Wut und Werte

Rassismus Wie die Berliner Zeitung das Umbenennungsfest der M*Straße zur Erschließung neuer LeserInnen benutzt.
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Am 26. August hat die leitende Redakteurin für Politik und Lokalgeschichte der Berliner Zeitung, Maritta Tkalec, einen Artikel mit dem Titel “Umbenennung der Mohrenstraße - Kein Respekt gegenüber der Geschichte Berlins” veröffentlicht. Anlass war das “3. Umbenennungsfests für die M*straße”, zu dem sich am 23. August ca. 200 Menschen vor Ort eingefunden hatten, um symbolisch die Änderung des rassistischen Straßennamens in den von Anton Wilhelm Amo (1703-1759) zu vollziehen (es gab weitere Alternativvorschläge). Der Artikel ist aus der Perspektive von Menschen mit Rassismuserfahrungen problematisch, was bereits von der dem OrganisatorInnen-Kreis angehörigen “Initiative für Schwarze Menschen in Deutschland” in einer lesenswerten Replik klar gestellt wurde.

Bemerkenswert ist der Artikel der Berliner Zeitung noch aus anderen Gründen. An ihm kann nachvollzogen werden, wie Medien sich in Zeiten von nicht enden wollenden Anschlägen, Verbots- und Deportationsforderungen strategisch positionieren. Die Autorin nimmt die Aktion zum Anlass, sich, ihr Ressort und die Berliner Zeitung insgesamt, als Sprachrohr der wütenden Verteidigerinnen von Abendland, Leitkultur und protestantischer Ethik zu gerieren. Und das aus Gründen, die hauptsächlich gar nichts mit der Person Maritta Tkalecs zu tun haben.

Was heißt hier Respekt? Und vor welcher Geschichte?

Neben der unverholen wertenden Beschreibungen der Organisatorinnen des Umbenennungsfests als “perfekt deutsch sprechende Akademiker mit Kindern” und dem hanebüchenen Argument, Preußen und mithin die Benennung der Straße zur “M*Straße” im Jahr 1706 könne gar nicht rassistisch gewesen sein, da ja schlicht keine Kolonien besessen und Menschen aus dem Territorium Afrikas gar nicht in Preußen gelebt hätten, schlägt die Autorin einen Ton an, der ansonsten nur in Sonntagsreden der AfD und rechtsnationalen Publikationen zu finden ist: Eine Glorifizierung Preußens.

Diese Überhöhung zeigt sich, wenn sie Preußen als Ausgangspunkt der europäischen Beschäftigung mit Toleranz und Menschenrechte im Wandel der Zeit setzt; wenn sie den Bundesinnenminister als Salomon in bester preußischer Tradition stilisiert, und wenn sie schließlich, man mag kaum seinen Augen trauen, die Aktivistinnen als ("andersaussehende") schwarze, und sich selbst als (selbstverständlich) weiße Preußin beschreibt.

Welche Werte waren es denn nochmal, für die Preußen stand? Nun, in jedem Fall für den Militarismus. Friedrich I. trug seinen Beititel “Soldatenkönig” völlig zu Recht. Nicht nur verdoppelte er die Anzahl der rekrutierten Männer in kurzer Zeit, er übersetzte die militärische Disziplin in bürgerliche Werte wie Zucht und Gehorsam und konnte sie so für die gesamte preußische Gesellschaft verbindlich werden lassen. Etwaige Unzulänglichkeiten oder das Hinterfragen von sozialen Hierarchien und Autoritäten mussten für 200 Jahre hinter Mut, Gehorsam und vor allem Härte gegen sich und andere zurücktreten. Wenn überhaupt, dann ist Friedrich I. ein Vorbild für die Militarisierung der Außen- und Innenpolitik.

Das oft zitierte “jeder nach seiner Fasson” des Fürsten, welches ideengeschichtlich gern als Kern der preußischen Toleranz herhalten muss, galt übrigens nur für die christlichen Gemeinden. Es hinderte Preußen nicht, 1750 ein “geschärftes” Judenedikt zu erlassen, welches den jüdischen Familien ungleich höhere Zollabgaben auferlegte als allen anderen. Auch die Erlässe von 1710 und 1725, die verlangten, alle „Zigeuner“ im Land umgehend hängen zu lassen, widersprechen der historischen Werte-Klitterung, die im Artikel vollzogen werden soll.

