Sanfte Manipulationen

Recycling Kolumne Aus alten Ideen (Ideologien) entstehen hier neue Sprachspiele.  Wurde nicht schon alles einmal gesagt?
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WER EIN BESTIMMTES DING ODER EINEN KOMPLEX VON DINGEN DIREKT KENNEN LERNEN WILL, MUSS PERSÖNLICH AM PRAKTISCHEN KAMPF ZUR VERÄNDERUNG DER WIRKLICHKEIT, ZUR VERÄNDERUNG DES DINGES ODER DES KOMPLEXES VON DINGEN - TEILNEHMEN, DENN NUR SO KOMMT ER MIT DER ERSCHEINUNG DER BETREFFENDEN DINGE IN BERÜHRUNG UND ERST DURCH DIE PERSÖNLICHE TEILNAHME AM PRAKTISCHEN KAMPF ZUR VERÄNDERUNG DER WIRKLICHKEIT IST ER IMSTANDE , DAS WESEN JENES DINGES BZW. JENES KOMPLEXES VON DINGEN ZU ENTHÜLLEN UND SIE ZU VERSTEHEN.

ABER DER MARXISMUS LEGT DER THEORIE DARUM UND NUR DARUM ERNSTE BEDEUTUNG BEI, WEIL SIE DIE ANLEITUNG ZUM HANDELN SEIN KANN. WENN MAN ÜBER EINE RICHTIGE THEORIE VERFÜGT , SIE ABER NUR ALS ETWAS BEHANDELT, WORÜBER MAN EINMAL SCHWATZT, UM ES DANN IN DIE SCHUBLADE ZU LEGEN, WAS MAN JEDOCH KEINESWEGS IN DIE PRAXIS UMSETZT, DANN WIRD DIESE THEORIE, SO GUT SIE AUCH SEIN MAG, BEDEUTUNGSLOS. - Mao Tse Tung ; Über die Praxis

Die Zuwendung der Linken, der Sozialisten, die zugleich die Autoritäten der Sozialdemokratie waren, zum Studium des wissenschaftlichen Sozialismus, die Aktualisierung der Kritik der politischen Ökonomie als ihrer Selbstkritik an der Sozialdemokratie, war gleichzeitig ihre Rückkehr zu ihren studentischen Schreibtischen. Nach ihrer Papierproduktion zu urteilen, ihren Organisationsmodellen, dem Aufwand, den sie mit und in ihren Erklärungen treiben, könnte man meinen, hier beanspruchten Revolutionäre die Führung in gewaltigen Gesellschaftstransformationen, als wäre das Jahr 2018 das 1905 des Sozialismus in Deutschland. Wenn Lenin 1903 in WAS TUN? das Theoriebedürfnis der russischen Arbeiter hervorhob und gegenüber Anarchisten und Sozialrevolutionären die Notwendigkeit von Gesellschaftsanalyse und Organisation und entlarvender Propaganda postulierte, dann, weil massenhafte Gesellschaftstransformationen im Gang waren.

"Das ist es ja gerade, dass die Arbeitermassen durch die Niederträchtigkeiten des russischen Lebens sehr stark aufgerüttelt werden, wir verstehen es nur nicht alle jene Tropfen und Rinnsale der Volkserregung zu sammeln und - wenn man so sagen darf - zu konzentrieren, die aus dem russischen Leben in unermesslich grösserer Menge hervorquellen, als wir alle es uns vorstellen und glauben, die aber zu einem gewaltigen Strom vereinigt werden müssen.“ -Lenin ; Was Tun?

Wir bezweifeln, ob es unter den gegenwärtigen Bedingungen in der Bundesrepublik überhaupt möglich ist, eine die Gesellschaft vereinigende Strategie zu entwickeln, eine Organisation zu schaffen, die gleichzeitig Ausdruck und Initiator des notwendigen Vereinheitlichungsprozesses sein kann. Wir bezweifeln, dass sich das Bündnis zwischen der Sozialdemokratie und dem Arbeiter durch programmatische Erklärungen „schweißen“, durch ihren Anspruch nach proletarischer Organisationen erzwingen lässt. Die Tropfen und Rinnsale über die Niederträchtigkeiten des deutschen Lebens' sammeln bislang noch die neuen Rechten und leiten sie neuen Niederträchtigkeiten zu.

