter, der viele Forderungen gewissenhaft, aber auch schnöde erfüllen möchte. Zu den beiden größten internationalen Krisen fällt nach wie vor argumentativ inflationär das Wort "Bündnisverpflichtung". So wurden auch bei der zunächst ambitionierten Debatte über Waffenlieferungen an Kurden relativ früh Verweise auf die Partner zu Argumenten für die Pro-Seite.

Tatsächlich steckt in einem neuen Selbstverständnis eine weitaus größere Chance. Zum Beispiel, das Bedürfnis nach unbekümmertem Fähnchen-Schwenken zu überwinden. Selbstbewusst wäre stattdessen, gestalten zu wollen. Weg vom exekutiven Beamten hin zum dynamischen Visionär.
Ein Beispiel gab Wolfgang Schäuble, als er in der Euro-Krise als einer der wenigen (noch dazu als deutscher Finanzminister (!), der des Michels Sparbücher hüten soll), vergleichsweise konkrete Überlegungen über eine Vertiefung und Verschränkung von politischer und wirtschaftlicher Union anstrengte, Volksabstimmung inklusive. Was auch immer man von dieser Idee halten mag, sie bewegte sich abseits von Lippenbekenntnissen.
Und der allgemeinen Kreativität ist leicht auf die Sprünge zu helfen: Wie wäre es mit der größten direkten Demokratie der Welt? Eine Mehrheit der Deutschen spricht sich für die Möglichkeit bundesweiter Plebiszite aus.
Oder als starker Botschafter der Vereinten Nationen. Deren Charta war immerhin die einzige formulierte Antwort auf die globale Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Franzosen und Briten unterstützen schon seit längerem die Idee weiterer ständiger Sitze im Sicherheitsrat, z.B. auch für Deutschland. Und auch in internationalen Konflikten fehlte bisland ein starker, beharrlicher Fürsprecher für Lösungen auf UN-Ebene.
Ferner gäbe es die Möglichkeit ein gewisses, zugegeben etwas größeres "emanzipatorisches Projekt" anzugehen. Auch hierfür gäbe es nicht wenige, nach dem globalen Abhör-Skandal aber umso berechtigtere Ansatzpunkte. Vom vorsichtigen Traum eines Snowden-Asyls bis hin zu einem weit konkreteren neuen Umgang mit den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen TTIP.

Ja, mit dieser Interpretation von Selbstverständnis würde man sicherlich den ein oder anderen internationalen "Laudator" überraschen, andererseits macht weniger Süßes und ein Mehr an Bewegung nachweislich gesünder.

16:22 13.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Elegolas

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 2