De Maizière nun gebe sich ganz salomonisch, wenn er sagt: “Nicht alles, was einem nicht gefällt, kann man verbieten.” Tkalec verklärt den Satz zu einem Emblem preußischer Toleranz. Ganz abgesehen davon, dass De Maizière hier das Verbieten als demokratischen Urmodus stilisiert, stellt sich die Frage, was genau das “preußische” an Toleranz sein soll? Nicht erst von Herbert Marcuse kann man lernen, dass Toleranz immer auch ökonomische und repressive Anteile hat. Das ist gerade angesichts der Legislations- und Exekutionsorgie des Bundesinnenministers in Sachen faktischer Abschaffung des Asylrechts, Erweiterung der Abschiebegründe und des erschütternden Umgangs mit dem juristischen Begriff “sicheres Herkunftsland” nicht zu übersehen.

Der unkritische Rückgriff auf den als tolerant verbrämten Wertekanon Preußens sowie die Selbstzuschreibung von “uns” in Deutschland als die „neuen Preußen“ kann daher als ein weiterer Schritt im Kontext der sog. “Schlußstrichdebatte” gelesen werden. Die so bezeichnete Sehnsucht der konservativen Eliten in Deutschland, sich nicht mehr mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 und dem Holocaust beschäftigen zu müssen, um endlich wieder ungeniert die “Größe” Deutschlands feiern zu dürfen, findet hier in der Glorifizierung Preußens ihre neuste Aktualisierung.

Erinnerungspolitische Verantwortung sieht anders aus. Wenn die Werte Preußens als historisches Vorbild für aktuelle gesellschaftliche Problemlagen dienen sollen, so müssen diese Werte darauf hin befragt werden, welche Rolle sie im und für den Holocaust gespielt haben. Um nur einen, vielleicht den zentralen, zu nennen: Gehorsam war die häufigste Ausrede, die deutsche Täter auf allen Hierarchieebenen des Nazi-Regimes angeführt haben - “Ich habe doch nur Befehlen gehorcht…” kennt jeder aus den Erzählungen von Opa. Auch Gründlichkeit, Sparsamkeit und Fleiß wären mit Blick auf die penibel durchgeplante und industrielle Vernichtung des (europäischen) Judentums zu diskutieren. Davon ist im Artikeln, dem das Lernen aus Geschichte vorgeblich so wichtig ist, nichts zu finden.

Die Ökonomie des Rassismus

In Zeiten, in denen der Rassismus auf dem Vormarsch ist, beschreibt der Artikel also ein breites Bündnis von Gruppen, zu dem u.a. der Zentralrat der Afrikanischen Gemeinde in Deutschland, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und auch Amnesty International gehören, als nervige Kleinstgruppe ohne historische Kenntnisse. Er wertet die geforderte Umbennung der M*strasse als bloße Aufmüpfigkeit ab und unterstellt den AktivistInnen, diese Forderung sei in Wahrheit ein Exzess der politischen Korrektheit mit dem Ziel der kulturellen "Ausrottung" preußisch-deutscher Werte. Letztlich seien diese, nämlich die Werte, die wahren Opfer in dieser Angelegenheit.

Wie kommt es, dass ein solcher Artikel an prominenter Stelle einer großen Tageszeitung veröffentlicht wird? Liegt es vielleicht daran, dass die Autorin eine PEGIDA-Schläferin gewesen ist, die sich nun ihresgleichen zu erkennen gibt? Oder ist es lediglich ein redaktioneller Ausrutscher, der eben mal passieren kann? Mitnichten. Es fällt auf, dass die Redakteurin der Berliner Zeitung in ihrem Artikel etliche Schlüsselreize für solche Menschen platziert hat, die sich selbst als wütend, abgehängt, verarscht und von AfD und PEGIDA politisch angezogen fühlen. Zu diesen Reizen gehören Rassismus und Islamophobie, aber auch Anti-Intellektualismus und die Unverfrorenheit, mit der die eigene Wut auf afrikanische und muslimische Menschen, und überhaupt auf die “social justice warriors” der politischen Korrektheit artikuliert wird. Nicht zuletzt gehört dazu auch eine Obrigkeitshörigkeit, die hier schmeichelnd als Toleranzgebot verbrämt wird.

In vielen, auch kritischen Medienanalysen gibt es ein gängiges Erklärungsschema. Der Rassismus und Menschenhass schlummere eben in allen Menschen, und in Zeiten der unendlichen Krisen und diffusen Abstiegsängste fühlen sie sich mutig genug, das im Sinne Sarrazins "doch mal sagen zu dürfen”. Es wäre also ein Leichtes, Maritta Tkalec als PEGIDA-Sympathisantin hinzustellen, die nun endlich ihrem, mal autoritären, mal fremdenfeindlichen Ressentiment nachgibt. Das klingt vielleicht plausibel, es verhindert jedoch einen Blick auf die institutionellen und strukturellen Bedingungen, die dazu beitragen, dass ein solches Meinungsstück veröffentlicht wird.