Wir behaupten, dass ohne politische Initiative; ohne die praktische demokratische Intervention der Avantgarde, der Arbeiter und Intellektuellen, ohne die konkrete antiimperialistische Vorgehensweise es keinen Vereinheitlichungsprozess gibt, dass das Bündnis nur im gemeinsamen Kämpfen hergestellt wird oder nicht, in denen der bewusste Teil der Arbeiter und intellektuellen nicht Regie zu führen, sondern voranzugehen hat.

In der Papierproduktion der Organisationen erkennen wir ihre Praxis hauptsächlich nur wieder als den Konkurrenzkampf von Intellektuellen, die sich vor einer imaginären Jury, die die Arbeiterklasse nicht sein kann, weil ihre Sprache schon deren Mitsprache ausschließt, den Rang um die bessere Rezeption des Zeitgeschehens ablaufen. Es ist ihnen peinlicher, bei einem falschen Zitat ertappt zu werden als bei einer Lüge, wenn von ihrer Praxis die Rede ist. Die Doktortitel, die sie für Ihre Reputation angeben, stimmen fast immer, die Innovationen, die sie in ihren Parteiprogrammen angeben, stimmen fast nie. Sie fürchten sich vor dem Vorwurf des Populismus mehr als vor ihrer Korrumpierung in bürgerlichen Berufen, mit dem sozialen Gedanken langfristig zu hausieren, ist ihnen wichtig, sich von Rechts kurzfristig agitieren zu lassen, ist ihnen suspekt. Ihrem Internationalismus geben sie in Ihrer Politik Ausdruck - weiße Herren, die sich als die wahren Sachwalter der Demokratie aufspielen; bringen sie in den Umgangsformen von Mäzenatentum zum Ausdruck, indem sie befreundete Reiche im Namen des Volkes anbetteln und das, was die für ihren Ablaß zu geben bereit sind, sich selbst beim lieben Gott gutschreiben lassen - nicht die Menschen im Auge, nur um ihr gutes Gewissen besorgt. Eine Demokratische Interventionsmethode ist das nicht.

Mao stellte in seiner „Analyse der Klassen in der chinesischen Gesellschaft (1926) den Kampf der Revolution und den Kampf der Konterrevolution gegenüber als das Rote Banner der Revolution hoch erhoben von der III. Internationale , die alle unterdrückten Klassen in der Welt aufruft, sich um ihr Banner zu scharen ; das andere ist das Weiße Banner der Konterrevolution, erhoben vom Völkerbund, der alle Konterrevolutionäre aufruft, sich um sein Banner zu scharen."

Mao unterschied die Klassen in der chinesischen Gesellschaft danach, wie sie sich zwischen Rotem und Weißem Banner beim Fortschreiten der Revolution in China entscheiden würden. Es genügte ihm nicht, die ökonomische Lage der verschiedenen Klassen in der Chinesischen Gesellschaft zu analysieren. Bestandteil seiner Klassenanalyse war ebenso die Einstellung der verschiedenen Klassen zur Revolution.

Eine Führungsrolle der Sozialdemokratie in zukünftigen Gesellschaftstransformationen wird es nicht geben, wenn die Avantgarde selbst nicht das Rote Banner des Proletarischen Internationalismus hochhält und wenn die Avantgarde selbst die Frage nicht beantwortet, wie die Diktatur des Proletariats zu errichten sein wird, wie die politische Macht des Proletariats zu erlangen, wie die Macht des Nationalismus zu brechen ist und durch keine Praxis darauf vorbereitet ist sie zu beantworten. Die Gesellschaftsanalyse, die wir brauchen, ist nicht zu machen ohne revolutionäre Praxis, ohne revolutionäre Initiative.

Die „Übergangsforderungen“, die die sozialdemokratischen Parteien landauf landab aufgestellt haben, wie Kampf der Intensivierung der Ausbeutung, Verkürzung der Arbeitszeit, Gegen die Vergeudung von gesellschaftlichem Reichtum, gleicher Lohn für Männer und Frauen und ausländische Arbeiter, Gegen Akkordhetze etc. ,-diese Übergangsforderungen sind nichts, als gewerkschaftlicher Ökonomismus, solange nicht gleichzeitig die Frage beantwortet wird, wie der politische, militärische und propagandistische Druck zu brechen sein wird, der sich schon diesen Forderungen aggressiv in den Weg stellen wird, wenn sie während der Gesellschaftstransformation erhoben werden. Dann aber - wenn es bei Ihnen bleibt - sind sie nur noch ökonomistischer Dreck, weil es sich um sie nicht lohnt, den Politischen Kampf aufzunehmen und zum Sieg zu führen, wenn "Siegen heißt, prinzipiell akzeptieren, daß das Leben nicht das höchste Gut des Revolutionärs ist" (Debray).

Mit diesen Forderungen kann man gewerkschaftlich intervenieren - „die tradeunionistische Politik der Arbeiterklasse ist aber eben bürgerliche Politik der Arbeiterklassen (Lenin). Eine Demokratische Interventionsmethode ist sie nicht.

Die sogenannten Volksparteien unterscheiden sich, wenn sie die Frage der Menschlichkeit als Antwort auf die Waffenexporte, die Bundeswehr, die Geflüchteten, die Einwanderungspolitik, die eigenen Lügen nicht aufwerfen, opportunistisch verschweigen, nur insoweit von der neuen Rechten, als sie noch weniger in den Massen verankert sind, als sie wortradikaler sind, als sie theoretisch mehr drauf haben. Praktisch begeben sie sich auf das Niveau von Bürgerrechtlern, die es auf Popularität um jeden Preis abgesehen haben, unterstützen sie die Lügen der Bourgeoisie, dass in diesem Staat mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie noch was auszurichten sei, ermutigen sie das Proletariat zu Kämpfen, die angesichts des Potentials an Gewalt in diesem Staat nur verloren werden können - auf barbarische Weise. "Diese marxistisch-leninistischen Fraktionen oder Parteien - schreibt Debray über die Kommunisten in Lateinamerika - bewegen sich innerhalb derselben politischen Fragestellungen, wie sie von der Bourgeoisie beherrscht werden. Anstatt sie zu verändern, haben sie dazu beigetragen, sie noch fester zu verankern…“

Den tausenden von Lehrlingen und Jugendlichen, die erstmal den Schluss gezogen haben, sich dem Ausbeutungsdruck im Betrieb zu entziehen, bieten diese Organisationen keine politische Perspektive mit dem Vorschlag, sich dem kapitalistischen Ausbeutungsdruck erstmal wieder anzupassen. Gegenüber der Jugendkriminalität nehmen sie praktisch den Standpunkt von Gefängnisdirektoren ein, gegenüber den Genossen im Knast den Standpunkt ihrer Richter, gegenüber dem Untergrund den Standpunkt von Sozialarbeitern.

Praxislos ist die Lektüre des Grundgesetzes nichts als bürgerliches Studium. Praxislos sind programmatische Erklärungen nur Geschwätz. Praxislos ist proletarischer Internationalismus nur Angeberei. Theoretisch den Standpunkt des Proletariats einnehmen, heißt ihn praktisch einnehmen.

Von den ~1.300 Wörtern des Kapitels „Primaten der Praxis“ aus dem Dokument „Das Konzept Stadtguerilla“ (1971) von Ulrike Meinhof, wurden ~3.08% oder ~40 Wörter manipuliert.

12:00 05.02.2018
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