Denn auch eine andere Lesart ist hier möglich. Es ist kein Geheimnis, dass es “den Medien” insgesamt, insbesondere aber den Printmedien ökonomisch sehr schlecht geht. Anzeigenkunden wenden sich den neuen sozialen Medien zu, und immer weniger Zeitungen werden tatsächlich gekauft, die meisten Informationen gibt es ja kostenlos im Internet. Im Fall der Berliner Zeitung ist die Auflage seit 1998 von über 200.000 auf fast die Hälfte gefallen, Tendenz sinkend. Es geht der Berliner Zeitung sogar so schlecht, dass sie 2015 zum wiederholten Male versucht hat, eine Kooperation mit den konkurrierenden Morgenpost und Tagesspiegel anzustreben, um bspw. im Marketing ordentlich sparen zu können.

Vor diesem Hintergrund erhält der Artikel eine andere Funktion: Er ist nicht nur die “Meinungsäußerung” einer leitenden Journalisten, sondern bedient ökonomisches Kalkül. Der scheinbar wachsenden Sub-Population der "wütenden weißen Menschen” wird mit dem Artikel der Hof gemacht. Schafft es die Berliner Zeitung, durch diesen und ähnlche Artikel eine LeserInnenschaft in diesem Lager zu etablieren, könnte das den langen Abwärtstrend der Auflage zwar nicht umkehren, aber doch wenigstens dämpfen.

Dieser strukturelle Zusammenhang, der kaum von der Hand zu weisen ist, legt offen, wie Rassismus und ökonomische Verwertungsimperative verschränkt sind. Es ist letztlich irrelevant, wie die ideologischen Ansichten der Journalistin gelagert sind. Die ökonomischen Zwänge sind es, die eine solche Positionierung der Berliner Zeitung sinnvoll und nötig machen. Da passt es eben gut ins Bild, wenn die Autorin zivilgesellschaftliche Organiationen afrikanischer Menschen, den IS, und die Moslems überhaupt in einen Topf schmeißt. Irgendwer wird schon nicken. "Spagat-Rassismus" hat das ein Kommentar auf facebook genannt, und mit dem lässt sich gutes Geld verdienen.

This is what white supremacy looks like

Diese Sichtweise lässt auch die medial inszenierten Zurückweisungen, man sei ja auf gar keinen Fall Rassistin, das seien doch die dummen Nazis aus Sachsen, in einem anderen Licht erscheinen. Rassismus ist eben kein “Schwarzer-Peter-Spiel”, bei dem diejenige verloren hat, die zuletzt die Rassismuskarte in der Hand hält. Rassismus ist ein allgegenwärtiges Phänomen, ein gesellschaftliches Verhältnis, an dem alle Menschen, die in dieser Gemeinschaft leben, teilhaben. Die Mehrheit profitiert, und die diskriminierten Minderheiten sollen gefälligst schweigen. Ökonomischer Erfolg, hier exemplarisch an den Printmedien gezeigt, erfordert, dass Rassismus, und übrigens auch Sexismus und weitere repressive Herrschaftsinstrumente, gewinnbringend und skrupellos eingesetzt werden. Akademische Rassismus-Forschung im Anschluss an Kimberlé Crenshaw bennennt diese Zusammenhänge mit dem Begriff “Intersektionalität”.

Der gesamte Artikel, sein instrumentelles Verhältnis zum Umbenennungsfest und den Menschen dahinter, sein herablassend-pädagogischer Duktus, seine Glorifizierung preußischer Vergangenheit sowie seine gewollte Blindheit für die ökonomischen und strukturellen Bedingungen dafür, dass man mit Rassismus Geld und Aufmerksamkeit schöpfen kann, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie “white supremacy”, also weiße Überlegenheit, perpetuiert wird. Die amerikanische Feministin bell hooks spricht von der “imperialist white supremacist patriarchal culture”, die im Zentrum jeder emanzipatorischer Kritik stehen muss. Es mache schlicht keinen Sinn, diesen Komplex von Herrschaftsmechanismen in seine Teile zu zerlegen. Und genau diese Herrschaftsformen werden seitens der Massenmedien normalisiert. Der Artikel von Frau Ktalec ist da leider nur eines von vielen Beispielen.

13:44 16.09.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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